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Finanzkrise: Monetariat und Fahrt auf den Eisberg

6. Oktober 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Finanzkrise: Monetariat und Fahrt auf den Eisberg

Es kriselt und bebt weiter durchs weite Land. Demnächst Schlangen vor den Banken: gebt uns unser Geld zurück! Beruhigungspillen von der Bundesregierung: Alles im Griff, eure Spareinlagen sind sicher, keine Panik auf der Titanic.

Einsichtig: Neoliberale Wirtschaftsideen, gepaart mit krimineller Energie und Zockerhandeln, sorgen real für die derzeit größte Welt-Finanzkrise. Man glaube aber nicht, dass daraus der übermächtige Mythos des freien Marktspiels geknackt wäre, die Akteure zur späten Vernunft kämen. „Vernunft“ steigt nicht wie Phönix aus der Asche.
Selbst wenn einige internationale Regulierungen kommen, wer verleiht diesen neuen Institutionen/Kommissionen reale Macht und Unabhängigkeit? Über welche Qualifikationsprofile müßten die „Kontrollmanager“ verfügen? Welche verständliche Sprache hätten sie zu sprechen? Welche Begleitmusik wäre zu spielen?

Parallel müßte man an einer breiten sozioökonomischen Grundbildung der Bevölkerung interessiert sein und das Sperrfeuer medialer Gewalt der marktschreierischen Sprachdreschmaschinen und Börsenbeschwörer zügeln. Sprachkritik wäre eine notwendige Bedingung ökonomischer Kritik und gesellschaftliche Selbstreflexion. Die aktuelle Debatte metaphert selbstverständlich weiter: „Volle Fahrt auf den Eisberg“(Stern), „Kernschmelze“ verhindern (FR) „Demokratiealarm“ (SZ), „Diktatur des Monetariats“(Lafontaine), Ankauf von „Giftmüll“, „faulen Krediten“, „toxischen Krediten“ (in fast allen Medien).
Eine gelungene Zusammenstellung unterschiedlicher Medienbeiträge findet man immer unter „Hinweise des Tages“ im Blog NachdenkSeiten.(vgl. Blogroll!) Der Blog leistet damit einen exzellenten Service.

PS. Die Bundeskanzlerin meint: „Mehr Transparenz auf den Finanzmärkten“, „klare Regeln“, „Politik darf nicht hintenher rennen, Politik muss gestalten.“ Soviel Einsicht in einer Minute!

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Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Gymnasium · Wirtschaft

Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft

13. August 2008 · von Miller · 2 Kommentare

Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft

Das neue Buch vom Bildungswirt ab 20. August 2008 im Buchhandel

Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft
Alle reden von Schule – was ist zu tun? Ansichten eines Kneipenbesitzers

Alle waren in der Schule, alle reden mit – und das ist gut so! Kontroverse Meinungen, unterschiedliche Erfahrungen, andere Wahrnehmungen – wie könnte es anders sein?
Zahlreiche Bildungsberichte und Ratschläge zum schulpolitischen Waterloo gibt es alle Jahre wieder, durch viele Schwarz-weiß-Brillen gesehen und gleichzeitig als buntes Stimmengewirr vorgetragen: aufgeregt, mahnend, unterkühlt, marktschreierisch, beschwichtigend, beschwörend, aufrüttelnd und fast immer mit einem Quäntchen Wahrheit gewürzt: Ja, die Verwahrlosung der Sitten und die Eskalation der Gewalt an Schulen stoppen, der Vergreisung der Lehrerschaft entgegenwirken, die Lehrerausbildung neu regeln, den Beamtenstatus von Lehrern abschaffen, die Eltern an ihre erzieherischen Aufgaben erinnern, Milliarden Euro zusätzlich in Bildung investieren.
Aber das realpolitische Tohuwabohu zieht einfach weiter, verläuft sich im Hamsterrad der vielen länderspezifischen Zuständigkeiten und Abhängigkeiten: rasender Stillstand bei eingebildeter Beweglichkeit. Auffällig wenig wird über konkrete Pädagogik vor Ort geredet, insbesondere über den Kern der Sache: das didaktische Kunsthandwerk des Lehrers und die Gründe, warum Schüler so wenig Sinnvolles lernen.

Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft beschäftigt sich mit den »heißen Eisen« der Bildungspolitik und unterzieht sie einem ständigen Szenenwechsel. Wichtigen Bildungsfragen nachspüren heißt auch, das Ohr am Puls der Kneipenkommunikation zu haben. Die Kneipe als eine der bedeutendsten sozialen und kulturellen Institutionen des gesellschaftlichen Lebens wird präsentiert als Ort, von dem die Schule lernen kann.

Inhaltsverzeichnis (pdf)

Leseprobe 1
Auszug aus Kapitel 2: Von der kindlichen Neugier zum gelangweilten Schüler

Die Mehrheit der Schüler hat Angst vor schlechten Noten, im schlimmsten Fall vor dem »Sitzenbleiben«. Sie verspüren am eigenen Leib den Leistungsdruck mit vielfältigen nervösen Störungen. Langsam, ganz langsam, aber todsicher breitet sich das schulische Krebsgeschwür aus: Demotivation, mangelndes Interesse an der Sache, gähnende Langeweile!
Der Lehrer will den Schüler aufs Leben zielgerichtet vorbereiten, ihn qualifizieren (deshalb der ganze Aufwand und Stress für alle Beteiligten), er will natürlich selbstredend nur das Beste, das Allerbeste. Nur genau das bekommt der Lehrer nicht! Das Beste wird mit den Freunden geteilt oder für sich behalten; in der Schule will der Schüler die Langeweile überstehen, die eigene Anstrengung wird dabei auf ein kalkuliertes Minimum herabgekühlt. Man ist erfinderisch, man wird zum Aufspüren immer neuer Nischen der Arbeitsentlastung geradezu gezwungen. Je nach Lehrer wechselt das Interesse, das Engagement, die Fassade, die Art des Mitspielens, das geistige Ausklinken bei einigermaßen regelmäßiger körperlicher Anwesenheit. Mindestens 40% der Stunden werden sinnlos abgesessen, auf die lange Dauer der Schulzeit wird man als Schüler wie ein Profiboxer »hart im Nehmen«. (Sollten Sie Zweifel an der angegebenen Prozentzahl haben, fragen Sie zuerst Ihre Kinder! Dann fragen Sie Lehrer in entspannter Atmosphäre, z.B. in der Kneipe, nach der Zahl der fehlgeschlagenen Unterrichtsstunden! Sollten Sie immer noch Zweifel haben, so besorgen Sie sich neueste wissenschaftliche Studien zur Unwirksamkeit des Unterrichts, z.B. im Fach Mathematik. Bedenken Sie zusätzlich, dass sich empirisch forschende Wissenschaftler ungern festlegen, alles immer hochkomplex sei, heterogen, unübersichtlich, nicht nach allen Seiten abgesichert und deshalb unbedingt weiter geforscht werden müsste. Auf die dann doch veröffentlichten Ergebnisse können Sie in aller Ruhe und Gelassenheit noch mal 10% draufschlagen!).
Was viele Lehrer als Überforderung der Kinder durch hochqualifizierten Unterricht deuten und entsprechend bei Versagen mit schlechten Noten quittieren, ist in Wahrheit strukturelle Unterforderung durch verordnete Passivität des Gehirns. Unser Gehirn ist dafür nicht geschaffen, die Schüler schalten auf Sparflamme. Die lineare Verkündungspädagogik schafft in besonderem Maße die geistige Unterforderung und affektive Unterkühlung und steht im offenen Widerspruch zur Evolutionsgeschichte des Menschen als hocheffizientes, aktives, spielendes und emotionsgeladenes Wesen.

Leseprobe 2
Auszug aus Kapitel 4: Lernen: Konstruktionen im Kopf und Vorfreude im Leib (pdf)

Bestellung: ISBN 978-3-8370-5476-7, Paperback, 188 Seiten, € 16,90

Internetbuchhändler, z.B.: Libri.de , Books on Demand , Amazon.de, Hugendubel

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Ach, China!

11. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Ach, China!


Was interessiert schon die alte olympische Idee!? Was interessiert, heißt: Spektakulum, Selbstinszenierung, Siegertypen, Superlativen, perfekte Show und mediale All-Präsenz. China hat sich gut vorbereitet und erfüllt die hochgesteckten Erwartungen par excellence.
Wen interessieren da die universalen Menschenrechte? Wen interessiert eine historische Rückschau: Mao als Massenmörder!? Was interessiert, heißt: Geld, Macht und Sex – weltweit!

