Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 4

Lohnspirale abwärts – wirtschaftspolitische Argumentationen

1. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Lohnspirale abwärts – wirtschaftspolitische Argumentationen

Mit der sozio-ökonomischen Grundbildung ist es in Deutschland nicht weit her. Das gilt nicht nur für den sog. Otto-Normalverbraucher, sondern auch für die Mehrheit der Oberstufenschüler des Gymnasiums – auch für einen Großteil der Lehrer. Der oft schwer genießbare Cocktail aus betriebs- und volkswirtschaftlichen Fachbegriffen (Konjunktur, Export-Import, Binnennachfrage, Kapitalkosten, Arbeitskosten, Produktivität, Lohnquote, Gewinnquote, Volkseinkommen, Leistungsbilanz, Bruttoinlandsprodukt etc.) und kleineren, kompliziert erscheinenden Argumentationsketten führen zu Desinteresse und dem Gefühl „Ökonomie ist nichts für mich“, ein Buch mit „sieben Siegeln“.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die vorherrschenden Theoriebildungen – angebotsorientierte Wirtschaftspolitik versus nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik – eher als Scheinriesen fungieren. Je näher man hinschaut, desto kleiner sind sie. Die Argumentationen wiederholen sich in einer unendlichen Schleife, die mit entsprechend aufbereitetem statistischen Material gestützt werden.

Hat man das Spiel einmal verstanden, erkennt man, dass hunderte von anscheinend neu publizierten Artikeln und Büchern, allein in den letzten zwei Jahren, eben nicht wirklich neu sind. Sie bleiben in den vorher schon bekannten Argumentationsketten. Entwickeln wir ein Beispiel zur Anwendung:

Die Binnennachfrage, der private Konsum, ist mit ca. 60% der gesamtwirtschaftliche Leistung (das in einem Jahr erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt; Waren und Dienstleistungen in Euro bewertet) der Hautpfeiler der Konjunktur. Der zweite Pfeiler ist der Export. Löhne sind wesentlich, volkswirtschaftlich gesehen, „Kaufkraft“. Steigen sie, wird i.d.R. mehr konsumiert und dadurch die Konjunktur gestützt. Folglich wären Lohnsenkungen bzw. Lohnstillstand Gift für die Konjunktur. Das subjektive Interesse jedes Arbeitnehmers ist mehr Lohn für mehr Konsummasse (in unsicheren Zeiten mehr „Vorsorge mit Spareffekten“, was ebenso Gift für die Konjunktur ist, da dem Konsum entzogen). Das subjektive Interesse des Arbeitgebers ist es, wenig Lohn zuzahlen (auch im Gewand von Lohnverzicht für den Erhalt des Arbeitsplatzes oder der Forderung nach „moderaten Lohnsteigerungen“), denn Löhne sind Arbeitskosten, die Unternehmen tief halten wollen. Ein völlig rationales Verhalten, das betriebswirtschaftlich stimmig ist. Die betriebswirtschaftlichen Rationalitäten der vielen unkoordinierten Unternehmer (die unsichtbare Hand des Marktes soll die Koordination richten, Preisermittlung durch Angebot und Nachfrage, z.B. in Form von Niedriglöhnern am sog. Arbeitsmarkt) schlagen jedoch volkswirtschaftlich in ihr Gegenteil um, da die Nachfrage (Kaufkraft) sinkt. Zum Teil kann dies durch verstärkten Export aufgefangen werden (Deutschland als Exportweltmeister). Deshalb die Forderung der Arbeitgeber, mit einer psychologischen Angstfärbung für die Mehrheit der Bevölkerung vorgetragen, „deutsche Wettbewerbsfähigkeit nicht gefährden“, Drohung mit „Arbeitsplatzverlagerung“ falls die Arbeitskosten zu hoch sind. Grundkonzept: Gürtel enger schnallen! An jeder beliebigen Stelle der Argumentationen kann eine weitere Verzweigung angedockt werden, z.B. das Problem der Produktivitätsentwicklung und der Investitionstätigkeit.

Ökonomisch unterschiedliche Interessen(und ihre personalen Vertreter) sind deshalb meist schwerhörig gegenüber (auch gut gemeinten) moralischen Appellen. Die übergeordnete „Vernunft“ beanspruchen alle; meist mutiert diese und kommt als im Plural gewandelte „Vernünfte“ dahergehinkt.
Probiert selbst solche Argumentationsketten aus. Als Material kann der heute erschienene Artikel Spirale abwärts genutzt werden. Jederzeit findet ihr im Netz unzählige weitere Beispiele.

Ausführliche Darlegung zur angebots- und nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik hier.

PS. Und wie würden dazu knapp gefasste Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe aussehen? Auch für Schüler und Eltern verständlich?

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bildung · Bildungsstandards · Unterricht · Wirtschaft

Alternativen in der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik?

30. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Alternativen in der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik?

