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Wünschelruten in der Bildungspolitik

21. Januar 2009 · von Miller · 4 Kommentare

Wünschelruten in der Bildungspolitik

In Hessen sind die politischen Würfel gefallen, in einigen Tagen liegt sicher ein „zukunftsweisender Koalitionsvertrag CDU/FDP“ vor, am neuen Regierungstisch nehmen neue und alte Köpfe Platz. Auch in den Ministerien werden einige Stühle gerückt; nicht unerheblich, wer die Ministerialdirigenten-Riege stellt. Die bildungspolitische Programmatik der Regierungspartner scheint kompatibel, die Schlüsselbegriffe wie Schulvielfalt (viergliedriges Schulsystem) erhalten, G8/G9 flexibel gestalten, mehr Lehrer einstellen, Ganztagsschulen ausbauen, selbstverantwortliche Schule entwickeln, fördern und fordern, Schulsanierungen voranbringen etc. sind mehrheitsfähig ausgependelt. Nur zwischen den Wünschen, Träumen, Absichten einerseits und den tatsächlich praktischen Umsetzungen, den konkreten Ausgestaltungen vor Ort andererseits klafft ein tiefer Spalt, auf dem bildungspolitisch verminten hessischen Gelände allemal. Ohne differenziertes Know-how und spürbare Begeisterung für eine neue Schulpolitik, ohne „Bürger-Engagement vor Ort“ läuft fast gar nichts. Dann ist Wiesbaden bisweilen so weit weg wie Wladiwostok. Selbst ein großer Geldregen und mehr Lehrer an den Schulen werden dann einfach unverbindlich, emotionslos und effektlos hingenommen.

Die neue Regierung wird wohl noch längere Zeit mit der zauberkräftigen Wünschelrute herumlaufen und z.B. die Anziehungskräfte und Ausstrahlungen der Hauptschule suchen. Ihr partieller Irrglaube verhindert den realistischen Blick: Längst sind viele Hauptschüler fortgelaufen, haben die Eltern mit den Füßen abgestimmt: Hauptschule ade. Der Aufbruch in ein zweigliedriges allgemeinbildendes Schulsystem – Gymnasium und Neue Schule (Gesamtschulen und Verbundschulen mit Varianten) – wird sich mittelfristig als historischer Kompromiss in Deutschland durchsetzen.

Aber auch die Opposition läuft ordentlich mit der Wünschelrute durchs Land. Zitternd schlägt der verborgene Goldschatz – „Eine Schule für alle“ – aus und wenn man gräbt bleibt Sand, auf den es sich nur sehr begrenzt bauen lässt. Bei der kleinen, sich noch selbst suchenden Linkspartei schlagen die Quellenspürer um in „Einheitsschule“ und Zwangsbeglückung für alle. Da helfen auch keine Dementis. Das politische Gespür und die Differenzierungsleistung des Volkes sind meist feiner als Politiker vermuten. Auch SPD und Grüne, gleichwohl sie im Grunde die Zweigliedrigkeit akzeptieren, erreichen mit ihrer Wünschelrute des gemeinsamen Lernens bis Klasse 10 nur die eigenen Anhänger. Nach 40-jährigem Kampf ist die Gesamtschule/ Gemeinschaftsschule in Hessen (wie auch immer die Wortakrobatik aussehen mag) nicht gescheitert, aber doch auf sehr begrenzter Reichweite vermessen. Der Platzhirsch, der Liebling ist das Gymnasium; auch hier hat die Bevölkerung längst mit den Füßen abgestimmt. Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts, das erfolgreiche Gymnasium garantiert am besten einen zukünftig angenehmen Status in der Gesellschaft und legt wesentliche Netze einer Bildung als angestrebte Selbstverwirklichung. Das Faktum der systematischen Ausgrenzung und Aussonderung vieler Kinder und Jugendlichen bleibt als Stigma (Tenorth-Interview) trotz alledem. Eine neue, erfolgreiche und heitere Unterwanderungsstrategie der aktuellen Schulpolitik ist jedoch noch nicht gefunden worden. Mit der Wünschelrute wird es nicht funktionieren, schon eher mit einer innovativen Internetpolitik, die die Zeichen und neuartigen Pfade einer komplexen Wissensgesellschaft verstanden hat. Bis dahin halten wir uns an Eichendorffs traditionsmächtige Wünschelrute von 1835:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Was könnte eine neue Dingpolitik sein? Das Dichterwort allein wird’s nicht richten können.

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Made in Germany, made in Hessen

17. Januar 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Made in Germany, made in Hessen

Die Republik schaut morgen gespannt auf Hessen und die Qual der Wahl. TV-total ab 18.00, was guckst du? Unentschlossene, zitternde Stimmungsbarometer, Meinungsbrei und doch wird der kleine Mann mit seinen Alltagssorgen und -wünschen sein großes Hooooouuuuukkk sprechen, das anschließend die Häuptlinge in der Elefantenrunde besprechen. Wählen gehen und dann gucken! Und was denn? Selbstverständlich das RICHTIGE. Vielleicht kann man parallel Kaya Yanar, dem talentierten Comedian, dem „Was-guckst-du-Typen“ mit der Multikulti-Reflexionsbrille über die Schulter sehen und schon mal seine Lachmuskeln aktivieren. Synchronisationsprobleme gibt es offensichtlich nicht nur in der Politik. Hier ein Ausschnitt aus seinem neuen Programm: Made in Germany.

Was er zur morgigen Hessenwahl sagt, weiß ich nicht. Ich lege ihm mal in den Mund: Lebbe un Comedy gehn weiter, Parteien gehn unter oder flach durch die Mitte.

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Hessische Bildungspolitik: FDP und Grüne im Interview beim Bildungswirt

16. Januar 2009 · von Miller · 5 Kommentare

Hessische Bildungspolitik: FDP und Grüne im Interview beim Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Hier die Antworten von Dorethea Henzler (FDP) und Mathias Wagner (GRÜNE) .

dorothea-henzler-fdp mathias-wagner-gruene Bildquellen: Die Internetseiten der Kandidaten.
Miller: 1. Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Henzler (FDP) Die FDP will die Qualität des Unterrichts verbessern und die individuelle Förderung jedes Schülers stärken. Dafür wollen wir den Schulen die notwendigen Rahmenbedingungen durch mehr Personal und mehr Finanzmittel sowie durch mehr Eigenverantwortung geben. Wir fordern eine 105%ige Lehrerversorgung an allen Schulen verbunden mit der Möglichkeit für die Schulen, davon 20 % in Geld zu erhalten, damit neben Lehrkräften je nach Bedarf auch Sozialpädagogen, Psychologen und sonstige Kräfte für eine gezielte Förderung und Unterstützung der Schüler eingestellt werden können. Wir setzen uns auch für den zügigen Ausbau von Ganztagsschulen und –angeboten ein, denn diese ermöglichen mehr Bildungschancen unabhängig vom Elternhaus. Für eine bessere Vorbereitung auf die Schule fordert die FDP, das dritte Kindergartenjahr in ein verpflichtendes Vorschuljahr in Landeszuständigkeit für alle Fünfjährigen umzuwandeln. Die Kinder sollen in diesem Jahr durch eine altersgerechte Pädagogik besser als bisher auf die Schulen vorbereitet werden. So erhalten alle Kinder gleiche Chancen am Schulstart.

