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Finanzmärkte 2010 – etwas aus der Krise gelernt?

13. April 2010 · von Miller · 2 Kommentare

Finanzmärkte 2010 – etwas aus der Krise gelernt?

18 Monate nach der Lehmann-Pleite und dem drohenden internationalen Kollaps der Finanzmärkte stellt sich die Frage: Was wurde daraus gelernt? Grundlegendes oder Oberflächenschminke? Regulierung und Kontrolle der Märkte oder rhetorisch-politisches  Geschwätz zur Volksberuhigung? Selbstherrlichkeit der Finanzmanager, Nieten in Nadelstreifen, auf Kosten öffentlicher Verschuldung, um die Krise abzudämpfen? Politik im Zugzwang?

Anregungen für den Wirtschafts- und Politikunterricht:

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Präzision in der Politik 2010

27. Dezember 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Präzision in der Politik 2010

Rutschpräzision und keine Rutschpartie in der Bildungspolitik 2010.
Politik ist machbar, Herr Nachbar!

Danke an die Gastblogger 2009 und die stets weiter wachsende Leserschaft.

Neujahrswünsche vom Bildungswirt.

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Tags: Bildung · Vorbilder

Hauptschüler als Leistungsträger der Gesellschaft – wirklich gewollt?

22. Dezember 2009 · von tango · Keine Kommentare

Hauptschüler als Leistungsträger der Gesellschaft – wirklich gewollt?

Unter der Leitung der Schauspielerin Barbara Englert und mit Unterstützung des hessischen Kinderschutzbundes sowie des Offenen Kanals Offenbach realisierten Hauptschüler einer SchuB-Klasse der Frankfurter Innenstadtschule eine Aufführung von Schillers Don Carlos.

Der Prozess der Aneignung des auch für Oberstufenschüler sperrigen Theaterstücks wurde in einem „Making of“ von den Schülern selbst dokumentiert, ebenso wie die Erstellung eines Bühnenbildes, der Kostüme, die musikalische Begleitung am Klavier, Fechteinlagen, Konzentrations- und Bewegungsübungen. Zwei Frankfurter Tageszeitungen berichteten unter dem Titel Abiturstoff für Hauptschüler bzw. Die Macht des Don Carlos ausführlich über diese enorme Leistung vom ersten Erlesen bis zur kompletten Aufführung in nur 19 Tagen. Dies zeigt, dass Hauptschüler zu Leistungsträgern der Gesellschaft werden könnten, wenn man Potenziale wirklich ausschöpfen wollte und Hauptschule bzw. Schule insgesamt folgendermaßen verändern würde:

  • Schüler erarbeiten sich etwas mit allen Sinnen, nicht nur auf ihrem Stuhl sitzend und frontal den Input erwartend
  • Sie sind nicht an die statische Architektur eines Raumes gebunden, sondern der Raum wird Teil der Lernarchitektur, der sich den Erfordernissen und Zielen angepasst (beim Projekt ermöglichte die freie Natur oder ein großer Raum Bewegung und Expression)
  • Sie haben Zeit, an etwas dranzubleiben, bis sie ein eigenes Ergebnis sehen, statt in einer Massenabfertigung im 45-Minutentakt Stoff eingehämmert zu bekommen nach dem Motto Friss oder stirb
  • Sie genießen ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung (durchaus auch in Form von konstruktiver Kritik)
  • Sie können, ja müssen kooperieren, um Erfolge zu genießen
  • ihr Selbstbewusstsein wird durch Bestätigung und Erfolg gestärkt, statt durch Sanktionen geschwächt
  • Man traut ihnen auch große und schwierige Leistungen zu, statt eigene Erwartungen schon vorab herunterzuschrauben
  • Man anerkennt sie als Subjekte gemeinsamen Lernens und Arbeitens, ohne die kein Ergebnis zustande kommen kann, statt in ihnen nur Objekte für reproduzierte Lernleistungen zu sehen
  • Man hilft ihnen, damit sie es selber können.

Daraus ergeben sich folgende Fragen zu pädagogischen Konsequenzen:

Warum werden solche Erkenntnisse, die in erfolgreichen Projekten gewonnen werden, trotzdem nie in der Fläche umgesetzt?

