Der Bildungswirt

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Das Vergnügen mit der pädagogisch-gastronomischen Vernunft

26. April 2011 · von Miller · Keine Kommentare

Das Vergnügen mit der pädagogisch-gastronomischen Vernunft

Es ist ein Vergnügen, dieses Büchlein zu lesen. Sprachlich auf hohem Niveau und dennoch gut verständlich beschäftigt sich Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft mit den „heißen Eisen“ der Bildungspolitik und lässt nichts aus: Schüler, Lehrer, neue Lernkulturen, Schulreform, Bürokratie und buntes Stimmengewirr. Aber nicht nur Kritisches wird geliefert, auch Alternativen bis hin zu praktischen Tipps werden formuliert. Besonders amüsant ist der ständige Szenenwechsel, vom Bildungsgeschehen zur Kneipe als eine der bedeutendsten sozialen und kulturellen Institutionen des gesellschaftlichen Lebens und zurück. Kneipe als Ort, von dem Schule lernen kann, verblüffend und doch immer nachvollziehbar.
Michael Miller, Lehrer, Erwachsenenbildner, Kneipenbesitzer, Musiker, Blogger, IQ-Mitarbeiter und Schulbuchautor gibt mit dieser 185 Seiten zählenden Schrift den Lesenden Mehrfaches: vergnügliches Lesen und zum Nachdenken Anregendes, Kritik und Lösungsansätze und letztlich – zumindest mir – einen etwas anderen Zugang zum Bildungsgeschehen. ISBN 978-3-837-05476-7. (DS),

Quelle: Dieter Staudt, in: GEW-Berufsschul-Insider Hessen O1/2011

 

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Karl Marx – brandaktuell oder ein toter Hund?

8. Juni 2010 · von Miller · Keine Kommentare

Karl Marx – brandaktuell oder ein toter Hund?

Bildung heißt im Kern eigene Urteilsfähigkeit entwickeln.
Und das in der Schule? In der gymnasialen Oberstufe, in der Berufsschule, in der Gesamtschule?

Prüfe selbst die drei Videos:
Was ist die Botschaft? Erkennbare Thesen, Argumente? Welcher Ideologiebegriff wird verwendet? Gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Marxschen Ideen und der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise?



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Tags: Abitur · Berufsschule · Bewusstsein · Bildung · Gesamtschule · Gymnasium

Griechenland im Würgegriff 2010-2011

29. April 2010 · von Miller · Keine Kommentare

Griechenland im Würgegriff 2010-2011

Eine nahezu ausweglose Situation: Hochverschuldet, durch internationale Spekulation weiter verschärft. Wirtschaftskrise, Stagnation bei gleichzeitig hartem Sparprogramm. Der Kollaps steht bevor. Die Rettungspakete von 45 Milliarden Euro ab 19.Mai durch die EU und den Internationalen Währungsfond verschaffen nur kurzfristig Luft.

VGl. meinen aktuellen Kommentar zum internationalen Casino der Spekulation:

Ein Lehrstück für jeden Wirtschafts- und Politikunterricht.

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Aktuelle Filesharing-Debatte in der ZEIT

15. Dezember 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Aktuelle Filesharing-Debatte in der ZEIT

In der Vorweihnachtszeit geht’s in der ZEIT noch einmal richtig zur Sache.
Es geht um Freiheiten und Möglichkeiten des Internet, um den Kooperations- und Austauschgedanken, um eine neue Vision einer Bürgergesellschaft, um die Gefahr der digitalen Spaltung der Gesellschaft, um Urheberrechtsverletzungen, um Pfründe und bedrohte Absatzmärkte.
Es diskutieren kontrovers: Sando Gaycken (Technikphilosoph); Dirk Engling/ Constanze Kurz/ Felix von Leitner/ Frank Rieger (Computer Chaos Club); Christian Sommer (Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen), Martin Haase/ Daniel Flachshaar/ Andreas Popp / Thorsten Wirth (Piratenpartei Deutschland)

Quelle: Flickr - Autor: gualtiero

Quelle: Flickr - Autor: gualtiero

Acht kontroverse Kostproben als Warming-up: Wer diskutiert da was?

