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Abitur verkauft (10)- Große Anfrage der Linken

8. Mai 2009 · von Miller · 5 Kommentare

Abitur verkauft (10)- Große Anfrage der Linken

Wer steht im hessischen Landtag wie ein Fels in der Brandung? Welche Partei –  CDU, Linke, FDP, Grüne, SPD engagiert  sich besonders in Fragen einer gerechte Bildungspolitik? Wer sorgt für Transparenz und Aufklärung? Was leistet die neue Ministerin? Die 100 Tage „Eingewöhnung“ im Kultusminsterium sind vorbei. Was leistet die Regierung, was leistet die Opposition?
Das Thema Abitur verkauft beschäftigt uns jetzt schon ein volles Jahr, da bisher im Kultusministerium keine sinnvolle Lösung gefunden wurde, im Gegenteil. Was ist der neueste Stand?

Die Fraktion DIE LINKE  hat am 06.April 2009 eine „Große  Anfrage betreffend Verkauf der Rechte am Landesabitur“ in den hesssichen Landtag eingebracht. Sie schreiben als Problemaufriss:
„Im Oktober 2008 hatte sich die Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN mit einer Kleinen Anfrage betreffend der Zugänglichkeit zu zentralen Prüfungsaufgaben (Drucks. 17/522) an die Landesregierung gewandt. Die Antworten
derselben liegen inzwischen vor, sind jedoch zum einen reichlich unbefriedigend und zeugen zum anderen von einem naiv-fragwürdigen Umgang mit der einschlägigen Rechtsmaterie. So behauptet der ehemalige Kultusminister Banzer (CDU) beispielsweise, die Abituraufgaben könnten durch das Ministerium nicht im Internet veröffentlicht werden, weil sie Zitate von urheberrechtlich geschützten Werken enthielten, deren allgemeine Zugänglichmachung durch § 53 des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urhebergesetz, UrhG) verboten sei. Deshalb sei die Veröffentlichung aller Prüfungsaufgaben unmöglich. Diese Aussage hält einer juristischen Prüfung keineswegs stand und ist bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes als falsch anzusehen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Land Hessen 2 bis 2,5 Mio. € pro Jahr für die Erstellung zentraler Prüfungsaufgaben ausgibt, hiernach jedoch lediglich „für die Bereitstellung der verwendeten Abituraufgaben eines Jahres eine Verwaltungskostenpauschale in Höhe von 100 € pro Aufgabenset (3 Aufgaben)“ von den entsprechenden Verlagen erhält, nicht akzeptabel: Das Land hat aus dem Verkauf eines Wertes in Höhe von 2 bis 2,5 Mio. € im Jahr 2007 4.400 € und im Jahr 2008 5.700 € eingenommen – und diesen somit mit jeweils durchschnittlich rund 99,8 v.H. „Verlust“ verkauft.“
Dann folgen 22 konkrete Fragen an die Landesregierung (vgl. Große Anfrage). Man darf auf die Antworten gespannt sein. Die bisherige Position der CDU-Alleinregierung wird nicht zu halten sein. Sustanziell hatte ich das im Beitrag Abitur verkauft (9)- zur Copyrightfrage dargelegt.

Die Linken hatten meine Recherchen und Positionen zum Großteil wörtlich in Ihre Anfrage aufgenommen. Sie hatten mich vorher gefragt, so wie ich allen 5 Parteien im Landtag bei der Lösung des Problems meine Mithilfe angeboten hatte. Die CDU hatte sich als „Strategie“ das große Schweigen ausgedacht, wegschauen, Übungsstundendemonstration in der „Diktatur des Sitzfleisches“. SPD und Grüne haben sich weitgehend die Position des Bildungswirts zu eigen gemacht und ihren entsprechenden Parteilfilter eingebaut. Prima, Hauptsache wir ziehen im Interesse der Schülerinnen und Schüler, der Eltern, letztlich auch im Interesse der Lehrerinnen und Lehrer an einem Strang. Auch die GEW Hessen hat sich durch Vorstandbeschluss Ende 2008 dieser Position angeschlossen:

Es bleibt die berechtigte, seit vielen Monaten bekannte Forderung:
“Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.”