Rückblick auf 500 Jahre imperiale Politik Europas (mit wechselnder Rollenverteilung) und jetzt? – ein fasziniertes Erschauern über den Aufstieg eines neuen Imperiums. Wer will da nicht dabei sein: höher, weiter, schneller lautet die Hymne eines globalen Kapitalismus. Diktatur und ökonomische Blüte als neues/altes Verkaufs-Erfolgsmodell? Demokratie und Marktwirtschaft – ein Auslaufmodell? Verunsicherung und Selbstvergewisserungsversuche im Westen? Werteerschütterung, Glaubenskrise und Erinnerung an Diktatur und Massenmorde im eigenen Land?

Ach, Europa, falls du erwachst, erledige vor allem deine internen Hausaufgaben, beende dein anmaßend bürokratisches Eliteprojekt, gewinne deine Bürgerinnen und Bürger für eine vernünftig heitere Europa-Vision der Toleranz. Nimm Abschied von Weltbeglückungsprogrammen. Bedenke: Welche Rolle spielst du in einer zukünftigen Weltinnenpolitik? Was wäre die neue europäische Passion, die neue Wahrhaftigkeit? Was wäre eine Politik der geerdeten Vernunft?

PS: Lieber Leser, nimm dir 6 Minuten Zeit für die Podcast-Sendung über Ach, Europa von Jürgen Habermas. Auch ein großer Denker liegt mal in der Einschätzung des Internet und der damit verbundenen Transformation der Öffentlichkeit daneben. Dezentrale Intelligenz im Internet ist ihm suspekt, schade!

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Geist und Gehirn denken – auch mit der FAZ

25. Juli 2008 · von Miller · 18 Kommentare

Geist und Gehirn denken – auch mit der FAZ

Elektronengehirn von fuchur 2007 bei Flickr Puzzlebrain auf Flickr von fuchur 2007

Seit 19. Juli läuft in der FAZ die alte/neue „Geist-Gehirn-Debatte“ und am 25. Juli kumuliert die Sache vorläufig in: „Vor dem Richterstuhl der Vernunft„. Um was geht es?

Auf der personalen Ebene: Singer gegen Janich.
Der international bekannte Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer steht gegen den renommierten Marburger Philosophen Peter Janich im Streit um Ergebnisse und Interpretationen der neuesten Hirnforschung. Der abgedruckte Briefwechsel löste wiederum eine Flut von qualifizierten Leser-Bloggerbeiträgen aus.

Auf der inhaltlichen Ebene: unterschiedliche Wissenschaftsverständnisse und komplexe Sprachspiele.
Singer ist argumentationsmüde und will den eher zermürbenden Austausch von Argumenten ersetzen durch ein „gemeinsam konzipiertes und gemeinsam durchgeführtes Experiment“ mit der Pointe an Janich: „Bitte schlagen Sie ein Experiment vor, mit dem die These falsifiziert werden kann, dass alle („geistigen“) Phänomene auf neuronalen Prozessen beruhen und folglich diesen nach- und nicht vorgängig sind.“ Im Klartext: Am besten, du Philosoph, lass dich in den Tomographen schieben und wir werden sehen, ob es einen „immateriellen Agenten“ gibt, dessen „Gedanken und Entscheidungen neuronale Prozesse im eigenen Gehirn anstoßen“ oder ob doch aller Geist auf der materiellen Basis „Gehirn“ beruht. Janisch wiederum kontert, indem er Singer vorwirft, dass er nicht verstehe, was er eigentlich tue. „Nicht Hirne erforschen Hirne durch bloße neuronale Aktivität, sondern da muss in die Welt der Dinge mit Händen eingegriffen werden, und zwar nach Regeln.“ Er verweist auf Singers ungeklärtes Lieblingswort „beruhen“ und will ihn, Wittgenstein geschult, auf eine Sprachreflexionsebene locken. Er weist zudem moralisch entrüstet den Vorschlag zurück, ihn „persönlich zum Objekt Ihrer Laborverfahren zu machen.“
Petra Gehring, Philosophieprofessorin, springt in ihrem Beitrag „Was der Neurowissenschaftler Singer nicht gelernt hat“ (24.07.) sprachphilosophisch und wissenschaftstheoretisch Janich bei und prangert die „gnadenlose Naivität des Neurowissenschaftlers“ frech-forsch an. Hans J. Markowitsch, Professor für physiologische Psychologie, versucht vermittelnd mit seinem Beitrag „Ohne Gehirn kein Denken“ (22.07.) einzugreifen, indirekt aber mehr Singer zu stützen.
Naja, „Ohne Gehirn kein Denken“, da wären wir aber selbst nicht drauf gekommen und schöne Glasperlenspiele gibt es fast überall. Zu allem gibt es eine Menge qualifizierter Beiträge aus der Leserschaft oder Blogosphäre. Stellvertretend will ich die Beiträge von Uwe Paulsen (Wohlmeinender) hervorheben, die zusätzlich in die Welt der Thermodynamik einführen und die These von der „seamless web of cause and effect“ scharf zurückweisen. Eine Gegenposition bezieht wiederum Heinz Georg Schuster „Ideen haben eine materielle Basis im Gehirn“.
Wie auch immer neuronale Aktivierungsmuster beobachtet und beschrieben werden, das Hirn-Energiegestöber via FAZ scheint zu funktionieren; das gilt für die Kontrahenten und die Mit-Diskutanten.