1.„Der Menschheit stehen somit Möglichkeiten offen, an deren politischer Dimension allenfalls die Besitzstandswahrer der Contentindustrie zweifeln. Jeder ist in der Lage, Inhalte zu konsumieren, zu produzieren und sie mit wenigen Klicks zu verbreiten – lokal wie global. Die meisten Menschen nutzen diese Möglichkeiten unentgeltlich und in ihrer Freizeit. Das ist zweifellos ein altruistischer Akt.“

2.„Der zutiefst egoistische Akt des illegalen Downloadens wird durch einen pseudo-politischen Überbau gesellschaftlich gerechtfertigt.“

3.„Die Medienindustrie führt Krieg. Ein „war on filesharing“ tobt seit Jahren. Der Branche geht es um die Herrschaft über ihre Güter.“

4.„Ihre Absicht ist es allerdings nicht, dadurch hemmungslos Geld zu sparen. Das Downloaden von digitalen Inhalten lässt das Rechtsempfinden der Menschen unberührt, denn Informationen – und somit Medieninhalte – sind weder knapp, noch kann man sie ‚stehlen‘. Wird etwas gestohlen, steht es dem rechtmäßigen Eigentümer nicht mehr zur Verfügung; das ist hier nicht der Fall. Nicht alle Menschen können in demselben Auto fahren, aber sie alle können dasselbe Lied hören.“

5.„Menschen downloaden nicht, weil sie die Welt verbessern wollen und nicht, weil sie für den Zugang zu sogenanntem freien Wissen streiten und Kultur teilen und verfügbar machen möchten. Der Grund ist viel banaler. Sie tun es schlicht und einfach, weil sie es können, weil es technisch möglich ist. Sie tun es, weil sie das sehen und hören möchten, was sie wollen. Und zwar sofort und umsonst. Und sie sind bereit und dankbar, Rechtfertigungsstrategien jeder Art dafür zu entwickeln und zu übernehmen. Seien sie noch so abstrus und inkonsequent.“

6.„Die Anzahl derer, die laut Angaben der Musikindustrie im Netz Daten tauschen, stellt längst die der Stimmen für die Regierungskoalition bei der letzten Bundestagswahl in den Schatten. Filesharing genießt so gesehen mehr Unterstützung in der Bevölkerung als unsere Regierung. Diesen Widerspruch kann man nicht durch bloße Rhetorik auflösen. Die Leute stimmen mit den Füßen ab. Dem kann man mit dem Bau einer Mauer begegnen, doch am Ende muss die digitale Reisefreiheit gewinnen.“

7.„Verleger oder klassische Intermediäre werden im Internet unmittelbar nach ihrem Bürokratieanteil bewertet, also danach, wie viel Geld tatsächlich bei den Künstlern beziehungsweise den Urhebern landet. Die Künstler wollen ihre Werke an die Menschen verteilen, und die Menschen wollen sie konsumieren oder gar weiterbearbeiten. Wir brauchen Institutionen, die beides ermöglichen und einen Bezahl-Rückkanal haben und die nicht, wie im Moment, die Kommunikation zu verhindern suchen.“

8.„Im europäischen Ausland also wird der bedingungslose Zugang zum Internet als Grundlage vernünftiger politischer Zustände gefordert, im Inland dagegen scheint er verhandelbar, wenn die Interessen eines Industriezweigs gefährdet sind. Das kann als Pharisäertum ausgelegt werden.“
Mehr dazu:
http://www.zeit.de/digital/internet/2009-12/filesharing-demokratie-gaycken?page=2
http://www.zeit.de/digital/internet/2009-12/filesharing-piratenpartei
http://www.zeit.de/digital/internet/2009-12/filesharing-sommer-warner
http://www.zeit.de/digital/internet/2009-12/ccc-filesharing-gaycken

my CC stickers have arrived!!!