Wagner (Grüne): Es ist Zeit für einen neuen Aufbruch für Hessens Schulen. Die Schritte, die gegangen werden müssen, um im Schulsystem mehr Qualität zu erreichen, sind bekannt. Gute Schulen werden vor Ort gemacht, daher muss die einzelne Schule in ihrer Arbeit für den einzelnen Schüler und die einzelne Schülerin in den Mittelpunkt gerückt werden. Unsere Schulen brauchen endlich Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten in pädagogischer, personeller, finanzieller und organisatorischer Hinsicht. Konkret bedeutet das unter anderem eine bessere Personal- und Sachausstattung, kleinere Klassen, mehr Zeit zum Lernen und zur individuellen Förderung durch Ganztagsangebote. Wir GRÜNE wollen den Schulen ihren Weg nicht von oben vorschreiben, sondern wir stehen für Schulreformen von unten.
Wir wollen wieder mehr in Bildung investieren, denn die Zukunft unserer Kinder muss uns etwas wert sein. Mit einem Maßnahmenpaket wollen wir für einen neuen Aufbruch an Hessens Schulen sorgen. Erster Baustein ist die Erhöhung der Landesausgaben für die Schulen um 300 Millionen Euro innerhalb der nächsten fünf Jahre. Damit wollen wir mehr individuelle Förderung mit zusätzlichen Lehrerinnen und Lehrern in kleineren Klassen erreichen. Zweiter Baustein ist ein auf zehn Jahre angelegtes drei Milliarden Euro Investitionsprogramm zur Sanierung der Schulgebäude in Hessen. Zurückgehende Schülerzahlen werden wir in allen Schulformen nicht für Einsparungen im Bildungsbereich nutzen, sondern zur Qualitätsverbesserung, u.a. durch eine flexible Schuleingangsphase und kleinere Klassen. Zu einer besseren Schüler-Lehrer-Relation trägt auch die von uns GRÜNEN geplante 105-prozentige Lehrerversorgung bei. Zudem wollen wir es in den kommenden fünf Jahren der Hälfte der weiterführenden Schulen auf freiwilliger Basis ermöglichen, sich zu Neuen Schulen weiterzuentwickeln, die nach dem Vorbild des PISA-Siegerlandes Finnland längeres gemeinsames Lernen bis zum Ende der Mittelstufe ermöglichen.

Miller: 2. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Henzler (FDP) Das staatliche Schulsystem soll jungen Menschen sowohl eine umfassende Bildung zukommen lassen als auch ihre Ausbildungsreife sicherstellen. Schüler müssen deshalb stärker in die Lage versetzt werden, sich selbstständig Wissen zu erarbeiten und eigenständig nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Das Lernen von Fakten kann daher nur noch ein Teil der schulischen Arbeit sein. Genauso wichtig ist das Kennen und Benutzen der Neuen Medien. Auch der Lehrer soll in diesem Zusammenhang seine Rolle vom „Belehrenden“ hin zum Moderator und Lernberater für die Schüler ändern und seine Unterrichtsgestaltung darauf ausrichten. Damit Schule eine umfassende Bildung aller Schüler ermöglichen kann, muss sie zu einem Ganstagsbetrieb ausgebaut werden, denn so bietet sie die Möglichkeit über den reinen Fachunterricht hinaus auch interessante Bildungs- und Freizeitangebote zu unterbreiten.

Wagner (Grüne): Seit Wilhelm von Humboldt ist mit dem Wort Bildung auch das Moment der Selbständigkeit, also des Sich-Bildens der Persönlichkeit verbunden. Während Erziehung eher äußere Steuerungsimpulse der Persönlichkeitsentwicklung meint, bezieht sich Bildung wesentlich auf Prozesse und Ergebnisse der individuellen Verarbeitung und Aneignung. Im Gegensatz zu Ausbildung bzw. Berufsbildung ist Bildung nicht unmittelbar an ökonomische Zwecke gebunden. Häufig jedoch ist der Erwerb allgemein bildender Abschlüsse, insbesondere des Abiturs, Voraussetzung für den Zugang zu gut bezahlten Berufen. Wenn sich Bildung jedoch auf Ausbildung beschränkte, wäre das das Aus für Bildung in einem umfassend verstandenen Sinne.

Miller: 3. Soll Unterricht und Studium für die Lernenden auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Henzler (FDP): Die FDP tritt für ein kostenloses staatliches Schulsystem ein, dessen Qualität sie konsequent ausbauen will. Daneben setzen wir uns auch für eine angemessene Finanzierung des Privatschulwesens in Hessen als qualitative Bereicherung des Schulsystems ein. Da die Diskussion um Studiengebühren eine große Unruhe gebracht hat, hat die FDP beschlossen, dass in der 18. Legislaturperiode keine Studiengebühren für das Erststudium eingeführt werden sollen.

Wagner (Grüne): Grundsätzlich sprechen wir uns für die Kostenfreiheit aller Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsangebote aus, um Kindern und Jugendlichen unabhängig von den finanziellen Verhältnissen ihres Elternhauses gute Lern- und Bildungschancen zu ermöglichen. Allerdings hat im vorschulischen Bereich die Erfüllung des Rechtsanspruchs auf Betreuung – also die Schaffung zusätzlicher Plätze – für uns Vorrang vor der Ausdehnung der Kostenfreiheit.
Wir unterstützen lebensbegleitendes Lernen. Besonderer Förderung bedürfen Personen, die sonst keine Möglichkeiten haben, sich beruflich oder allgemein weiterzubilden. Dies gilt auch für Rückkehrer in das Berufsleben und für ältere Menschen. Das Nachholen aller Schulabschlüsse muss möglich sein. Dazu bedarf es des Ausbaus entsprechender Strukturen, gerade auch der Schulen für Erwachsene. Die Pluralität der Angebote und die Gebührenfreiheit staatlicher Bildungsabschlüsse sind dabei zu erhalten.
Wir GRÜNE stehen im Hochschulbereich für die Entwicklung guter Studienbedingungen und für eine gerechte Teilhabe an Bildung ohne Rücksicht auf die finanziellen Möglichkeiten des Elternhauses. Wir haben bei der Abschaffung der Studiengebühren eine führende Rolle gespielt. Damit haben wir dazu beigetragen, eine große Zugangshürde zu den Hochschulen zu beseitigen. Die CDU verfolgt wie auch ihr Wunschkoalitionspartner FDP mittelfristig weiter die Einführung von Studiengebühren. Weil Studiengebühren aber sozial ungerecht und bildungspolitisch falsch sind, müssen sie abgeschafft bleiben. Wir GRÜNE garantieren, dass es mit uns weiter keine Studiengebühren geben wird.