Der Streit hat bundespolitische Bedeutung, da in keinem Bundesland bisher eine wirklich gute Lösung der Transparenz von verbrauchten Abituraufgaben gefunden wurde. Vgl. dazu auch meine beiden  Beiträge  „Abitur in Deutschland“.

Gespannt kann man sein, was jetzt die FDP tut. Die neue Ministerin Dorothea Henzler (FDP) hat es in der Hand, die 100 Tage  Schonzeit/Eingewöhnungszeit im Amt  sind abgelaufen. Ich wünsche ihr einen klaren analytischen Blick und viel Erfolg in der Lösung des Problems. Lösungsoptionen liegen vorbereitet auf dem Tisch. Es fehlt nur noch der politische Wille.

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SPD: Mein Gott Walter

1. April 2009 · von Miller · Keine Kommentare

SPD: Mein Gott Walter

Die Story ist in Grundzügen bekannt: Die hessische SPD hatte die Chance die Regierung Koch abzulösen, zerlegte sich aber kurz vorher lieber selbst. Der 03. November 2008 wird in die Parteigeschichte eingehen. Viele Akteure, angeblich Profis, Netzwerker, Zauberlehrlinge und Hinterzimmer-Pokerspieler waren am Werk. Jürgen Walter gehörte zu den Akteuren der 1. Reihe.

Böse Stimmen meinten gar, dass Walter Kochs bester Mann gewesen sei. Zusammen mit Dagmar Metzger, Carmen Events und Silke Tesch bildete er den erlauchten 4er Club. Je nach politischer Zuschreibung oder dem erreichten Euphorisierungs- und Verletzungsgrad wurde und wird heute noch gesprochen von: die Rebellen, Aufrechten, Abweichler, Bande, Verräter, Schweine, Lügner …

In der Medienberichterstattung zeigen sich die Sympathien bis heute in den bewusst verwendeten semantischen Ketten. Wer von Rebellen und Aufrechten spricht, sieht selbstverständlich in einem Bündnis mit der Linken ein „Desaster“, warnt vor dem Niedergang Hessens. Und umgekehrt: Wer von Verrätern  spricht, sieht vor allem die verpasste Chance, den schwarzen Koch in die Wüste schicken zu können.
Das laufende Parteiordnungsverfahren endete für Jürgen Walter vorläufig mit dem Urteil: Kein Parteiausschluss, aber Ruhen der Mitgliedsrechte für 2 Jahre. In zwei Wochen gibt es das Urteil des SPD-Parteigerichts schriftlich. Walter kündigte jedoch an, dass er jeden Kompromiss ablehnen werde. Nur ein Freispruch komme für ihn in Frage, notfalls gehe er durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht.

Er beruft sich im Kern auf die Gewissensfreiheit des Abgeordneten und auf eine theoretisch hergeleitete liberale Position aus dem England des 18. Jahrhunderts. Im hessischen Landesabitur 2007 wurde dieses Spannungsverhältnis von Gewissensfreiheit und Fraktionsdisziplin (inklusive der mitgedachten Mehrheitsbeschlüsse einer Partei) schon antizipiert. Es gehört jetzt schon zum Treppenwitz der hessischen Schulgeschichte, dass Jürgen Walters bemühter Ideenhimmel und das daraus abgeleitete Verhalten schon in der Abitursprüfung „Politik und Wirtschaft“ 2007 thematisiert wurden, bevor er nur daran dachte. Der Treppenwitz ist eben manchmal doch schneller als die Wirklichkeit.

Der freundlich unkalkulierbare Hesse an sich ist immer schon schlauer gewesen, als die Medien meinten. Zwischendrin zeigt er dies auch durch sein Wahlergebnis. Parteien können sich darauf nur bedingt verlassen. Das 5-Parteien-System ist faktisch durchgesetzt, auch dafür hat der freundlich unkalkulierbare Hesse gesorgt. Es ist in der Politik wie bei den Bauern. Eine „dicke Kartoffel“ wirft man nicht einfach weg; für Walter wird es faktisch auf einen Freispruch hinauslaufen, die entsprechenden Formelkompromisse werden sich finden. Ob er selbst lernfähig ist, die tiefen Wunden von Hessen-Süd verstehen will und die besonders sensible Reintegration der Partei mit TSG vorantreiben kann, ist eine andere Frage. Wer nur an die Tröge der Macht mit beliebigen Themen und aufgeblasenen Marketingsprüchen will – alles anders, weiter, weiter, auf uns ist Verlass – wird vom Wähler zurückgepfiffen.