Warum werden solche Projekte zwar medial, oft sogar politisch gefeiert, aber nie zur alltäglichen Praxis?

Etwa, weil während dieser Zeit ja gar kein Englisch- oder kein Mathematikunterricht stattfände?

Nein, keineswegs, denn wer auf diese andere Art erfolgreich lernt und dadurch Selbstvertrauen gewinnt, hat seinen Kopf auch für andere Lernleistungen geöffnet, sofern diese nicht wieder nach alter Trichterart den Rückschritt einleiten.

Vielleicht hat man aber auch gar kein Interesse daran, die nötigen Konsequenzen zu ziehen, dann müsste nämlich die Hauptschule als Restschule schließen, denn Don Carlos wäre plötzlich für alle be-greifbar und das Gymnasium würde über Nacht zur Regelschule der Gegenwart!

Die oft ausgemusterten Hauptschüler würden plötzlich zu wirklichen Leistungsträgern, nicht diejenigen, die durch riskante Unternehmungen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, der dann, weil sie dafür selten die Verantwortung übernehmen, von den eigentlichen Leistungsträgern der Gesellschaft wieder bereinigt werden muss.

All denjenigen, die dieses Theaterprojekt ermöglicht und begleitet haben, vor allem aber den jungen Hauptschülern, ohne die dieses Projekt nicht erfolgreich hätte sein können, gebührt Dank.

Vielleicht finden solch positiven Ergebnisse und Erkenntnisse irgendwann einmal Eingang in eine flächendeckende pädagogische Qualitätsentwicklung, die diesen Namen auch verdient!

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Kostenlos versus Copyright

28. November 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Kostenlos versus Copyright

oder: Welche Regeln braucht der Marktplatz Internet?”
Die Suchmaschine Google streitet sich mit Autoren und Verlagen. Die Schriftsteller werfen dem Unternehmen vor, Bücher ohne Erlaubnis fürs Internet zu digitalisieren. Die Verleger verlangen einen fairen Anteil an den Werbeerlösen von Suchmaschinen, Portalen und Dienste-Anbietern. Aber auch untereinander streiten Autoren und Verlage über die Zweitverwertung von Texten und Fotos.
Es geht ums Urheberrecht der Kreativen und das Leistungsschutzrecht der Medienwirtschaft. Und darauf haben private wie kommerzielle Internetgemeinde nur eine Antwort: Altes Denken müsse man nicht noch gesetzlich schützen. Und die Verlage kontern, da habe sich ein Kartell im Internet gebildet.
Darüber diskutierten aktuell im “Wortwechsel”:
Konstantin Neven DuMont, Vorstand der Unternehmensgruppe M. DuMont-Schauberg;
Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes;
Thomas Mosch, Geschäftsleitung des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien;
Jens Seipenbusch, Vorstandsvorsitzender der Piratenpartei Deutschland

Zuhören und selbst denken sind heute erstauliche Kompetenzen, die es zu fördern gilt.
Weitere Hintergrundmaterialien zur Kontroverse um den „Heidelberger Appell“ finden sich hier

Kostenfreie Veröffentlichung von verbrauchten Abiturprüfungen wäre hierzu eine untergeordnete Debatte. Die Copyrightfrage ist weitgehend gelöst. Kostenlos und doch Akzeptanz des Copyrights – einfach kreativ zusammendenken und handeln.

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Jugend – Liebe – Rechtschreibung

24. November 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Jugend – Liebe – Rechtschreibung

Die Fortsetzung zu Rechtschreibdrill-Spiegelfechter-Ewiggestrige

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Rechtschreibdrill-Spiegelfechter-Ewiggestrige

13. November 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Rechtschreibdrill-Spiegelfechter-Ewiggestrige

Rechtschreibpaukerei: Sollten wir darüber in der Schule nicht noch einmal gründlich nachdenken? Für welche Kompetenz setzen wir unzählige Stunden ein? Ist das noch zeitgemäß, wenn doch fast jeder längst einen Laptop mit komplexem Rechtschreibprogramm zur Verfügung hat – demnächst auch in der Schule, in Klausuren, in Landesprüfungen?