Miller: 4. Was halten Sie von den beiden Thesen:
a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und
b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Henzler (FDP): Die FDP will alle drei Bildungsgänge Haupt-, Realschule und Gymnasium und deren Abschlüsse in ihrem Profil stärken und die Anschlussfähigkeit in den jeweils nächst höheren Bildungsgang für Schüler sicherstellen. So wird eine Ausbildung nach Neigung und Begabung erhalten und das Vertrauen in die Qualität aller drei Bildungsgänge gestärkt. Gleiches gilt für das Abitur und den Hochschulzugang. Wir wollen gewährleisten, dass nicht nur der Weg über das Gymnasium hin zum Abitur bzw. zum Studium führt, sondern dass dieser Weg auch über den Bildungsgang Hauptschule offen steht. Schüler sollen nach jedem Bildungsabschluss ermuntert werden, weiter zu lernen und den nächst höheren Abschluss anzustreben. Auch über berufliche Bildungsgänge muss ein Hochschulzugang für bestimmte Fachrichtungen ermöglicht werden. Wir sind der Auffassung, dass durch diese Anschlussfähigkeit in unserem Bildungssystem durch gezielte Aus-, Fort- und Weiterbildung der Fachkräftemangel in einzelnen Branchen besser bekämpft und die Qualifikation der jungen Menschen insgesamt stärker erhöht werden kann, als durch eine allgemeine Erhöhung der Abiturientenquote.

Wagner (Grüne): Sehr viele Eltern – die Tendenz ist weiter steigend – entscheiden sich nach der Grundschulzeit dafür, ihr Kind aufs Gymnasium zu schicken, auch unabhängig davon, ob die Grundschule eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen hat oder nicht. Dies stellt das Gymnasium vor neue Aufgaben, denn es muss der zunehmenden Heterogenität seiner Schülerschaft gerecht werden und ihr Potenzial umfassend entwickeln. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, für die Lehrerinnen und Lehrer geeignete Rahmenbedingungen und ein leistungsfähiges Unterstützungssystem benötigen.
Bislang hängen in Hessen die Bildungschancen immer noch viel zu stark von der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen ab. Das wollen wir ändern. Bildung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Kein Kind darf zurückgelassen werden. Gute Bildung ist für das einzelne Kind und die Entfaltung seiner Persönlichkeit ebenso wichtig wie für die wirtschaftliche und technologische Entwicklung unseres Landes. Nur wenn es uns gelingt, alle Fähigkeiten zu entwickeln, ist unser Land zukunftsfähig. Wir brauchen mehr Abiturientinnen und Abiturienten und wir brauchen ein leistungsfähiges und leistungsförderndes Bildungssystem, das auch nach dem Schulabschluss nicht aufhört, sondern lebensbegleitende Angebote vorhält. Für den gleichzeitigen Erwerb eines Abiturs und einer Berufsausbildung werden wir verbesserte Möglichkeiten schaffen. Zudem wollen wir die Hochschulen in die Lage versetzen, in den kommenden Jahren tatsächlich mehr Studierende aufzunehmen. Nur so können wir die Bildungsbeteiligung und auch die chancengerechte Teilhabe an Bildung erhöhen, einem Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften entgegenwirken und verhindern, dass sich die angespannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt durch Verdrängungseffekte weiter verschärft.

Miller: 5. Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Henzler (FDP): Die Lehrerausbildung muss stärker berufsvorbereitend und praxisorientiert gestaltet werden. Bereits in der ersten Ausbildungsphase, dem Studium, soll der Praxisanteil erhöht werden. Die FDP hat in der vergangenen Legislaturperiode einen Gesetzentwurf zu Veränderungen im Vorbereitungsdienst vorgelegt mit dem Ziel, die Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst zu entlasten, damit sie mehr Zeit für die Unterrichtsvor- und –Nachbereitung haben. Die FDP setzt sich darüber hinaus dafür ein, dass vor der Zulassung zur zweiten Ausbildungsphase, dem Vorbereitungsdienst, der spätere Dienstherr die Eignung der Bewerber für das Lehramt durch eine Eignungsprüfung durch das Amt für Lehrerbildung feststellt. Denn nur die für dien Lehrerberuf am besten geeigneten Kandidaten sollen zum Vorbereitungsdienst zugelassen werden. Nur so kann die Qualität des Lehrerberufs sichergestellt werden.

Wagner (Grüne): Wir wollen die Fortbildung und das Unterstützungssystem für Lehrerinnen und Lehrer verbessern. Die Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer und die an sie gestellten Erwartungen sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Wir werden daher ein leistungsfähiges Unterstützungssystem für unsere Schulen schaffen, um durch Qualifizierung der Lehrerinnen und Lehrer sowie Einbeziehung anderer Professionen den Anforderungen an Schule gerecht werden zu können. Konkret werden wir
• die Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung ausbauen und stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen orientieren. Das unsinnige, bürokratische und auf tiefem Misstrauen basierende Sammeln von Fortbildungspunkten schaffen wir ab;
• die bisherigen Unterstützungsleistungen der Staatlichen Schulämter und kommunalen Schulträger in regionalen Bildungsbüros zusammenfassen und ausbauen (z.B. im Bereich der Schulsozialarbeit und des schulpsychologischen Dienstes) und so den Schulen Unterstützung aus einer Hand liefern. So kommt die Vernetzung zwischen Jugendhilfe und Schule einen entscheidenden Schritt voran;
• Derzeit vorhandene Reibungsverluste und unklare Zuständigkeiten zwischen den staatlichen Schulämtern, dem Institut für Qualitätsentwicklung und dem Amt für Lehrerbildung abbauen.
Auch die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wollen wir verbessern. Das Berufsbild von Lehrerinnen und Lehrern hat sich erheblich gewandelt. Sie sind nicht nur mit anspruchsvollen pädagogischen Aufgaben, sondern auch mit gestiegenen gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert. Daher kommt ihrer Ausbildung großes Gewicht zu, denn sie legt den Grundstein
für gute Schulen. Die Landesregierung hat in der Lehrerbildung mit ihrer „Reform“ in den Schulen, Universitäten und Studienseminaren Chaos angerichtet. In einem ersten Schritt werden wir hier die notwendigen Korrekturen vornehmen. Dazu gehören für uns eine Entschlackung der Ausbildungsmodule, die Reduzierung der Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst (LiV) sowie ihrer Ausbilderinnen und Ausbilder und die Stärkung der Rolle der Mentorinnen und Mentoren. In einem zweiten Schritt werden wir im Dialog mit allen Beteiligten über die künftige Struktur der Lehrerbildung beraten. Dabei sind insbesondere die Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse, die Rolle der Staatsexamina und die schulformbezogene Ausbildung zu diskutieren.

Miller: 6. Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit, Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

Henzler (FDP): Die FDP hat als einzige Partei ein ausführliches Konzept für die eigenverantwortliche Schule vorgelegt. Wir fordern, dass die Schulen zukünftig ein Budget führen und selbstständig Personal einstellen dürfen und ihre Schulorganisation und den Unterrichtsbetrieb eigenverantwortlich gestalten. In einem ersten Schritt fordern wir dafür eine 105 %ige Lehrerversorgung in Form eines Budgets für alle Schulen mit der Möglichkeit, dass die Schulen davon bis zu 20 % in Geldmitteln zur eigenverantwortlichen Verfügung erhalten können. Den Modellversuch „Selbstverantwortung Plus“ für mehr Eigenverantwortung der beruflichen Schulen hat die FDP maßgeblich vorangetrieben. Grundsätzlich fordern wir, dass dieser Modellversuch zügig fortgesetzt wird und darüber hinaus auch weitere Schulen aller Bildungsgänge, die sich dies zutrauen, in die Eigenverantwortung entlassen werden sollen. Wir wollen die eigenverantwortliche Schule nicht von oben verordnen, sondern sie soll sich von unten an den einzelnen Schulen entwickeln. Über die unverändert hohe finanzielle Ausstattung mit staatlichen Mitteln hinaus sollen eigenverantwortliche Schulen zusätzlich eigene Einnahmen machen dürfen und selbstständig Ausgaben tätigen.