Jürgen Walter hat noch ein anderes Problem: Er ist politiksüchtig („ich vermisse die Politik“), er braucht die Droge Macht, wenn möglich in der SPD. Wenn nicht, wird er wohl mit Wolfgang Clement und ein paar Getreuen eine neue Partei gründen müssen. Von links winkt dann Oskar Lafontaine und von rechts Jürgen Walter der sterbenden Mutter SPD zu.

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Mathematikpannen & Witz im Landesabitur 2009

28. März 2009 · von Miller · 7 Kommentare

Mathematikpannen & Witz im Landesabitur 2009

In Hessen wird zurzeit das Landesabitur geschrieben: am 20. März eröffnete Biologie im 1. Bildungsweg den schriftlichen Reigen, gestern war Mathematik dran und das mit handfesten Pannen.
Da wird im Grundkurs Mathematik schon mal ein t mit einem x und ein + mit einem – Zeichen  verwechselt mit fatalen Auswirkungen auf die ( Nicht)- Lösbarkeit der Aufgabe. Im Leistungskurs funktionierte der alternative Weg einfach nicht. Solche Pannen sind peinlich, aber eben nicht in jedem nur denkbaren Fall auszuschließen – sonst wäre es eben keine Pannen.

Die meisten SchulleiterInnen und Kollegien haben souverän reagiert, die Pannen vor der Abitureröffnung korrigiert und für einen reibungslosen Ablauf gesorgt, so z.B. das Rebein-Gymnasium in Hanau (damit nicht immer Frankfurter Schulen erwähnt werden). An einigen Schulen war jedoch die Pannenhilfe nicht schnell genug oder es wurde mitgeschlafen. Dort haben Schüler selbstverständlich ein Recht auf Wiederholung der Abiprüfung. Bei einer eindeutigen Benachteiligung ist dies von Schülern / Eltern beim Schulleiter ggf. beim Ministerium direkt anzuzeigen. Dafür braucht man kein Jurastudium, sondern es genügt der gesunde Menschenverstand.

Zum gesunden Menschenverstand gehört aber auch der Witz. Der fehlte bisher leider  im Abi, soll hier aber stellvertretend nachgeholt werden:

Ein Religionslehrer, ein Physiklehrer und ein Mathelehrer stehen auf einem brennenden Hochhaus. Der einzige Ausweg besteht in einem großen Sprung auf das benachbarte 3-Stock tieferliegende Hochhaus mit einem Swimmingpool auf dem Dach. Der Religionslehrer sagt: Ich spring als erster, habe den göttlichen Beistand. Kurzes Stoßgebet gen Himmel und ein großer Sprung –leider verfehlt und schneller Fall in die unendliche Tiefe des Todes. Der Physiker zieht seinen Taschenrechner, rechnet wild, berechnet  Winkel und Absprungdynamik, peilt die Flugkurve und rechnet erneut. Dann springt er und landet sicher mitten im Pool. Der Mathematiker, beeindruckt von seinem verwandten Kollegen, zieht seinen Taschenrechner, rechnet wild, peilt, rechnet erneut. Dann springt er —— und steigt und steigt und steigt. Was war passiert? VORZEICHENFEHLER! Genau wie im gestrigen Abitur.
(Hat mir in dieser Version ein junger Referendar erzählt – solltet ihr ähnliche Witze kennen, bitte in Blog schreiben.)

Zum Schluss noch ein Hinweis auf das Potenzial von Videos und Unterricht (dank you tube ist vieles möglich), Mathematikunterricht mal anders. Mathe, Gedichte und Witz mit Prof. Ebeling, Uni Hannover, 6 Min. Online-Video.