Zu jeder gelebten Praxis gibt es Alternativen, die Potenz der Möglichkeiten ist immer größer als die realisierten – man sollte sie nur sehen – dies gilt für den privaten Bereich wie für den öffentlichen. Warum sollte das ausgerechnet im derzeit wichtigsten Subsystem der Gesellschaft, der Wertsphäre der Wirtschaft, nicht gelten? Oft genug erzeugen Dogmen, Ismen und gewachsene Habitusstrukturen massive Denkblockaden, die wiederum ausgeprägte Handlungsstarren hervorrufen. Der entsprechende Kreislauf des „Dumpf-Gewohnten“ ist vorprogrammiert.
Der Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften Robert Solow erschüttert zurzeit mit einer großangelegten empirischen Studie einige wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Dogmen, so z.B. die Allerwelts-These, dass Gesetze und Regelungen des Staates, die bessere Arbeitsbedingungen oder höhere Löhne für Niedriglöhner vorschreiben, den Beschäftigungschancen der Betroffenen mehr schaden als sie nützen. Diese Auffassung wird in der Realität so nicht bestätigt.
Wo kann man das alles nachlesen? Man glaubt es kaum: bei der alten Dame Handelsblatt.

Die Problematik ist im Sinne sozio-ökonomischer Grundbildung besonders geeignet, dass sie zum Unterrichtsgegenstand in der gymnasialen Oberstufe, Fach Politik und Wirtschaft, im Wirtschaftsgymnasium, in der Berufsschule in allen Ausbildungsberufen und im 2. Bildungsweg behandelt wird. Die Schülerinnen und Schüler können mit eigenen Recherchen Selbstständigkeit und Ausbau von Fachkompetenzen entfalten, z.B. mit weiteren Beiträgen von Solow. Warum nicht im Manager-Magazin? Oder sie springen auf die große Bühne der Wissenschaft: z.B. in Analysen der Ergebnisse des großen Nobelpreisträger-Treffens in Lindau. Zahlreiche Nobelpreisträger attackieren die Banken wegen der Finanzkrise. Sie werfen den Vorständen schlechtes Management vor und fordern eine stärkere Regulierung des Marktes. Mehr? Jetzt beginnen die eigenen Nachforschungen …

PS. Für die teils verquer geführte Debatte um die Bildungsstandards sollte die Richtlinie nicht vergessen werden: Systematische Förderung der hermeneutischen Kompetenz in Verbindung mit Internetkompetenzen ist der Schlüssel zur Welt!

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht · Wirtschaft

Abitur verkauft – eine 2. Nachlese

20. August 2008 · von Miller · 4 Kommentare

Abitur verkauft – eine 2. Nachlese

In „Skandal: Landesabitur verkauft“ (Beitrag vom 4. Juni) analysierte ich den ungewöhnlichen Sachverhalt hessischer Bildungspolitik. Zusätzlich wurde eine klare Forderung an den neuen Minister gestellt:

„Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.“ …

„Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.“

In „Abitur verkauft – eine 1. Nachlese“ (Beitrag vom 16. Juni) dokumentierte ich die Antworten von SPD, GEW und VBE.

Inzwischen gibt es weitere Reaktionen:
Die FDP-Fraktion im hessischen Landtag antwortete:

Sehr geehrter Herr Dr. Miller,
vielen Dank für Ihre Mail an Frau MdL Henzler zu dem Beitrag auf www.bildungswirt.de bzgl. des Verkaufs der Prüfungsaufgaben des Landesabiturs. Uns liegen dazu keine näheren Informationen vor. Wir werden dies prüfen. Ihre Forderung nach einem kostenfreien Zugang zu zentralen Prüfungsaufgaben für alle Bildungsgänge werden wir in unsere internen Beratungen aufnehmen.

Die Grünen im hessischen Landtag antworteten am 19. August:

Sehr geehrter Herr Miller,
im Auftrag des bildungspolitischen Sprechers unserer Fraktion, Mathias Wagner, darf ich Ihnen anbei die Kleine Anfrage zusenden, die er betreffend des Verkaufs der Abiturprüfungsaufgaben bzw. der Zugänglichkeit aller zentralen Prüfungsaufgaben gestellt hat.

Kleine Anfrage
des Abg. Mathias Wagner (Taunus) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
betreffend Zugänglichkeit aller zentralen Prüfungsaufgaben

Vorbemerkung:
Seit September 2007 sind die Beispielaufgaben und Prüfungsaufgaben des hessischen Landesabiturs vergangener Jahre nicht mehr Teil des Internetauftritts zum Landesabitur. Den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, die zum Abitur führen wurden die im Landesabitur 2007 verwendeten Prüfungsaufgaben aller Unterrichtsfächer lediglich als CD zur Verfügung gestellt. Auch die Aufgaben der zentralen schriftlichen Abschlussarbeiten für die Bildungsgänge der Hauptschule und der Realschule werden nicht im Internet veröffentlicht. Somit ist eine kostenfreie, standortunabhängige und leichte Zugänglichkeit der Übungsmaterialien nicht gegeben. Das Kultusministerium verweist auf seinen Seiten auf die Möglichkeit, die einschlägigen Veröffentlichungen über den Buchhandel zu beziehen.
Ich frage die Landesregierung:

1. Aus welchen Gründen stellt die Landesregierung die Beispiel- und Prüfungsaufgaben zu den zentralen Abschlussprüfungen und zum Landesabitur nicht kostenlos im Internet zur Verfügung?

2. Wie begegnet die Landesregierung dem Vorwurf, dass diese Aufgaben, die unter Einsatz öffentlicher Mittel entwickelt wurden, durch diese Entscheidung dem öffentlichen Zugriff entzogen sind?

3. Welche Maßnahmen hat die Landesregierung getroffen, um zu gewährleisten, dass dennoch alle Schülerinnen und Schüler, die sich auf ihre Abschluss- oder Abiturprüfung vorbereiten, kostenfreien und unkomplizierten Zugang zu den Aufgaben erhalten?