Gefragt sind vielfältige Internetkompetenzen, kommunikative und kreative Kompetenzen statt Rechtschreibdrill.

Rechtschreibfähigkeiten sind eine Unterfunktion kommunikativer Kompetenz. Es fehlt an expressiver Vernunft, die gestalten will.

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Verkehrte Welt im hessischen Landtag oder Kultusministerium? Teil 1

28. Oktober 2009 · von Miller · 13 Kommentare

Verkehrte Welt im hessischen Landtag oder Kultusministerium? Teil 1

oder der müßige Streit um die verbrauchten Abiturprüfungsaufgaben

Kostenfreier-Zugang-zu-Abituraufgaben

„Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet“ ist immer noch die unerfüllte Forderung für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich. Der aktuelle Streit in Hessen um die sinnvolle Verwendung von verbrauchten Abitur-Prüfungsaufgaben zeigt sich in neuem Licht. Er hat bundespolitische Bedeutung, da bisher in keinem anderen Bundesland eine vernünftige Gesamtregelung vorliegt.

Die Linken haben sich in ihrer Großen Anfrage vom 07. April 2009 in der Sache verstärkt auf vielfältige Darlegungen des Bildungswirts gestützt, bis hin zur Übernahme ganzer Textteile in die offiziellen 22 Fragen an die Landesregierung.
Die Linken hatten vorher höflich gefragt. Man sollte wissen, dass auch allen anderen Landtagsfraktionen umfangreiche Infos und Einschätzungen aus Blog-Beiträgen und Artikeln zur Verfügung gestellt wurden und entsprechend kommuniziert wurde (nur die CDU äußerte sich nicht).
Seit dem 08. September 2009 sind die 22 Antworten der Landesregierung, nach 154 Tagen Bearbeitungszeit, im Landtagsinformationssystem veröffentlicht.
Höchstwahrscheinlich wird der Streit auf der nächsten Plenarsitzung des Landtags, 17. bis 19. November 2009, verhandelt. Differenzierter Sachverstand und Fingerspitzengefühl im Interesse der Jugend wird allen fünf Parteien und ihren Volksvertretern unterstellt.

In der Großen Landtagsanfrage der Fraktion Die Linke betreffend Verkauf der Rechte am Landesabitur (Drucksache 18/338) heißt es zur Genese des Konflikts in der Vorbemerkung der Fragestellerin:
„Im Oktober 2008 hatte sich die Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN mit einer Kleinen Anfrage betreffend die Zugänglichkeit zu zentralen Prüfungsaufgaben (Drucksache 17/522) an die Landesregierung gewandt. Die Antworten derselben liegen inzwischen vor, sind jedoch zum einen reichlich unbefriedigend und zeugen zum anderen von einem naiv-fragwürdigen Umgang mit der einschlägigen Rechtsmaterie.
So behauptet der ehemalige Kultusminister Banzer (CDU) beispielsweise, die Abituraufgaben könnten durch das Ministerium nicht im Internet veröffentlicht werden, weil sie Zitate von urheberrechtlich geschützten Werken enthielten, deren allgemeine Zugänglichmachung durch § 53 des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urhebergesetz, UrhG) verboten sei. Deshalb sei die Veröffentlichung aller Prüfungsaufgaben unmöglich. Diese Aussage hält einer juristischen Prüfung keineswegs stand und ist bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes als falsch anzusehen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Land Hessen 2 bis 2,5 Millionen Euro pro Jahr für die Erstellung zentraler Prüfungsaufgaben ausgibt, hiernach jedoch lediglich „für die Bereitstellung der verwendeten Abituraufgaben eines Jahres eine Verwaltungskostenpauschale in Höhe von 100 Euro pro Aufgabenset (3 Aufgaben)“ von den entsprechenden Verlagen erhält, nicht akzeptabel: Das Land hat aus dem Verkauf eines Wertes in Höhe von 2 bis 2,5 Millionen Euro im Jahr 2007 4.400 Euro und im Jahr 2008 5.700 Euro eingenommen – und diesen somit mit jeweils durchschnittlich rund 99,8 v.H. „Verlust“ verkauft.“