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Plug & Play

13. März 2009 · von Heinrich Siebziger · 2 Kommentare

Plug & Play

„Plug & Play“ – Das Zauberwort der Medienwelt im Umgang mit dem multifunktionalen, auch kulturellen Angebot unserer Tage. –
Aber wie ist es mit der zeitraubenden und aufreibenden Unterrichtsvorbereitung der Pädagogen bestellt?
Die dafür vermeintlichen Schlüssel sind Schubladen, gefüllt mit Lernmaterial aus vergangenen referendarischen, studentischen oder schulischen Zeiten, das per se nur dazu geeignet ist, Lernprozesse bei Lernenden und bei Lehrenden auf starre Strecken zu führen oder in einem Verschiebebahnhof enden zu lassen.
Wer auf geraden Strecken fährt, läuft Gefahr die Geschwindigkeit zu steigern, kann vorbeieilende Details nicht definieren und kann sie schon gar nicht verarbeiten oder darauf reagieren.
Was macht der Reisende in diesem Fall? – Er isst und trinkt, holt die Spielkonsole hervor, unterhält sich – vielleicht ungebeten – mit den Mitreisenden oder schläft eine Weile. Im Verschiebebahnhof kommt dann zu den schon genannten Beschäftigungen noch eine große Verunsicherung hinzu.
Eigentlich wollte ich etwas zur Unterrichtsvorbereitung und zum Unterricht ausführen und bin schnurstracks in einer metaphorischen Schublade gelandet.

Schon in den 50er Jahren hat man versucht, verstaubte Schubladen einer unsäglichen Zeit zu entrümpeln. Einige Schubladen hat man dabei übersehen. In den verbleibenden blieben Stoffpläne. Lehrpläne? – Nein, Stoffpläne. In der Sexta obligatorisch dieser Stoff, in der Untertertia jener, in der Oberstufe dann Goethe, Shakesspeare, Ovid. Die inhaltliche Auswahl wurde nicht unwesentlich von Vorkenntnissen des Pädagogen aus seiner Jugendzeit (s.o.), von Vorlieben, Erfahrungen und den besagten Schubladen mitbestimmt. Man fühlte sich an ministeriellen Vorgaben gebunden und führte sie zu seiner Entschuldigung als Berechtigungsnachweis an.
Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost … immer wieder verwenden und nach dem Prinzip „Plug & Play über den Schülerinnen und Schülern ausbreiten. Die Folgen? – siehe Metapher oben.

In den 70er Jahren kam dann ein Professor aus Marburg (Prof. Klafki ), der vom damaligen Kultusminister Ludwig von Friedeburg (SPD) und seiner Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher (FDP)beauftragt, von Emanzipation der Schüler von Zwängen und für Bereitschaft zur Eigenverantwortung und Kreativität in Schule, Beruf, Familie und Freizeit sprach.

Es führt hier zu weit, diese Aufbruchstimmung für Schüler und Lehrer im Detail und fachbezogen zu beschreiben. Aber eines wurde klar: Die Fachdidaktik ging neue Wege, nicht immer auf geraden Strecken, sondern auch mit Weichen, Kreuzungen und Kurven ausgestattet, endete sie jedoch nie im Verschiebebahnhof. Wer ins Schleudern kam, waren Lehrer mit Schubladendenken.
Jetzt hieß es Unterrichtsstrategien entwickeln bzw. von Schülerinnen und Schülern entwickeln zu lassen, kritisch zu hinterfragen, Alternativen zu entwickeln und auf andere Lernbereiche zu übertragen. Das ging natürlich nicht ohne Unterrichtsmaterial, auf das man zurückgreifen konnte oder in neuem Lernmaterial vorfand. Es wurde aber nicht vorgegeben sondern unter didaktischen Gesichtspunkten ausgewählt und zugeordnet. Das förderte Motivation und Lernvermögen sowie Befähigung zu eigenverantwortlichem Handeln bei Lehrern und Schülern.

Dem didaktisch und methodisch Planenden standen damals aber noch nicht die Mittel heutiger Unterrichtstechnologien, wie z.B. PC und Internet zur Verfügung.