4. Werden allen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, die zum Abitur führen, auch die im Landesabitur 2008 verwendeten Prüfungsaufgaben aller Unterrichtsfächer als CD zur Verfügung gestellt? Falls nein, warum nicht?

5. Werden allen Schulen, die Hauptschul- oder Realschulabschlussprüfungen durchführen, ebenfalls die bisher verwendeten Prüfungsaufgaben aller Unterrichtsfächer als CD zur Verfügung gestellt? Falls nein, warum nicht?

6. Wie sind die Rahmenbedingungen der Nutzung gestaltet? Wie viele Exemplare wurden den Schulen jeweils zur Verfügung gestellt? Dürfen die CDs vervielfältigt und an die Schülerinnen und Schüler weitergegeben werden? Welche Restriktionen gibt es für die Nutzung und Weitergabe der Daten?

7. Welche Einnahmen hat die Landesregierung bei den Verlagen erzielt bzw. erzielt sie weiterhin, die auf Grundlage der hessischen Abiturprüfung Übungsmaterialien entwickelt haben, die nun im Buchhandel angeboten werden? (Bitte differenzieren nach Verlagen, Jahren und Einnahmearten)

8. Gibt es nach Kenntnis der Landesregierung auch Verlage, die auf Grundlage der hessischen zentralen Abschlussprüfungen für Haupt- und Realschulen Übungsmaterialien entwickelt haben oder entwickeln wollen, die im Buchhandel angeboten werden?

9. Falls ja, welche Einnahmen hat die Landesregierung bei den Verlagen erzielt bzw. erzielt es weiterhin, die auf Grundlage der hessischen zentralen Abschlussprüfungen für Haupt- und Realschulen Übungsmaterialien entwickelt haben, die nun im Buchhandel angeboten werden? (Bitte differenzieren nach Verlagen, Jahren und Einnahmearten)

10. Sind alle Schulen kostenlos mit diesen von Verlagen erstellten Übungsmaterialien versorgt worden und falls ja, in welchem Umfang? Falls nein, warum nicht?

Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) schweigt bisher. Es wäre für ihn ein leicht lösbares Problem – keine umständlichen oder auch geschmeidig weichgespülten Ausreden von Amtsjuristen und Pressesprechern mehr – sondern konkretes Handeln im Interesse der zukünftigen Aiturienten und Lehrer. In der Sache ist der Bildungswirt gern behilflich!

PS. Die Fraktion „Die Linke“ im hessichen Landtag schweigt zur Sache trotz dreimaliger Nachfrage – Gründe unbekannt! Von einer angeblich „neuen politischen Kraft“ ist hier nichts zu spüren. Und die Lehrerverbände? Nichts Neues, sie sind offensichtlich mit sich selbst beschäftigt.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Abitur verkauft · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium

Bundeskanzlerin:Aus der Tiefe des Erkenntnis-Raums (3)

16. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Bundeskanzlerin:Aus der Tiefe des Erkenntnis-Raums (3)

Die Bundeskanzlerin verbreitet einfach grenzenlosen Fortschritt:

"Liebe Vertreter der Wirtschaft, achten Sie darauf, dass auch an der Spitze die Spielregeln des Gemeinwesens eingehalten werden. Achten Sie untereinander streng darauf. Sehen Sie sich auf die Finger. Jeder verantwortungslose Kollege aus Ihren Kreisen gefährdet die Grundlage unseres freiheitlichen Gemeinwesens. Jeder verantwortungsbewusste Kollege aus Ihren Kreisen stärkt die Grundlage unseres freiheitlichen Gemeinwesens und macht damit deutlich, dass es sich für die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihrer Betriebe lohnt, an einen entscheidenden Grundsatz zu glauben: Soziale Marktwirtschaft – das ist niemals das Bündnis der Schwächeren gegen die Starken, wie es manche Diskussion heute glauben machen will; es ist immer das Bündnis der Starken mit den Schwächeren. So ist es das Bündnis gelebter Werte.

Meine Damen und Herren, nur aus Werten entstehen langfristig neue Werte. Wir haben heute 1,6 Millionen Arbeitslose weniger als vor drei Jahren. Wir haben die höchste Beschäftigtenzahl seit der Wiedervereinigung. Und wir sind wieder Exportweltmeister geworden, zum Beispiel bei Umwelttechnologien, im Maschinenbau und in der Automobilindustrie. Unser Land, die Menschen in Deutschland – sie verkörpern eine der erfolgreichsten und stabilsten Volkswirtschaften und Demokratien der Erde. Wir dürfen uns ruhig einmal alle gemeinsam daran erfreuen.

Ludwig Erhard sagte selbst in schwerster Zeit – ich zitiere: "Es wird besser. Es wird von Tag zu Tag immer besser." Das scheint mir auch heute ungewöhnlich aktuell zu sein. Dabei hat sich gezeigt: Anstrengungen lohnen sich, auch wenn Veränderungen zuerst unpopulär sind. Aus mehr Beschäftigung sind für uns alle mehr Spielräume erwachsen – für Abgabensenkung ebenso wie für den Abbau von Schulden, für den Weg zu einem Wirtschaften also, das nicht mehr auf Kosten kommender Generationen lebt." (…)

(Rede von Bundeskanzlerin Merkel auf der Festveranstaltung „60 Jahre Soziale Marktwirtschaft“
Do, 12.06.2008, gehalten in Berlin – Auszug)

Freuen wir uns ruhig einmal, erinnern wir mit der Bundekanzlerin die verantwortunglosen Kollegen an ihre Verpflichtungen, erklären wir den Dumpfbacken die soziale Marktwirtschaft und leben wir die demokratischen Werte. Es wird von Tag zu Tag immer besser. Aufgeklärt erklimmen wir so den Bildungsgipfel … – der 22. Oktober in Berlin winkt uns optimistisch zu.