Wagner (Grüne): Das Modellprojekt „Selbstverantwortung plus“ wollen wir fortführen und weiterentwickeln. Die Ergebnisse und Möglichkeiten des Modells an derzeit 17 beruflichen Schulen in Hessen werden wir als Gestaltungsoption allen Schulen zur Verfügung stellen. Diejenigen Schulen, die sich zu diesen Schritten hin zu mehr Selbstverantwortung entschließen, erhalten die dafür notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen und die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen.
Gute Schulen werden vor Ort gemacht. Wir wollen den einzelnen Schulen vertrauen und ihnen etwas zutrauen. Eine Verbesserung der Qualität, des Lernumfelds für die Schülerinnen und Schüler und des Arbeitsplatzes Schule braucht mehr Freiheit und Eigenständigkeit und weniger Bürokratie und Gängelung. Wir wollen in enger Zusammenarbeit mit den Schulen diese von unnötigen Vorgaben der Kultusbürokratie befreien.
Voraussetzung für Selbstständigkeit von Schule ist die Verlässlichkeit der Politik hinsichtlich der pädagogischen Zielsetzungen, der Unterstützung für die Schulen und der Bereitstellung personeller und finanzieller Ressourcen, denn die Gesamtverantwortung für Schule und Bildung verbleibt beim Staat. Wir werden die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Schulen im Rahmen der erhöhten Selbstständigkeit ihre Aufgaben erfüllen können. Auch werden die Schulen mehr Budgetverantwortung erhalten. Die Schulen sollen über den Einsatz der Sachmittel und über die Verwendung der Personalmittel stärker selbst entscheiden können. Die scharfe Trennung zwischen Sach- und Personalmitteln wird überwunden.
Wir werden in einen Dialogprozess mit den an Schule Beteiligten darüber eintreten, welche pädagogischen, personellen und organisatorischen Freiheiten sie zur weiteren Qualitätsverbesserung ihrer Schule brauchen. Unser Grundsatz dabei lautet: Klarheit über die zu erreichenden Ziele, größtmögliche Freiheit bei dem Weg dorthin, Überprüfung der Ergebnisse. Die Schulen entscheiden in eigener Verantwortung auf der Basis ihres Schulprogramms über Unterrichtsorganisation und Unterrichtsgestaltung. Keine Schule
wird gezwungen, diesen Weg zu gehen, aber die Schulen, die es wollen, erhalten die Möglichkeit dazu.

Miller: 7. Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

Henzler (FDP): Für die FDP muss in erster Linie gewährleistet sein, dass alle Schüler an ihrer Schule kostenfreien Zugang zu den Prüfungsaufgaben für das Landesabitur der Vorjahre haben. Dafür werden wir uns einsetzen. Darüber hinaus halten wir den Verkauf der Abituraufgaben für Schulbuchverlage für vertretbar, wenn die Einnahmen daraus zur Verbesserung des hessischen Schulsystems verwendet werden.

Wagner (Grüne): Wir halten die Praxis der CDU-Landesregierung, die bereits verwendeten Prüfungsaufgaben an private Verlage zu verkaufen und den Schülerinnen und Schülern nur noch einen sehr begrenzten kostenfreien Zugriff darauf zu gewähren, für fragwürdig. Die Antworten der Landesregierung auf unsere diesbezügliche parlamentarische Anfrage haben uns nicht überzeugt. Wir setzen uns dafür ein, dass die Prüfungsaufgaben kostenfrei im Internet zugänglich gemacht werden.

Vielen Dank für die Interviews.

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Hessische Bildungspolitik: DIE LINKE antwortet dem Bildungswirt

15. Januar 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Hessische Bildungspolitik: DIE LINKE antwortet dem Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Hier die Antworten von der Partei Die Linke.

Miller: 1. Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Die Linke: Für DIE LINKE hat absolute Priorität, die soziale Ausgrenzung im Bildungssystem in Deutschland zu beenden und gute Bildung für alle zu gewährleisten. In keinem anderen Industrieland bestimmt der Geldbeutel der Eltern so sehr die Bildungschancen eines Kindes. Arbeiterkinder kommen derzeit meist auf die Hauptschule, Akademikerkinder aufs Gymnasium. DIE LINKE tritt für ein Recht auf Bildung für alle ein.
DIE LINKE macht sich deshalb stark für die Gemeinschaftsschule, d.h. „eine Schule für alle“. In gut ausgestatteten Gemeinschaftsschulen könnten alle Kinder und Jugendlichen besser gefördert werden. Das geht nur mit viel mehr Geld im Bildungssystem: mit viel kleineren Klassen, mit mehr Lehrerinnen und Lehrern, mit mehr Erzieherinnen und Erziehern in den Kindertagesstätten und mehr Dozentinnen und Dozenten und Professorinnen und Professoren an den Hochschulen.

Miller: 2. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Die Linke: Bildung ist ein Menschenrecht. Bildung ist mehr als die Ausbildung für einen bestimmten Beruf. Bildung wird immer mehr auf für die Unternehmen am Arbeitsmarkt verwertbare Ausbildung reduziert.
DIE LINKE tritt deshalb für Bildung jenseits von wirtschaftlichen Verwertungskriterien ein. Jede und jeder muss sich umfassend bilden können, um sich individuell entwickeln und an der Gesellschaft teilhaben zu können.
Aber auch eine gute Berufsausbildung ist wichtig. Zehntausende von Jugendlichen bekommen jedes Jahr keinen Ausbildungsplatz. DIE LINKE setzt sich deshalb für ein Recht auf Ausbildung für alle ein.

Miller: 3. Soll Unterricht und Studium für die Lernenden auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Die Linke tritt ein für gebührenfreie Bildung für alle – von der Kindertagesstätte über die Schule und Hochschule bis zur Weiterbildung. DIE LINKE ist gegen Bildungsgebühren, z. B. gegen die Abschaffung der Lernmittelfreiheit für Bücher und gegen Kita- und Studiengebühren. Gebühren verschärfen die soziale Auslese und machen Bildung zur Ware. Bildung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie muss öffentlich durch gerechte Steuern finanziert werden und durch ungerechte Gebühren von den Lernenden.