Zum vorläufigen Abschluss greift Michael Pawlik, Professor für Strafrecht, mit seinem Beitrag „Vor dem Richterstuhl der Vernunft“ (25.07.) in die Debatte ein. Ja, das Verfahrensrecht und das komplexe Elend der Beweislast, ja, so richtert die Vernunft durchs Wissenschaftsland.
Nur, was tun, wenn sich die Kontrahenten nicht auf das Verfahren der „Beweise“ einigen können, sich auf andere, inkommensurable Wissenstraditionen stützen und den wechselseitigen Geburten, manchmal Ungeheuern der Vernünfte nicht trauen?
Pawlik ist sichtlich bemüht „ein ernsthaftes Gespräch über den wissenschaftstheoretischen Status der experimentellen Hirnforschung“ zu initiieren, denn „beide Seiten könnten zu lernen haben.“ Wohl wahr! Nur lassen dies die Eigenschwingungen der interaktiven neuronalen Erregungsnetze zu? Wenn es denn wider erwarten doch zum Prozess kommen sollte, so hat den Richtervorsitz – so mein Vorschlag – der Kollege Humor inne. Beisitzer in den Verhandlungen sind: a) Vernunft 1, b) Vernunft 2, c) Kollege Körperfreuden mit ausgedehnten Hirnfunktionen.
Bei einer Pattsituation der Entscheidung wird das Verfahren auf unbestimmte Zeit vertagt. Unterhändler beider Seiten könnten sich in der Zwischenzeit an Traditionstexten der Philosophie abarbeiten, z.B. an Friedrich Nietzsche (1878/1886), Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band, Zweite Abteilung: Der Wanderer und sein Schatten, insbesondere Bemerkung (21) Der Mensch als der Messende, (23) Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen? und (24) Zur Beurteilung des Verbrechers und seines Richters.
Im Gegenzug beschäftigen sich die Unterhändler mit „Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog: Wolf Singer/ Matthieu Ricard, 2008″. Der buddhistische Mönch Ricard hat sich Dank seines buddhistischen Grundlächelns in der Welt auch im Singer’schen Labor eingefunden und bereitwillig seine neuronalen Aktivitätsmuster während der Meditation aufzeichnen lassen. Für ihn, der sich seines reinen Gewahrseins sicher ist, bestätigen die Maschinenmessungen (z.B. Zunahme synchroner Gamma-Oszillationen) nur das, was eine 2500-jährige Tradition eh schon weiß: Meta-Bewusstsein durch Introspektion ist real herstellbar als absolute Aufmerksamkeit, gerichtet auf hirninterne Vorgänge. Durch Meditation können neue mentale Zustände hergestellt und gelernt werden, die auch später willentlich wieder aktiviert werden können. Also, es gibt ihn doch den „freien Willen“, die willentliche Selbstreferenzialität der Gehirnschleifen, aufgelöst im Meta-Bewusstsein. Die bewusste Herstellung klarer und stabiler Geisteszustände ist eben etwas anderes als das interne (unbewusste) Geplapper neuronal messbarer Aktivitätsmuster. Geist ist nicht identisch mit Gehirn und Weisheit hat eben andere Kriterien als Wissenschaft. Wolf Singer dürfte das (inzwischen?) auch so sehen!

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