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bildung · Bildungsgipfel · Dunkelkammer · Vorbilder · Wirtschaft

Lehrer als Führungskräfte? Bildungswirt im HR-Interview

8. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Lehrer als Führungskräfte? Bildungswirt im HR-Interview

Fortsetzung des Beitrags:
Pädagogen auf Leitbildsuche – Lehrer als Führungskräfte – mit anderen Mitteln:

© manwalk / PIXELIO
© manwalk / PIXELIO -  www.pixelio.de Die Journalistin Birgitta Schulte hatte für die Radioproduktion des Hessischen Rundfunks am 05. August 2008 nur 15 Minuten Sendezeit. Folglich mußten viele Antworten der Befragten einfach gestrichen werden. Schade, leider nicht zu vermeiden. Gern hätte ich z.B. die vollständigen Statements der Schülerinnen und Schüler oder des Referendars der Hola in Hanau zur „Führungs-Debatte“ gehört.
Vom Bildungswirt Miller liegen die Antworten zu den Fragen der Journalistin Schulte im Original vor (Tonbandmitschnitt) und werden ergänzend zur Radiosendung hier veröffentlicht:

Was ist ein Lehrer?

Er ist weder ein Vollzugsbeamter, noch Befehlsempfänger (zitiert in der Einleitung des Radiobeitrags), er hat einen Eid auf die hessische Verfassung geleistet, er ist verantwortlich für diese Kinder, dass sie schlauer werden, dass sie Persönlichkeit entwickeln.
Na ja, die ganze Debatte ist angestoßen worden von den Arbeitgebern mit ihrer Broschüre „Lehrkraft 2015“ und von dort meinen einige, dass das eine Option wäre, um Schule zu verändern.

In ihrem Sinne keine Option?

Das wird man sehen, das ist eine Möglichkeit. Insgesamt wäre ich schon froh, wenn die Mehrheit der Schulleiter „Führungskräfte“ wären, die die Schule tatsächlich steuern. Und da sollte man jetzt im ersten Schritt die Lehrkräfte eher in Ruhe lassen.

Das ist jetzt strategisch gedacht?

Strategisch in dem Sinne, mit welchen Begriffen man angemessen Wirklichkeit beschreiben, einordnen will. Und da steht das Thema, dass wir ineffiziente Lernkulturen haben, dass wir das Lehrerbild neu beschreiben müssen, neu aufstellen, neu definieren müssen, und da halte ich Begriffe wie: ein Lehrer ist ein Organisator von neuen Lernarrangements, ein Lehrer ist ein hervorragender Methodiker und Didaktiker, ein Lehrer ist ein Fachexperte, er ist ein Moderator, das halte ich für die angemesseneren Begriffe und nicht so entscheidend, ob man daraus eine Führungskraft konstruiert. Denn wenn man das so akzeptiert, wie die Arbeitgeber das konstruieren, ist die Führungskraft grundsätzlich verantwortlich, wenn es nicht klappt, sind immer die Lehrer selber schuld an der Misere. Und das halte ich im Moment nicht für den richtigen politischen Weg. Also wichtig ist, dass wir Veränderung in die Schule im Kerngeschäft „Pädagogik“ reinbringen, dass wir die Lehrer unterstützen im Rahmen der Qualitätsverbesserung des Unterrichts, und sie nicht belasten mit Debatten, ob jeder Lehrer eine Führungskraft ist.

Steht das einander entgegen: der Lehrer als Pädagoge und der Lehrer als Führungskraft, sind das Gegenbegriffe?

Das hängt davon ab, ob man aus dem Blickwinkel der Bildungsverwaltung schaut oder aus den Schulen, für die Bildungsverwaltung wäre es von Vorteil, wenn sozusagen ne Durchgriffsvariante bis zur „Führungskraft Lehrer“ existiert würde. Für die Schulen ist entscheidend, was kommt raus: an Pädagogik , Umgestaltung des Schullebens für die Schüler und wie kriegen wir effizienteren Unterricht hin. Dann ist es so, dass man immer die deutsche Tradition mit im Kopf haben muss: bei Führern haben wir Geführte, auch schnell Verführte. Wenn jeder jetzt als Führungskraft tituliert wird, sehe ich im Moment nicht den Fortschritt.

Was bedeutet das:Durchgriffsvariante ?

Ja, im Extrem sind für alle Defizite, für alle Versäumnisse die Führungskräfte vor Ort zuständig. Und das ist im Rahmen der Weitergabe der Belastung nach unten nichts anderes als ein guter Verkaufstrick. Und das ist nicht, was die Schulen brauchen. Die Schulen brauchen verlässliche Strukturen vom Budget her, von der Personalplanung her und auch von Freiheiten, die sich auf neue Lernkulturen und Unterrichtsexperimente beziehen.

Ich habe Sie mal so verstanden, als würden Sie sich weigern, den Begriff Führungskräfte auf Lehrkräfte anwenden zu sollen, was wäre der Grund?