Miller: 4. Was halten Sie von den beiden Thesen:
a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und
b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Die Linke: a) Das Gymnasium ist nicht die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts. Nur 40 Prozent eines Jahrgangs machen derzeit Abitur. Das mehrgliedrige Schulsystem grenzt behinderte Kinder, Migrantenkinder und Arbeiterkinder, systematisch aus. DIE LINKE tritt für eine Gemeinschaftsschule ein und gegen die soziale Auslese in Förderschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Die Schule des 21. Jahrhunderts ist eine allgemeinbildende Schule, in der das polytechnische Prinzip einen modernen praxisnahen Unterricht ermöglicht. Die Gemeinschaftsschule gewährleistet eine umfassende Allgemeinbildung für alle Schülerinnen und Schüler. Allgemeinbildung in der Gemeinschaftsschule wie wir sie verstehen, umfasst deshalb alle Bereiche des menschlichen Lebens – Natur, Arbeitswelt, Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Wissenschaft und Kunst, soziale und ethische Beziehungen, Freizeit und Familie. Die Gemeinschaftsschule ist im besten Sinne eine Schule gemeinschaftlicher Bildungsarbeit. Hier wollen wir an positive Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern anknüpfen. Unterricht, weiterführende Angebote im Wahlpflichtbereich und in zusätzlichen attraktiven Arbeitsgemeinschaften, Schulsozialarbeit und schulpsychologische Angebote sollen den Rahmen für erfolgreiches Lernen schaffen. Die Gemeinschaftsschule ist eine sozial engagierte Schule. Sie schaut nicht weg, wenn Schülerinnen und Schüler in ihrem persönlichen und häuslichen Umfeld Probleme haben. Sie entwickelt Solidarität untereinander und bietet sozialpädagogische und sozialpsychologische Hilfen. In der Gemeinschaftsschule soll ein vollwertiges kostenloses Mittagessen für alle Kinder angeboten werden. Ein Abschieben von Lernenden in andere Schulformen soll es in Hessen ebenso wenig geben, wie das „Sitzenbleiben“.

b) DIE LINKE meint: Mit funktionierenden Gemeinschaftsschulen könnten mehr Menschen Abitur machen und studieren. Das wäre gut. Gleichzeitig müssen wir dringend verhindern, dass jeder zehnte Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlässt. Wir brauchen also eine höhere Abiturientenquote und eine niedrigere Schulabbrecherquote. DIE LINKE ist zudem dafür, dass Menschen ohne Abitur und mit Berufsausbildung studieren dürfen.

Miller: 5. Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Die Linke: Dringend müssen mehr Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden. Jahrelang haben die Bundesländer an Studienplätzen und Hochschulen gespart, um sich nun gegenseitig studierte Lehrkräfte abzuwerben. DIE LINKE setzt sich für mehr Studienplätze und für eine bessere Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer ein.

DIE LINKE hält es für erforderlich, die pädagogische Ausbildung zu reformieren. Es kann nicht länger sein, dass angehende Lehrerinnen und Lehrer während ihres Studiums kaum Praxiskontakte haben. Die Aufteilung in Fachausbildung auf der einen Seite und pädagogischer Praxis auf der anderen Seite, die zudem noch hauptsächlich in die zweite Phase der Lehrerausbildung verschoben wird, wird dem Anspruch an den Lehrerinnen- und Lehrerberuf nicht gerecht. Wir fordern eine Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung, von Fachwissenschaft und Pädagogik, Didaktik und Methodik über die gesamte Dauer der Ausbildung. Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer brauchen ebenso solide psychologische und sozialpädagogische Kenntnisse wie diagnostische Fähigkeiten und Grundkenntnisse über sonderpädagogische Arbeit. Eine Gemeinschaftsschule benötigt keine »Zwei-Klassengesellschaft« im Lehrerinnen- und Lehrerberuf, sondern eine gemeinsame Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern mit einer Spezialisierung für unterschiedliche Schulstufen, für die Primar- und die Sekundarstufen. Wer die erste Staatsprüfung erfolgreich absolviert hat, muss einen Rechtsanspruch auf die zweite Phase der Lehrerausbildung haben. Diese soll sich zeitnah an das Studium anschließen. DIE LINKE fordert, dass das Land Hessen wieder in die Tarifgemeinschaft der Länder eintritt und das Tarifdumping in Hessen aufhört. Außerdem muss die Arbeitszeitverlängerung für Lehrkräfte zurückgenommen werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen ein Recht auf Fort- und Weiterbildung haben. Dafür muss genug Personal zur Verfügung stehen.

Miller: 6. Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit, Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

DIE LINKE ist a) für mehr pädagogische Gestaltungsspielräume der Schulen. Allerdings befürchten wir Bildungskürzungen und Privatisierung unter dem Deckmantel der „Selbstverantwortlichen Schule“.
Modellversuche wie z.B. die Eigenverantwortliche Schule nach dem Modell der Bertelsmannstiftung in NRW begünstigen eine Art von Selbstständigkeit in Schulen, die von wirtschaftlichen Interessen geleitet werden. Sie verschärft die Konkurrenz zwischen den Schulen und schiebt die Verantwortung für die desolate finanzielle Situation auf die Schulen selbst ab. Durch den Anpassungsdruck werden Schulen gegeneinander ausgespielt und die Unabhängigkeit staatlicher Schulen wird ausgehebelt: Diese scheinbaren Reformprojekte bedienen sich der Schlagworte wie Leistungsfähigkeit und Qualitätssicherung, um die Schulen miteinander in Konkurrenz zu setzen. Deshalb lehnen wir das Konzept ab. Eine wirkliche Autonomie im Schulbereich erfordert ausreichendes und qualifiziertes Personal für die Unterrichtsversorgung, für die Sozialarbeit, für den Ganztagsbetrieb und für erfolgreiches Lernen. Eine nachhaltige Unterstützung für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und Schulleitungen muss durch den Staat gewährleistet werden. Die Rechte der Lehrkräfte-, Eltern- und Schülervertretungen sind sehr eingeschränkt. In einer wirklich eigenverantwortlichen Schule aber treffen sie alle wesentlichen schulischen Entscheidungen.

b) DIE LINKE befürchtet, dass das Land Hessen das Konzept nicht ausfinanziert, sondern für Kürzungen benutzt. Die Schulen müssten bei Budgethoheit Kürzungen des Landes selbst umsetzen. Sie werden immer weiter in die Enge getrieben, so dass sie auch privatwirtschaftliche Gelder einholen, um bestehen zu können. Dies sind die schlechten Erfahrungen von der „Autonomie der Hochschulen“. Bildung ist eine öffentliche Aufgabe und liegt in der Verantwortung des Landes. Sie darf nicht von Sponsoren abhängig sein.Schulen dürfen keine betriebswirtschaftlich handelnden Unternehmen werden! Lehrerinnen und Lehrer und weitere Beschäftigte der Schulen wären nicht mehr Beschäftigte des öffentlichen Dienstes des Landes Hessen, sondern der einzelnen Schule. Die Schulen könnten die Arbeitsbedingungen verschlechtern und die Kürzungen auf dem Rücken der Beschäftigten austragen. Diese hätten weniger Möglichkeiten, sich gemeinsam dagegen zu wehren.

Miller: 7. Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

DIE LINKE ist gegen die Privatisierung von Bildung, also auch gegen das Verkaufen von Abitursaufgaben an private Verlage. Schülerinnen und Schüler könnten sich besser auf das Abitur vorbereiten, wenn die Aufgaben im Internet oder anderweitig veröffentlicht wären.

Vielen Dank für das Interview.