Pointiert dargelegt wird der bisherige Streit u.a. in folgendem Interview:

Das seltsame Geschäft mit den Abituraufgaben – Der Bildungswirt im Lehrerfreund-Interview

Der Lehrerfreund berichtet über den Bildungswirt

Der Lehrerfreund berichtet über den Bildungswirt

Die juristischen Belange wurden im Bildungswirt ausführlich schon vor einem Jahr in Abituraufgaben und die Copyrightfrage erörtert.

Am 10. November 2008 schrieb der Bildungswirt zur Dokumentation von Prüfungsaufgaben: „Drei Voraussetzungen / Unterstellungen werden meinerseits getroffen:
1. Dass es um die bestmögliche Bildung und Ausbildung der Schülerinnen und Schüler geht; dies beinhaltet auch eine optimale Prüfungsvorbereitung und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel im öffentlichen Schulwesen
2. Dass der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ grundsätzlich gilt, also Lernfähigkeit und Lernbereitschaft im Dialog gegeben sind und gemeinsam um die sinnvollste Lösung gerungen wird
3. Dass das ökonomische Prinzip grundsätzlich gilt, d.h. dass sich einfachere, effizientere und kostengünstigere Verfahren gegenüber umständlicheren und kostenintensiveren durchsetzen.“

aus : http://www.bildungswirt.de/2008/11/10/abitur-verkauft-9-nachlese-und-die-copyrightfrage/
Das gilt auch heute noch unverändert.

Die 22 Antworten der Landesregierung werden im Folgenden in Auszügen bzw. punktuell zusammenfassend dargestellt und hinsichtlich Logik, inhaltlicher Verflechtung und Angemessenheit (Praxisnähe) kommentiert:

Antwort 1: „Die Landesregierung verfolgt mit der Bereitstellung von Aufgaben aus den schriftlichen Prüfungen des Abiturs keinerlei kommerzielle Interessen.“
Antwort 5: „ Die Erstellung von Abituraufgaben erfolgt in Erfüllung elementarer gesetzlicher Aufgaben der Schulverwaltung, nämlich zur Durchführung der landesweiten Abiturprüfung in hessischen Schulen im Interesse der Schülerinnen und Schüler. Sie dient nicht in erster Linie der Schaffung wirtschaftlicher Werte, die unter maximaler Gewinnerzielung weiter veräußert werden sollen.“

Große Einigkeit, was sonst? Wer für 5000 Euro pro Jahr ohne Not Aufgaben verkauft und mindestens zwei Millionen (!) Euro für die Erstellung ausgibt, kann keine kommerziellen Interessen verfolgen, andernfalls müsste am Verstand des Verkäufers ernsthaft gezweifelt werden.

Antwort 1: ….“ Die hessischen Schulen erhalten nach Abschluss der jährlichen Prüfungen alle
verwendeten Aufgaben und die dazugehörigen Materialien sowie Lösungs- und Bewertungshinweise kostenfrei zur weiteren unterrichtlichen Verwendung und als Übungsmaterial für Schülerinnen und Schüler.“
Antwort 9: „Schülerinnen und Schülern hessischer Schulen entstehen zur Beschaffung hessischer Abituraufgaben keinerlei Kosten, da die Aufgaben mit den Materialien und den dazugehörigen Lösungs- und Bewertungshinweisen kostenfrei in ihrer Schule zur Verfügung stehen.“

Man merkt die komplette Praxisferne dieser Aussagen. Formal korrekt erhalten tatsächlich die Schulleiter im Bereich der gymnasialen Oberstufe meist 1 CD (!) mit der Dokumentation der Abituraufgaben, Materialien und Lösungen. Das heißt noch lange nicht, dass diese Lern-Materialien tatsächlich bei den Schülern ankommen, geschweige den Eltern bzw. einer interessierten Fachöffentlichkeit zur Verfügung stehen. Was sind die praktischen Konsequenzen aus so einem dilettantischen, für die Schulen umständlichen Verfahren?