Ach Gott, weigern, das ist zu dick aufgetragen. Ich frage immer nach dem Nährwert, nach der Angemessenheit eines Begriffs und ob wir ihn in der bildungspolitischen Debatte brauchen. Im Moment – ja oder nein? Und da spielt er für mich zurzeit eine untergeordnete Rolle.

Welche Debatte soll denn angestoßen werden?

Die Arbeitgeber sagen berechtigterweise , dass wir eine Unterfinanzierung des Bildungssystems haben, das müsste man auch mal zitieren. Vielleicht findet man dann mehr Führungskräfte.
Wir haben handfeste Themen auf der Tagesordnung und die heißen neue Lernkulturen, die heißen weg von der Instruktionspädagogik, die heißen hin zu einem deutlich angenehmeren Lernen, Neugierverhalten, das gestützt werden muss, und da ist diese Führungsdebatte drittrangig.

Entgegen aller Reformrhetorik ist die vorherrschende Form in Deutschland immer noch Frontalunterricht, sie ist immer noch gespeist von der Idee des Nürnberger Trichters, sie fragt – ein anderer Begriff – nach Container-Pädagogik, welchen Container können wir in welcher Zeit rüberschieben, ins Hirn des Schülers. Ich glaube, das ist drastisch genug beschrieben. Das ist aber nicht die Aufgabe einer neuen Pädagogik, da sind heute Schlüsselwörter angebracht wie: Selbstorganisation, selbstorganisiertes Lernen, Persönlichkeitsbildung durch Experiment und unterschiedliche Wege, Vielheit der Herangehensweisen.

Was ist überhaupt an Verhaltensänderung zu erwarten, wenn Lehrer sich mit diesem Begriff identifizieren?

Also da sind wir jetzt im spekulativen Bereich. Wenn sie sich wirklich identifizieren, will ich positive Effekte nicht ausschließen, insgesamt glaube ich jedoch, dass die große Mehrheit sich eher zusätzlich belastet fühlt, wir alle drei/vier Monate irgendwelche Neuerungen durchs Land posaunen und das nicht unbedingt produktiv ist für eine Verbesserung der Unterrichtsqualität.

Das wäre der Effekt, wie Kultur sich ändert in der Schule?

Wie Kultur sich ändert, das werden wir dann sehen, was sich in einem Kollegium tut, wenn sich das wirklich durchsetzen würde. Es stärkt erst mal die Position des Lehrers gegenüber den Schülern. Es ist zumindest die Gefahr gegeben, das ein ganzes Arsenal an Sanktionsmöglichkeiten sozusagen noch mal staatlich abgesichert wird. Und der Schüler dann in so einer vertragsrechtliche Konstruktion – „Was wollen wir zusammen erreichen“ -steckt, das, was auf der Erwachsenen-Ebene die Mitarbeitergespräche sind. Am Schluss sind sie noch für ihre schlechten Noten selbst verantwortlich, und man versucht die Sache in eine verrechtlichte Situation zu bringen, die eher einer modernen Pädagogik kontraproduktiv entgegensteht.

Die Ambivalenz solcher Maßnahmen sieht man an solchen Varianten von Erziehungsverträgen, die dann auch mit dem Schüler geschlossen werden. Er wird also in so eine vertragsrechtliche bürgerliche Idee hineingestoßen, hat aber grad gleichzeitig gar kein Recht es abzulehnen. Die Bedingung von Vertragsfreiheit ist aber, dass er sagen kann – nein – ich mache dieses Geschäft nicht. Genau diese Möglichkeit hat der Schüler nicht mehr und unter dem Deckmantel von „Freiheit und Verantwortung“ können sich sozusagen subtile autoritäre Strukturen in der Schule neu etablieren und das muss man wissen, ob man das politisch will. (Antwort in der Radiosendung weitgehend zitiert)

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Interviews · Unterricht · Vorbilder · Wirtschaft

Pädagogen auf Leitbildsuche? – HR2 aktuell

6. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Pädagogen auf Leitbildsuche? – HR2 aktuell

Lehrer als Führungskräfte?
Der Hessische Rundfunk greift eine alte/neue Debatte zum Selbstverständnis des Lehrerberufs auf, verdeutlicht kontroverse Meinungen, Einschätzungen und strategische Ausrichtungen.

HR2 - Homepage vom 5.8.20008

MP3-Download beim Hessischen Rundfunk hier… (Dauer: 14:20 min., Autorin: Birgitta M. Schulte, Datum: 05.08.2008 – die Sendung lohnt sich!).Radio:
Lehrer als Führungskräfte? Pädagogen auf Leitbildsuche

Zu Wort kommen in der Podcast-Sendung Schüler, Lehrer, Schulleitungen und hessische Qualitätsentwickler. Der Bildungswirt ist mit von der Partie.

Ausgangspunkt der Debatte ist eine von den Arbeitgeberverbänden (BDA und BDI) entwickelte Position aus dem Jahre 2001: „Wir brauchen ein Lehrerleitbild, das in neuer Weise die Lehrer als Führungskräfte in der Schule sieht, auf die Optimierung von Teamarbeit, Kommunikation und Beratung im Lehrerkollegium zielt, die Lehrer als mitverantwortliche Träger der Schulentwicklung, Qualitätssicherung und –verbesserung sieht und sie vom weisungsgebundenen ‚Untergebenen‘ zum aktiven Teilhaber am ‚Unternehmen’ Schule macht.“

Zu fragen ist, ob sich eine neue „Führungs-Debatte“ – die „Führungskraft Lehrer 2015″ – mit den Zielen und Praxis einer modernen Pädagogik verträgt oder konfliktschwer zur Semantik von Mündigkeit, Mitbestimmung, Freiheit, Toleranz und Demokratie steht.