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Kreative Pause beim Bildungswirt

23. Dezember 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Kreative Pause beim Bildungswirt

Der Bildungswirt (Michael Miller, Frankmackay und Leo) zieht sich für eine kreative Pause zurück – 24. Dezember bis 04. Januar 2009 — In-die- Sonne-blinzeln, Saxophon spielen, plauschen, wirklich interessante Bücher schmökern, im Liegestuhl faulenzen, neuen Ideen und dem Kaffeegeschmack nachspüren …

Ab dem 05.Januar geht’s mit Elan wieder in die Blogosphäre, Themen im Überfluss!
Wie verhält sich der freundlich unkalkulierbare Hesse am 18. Januar ? Koch gegen Schäfer-Gümbel? Winkt doch noch Jamaika? Gibt es einen Aufbruch in der Bildungspolitik? Der gute Lehrer und gefragte Vorbilder – Dauerthemen? Abitur verkauft, hoffentlich nur ein vorübergehender bildungspolitischer Fehltritt? G8/G9-Debatte im Kompromiss beerdigt? Der nationale Bildungsgipfel als Rohrkrepierer? Bildungsstandards – worin besteht die Crux? Die Geist-Gehirn-Debatten als Konstruktionen im Kopf und Vorfreude im Leib? Und last but not least: die Wirtschaft – Finanzwirtschaft, Realwirtschaft, Gastwirtschaft, dazu die TV-Wirtschaft und die Medienkrise einer freiwilligen Eintönigkeit im mainstream? Themen, soweit das Auge reicht. Um im Meer der unendlichen Phänomene nicht unterzugehen bedarf es einer geschulten Aperspektivität (Jean Gebser). Dazu nächstes Jahr mehr mit zusätzlichen Mitarbeitern/ Autoren/ Kommentatoren/ kritischen Lesern – und alles natürlich auch in der weiblichen Form, der neuen bloggenden Frauenpower.

Macht’s gut, frohe Weihnacht, erholsame Tage, Prosit Neujahr, don’t worry be happy …
Euer Bildungswirt

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Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage

10. November 2008 · von Miller · 7 Kommentare

Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage

Freies Denken in Hessen 2008, Foto Miller

Im Artikel „Abitur verkauft – 8. Nachlese“ sagte ich zu, richtungweisende Handlungsschritte und Lösungen betreffend einer „öffentlichen Zugänglichkeit von zentralen Prüfungen“ anzubieten. Dazu ist es notwendig, bisherige Positionen des hessischen Kultusministeriums näher zu analysieren und die Plausibilität der vorgebrachten Gründe zu prüfen. Textgrundlage sind somit die parlamentarische Anfrage der Grünen (des Abgeordneten Mathias Wagner) und die 10 Antworten des geschäftsführenden Kultusministers Jürgen Banzer.

Drei Voraussetzungen / Unterstellungen werden meinerseits getroffen:
1. Dass es um die bestmögliche Bildung und Ausbildung der Schülerinnen und Schüler geht; dies beinhaltet auch eine optimale Prüfungsvorbereitung und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel im öffentlichen Schulwesen
2. Dass der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ grundsätzlich gilt, also Lernfähigkeit und Lernbereitschaft im Dialog gegeben sind und gemeinsam um die sinnvollste Lösung gerungen wird
3. Dass das ökonomische Prinzip grundsätzlich gilt, d.h. dass sich einfachere, effizientere und kostengünstigere Verfahren gegenüber umständlicheren und kostenintensiveren durchsetzen.

Als thematischer Hintergrund wird auf die gesamte Artikel-Serie „Abitur verkauft“ im Bildungswirt rekurriert (vgl. die entsprechenden Hinweise unter ähnliche Artikel am Schluss). Dazu gehören selbstverständlich auch die dargestellten Positionen der Parteien im hessischen Landtag, der Lehrerverbände und die zahlreichen engagierten Kommentare von Bloggern / Lesern.

Fangen wir an:
1. Zunächst ist richtig, das es sich um ein komplexes Vorhaben handelt: „...jährlich etwa 300 Aufgaben in 43 Fächern“(Banzer) und Regelungen des Urheber-Gesetzes (Copyright-Problem) zu berücksichtigen sind. Niemand kann das mit guten Gründen bezweifeln. Nur welche Analyse wird angestellt, welche Interpretation favorisiert und welche Schlüsse werden gezogen? Verschaffen wir uns ein differenziertes Bild zur Struktur der Fächer. Drei Aufgabenfelder mit zugeordneten Fächern liegen vor:
a) das sprachlich-literarisch-künstlerische Feld mit Deutsch, Kunst, Musik, Darstellendes Spiel und den Fremdsprachen Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein, Altgriechisch, Russisch, Chinesisch, Japanisch (unter bestimmten Bedingungen können noch weitere Fremdsprachen an den Schulen angeboten werden)
b) das gesellschaftswissenschaftliche Feld mit Geschichte, Politik und Wirtschaft, Wirtschaftswissenschaften, Erdkunde, Rechtskunde, Philosophie, Ethik, evangelischer und katholischer Religion
c) das mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Feld mit Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und Informatik

Aus dem beruflichen Gymnasium kommen noch weitere Fächer mit Schwerpunktsetzungen in den gewählten Fachrichtungen hinzu wie z.B. Maschinenbau, Elektrotechnik, Bautechnik, Wirtschaftslehre, Agrarwirtschaft, Ernährung und Hauswirtschaft. Aus den Schulen für Erwachsene gibt es noch ergänzend „Exoten“ wie „Historisch-politische Bildung“ und „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ (thematisch und methodisch ein etwas anderer Zuschnitt als das Fach „Politik und Wirtschaft“ oder „Geschichte“). Ergänzend wären noch allgemein das Fach Sport und „Bilingualer Unterricht“ zu nennen und zum Teil noch eine Differenzierung zwischen Grundkursfach und Leistungskursfach zu berücksichtigen. Zugegeben, insgesamt ein weites komplexes Feld. Was ist zu tun?

Jeder vernünftige Mensch, der Prüfungsaufgaben dokumentieren und Lernprozesse fördern will, konzentriert sich angesichts der Fülle auf das Wesentliche: Was ist definitiv vorgeschrieben (Pflichtfach) und was wird von den Schülern schwerpunktmäßig im Abitur gewählt? Daraus ergibt sich für alle als 1. Staffel: Deutsch, Englisch, Mathematik, Politik und Wirtschaft und Biologie. 2. Staffel: Geschichte, Französisch, Spanisch, Latein, Chemie, Physik und Religion. Alles Weitere wäre wünschenswert und ist abhängig von den eingesetzten Ressourcen. Aus den angeblich 43 Fächern reduziert sich das Ganze auf ein MUSS von 5 Fächern (1.Staffel) und max. 7 Fächern (2.Staffel). Das Wedeln mit 43 Fächern lenkt also unnötig vom Kern des Problems ab.

(Bedenke, geneigte Leserin, geneigter Leser: dein im Moment vollzogener Leseakt ist ein kreativer konstruktiver Prozess und befördert eigene, ergänzende Lösungen des Problems, z.B. in welchen Fächern aufgrund ihrer „Exotik“ nur dezentral zu prüfen wäre? Bitte an den Bildungswirt schreiben oder gleich direkt an das HKM, Luisenplatz 10, 65185 Wiesbaden)

2. Bei der Dokumentation von Prüfungen ist zu unterscheiden in: a) Aufgabenstellungen, b) Material, also Texte, Bilder, Grafiken und c) Lösungen, Hinweise, Bewertungsmaßstäbe. Für a) und c) gibt es kein Copyright, da Aufgaben und Lösungen von Lehrerinnen und Lehrern im hessischen Schuldienst erstellt und i.d.R. durch Deputatstunden (Unterrichtsentlastung) vergütet wurden. a) und c) könnten für alle Fächer kostenfrei und problemlos im Internet zur Verfügung gestellt werden. Der Schüler hat zeit- und ortsungebunden ein Recht darauf, zu erfahren, was von ihm im „öffentlichen Prüfungsakt“ verlangt wird. Wir sind inzwischen – auch wenn der ein oder andere noch beängstigend und rückwärtsgewandt dreinblickt – im Internetzeitalter angekommen.