a) Die Aufgaben liegen auf dem Rechner des Schulleiters – Zugang nur für besonders Privilegierte.
b) Oder Schulen müssen mühsam „unter großer Verschwiegenheit, nur für Unterrichtszwecke“ weitere CDs in eigner Regie brennen, damit überhaupt die Lehrerinnen und Lehrer versorgt werden können.
c) Oder aber die Aufgaben werden ausgedruckt und in meterlanger Leitzordneranreihung im Lehrerzimmer oder in der Lehrerbibliothek abgeheftet. Dann wird daraus wieder mühsam – wenn der Lehrer denn will – für Schüler kopiert.
d) Nicht einmal die Schülervertretung bekommt eine CD zur Verfügung gestellt.
e) Eltern sind als Erziehungsberechtigte von diesen „Lernmaterialen“ komplett abgeschnitten.
f) Universitäten, Lehramtstudenten, die gesamte Fachöffentlichkeit und die Medienvertreter werden faktisch ausgeschlossen.

Wir fragen umgekehrt, unter Berücksichtigung des ökonomischen Prinzips: Was ist einfacher, effizienter, nerven- und kostensparender als eine kostenfreie Veröffentlichung der Aufgaben im Internet? Jeder Interessierte kann ortsungebunden und zu jeder Zeit nach seinen Bedürfnissen zugreifen. Erreicht man 20.000 Schüler leichter über das Internet oder über ein paar gebrannte CDs mit eindeutig selektiver Funktion?
Will man Selektion und Lernbarrieren oder Integration und Subjektförderung?
Hat ein Verantwortlicher im Ministerium schon von der zeitgemäße Antwort – „Web 2.0 als große pädagogische Aufgabe und Chance“ – gehört? Oder erfreut man sich an Potemkinschen Dörfern, ist ständig auf Sendung — Empfang hingegen auf breiter Front gestört?

Antwort 9: „Es steht natürlich jedem frei, weitere Übungs- und Vorbereitungshefte auf dem Büchermarkt zu erwerben. Eine Notwendigkeit dazu besteht jedoch aus genannten Gründen nicht.“
Antwort 12: „Die Verlage erhalten lediglich die Aufgaben, keine Lösungs- und Bewertungshinweise. Inwieweit Verlage aus den Prüfungsaufgaben zum Landesabitur Bewertungsschemata entwickeln, obliegt den Verlagen in eigener Verantwortung. Seitens der Verlage besteht diesbezüglich keine Informationspflicht gegenüber dem Land Hessen.“

Hier sind Logikschwäche und Praxisferne kaum noch zu überbieten. Wenn ich schon die Prüfungsaufgaben an private Verlage symbolisch verkaufe, de facto verschenke, warum nicht gleich alles im Interesse der Schüler offenlegen? Die Lösungen und Bewertungshinweise liegen doch von den Fachkommissionen ausgearbeitet vor. Warum sollen die Verlage diese noch einmal selbst entwickeln? Warum sollen die Schüler nicht gleich das Original bekommen? Hat man Angst zu zeigen, was man kann?
Übungs- und Vorbereitungshefte der Verlage werden massenhaft von Schülern gekauft, zum Teil sind sie Gegenstand des Unterrichts. Selbstverständlich wird man sanft zum Kauf, zur optimalen Vorbereitung „gezwungen“. Wer will schon das Risiko einer schlechten Vorbereitung eingehen, da ein Ministerium nicht alles veröffentlicht?