Quelle: Flickr Autor: laihiu

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Tags: Bewusstsein · WEb 2.0 · Wirtschaft

Kreative Pause beim Bildungswirt

23. Dezember 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Kreative Pause beim Bildungswirt

Der Bildungswirt (Michael Miller, Frankmackay und Leo) zieht sich für eine kreative Pause zurück – 24. Dezember bis 04. Januar 2009 — In-die- Sonne-blinzeln, Saxophon spielen, plauschen, wirklich interessante Bücher schmökern, im Liegestuhl faulenzen, neuen Ideen und dem Kaffeegeschmack nachspüren …

Ab dem 05.Januar geht’s mit Elan wieder in die Blogosphäre, Themen im Überfluss!
Wie verhält sich der freundlich unkalkulierbare Hesse am 18. Januar ? Koch gegen Schäfer-Gümbel? Winkt doch noch Jamaika? Gibt es einen Aufbruch in der Bildungspolitik? Der gute Lehrer und gefragte Vorbilder – Dauerthemen? Abitur verkauft, hoffentlich nur ein vorübergehender bildungspolitischer Fehltritt? G8/G9-Debatte im Kompromiss beerdigt? Der nationale Bildungsgipfel als Rohrkrepierer? Bildungsstandards – worin besteht die Crux? Die Geist-Gehirn-Debatten als Konstruktionen im Kopf und Vorfreude im Leib? Und last but not least: die Wirtschaft – Finanzwirtschaft, Realwirtschaft, Gastwirtschaft, dazu die TV-Wirtschaft und die Medienkrise einer freiwilligen Eintönigkeit im mainstream? Themen, soweit das Auge reicht. Um im Meer der unendlichen Phänomene nicht unterzugehen bedarf es einer geschulten Aperspektivität (Jean Gebser). Dazu nächstes Jahr mehr mit zusätzlichen Mitarbeitern/ Autoren/ Kommentatoren/ kritischen Lesern – und alles natürlich auch in der weiblichen Form, der neuen bloggenden Frauenpower.

Macht’s gut, frohe Weihnacht, erholsame Tage, Prosit Neujahr, don’t worry be happy …
Euer Bildungswirt

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Gymnasium abschaffen? Das deutsche Gymnasium – ein Fels in der Brandung

17. Dezember 2008 · von Miller · 5 Kommentare

Gymnasium abschaffen? Das deutsche Gymnasium – ein Fels in der Brandung

„Wer das Gymnasium abschaffen will, wird abgewählt“, sagt der Bildungsforscher Wilfried Bos im aktuellen Spiegelinterview.
Bos: (…) Außerdem haben wir in Deutschland eine ständestaatliche Tradition mit einer Schulform, die ziemlich gut funktioniert und die niemand abschaffen können wird: das Gymnasium.
SPIEGEL ONLINE: Und weil das Gymnasium sakrosankt ist, wird sich nie grundlegend etwas ändern?
Bos: Jedenfalls nicht am Gymnasium. Alle Eltern, die etwas zu sagen haben, die kampagnenfähig sind, schicken ihre Kinder aufs Gymnasium – die werden den Teufel tun, diese Schulform abzuschaffen. Die Diskussion ist schlicht müßig.
SPIEGEL ONLINE: Also resignieren Sie?
(…)

Nur wer will in Deutschland die beste Schulform ernsthaft abschaffen? Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhundert! Bis zum Jahr 2020 brauchen wir eine 75%-Abiturientenquote pro Jahrgang. Das ist möglich, wenn ein ernsthafter neuer bildungspolitischer und pädagogischer Aufbruch nicht behindert sondern gefördert wird. Das ist „Dienst“ am Individuum und seinem Recht auf Bildung. Gleichzeitig ist es „Dienst“ für Deutschland in einer globalisierten Welt. Das Gymnasium ist effizient, wandlungsfähig, potenziell integrationsfähig und zukunftsorientiert. Wer will hier guten Gewissens widersprechen? Frohlocken nicht nur unterm Weihnachtsbaum.