Bereits am 11. August 2007 fragte der HR: „Welche Lehrer braucht das Land?
Verbirgt sich dahinter die Frage nach überfälligen Bildungsstandards für Lehrer?
Spannende Diskussionen stehen uns ins Haus und weisen den Weg zum nationalen Bildungsgipfel. „Ich bin dann mal weg.“ Auf dem Jakobsweg zur Besinnung, zum Bildungsgipfel!

Morgen: Was der Bildungswirt im HR-Interview noch sagte …

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Interviews · Unterricht · Vorbilder · WEb 2.0 · Wirtschaft

Vorbilder, Abstürzler und Korruptionssumpf (2)

2. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Vorbilder, Abstürzler und Korruptionssumpf (2)

Wo sind die Vorbilder in der deutschen Wirtschaft und in der deutschen Politik? Vielleicht finden wir sie auf dem anstehenden Bildungsgipfel am 22. Oktober. Diskussionsoffene Menschen, ehrliche Analysen, ernsthafte Reformen und keine Bestechungsgelder beim dringend benötigten Ausbau des Hochschulwesens. Bildung verschafft Überblick, Selbstverpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl und deutlich weniger Korruptionsanfälligkeit. Jedenfalls ist zurzeit mit den Industriekapitänen kein Start zu machen.

„Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Psychologen (BDP) nimmt in der Bundesrepublik die Belastung von Wirtschaft und Gesellschaft durch Korruption und Bestechung weiter zu. Kaum ein Unternehmer bestreite mehr, dass auch im deutschen Geschäftsalltag ohne Trickserei und Mauscheleien nichts mehr laufe, betonte Jürgen Smettan, im BDP zuständig für Markt- und Organisationspsychologie. Kleine und große Gaunereien, Kungeleien und Bestechung schlichen sich zunehmend in die Geschäftspraktiken ein und würden zur Normalität. Zwar habe der Gesetzgeber 1997 auf diese Entwicklung reagiert und einschlägige strafrechtliche Bestimmungen verschärft; gesetzgeberische Maßnahmen allein seien aber nicht ausreichend, um dem Abdriften einer Gesellschaft in Richtung Bananenrepublik entgegen zu wirken. Deshalb müssten auch Unternehmen, Parteien und Organisationen ihren Beitrag zur Korruptionsbekämpfung leisten.

Langfristige Folge der Korruption sei in allen Fällen eine deutliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Insbesondere die öffentlichen Haushalte sind in den stark von Korruption befallenen Staaten der Dritten Welt erheblich belastet. Aber nicht nur die öffentlichen Kassen leiden unter Korruption, sondern auch private Unternehmen. Vor allem in den USA hat man den Zusammenhang zwischen Korruption und ineffizientem Wirtschaften seit langem erkannt und entsprechend gehandelt. So ergriffen inzwischen viele Firmen, etwa durch die Einstellung von Antikorruptionsberatern, aktive Maßnahmen gegen die Bestechlichkeit in den eigenen Reihen. Verglichen mit den Vereinigten Staaten ist das Unrechtsbewusstsein in Deutschland bei weitem noch nicht so stark entwickelt.

Auf 50 Milliarden Mark jährlich schätzt der Schweizer Jura-Professor Mark Pieth, Leiter der OECD-Projektgruppe gegen Korruption, die Summe der Schmiergelder bei grenzüberschreitenden Geschäften. Immerhin haben sich auch deutsche Staatsdiener nach Schätzung der Weltbank 1999 mit fünf Milliarden DM schmieren lassen. Im Prinzip aber gilt: Je autoritärer ein Regime, umso anfälliger ist es für dunkle Machenschaften. Je ärmer das Land, desto empfänglicher sind die Staatsdiener – schon weil sie schlecht, manchmal auch gar nicht bezahlt werden. Es wird geschätzt, dass in den 90er Jahren die Schmiergeldzahlungen bei internationalen Wirtschaftsgeschäften auf 10-20 Prozent des Auftragsvolumens gestiegen sind, gegenüber 5-10 Prozent in den 80er Jahren. So kommen bei Großprojekten wie Flughäfen oder Kraftwerken gigantische Beträge zu Stande, denn jeder Stempel ist teuer bezahlt. Allein in der Bauwirtschaft fügt Korruption dem deutschen Fiskus einen Schaden von schätzungsweise zehn Milliarden DM jährlich zu.