Antwort 13: „Der im Artikel „Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage“ (vgl. http://www.bildungswirt.de/2008/11/10/192) unter Punkt 1 dargestellte
Sachverhalt ist rechtlich nicht haltbar. Gemäß § 24 Abs.2 S.1 Nr.1 und 2 der Oberstufen- und Abiturverordnung vom 20. Juli 2009 (OAVO) sind Fächer der schriftlichen Abiturprüfung die beiden von der Schülerin oder dem Schüler gewählten Leistungsfächer (erstes und zweites Prüfungsfach) sowie ein von der Schülerin oder dem Schüler gewähltes Fach (drittes Prüfungsfach). Die drei schriftlichen Prüfungsfächer müssen mindestens zwei der drei Aufgabenfelder im Sinne von § 7 OAVO abdecken, vgl. § 24 Abs.2 S.2 OAVO. Eine Konzentration der Prüfungsvorbereitung bzw. einer Dokumentation der Prüfungsaufgaben im Sinne einer „Staffelbildung“ verbietet sich mit Blick auf § 24 Abs.2OAVO. Erfahrungen mit der Fächerwahl der Schülerinnen bzw. Schüler, die im Übrigen divergieren kann, können nicht Maßstab für die Prüfungsvorbereitung sein.“
[BW: Für die bessere Lesbarkeit Verlinkungen eingefügt]

Hier wird juristisch Paragraphen-Wind erzeugt, der bei näherer Betrachtung nichts anderes als „heiße Luft“ darstellt. In der OAVO ist zur Dokumentationsfrage einer Landesregierung von verbrauchten Abituraufgaben gar nichts geregelt. Niemand bezweifelt die allgemeine Gültigkeit der OAVO. Im Ursprungstext des Bildungswirts, den die Landtagsfraktion übernommen hatte, hieß es: „Jeder vernünftige Mensch, der Prüfungsaufgaben dokumentieren und Lernprozesse fördern will, konzentriert sich angesichts der Fülle auf das Wesentliche: Was ist definitiv vorgeschrieben (Pflichtfach) und was wird von den Schülern schwerpunktmäßig im Abitur gewählt? Daraus ergibt sich für alle als 1. Staffel: Deutsch, Englisch, Mathematik, Politik und Wirtschaft und Biologie. 2. Staffel: Geschichte, Französisch, Spanisch, Latein, Chemie, Physik und Religion. Alles Weitere wäre wünschenswert und ist abhängig von den eingesetzten Ressourcen. Aus den angeblich43 Fächern reduziert sich das Ganze auf ein MUSS von 5 Fächern (1. Staffel) und max. 7 Fächern (2. Staffel). Das Wedeln mit 43 Fächern lenkt also unnötig vom Kern des Problems ab.“

Selbstverständlich kann die Landesregierung alle 43 Fächer ausführlich dokumentieren. Auch kann sie nur für einen Kernbestand zentrale Landesprüfungen ansetzen (sagen wir ca. 15 Fächer) und den Rest nach landesweiten Vorgaben dezentral prüfen lassen. Sie hat dabei einen enormen Gestaltungsspielraum, den die Bundesländer sehr unterschiedlich auslegen und nutzen.
Entgegen der erkennbaren Meinung der Juristen geht es in der Schule vorwiegend um pragmatische Lösungen. Wenn man anfängt, dokumentiert man zuerst die Pflichtfächer und dann die am häufigsten angewählten Fächer; so erreicht man die maximale Breitenwirkung. Insofern sind empirische „Erfahrungen mit der Fächerwahl der Schülerinnen bzw. Schüler“ entscheidend. Diese sind selbstverständlich dem HKM bekannt! Nur praxisfremde „Experten“ kommen hier auf verzwirbelte Scheinlösungen.

Teil 2  und Teil 3 unserer Kommentierungen der Antworten der Landesregierung erscheinen in Kürze.

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Was macht Computerspiele attraktiv?

14. September 2009 · von Tobias Bevc · 4 Kommentare

Was macht Computerspiele attraktiv?

Nicht, dass nicht noch mehr negative Aspekte hätten aufgezählt werden können. Aber wie der geneigte Leser ja schon gemerkt hat, gibt es bisher nicht einmal eindeutigen Belege dafür, wie „schädlich“ Computerspiele wirklich sind.  Wer es eindeutig mag, sei auf folgendes, leider recht dummes Buch über Computerspiele- und TV Gewalt  und ihre Wirkung hingewiesen: Da spiel ich nicht mit, herausgegeben von Rolf und Renate Hänsel.

Nun zur eigentlichen Frage: Was macht Computerspiele attraktiv?