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Lernen: Konstruktionen im Kopf (2) und Vorfreude im Leib

13. Dezember 2008 · von Miller · 1 Kommentar

Lernen: Konstruktionen im Kopf (2) und Vorfreude im Leib

Wer das Lernen verstehen will, muss auch unser Gehirn verstehen. Wie arbeitet es, auf was kommt es an? Die Hirnforschung (u.a. Roth, Singer, Spitzer, Ramachandran, Gazzaniga, Mecacci) hat in den letzten Jahren hier enorme Fortschritte zu verzeichnen, gleichwohl steckt sie immer noch in den Kinderschuhen. Interdisziplinäre Forschungsfelder (Gehirn, Bewusstsein, Wahrnehmung, Erkenntnis, Programmierung) werden von Medizinern zusammen mit Philosophen, Biologen, Kognitionswissenschaftlern, Psychologen und Sprachforschern verstärkt bearbeitet. Pädagogen sind in der Regel nicht dabei, obwohl dies dringend geboten wäre. Die zentrale Frage lautet: Was kann die Schule aus diesen Forschungen lernen? Wo liegen die Grenzen der Neurowissenschaften? Wo bläst sich die Hirnforschung unnötig auf, verstrickt sich in Allmachtsphantasien?

Es lernt der Mensch als Ganzheit. Ohne subjektiven Sinn, ohne individuelle Lernmotivation, ohne diese gewisse Vorfreude im Leib gibt es kein Lernen. Der Kopf ist eben nicht allein. Die „Vernunft“ kann  sowohl Ratio als Emotio sein. Die Bauchentscheidung als Zustimmung oder Ablehnung kann sehr vernünftig sein, rationale Summe tieferliegender Erfahrungen. Die rationale Abwägung von Argumenten ist wichtig, aber eben nicht alles. Der kulturelle und situative Kontext beeinflusst (uns) mehr, als wir wahrhaben wollen.

Fassen wir im Folgenden vereinfacht – und immer noch kompliziert genug – die wichtigsten Befunde der heutigen Hirnforschung zusammen:

1. Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes System aus ca. 500 bis 1000 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), ein permanent schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, dazu ›geschmiert‹, geschützt und tempobeschleunigt von 10.000 Milliarden sogenannter Gliazellen. Das Gehirn steuert, kontrolliert, organisiert, integriert, löscht, lernt neu, »kommuniziert« im Dauerbetrieb. Höchstwahrscheinlich laufen mehr als 99% der Gehirnprozesse im Unbewussten ab. »Bewusstsein« ist also die Sonderform, uns bestens vertraut und doch im Einzelnen rätselhaft. Die beiden Gehirnhälften (Hemisphären) arbeiten weitgehend arbeitsteilig, können aber bei Bedarf auch andere Funktionen übernehmen, überlappende Kommunikationen herstellen. Die Brücke (Corpus Callosum) sorgt für den »Datenfluss«. Trotz aller biologischen Gemeinsamkeiten ist jedes Gehirn einzigartig. Vorstellungen vom biologischen »Welt-Durchschnittsgehirn«, von Normierungen und Standardisierungen sind fehl am Platz. Hinzu kommt, dass Lernen auch als »kulturelle Variable« zu verstehen ist mit unterschiedlichen Ausprägungen der Hirnorganisationen.

2. Dieses Erregungsnetz aus genetischen Anlagen und erlernten differenzierten Funktionen und Arbeitsweisen ist in tausend verschiedene Areale segmentiert, braucht Koppelungen, Stimuli, Aktivierungen, Assoziationen. In der gesamten Großhirnrinde (Cortex) lassen sich unter anderem folgende Zuordnungen vornehmen: Im sogenannten »Assoziationscortex« (Bereiche im Scheitel-, Schläfen- und Frontallappen des Gehirns) finden z.B. visuelle Wahrnehmungen, räumliche Strukturierungen und sprachliche Verarbeitungen von Signalen statt, Objektwissen im temporalen Cortex, mathematisches Wissen im hinteren parietalen Cortex. Der präfrontale Cortex simuliert und bewertet Handlungssituationen, erfasst die Motivationslage und setzt Handlungsplanungen um. Die sogenannten Spiegelneuronen sind beim Lernen durch Nachahmung (beim Säugling wie beim Greis), beim Lernen von Bewegungsmustern, beim Wahrnehmen von Emotionen, beim vorausschauenden ›Gedankenlesen‹ der anderen besonders aktiviert. Während die Rhythmuserkennung eher der linken Hemisphäre zugeordnet wird, ist für die Melodie als Ganzes eher die rechte zuständig. Das limbische Assoziationssystem verarbeitet emotionale Aktivierungen, angeborene und gesellschaftlich bedingte. Komplexe Neuronen-Netzwerke arbeiten modular, sind aber grundsätzlich interaktiv geschaltet. Jedes Wahrnehmen ist ein aktives Konstruieren.