3. Kommen wir zum heiklen Punkt: b) Material. Hier gilt es zu unterscheiden zwischen kostenfreiem und i.d.R. frei verwendbarem Material einerseits und kostenpflichtigem und zustimmungsabhängigem Material andererseits. Diese Copyright-Prüfung kann durch alle Fächer ohne großen Arbeitsaufwand durchgeführt werden, vorzugsweise bei den 12 genannten Fächern (1. und 2. Staffel). Exemplarisch will ich das an einigen Fächern zeigen. Der Grundsatz gilt: Alle Texte, die älter als 70 Jahre sind, können von jedermann frei verwendet werden, unterliegen also keinem Copyright! Aus der vorgeschriebenen Leseliste im Fach Deutsch folgt, dass fast alle Texte copyrightfrei sind, z.B. Goethe, Schiller, Fontane, Büchner,…Analog gilt das für Texte in Geschichte und Latein zu 95%. Besondere Schlauberger kommen allerdings auf die „Geschäftsidee“ zu sagen: ja, die Texte sind copyrightfrei, aber nicht mein Layout. Dann nimmt man eben den Text, bastelt sich in 10 Minuten sein eigenes Layout und schon ist das Problem gelöst. In den Fächern Mathematik, Chemie und Physik ist das Copyright marginal. Fast alles ist von den Lehrerinnen und Lehrern selbst erstellt, z.B. Formeln, Symbolketten, einfache Grafiken, Versuchsbeschreibungen. Zusätzlich gibt es – wie jetzt schon üblich – netzveröffentlichte Handreichungen.

4. Kommen wir zum verbleibenden kleinen Kern des kostenpflichtigen Problems. Autoren und Verlagen werden in Bezug auf das Copyright verzerrt wahrgenommen und falsch eingeschätzt. Autoren und Verlage haben kein Interesse an Konflikten mit staatlichen Institutionen. Sie haben Interesse an Kooperation, an Werbung für den eigenen Namen und ihre Produkte und selbstverständlich immer an Geschäften. Schulbuchverlage erfüllen eine wichtige Unterstützungs- und Begleitfunktion für Unterricht, sind hoch kooperativ, flexibel und gesprächsbereit. Die Autoren sind in der großen Mehrheit selbst Lehrerinnen und Lehrer im Schuldienst oder Hochschuldienst (oder Pensionäre). Ein geschicktes staatliches Management bindet sie in längerfristige Entscheidungen ein und sorgt für eine Win-Win-Situation. Oft erhält man kostenfrei (oder für einen kleinen symbolischen Obolus) Abdruckrechte für Texte, Bilder, Grafiken, wenn selbstverständlich die Quelle und „mit freundlicher Genehmigung des XY-Verlags“ genannt wird. Schulbuchverlage haben ein hohes Interesse daran, dass ihre Produkte an den Schulen vor Ort im Gespräch sind und auch immer wieder bestellt werden. Grundsätzlich gilt die gleiche Einschätzung zu kooperativem Verhalten auch bei großen Medien wie z.B. der FAZ, der FR, der Zeit oder dem HR, wenn z.B. auf aktuelle Berichterstattung zurückgegriffen wird. Die Abdruckrechte für „typische Zeitungsartikel“ zu erhalten, eingesetzt z.B. im Fach Politik und Wirtschaft, ist wirklich kein ernsthaftes Problem. Zudem gibt es die Möglichkeit, über eine geringfügige, einmalige Jahreszahlung pauschal Abdruckrechte für „aktuelle Berichterstattungen“ und die Verwendung zum „Abiturzweck“ zu erhalten. Flexible Amtsjuristen könnten mit VG-Wort Verträge/ Pauschalen über die Nutzungsrechte aushandeln, zumal die Textlänge im Abitur i.d.R. nicht 900 Worte übersteigen darf. Auf Einzelnachweise wird dann im Vorfeld verzichtet; nach dem Abitur kann Bilanz gezogen werden. Insgesamt dürften sich die Zusatzkosten für Dokumentation und Präsentation auf nicht mehr als 1% (ein Prozent!) der öffentlichen Gesamtkosten der Abiturerstellung belaufen.

5. Sollte ein „Platzhirsch“ am Markt im Einzelfall eine unangemessen hohe Summe für Abdruckrechte wollen, so schlägt man das Angebot aus und ignoriert ihn. Zahlreiche qualitativ hochwertige Autoren und Verlage springen gerne ein, wären froh, wenn sie beim Abitur „berücksichtigt“ werden würden. Für diesen Werbeeffekt sind sie bereit einiges zu tun. Ebenso muss ein Ministerium bereit sein, kreative und effiziente Lösungen zu suchen.

6. Noch weitgehend ungenutzt sind kostenfreie Quellen bei Text- und Bildmaterial, die das Internet anbietet. Hier wäre eine qualifizierte Schulung der Lehrerkommissionen zur Aufgabenerstellung anzuraten. Das Internet-Polyversium ist doch deutlich weiter, tiefer und reichhaltiger als die meisten Zeitgenossen meinen.

7. Das Ministerium vertritt in diesem Fall einen seltsam verengten Begriff von Öffentlichkeit bzw. von „öffentlichem Zugriff“. Dem gegenüber muss betont werden, dass eine schul- und bildungspolitische Öffentlichkeit aus Schülern, Lehrern, Eltern, lokalen Schulträgern, universitärer Fachöffentlichkeit und den Medien besteht. Mit zwei CDs pro betroffener Schule (oder eine CD für einen besonders privilegierten Journalisten) kann das nicht geleistet werden. Das angemessene Medium ist das Internet.

Insgesamt komme ich zum Ergebnis: Die von der Gymnasialabteilung des HKM vorbereiteten und vom Minister vorgebrachten Antworten sind wenig gestützt auf gute Gründe, sondern haben wesentlich die Form von luftigen Begründungen.

Es bleibt die berechtigte, seit Monaten bekannte Forderung:
“Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.”

Zum Schluss noch ein persönliches Wort an den Minister. Herr Banzer, der Kultusbereich bereitet Ihnen nach Ihren eigenen Worten Freude und ist für Sie eine große Herausforderung. Nutzen Sie deshalb nebenbei den „Obama-Effekt“ auch in Hessen und auch im Kleinen – change (!), yes we can. „Change“ klingt in der deutschen Übersetzung mit „Wechsel“ zu technisch, gar etwas hölzern. Übersetzen wir Change doch auch noch mit der Obertonreihe: Wandel durch Mut, Begeisterung und Engagement. Eine Stunde „Change“ und das Problem wäre gelöst; der Rest ist professionelle Routine. Es liegt allein in Ihrer Hand. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.

PS. Die an den „hessischen Verhältnissen“ aufgezeigten Problemlösungen gelten im Grundsatz auch bundesweit! Von allen Schulministerien kann in der Abiturproblematik mehr Sorgfalt, Dokumentationsbereitschaft und Engagement erwartet werden. Wie heißt die viel zitierte Formel in der Schule: „Fördern und Fordern“! Das gilt für alle Beteiligten.
In Korrespondenz dazu kann auch mein Beitrag „Abitur in Deutschland (1)“ gelesen werden.