Dieses Thema ist recht kurz abzuhandeln:

  1. Die (meisten) Computerspiele lassen sich den Fähigkeiten des Spielers anpassen. D.h. jeder kann die Spiele mit einem solchen Schwierigkeitsgrad spielen, dass weder eine Über- noch Unterforderung auftritt. Auf diese Weise läßt sich Frust beim Spielen vermeiden, der entweder darin besteht, dass das Spiel keine Herausforderung ist und ergo langweilig wird bzw. dass es nicht zu schwierig ist und daher frustrierend. Beide Fälle führen i.d.R. zum Spielabbruch.
    Nur jedoch bei der richtigen Mischung zwischen Spielfluss und ausreichend Herausforderung kann es zum sog. „Flow“-Erlebnis kommen (Mihaly Csikszentmihalyi, Das flow – Erlebnis: Jenseits von Angst und Langeweile im Tun aufgehen).
  2. Die drei Komponenten Macht, Kontrolle und Herrschaft (Fritz, Warum eigentlich spielt jemand Computerspiele?),  die der Spieler in Computerspielen ausleben kann, sind die Elemente, die diese Spiele für viele attraktiv machen (vgl. dazu allgemein für das Spiel: Oerter, Psychologie des Spiels). Gerade Kinder und Jugendliche können diese Elemente im echten Leben eher selten in vollen Zügen auskosten.
  3. Drei weitere Elemente, die das Computerspielen attraktiv machen, sind die von Klimmt beschriebenen Faktoren des Unterhaltungserlebens:
    1. Selbstwirksamkeitserleben,
    2. das Prinzip der Spannung und Lösung und
    3. die simulierte Lebenserfahrung.
    Das erste meint, dass der Spieler beim Spielen erfährt, dass seine Handlungen den entscheidenden Unterschied ausmachen; das zweite bedeutet, dass das Spielerleben ein beständiger Prozess des Spannungsaufbaus durch das Spielgeschehen ist. Der Spieler ist gezwungen, eine Problemlösungsstrategie zu entwerfen und durch sie eine Lösung des Problems zu erreichen. Damit kommt es auch zur Lösung der Spannung durch die erfolgreiche Umsetzung der Lösungsstrategie des Spielers durch den Spieler. Das dritte Moment des Unterhaltungserlebens, die simulierte Lebenserfahrung, bietet den Spielern die Möglichkeit der Übernahme einer interaktiven Handlungsrolle. (Christoph Klimmt (2006), Computerspielen als Handlung,  Köln, 95-102.)
  4. Last but not least sind die sozialen Aspekte des Computerspielens nicht zu vernachlässigen, gerade im Fall von Mehrspielerspielen. Neben den Freundschaften die via Computerspiele geknüpft und gepflegt werden, sind Computerspiele heutzutage auch eines der Leitmedien der jungen Generation.  Wer Computerspiele spielt und sich mit ihnen auskennt, kann davon dadurch bei seinen Altersgenossen Anerkennung  finden.In vielen der  MMORPGs (Massively Multiplayer Online Role-Playing Games) kommt es zu Gemeinschaftsbildung und starker Gruppenzugehörigkeit. Die Spiele, die meist in Fantasiesettings spielen, bieten vieles, was die heutige Gesellschaft nicht mehr bietet: Die Gemeinschaft ist dem Anderen und Fremden sowie dem Verschiedenen gegenüber ablehnend eingestellt, sie beruht auf Homogenität und (Ab-)Geschlossenheit der Gedankenwelt. Die Gemeinschaft stellt sich uns als eine Welt dar, die klar umrissene und kontrollierte Grenzen hat. In ihr hat jedes Mitglied einen bestimmten Platz, der dem jeweiligen Individuum Sicherheit und eine klare Verortung in der gemeinschaftlichen Hierarchie gibt. Richtig und falsch, gut und böse sind eindeutig zu erkennen (vgl. dazu ausführlich meinen Aufsatz in Tobias Bevc und Holger Zapf (Hg.) (2009), Wie wir spielen, was wir werden. Computerspiele in unserer Gesellschaft, Konstanz, 141-160). (http://www.spiele-politik.de/)
  5. Viele Computerspiele machen einfach Spaß!

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