3. Das Gehirn ist, allgemein gesprochen, gleichzeitig Überlebensorgan, Handlungsorgan, Bewusstseinsorgan und der ›große Interpret‹; es kann gar nicht anders. Die gesamte Erlebniswelt ist das Konstrukt der internen, interaktiven Hirnkommunikation. Der Zustand des Selbsterlebens ist aus naturwissenschaftlicher Sicht ein physischer Zustand. Jedes Lernen ist kognitive, motorische und emotionale Aktivierung, d.h. auch Neuentwicklung und Umbau von Milliarden von Synapsenverbindungen, Einspielung und Stabilisierung des Netzwerkaufbaus. Gedanken sind codiert in räumlichen Aktivierungsmustern mit erhöhtem Sauerstoffverbrauch. Im Gehirn entwickeln sich topologische Landkarten der Aktivierung mit ständigen Such-, Wahl- und Entscheidungsprozessen. Handeln, Denken, Fühlen sind im Lebensvollzug in ständiger Kommunikation. Phänomene wie z.B. Lampenfieber, Prüfungsangst oder spontane Jubelausbrüche – scheinbar körperliche Aktionen/Reaktionen ohne aktive Hirnsteuerung – erklären sich aus dieser vielschichtigen organischen Einheit. Gefühle sind immer im Gepäck. Jeder (Lern)Gegenstand ist mehr oder weniger affektiv besetzt. Im Cortex als der »Sitz des Bewusstseins« finden ständig komplexe »Selbstbeschreibungen« statt, die das »Ich« als Bewusstsein, Meinung, Wunsch, Gefühl empfindet und manchmal auch für Außenstehende zum Ausdruck bringt. Der tatsächliche Gedanke und der emotionale Zustand können von außen nicht gesehen werden. So kann sich ein Ich durch Training ›gut beherrschen‹, über den wahren Zustand hinwegtäuschen oder auch in seinem Gefühlspanzer ›eingesperrt‹ sein. Unsere Interpretationen sind dann auf wahrnehmbare Zeichen beschränkt.