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Der Hesse an sich bleibt unkalkulierbar

3. November 2008 · von Miller · 3 Kommentare

Der Hesse an sich bleibt unkalkulierbar
Paul Weber: Der Schlag ins Leere (1934/1951); Quelle: A. Paul Weber - Museum

Paul Weber: Der Schlag ins Leere (1934/1951); Quelle: A. Paul Weber - Museum

Jeder Polit-Zocker muss auch verlieren können. Sind nun die vier SPD-Abweichler die Helden oder die Huren von Hessen? Wer verkauft hier eigentlich wen oder was?

Die Begriffe Gewissen, Glauben, Grundüberzeugung, Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Treue werden schwer geschunden; jeder Akteur der Stunde ganz inbrünstig, zeitvergessen, in seiner dünnwandigen Egotrip-Blase gefangen. Anfangskapitel einer neue politischen Kultur der schwadronierenden Kaltschnäuzigkeit?

Nach dem großen Suff im Vorhof der Macht und der ex ante –Verteilung der Posten kommt naturgesetzlich der schwere Kater. Morgen, beim 2. Katerfrühstück, bleiben erneut die pragmatischen Fragen: Wie weiter in den nächsten vier Monaten? Augen-zu-Durchhalte-Abgrenzparolen? Notwendiger Haushaltsbeschluss im Landtag? Neuwahlen? Und weiter Narrenspiele?
„Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen.“ Und: „Ordnung führt zu Tugenden! Aber was führt zur Ordnung?“ (Lichtenberg)
Gute Nacht Hessen – und morgen geht die Sonne wieder auf.

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Abitur verkauft – 8. Nachlese

1. November 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Abitur verkauft – 8. Nachlese

Die Antwort des geschäftsführenden Kultusministers, Jürgen Banzer (CDU), auf die parlamentarische Anfrage der Grünen „Zugänglichkeit aller zentralen Prüfungsaufgaben“ liegt endlich vor. Sie steht allen Internetnutzern im Landtagsinformationssystem in vollem Wortlaut, DRS/17/2/00522.pdf, kostenfrei zur Verfügung.

Erinnern wir uns noch einmal, worum es in der Sache „Skandal: Abitur verkauft“ ging und immer noch geht:

„Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.“ …

„Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.“ (vgl. die gesamte Artikel-Serie „Abitur verkauft“ 2008 im Bildungswirt)

Die generelle Antwort der Landesregierung lässt sich im Sinne der angeblichen Komplexität der markerschütternden Herausforderung (Landesprüfungen veröffentlichen!) und der „drohenden Gefahren“ etwa so zusammenfassen:

Wir – die Landesregierung, der Kultusminister – würden ja gern, aber das UrheberGesetz §53 ff verbietet uns jede Veröffentlichung, ja wir stehen in der Gefahr (wie die Video-Piraten und die entsprechenden Spots, die wir angsteinflößend aus dem Kino kennen) „eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren“ (§106 UrhG) zu riskieren. Man sieht förmlich schon den Kultusminister und Spitzenbeamte des HKM hinter schwedischen Gardinen und auch die fragenden Landtagsabgeordneten zucken zusammen, ob der Tragweite des Ersuchens nach einer Veröffentlichung von Landesprüfungen im Internet. „Zustimmungen zu Internetveröffentlichungen sind nur sehr schwierig zu erreichen“, behauptet der Minister,  und „angesichts der sehr hohen Zahl von Aufgaben sowie angesichts des erforderlichen personellen uns sächlichen Aufwandes“ (sprich: das kann alles nicht vom HKM geleistet werden, 43 Fächer und über 300 Aufgaben) gibt es stattdessen 2 CDs pro Schule. Na, wenn das mal kein Service für die interessierte Öffentlichkeit darstellt. Diese CDs unterliegen selbstverständlich dem „Kopierschutz“, aber für „unterrichtliche Zwecke“ dürfen von Lehrern „Aufgaben in Textform kostenfrei vervielfältigt werden.“ (Hoffentlich stimmt das Arbeitsklima und der Kopieretat der Schule, damit auch bei den Lernern etwas ankommt. Versuchen Sie doch mal als Eltern an die Aufgaben für ihren Nachwuchs ranzukommen! Im 1. Bildungsweg liegen für 2008 noch keine CDs vor; im 2. Bildungsweg gibt es 15 CDs pro Schule seit Mitte Oktober).

Das Land Hessen gibt etwa 2 bis 2,5 Millionen Euro pro Jahr für zentrale Prüfungen aus. Da man sich nicht in der Lage sieht, im Internet kostenfrei zu veröffentlichen, verkauft man an verschiedene Verlage und „erhält für die Bereitstellung der verwendeten Abituraufgaben eines Jahres eine Verwaltungskostenpauschale in Höhe von 100 Euro pro Aufgabenset (3 Aufgaben).“  Das Land hat aus dem Verkauf im Jahr 2007 4.400 Euro und Jahr 2008 5.700.-Euro eingenommen. Vergleicht man die Einnahmen mit den geschätzten Kosten, so kann jedermann sofort erkennen, dass hier wirklich Profis am Werk sind; sozusagen aktive Beiträge zur Haushaltskonsolidierung und Bürgerservice in einem!

„Die Verlage erhalten (aber) nur die Aufgabenstellungen, keine Lösungs- und Bewertungshinweise.“ (Da fragt man sich: warum eigentlich? Wenn man die Abituraufgaben an die Verlage de facto verschenkt, die Schüler dann  einzelne Aufgabensets privat kaufen sollen/können, wäre es doch sinnvoll, gleich die Lösungen mitzuliefern. Oder getraut man sich das nicht? Sind diese nicht veröffentlichungsfähig? Warum den Verlagen die Arbeit unnötig schwer machen? Warum Häppchen und nicht das ganze Mahl?)

Letztlich verschanzt sich das Kultusministerium hinter der anscheinend unüberwindbaren Mauer des Urheberrechts und der Fülle des zu bearbeitenden Materials.

Der Bildungswirt wird in einem weiteren Beitrag konkret zeigen, dass dieses „windige Mäuerchen“ leicht zu überspringen wäre, wenn man denn wollte. Der Bildungswirt wird richtungsweisenden Handlungsschritte aus solidarischem Bürger-Engagement für die junge Generation und deren Lernbedingungen unterbreiten. Er verzichtet vorab auf jedes Beratungshonarar, was ihm normalerweise das HKM zahlen müßte. Die „Abiturfrage“ ist insgesamt zu wichtig und bedarf einer sinnvollen Lösung.

Dies ist alles unabhängig davon, wer in Wiesbaden regiert. Der Appell geht deshalb vor der Ypsilanti-Koch-Abstimmung am 04. November an alle fünf Parteien im hessischen Landtag, sich endlich im Interesse der Schüler, Eltern und Lehrer zu engagieren. Auch in Wiesbaden zieht bald wieder mehr Ruhe und Gelassenheit ein, damit wieder etwas für die Bürgerinnen und Bürger gearbeitet werden kann. Zudem wäre es wünschenswert, wenn sich in Hessen die großen Medien wie FAZ, FR und HR dieser Abiturproblematik annehmen würden. Die Hoffnung bleibt …

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