Der tatsächliche Schaden ist jedoch viel höher als die Bestechungsgelder: Korruption verzerrt den Wettbewerb und demoralisiert die sauberen Firmen. Opfer ist die Gesellschaft als solche, denn die begangenen Korruptionsstraftaten fügen der Allgemeinheit gravierende finanzielle Schäden zu. Korruption verletzt aber auch die Grundwerte des sozialen demokratischen Rechtsstaates. Sie gefährdet damit die Geschäftsmoral (den ehrbaren Kaufmann) und die Grundlagen der Marktwirtschaft. Die Korruption verursacht Arbeitsplatzvernichtung, überhöhte Preise und Staatsverschuldung, blockiert Entwicklung und Innovation, hält die Schattenwirtschaft am Blühen und schädigt den Rechtsstaat. Jeder Fall ist ansteckend und damit höchst gefährlich. Ausrotten wird man die Seuche niemals, aber man kann sie durch strikte Verfolgung zumindest eindämmen.
Drei Viertel der deutschen Großstädte besetzen Führungspositionen in öffentlichen Unternehmen ohne klare Profile an die fachlichen Anforderungen der Bewerber zu haben. Das geht aus einer Studie hervor, die die deutsche Sektion der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International auf einem Symposium in München vorstellte. Die Studie der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin belegt, dass in einem Großteil der Städte in Deutschland keine strukturierten Auswahlverfahren für die Besetzung von Geschäftsführungs- und Vorstandspositionen öffentlicher Unternehmen angewendet werden. Auch eine öffentliche Ausschreibung solcher Führungspositionen findet nicht in allen Kommunen statt. „Wenn diese Stellen nicht in einem transparenten nachvollziehbaren Verfahren vergeben werden, kommen immer wieder Verdachtsmomente auf, dass das Parteibuch über Berufungen entscheidet und nicht die Qualifikation der Kandidaten“, sagte der Vorsitzende von Transparency International in Deutschland, Michael Wienen. Die Vertreter der Organisation fordern einen Mindeststandard an professionellem Personallmanagement, den die Städte etwa auch durch Zusammenarbeit mit Personalberatern erreichen könnten. Die Postenvergabe in öffentlichen Unternehmen sollte sich stärker an Wettbewerbsprinzipien orientieren. Eine transparente Informationspolitik, die bei Privatunternehmen mitterweile als Selbstverständlichkeit gilt, ist auch für öffentliche Unternehmen unerlässlich. In der Literatur wird einerseits seit längerem auf die Dreistigkeit der politischen Parteien hingewiesen, die in Kenntnis der Verfassungwidrigkeit der Ämterpatronage dieselbe gleichwohl betreiben und andererseits auf eine Haltung in der Bevölkerung und der öffentlichen Verwaltung, die man mit allgemeiner Devotion den politischen Parteien gegenüber umschreiben kann. Diese Haltung müsste einer bewussten Ächtung der Ämterpatronage weichen. Die Folge wäre, dass ein durch Parteiengunst erworbenes Amt seinen Träger nicht zieren, sondern eher verunstalten und ihn quasi als „wandelndes und fleischgewordenes Unrecht bloßstelle“.“
Wer tiefer ins Thema will, lese im bereits erwähnten Vortrag von Peter Barth weiter: Korruption – ein rechtliches und moralisches Problem?

Korruption im internationalen Vergleich (Stand 2007) - Wikipedia, Korruption Vor dem deutschen Bundestag: Dr. phil. Wolfgang Karb, Ungehaltene Rede: Die Würde des Menschen – ein kostbares und gefährdetes Gut
Die Rede ist kontrovers und argumentativ zuspitzend angelegt; sie könnte aufgrund der Vielschichtigkeit der Argumentation und der Aktualität durchaus lohnender Unterrichtsgegenstand in der gymnasialen Oberstufe sein.
Hier eine Kostprobe: (…) Rüdiger Safranski hat im Jahr 2003 einmal gefragt: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Er hat in diesem Zusammenhang auf den ideologischen Globalismus und seine Varianten aufmerksam gemacht und dabei trefflich formuliert: „Die Global Players verfolgen die borniertesten, lokalen Eigeninteressen – aber mit globaler Reichweite.“ Wer einmal aufmerksam in die Gesichter sog. Global Players geschaut hat, dem wird hinter der Maske des antrainierten Lachens und charaktermaskenhaften Grinsens der Zynismus nicht verborgen geblieben sein, den Peter Sloterdijk schon vor über 20 Jahren als aufgeklärtes falsches Bewusstsein und als unglückliches Bewusstsein in modernisierter Form nicht nur für den Bereich der Wirtschaft diagnostiziert und phänomenologisch beschrieben hat: ein Zynismus, der auch bei Regional- und Provinz-Playern in allen gesellschaftlichen Teilsystemen beobachtet werden kann. Wie lange lassen sich die Menschen auf dieser Erde das kapitalistisch-zynische Falschspiel mit seinem irrsinnigen Tanz um das goldene Kalb der höchsten Renditen noch gefallen, bei dem z.B. die Manager des amerikanischen Konzerns Enron mit milliardenschweren Bilanzbetrügereien für die bisher größte Firmenpleite in Amerika gesorgt und unzählige Familien in den Ruin getrieben haben? Es ist kein Zufall, dass die US-Börsenaufsicht Securities & Exchange Commission im Jahr 2006 bereits in 80 Fällen wegen Betrugs, Insiderhandels und Verstoßes gegen die Steuergesetze ermittelt hat, was nach Vermutungen von Experten lediglich die Spitze eines Eisberges darstellt. Dabei ist es nur ein schwacher Trost, dass der frühere Enron-Chef Jeffrey Skilling inzwischen zu mindestens 24 Jahren Gefängnis und sein krimineller Kollege Bernard Ebbers vom ebenfalls Pleite gegangenen Telekomkonzerns WorldCom zu 25 Jahren verurteilt worden sind. Flickr: http://www.flickr.com/photos/tyger_lyllie/102901333/ Aus ähnlichem Holz scheinen in Deutschland auch einige Manager des Konzerns Daimler-Chrysler geschnitzt zu sein, der in einen millionenschweren Finanzskandal verwickelt ist und Schmiergelder gezahlt, Millionen in schwarzen Kassen versteckt und Steuern in großem Stil hinterzogen haben soll. Mehrere sog. hochrangige Manager aus dem Busbereich dieses Konzerns wurden bereits suspendiert, wegen Betrugs- und Korruptionsverdacht ermittelt die US-Börsenaufsicht seit 2004 gegen diesen Konzern, der sich einen ehemaligen FBI-Chef als Privat-Ermittler ins Haus geholt hat.“ (…)
Aktuell: Siemens – der Wirtschaftskrimi pur! Vielleicht hilft mal wieder ein Blick ins Grundgesetz:

  • Artikel 14, Abs. 2: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

In diesem Land würde es wahrscheinlich einen dauerhaften soziokultureller Aufschwung auf der ganzen Linie geben, wenn der folgende politische Imperativ das Handeln der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft bestimmte:

„Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit im Einklang mit dem Grundgesetz steht und dazu beiträgt, die Kluft zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und Grundgesetzlicher Idee vom Menschen zu verringern.“
Das meint, in gedanklicher Anlehnung an den Philosophen I.Kant, immer noch ein beachtlicher Teil der deutschen Bevölkerung. Kann man dieser Maxime ernsthaft eine hohe Plausibilität absprechen?

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bildung · Dunkelkammer · Feuchtgebiete · Unterricht · Vorbilder · Wirtschaft

Vorbilder:Beamtentätigkeit und grandioser Erfolg

29. Juli 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Vorbilder:Beamtentätigkeit und grandioser Erfolg

„Schüler brauchen Vorbilder“ – schallt es ständig durch die deutsche Pädagogik und die bildungsinteressierten Medien. „Ja, wo laufen sie denn?“ könnte man in deutscher Komiker-Tradition fragen. Flick, Ackermann, Esser – offensichtlich weniger geeignet; Merkel, Beckstein / Steinmeier, Beck – vier Fragezeichen; Pop-Stars, TV-Moderatoren, Spitzensportler – schon eher, aber mit doch sehr begrenzter Reichweite, Philosophen von Rang – wer, zu sperrig oder unbekannnt; ja was bleibt da noch?
Oder wollen wir es doch, ganz allgemein, mit den „Intellektuellen“ versuchen? „Der Intellektuelle muss sich aufregen können – und soll doch so viel politische Urteilskraft haben, dass er nicht überreagiert. Was ihm seine Kritiker – von Max Weber und Schumpeter bis Gehlen und Schelsky – entgegenhalten, ist immer wieder der Vorwurf der ,sterilen Aufgeregtheit‘ und des ,Alarmismus‘. Von diesem Vorwurf darf er sich nicht einschüchtern lassen.“ – meinte jüngst Habermas, sich seine kritischen Rolle in der Vergangenheit besinnend. Sind viele Intellektuelle nicht doch im Laufe der Jahre zu TUIs (im Brechtschen Sinne) mutiert? Vielleicht versuchen wir es doch – wider erwarten – mit einem guten Beamten?

Da befördert einer Aktengold aus dem Dunkeln ins Helle , beobachtet, forscht, seziert und kombiniert – und das mit grandiosem Erfolg. Die Rede ist von einem Vorzeigebeamten mit ausgewiesenem Berufsethos und hoher Selbstverpflichtung: „Für mich hat sie immer darin bestanden, mehr zu tun, als verlangt wird. Meine Leute waren auch so. Da hat keiner auf die Uhr geschaut.“ Seine Bilanz: Korruptionssysteme aufgedeckt, gegen Untreue, illegale Absprachen und Bestechung erfolgreich vorgegangen, Dutzende von Managern verhaftet. Geldstrafen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro wurden durch seine Initiative verhängt, ganz zu schweigen von zusätzlichen Einnahmen durch die Finanzämter. Der Beamten-Held heißt Hans Bredel , jetzt Kommissar außer Dienst. „Wirtschaft, Bauämter, Stadtparlamente – eine Ausgeburt der Korruption?“ (Die Zeit, 29.Mai 2008). Warum hat der Mann noch nicht das Bundesverdienstkreuz der Extraklasse?

Klar bestimmbare Wirtschaftssektoren und Korruptionssysteme sind neugierig machender Stoff aus dem prallen Leben, ausgezeichnetes Anschauungsmaterial für die Schule, z.B. im Fach Politik und Wirtschaft. Angestrebte Bildungsstandards bzw. Kompetenzstandards:
„Der Schüler kann sozioökonomische Zusammenhänge in verschiedenen Aktionsfeldern analysieren und beurteilen“:
Ableitung (1): „Geldgier und Lust an der Macht beschreiben und erörtern können“
Ableitung (2): „ Visionen und konkrete Vorschläge zur Auflösung ‚systemischer Sachzwänge’ und personale Habitusstrukturen in der Wirtschaft entwickeln können“.

Obama: „Yes, we can!“ – schallt’s über den Teich.

PS. Da sage mir keiner mehr etwas gegen Beamte. Und demnächst gibt es den Vorbild-Lehrer als deutschen Berufsbeamten. Wodurch wird er sich wohl auszeichnen?

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bildung · Bildungsstandards · Dunkelkammer · Unterricht · Vorbilder · Wirtschaft