4. Es gibt nicht das oberste Zentrum, sozusagen die Kommandozentrale aller Hirnaktivitäten, sondern viele Zentralen und Gedächtnisse mit -zigfachen Unternetzen. Begriffe wie Schaltzentralen, Verdrahtungen, Koppelungen, Arbeitsspeicher, Impulsgeber, Aufzeichnungen, Flussbahnen, Programmierungen etc. sind dabei nur bedingt geeignete Begriffe/Metaphern, um sich ein ungefähres Bild zu machen – wir stoßen an die Grenzen exakter sprachlicher Repräsentation, Gehirne ›sprechen‹ über Gehirne im unendlichen Regress. Der Hypothalamus regelt weitgehend unbemerkt unseren Biorhythmus, organisiert die Schlaf-, Wach- und Aktivitätszustände, veranlasst die Hormonausschüttung in die Blutgefäße usw., usw. Hätten wir davon ein Bewusstsein, würden wir buchstäblich verrückt werden. Der schnelle ›Gedächtnisspeicher/Arbeitsspeicher‹ ist vor allem im Hippocampus zu verorten; es erfolgt eine schnelle Aufnahme des Gelernten und langsamere Transformation in die Gehirnrinde in-nerhalb von Tagen, Wochen und Monaten. (Soweit das Gelernte nicht inzwischen wieder gelöscht wurde, es nicht genügend tiefe Spuren hinterlassen hat). Der Fremdsprachenerwerb sollte früh beginnen, umso besser die Erfolgsaussichten. Englisch in der Vor-Schule zu beginnen ist ratsam. Hirnphysiologisch gesehen ist zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr die beste Zeit für den tiefen, einprägenden Erwerb von Fremdsprachen.
Im Mandelkern (Amygdala) ist wiederum ›assoziatives Material‹ gespeichert, dass wir intuitiv bei Bedrohungs-, Kampf- oder Fluchtsituation brauchen. Körper und Geist werden sekundenschnell programmiert, der Blutdruck steigt, der Puls rast, die Muskeln spannen sich zum Körperpanzer. Die eingelagerte Evolutionsgeschichte meldet sich unverkennbar zu Wort. Wer in der Schule Angst hat (die berühmte Prüfungsangst ist dabei nur eine mögliche Form), der blockiert, kann nicht frei denken – erhält einen herben Gruß seines Mandelkerns. Sind wir entspannt, bewegen wir uns im offenen Denkraum und in angenehmer Atmosphäre, so schweigt der Mandelkern und die Großhirnrinde schwingt sich zu kognitiven Höhenflügen auf. Lernerfolg führt zur weiteren Lernverstärkung – das Gehirn ›belohnt‹ sich selbst durch Ausschüttung so genannter Botenstoffe, vor allem Dopamin. Mehr Dopamin, mehr Erfolg, mehr Glücksgefühl und umgekehrt!

Der kurze Ausflug in die Hirnforschung möge genügen, um sich vor allem eins klarzumachen: Die weitgehende Ausrichtung der Schule als kognitive Lernmaschine und ausdifferenziertes Disziplinierungssystem ist ein fataler Irrweg. Sie ist modernen demokratischen Dienstleistungsgesellschaften nicht angemessen und kann das Grundrecht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht einlösen. Während sich innerhalb der pädagogischen Domäne die »Status-quo-Verteidiger« und »Reformer« seit mehr als 100 Jahren über den richtigen Weg der Pädagogik streiten, in ideologischen Kämpfen verstricken, kommt mit neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung mehr Sachlichkeit in die Diskussion. Die Naturwissenschaften bestätigen mehr und mehr viele Ansätze der Reformer, dass der Mensch zugleich ein leibliches, geistiges, emotionales, kommunikatives, spirituelles, freiheitsliebendes Wesen ist, das allumfassend auch in der Schule gefördert werden sollte. Das System Schule als Anstalt ist nicht lebensfähig, muss sich ändern und sich den Potenzialen der Schüler annehmen, sie anregen und neugierig forschen lassen. In der ursprünglichen Bedeutung von Schule, der schola, schwingen immer schon mit: freie Zeit(einteilung), Müßiggang, schöpferische Muße, Studium, Selbstbestimmung. An dieses Netz der Tradition kann hier angeknüpft werden. Schule wäre so – dem Gehirn nachgebildet – ein schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, ein Erlebnis- und Gestaltungsraum täglicher Demokratie, ein guter Ort von Wissensfeldern, Wissensarten, Wissenslogiken und Kreativität, ausgefüllte Praxis der pädagogischen Leitlinie: »Die Menschen stärken, die Sachen klären« (H. v. Hentig).

(Die Zusammenfassung der Ergebnisse der Hirnforschung ist meinem Buch: Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft entnommen)

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Lernen: Konstruktionen im Kopf (1)

12. Dezember 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Lernen: Konstruktionen im Kopf (1)

Folgendes Interview stammt von brainlogs.de und ist mit Prof. Henning Scheich vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg.


Braincast 139 – Henning Scheich über Lernen from Anita Leyh on Vimeo.

„Mund, Auge und Penis sind nur Organe und nicht die Subjekte dieser Tätigkeiten – wie jedermann weiß.“ Schreibt lisarosa in ihrem Blogbeitrag vom 9.12.2008

2. Teil folgt aus „Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft“.

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