In Wiesbaden wurde das HIBS (= Hessisches Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung) ins Leben gerufen, das in enger Kooperation mit dem Kultusministerium arbeitete. Die neuen Rahmenrichtlinien wurden von Fachleuten und solchen, die sich für kompetent hielten wie auch von ausgewiesenen Laien diskutiert. Die RRL wurden zur Erprobung an die Schulen mit viel Papieraufwand geschickt, (punktuell) auch erprobt und auf Veranstaltungen diskutiert. In dieser Vorlaufphase waren noch am wirksamsten Veranstaltungen des HILF (Hessisches Institut für Lehrerfortbildung) und Besuche von „Fachmoderatoren an Hessischen Gesamtschulen“ ( in den 70er Jahren auf 120 integrierten und additiven Gesamtschulen in Hessen angewachsen). Es lässt sich sicher nachvollziehen, wie zeitintensiv, kostenintensiv und wie umständlich diese Vorgehensweise war.
Die Resultate waren recht bescheiden, scheiterte das Vorgehen oft an ideologischen, parteipolitischen Grabenkämpfen und nicht zuletzt an schwerfälligen, uneinsichtigen und wenig lernbereiten Kollegien. Vielerorts fiel man wieder zurück in die „Schubladenpädagogik“ vergangener Tage.

Gegenwärtig sind auf zwei Ebenen neue Denkansätze zu beobachten.
Zum einen wurde durch die Gründung des Instituts für Qualitätsentwicklung
(- verbesserung?, -wahrung?, -kontrolle?)
an den Auftrag des HIBS aus den 70er und 80er Jahren (unbewusst?) angeknüpft und durch die Entwicklung von Bildungsstandards fortgeführt.
Zum anderen sollen die einzelnen Schulen breiteren Entscheidungsfreiraum erhalten.

Hierin liegt die große Chance aber auch die Verpflichtung einer Neuorientierung.
Der Hebel muss dabei m.E. in der Lehrerausbildung und in der Schule angesetzt werden.
Die Lehrerausbildung müsste grundsätzlich an den Hochschulen und Universitäten positioniert und dort neben der Fachausbildung frühzeitig in die Arbeitswelt eingeführt werden. Bereits dort lassen sich berufliche Fehleinschätzungen und Fehlentwicklungen vermeiden, dagegen pädagogische Begabungen fördern sowie Motivation und Offenheit für Neues nutzen. In Ansätzen ist dies auf dem Gebiet der Musiklehrerausbildung bereits seit 1986 an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst Praxis mit von Mentoren begleitenden Unterrichtssequenzen und einer Lehrprobe als Teil des 1. Staatsexamens.
Exkurs:
In einer Pressemitteilung von heute, dem 13.03.2009, wird vom Beginn einer grundlegenden Reform der Lehrerausbildung berichtet, die solchen Notwendigkeiten Rechnung tragen soll.
Wenn dabei, wie vorgesehen, die Lehramtsstudiengänge auf 6 Semester (Bachelor) bzw.
4 Semester (Master) angelegt werden, sollte überprüft werden, ob die Eingangsvoraussetzungen hierfür vergleichbar sind und den fachlichen Anforderungen genügen. Nur so kann m.E. einem „circulus vituosus“ begegnet werden, der kaum dazu geeignet wäre, die fachlichen Qualitäten angehender Pädagogen mit deren didaktisch-methodischer Qualifizierung in Einklang zu bringen und zu optimieren.

Schulen sollten bei der Entwicklung von Schulprofilen im Bereich der Unterrichtsplanung nicht alleine gelassen werden und Unterstützung durch das IQ erwarten sowie sich der Errungenschaft unserer technisierten Welt bedienen können.
Hierzu bietet das Internet mit der Vielfalt von Vernetzung eine nicht zu unterschätzende Chance, aus dem Schubladendenken herauszuführen, die lange unterschätzen Fähigkeiten unserer Schülerinnen und Schüler und auch der Lehrerinnen und Lehrer zu nutzen und neue Zugangsmöglichkeiten zu motivierenden Lernprozessen bei Schülern und Lehrern in Gang zu setzen.
Dies kann ganz besonders durch begleitende Maßnahmen, z.B. durch Einbeziehen des Internet geschehen, in dem beispielhaft Materialien und Informationen abgerufen werden können. Hier wird eine Plattform für Schulbuchverlage geschaffen. Hier können Vertreter aus Wirtschaft, Kultur oder Geistes- bzw. Naturwissenschaften über Beraterverträge Beiträge einbringen. Darüber hinaus lassen sich zusätzlich unzählige weitgreifende und erweiternde Informationen aus dem Internet beschaffen, wobei die Initiative primär von den Schülerinnen und Schülern ausgehen kann und sich die Tätigkeit des Pädagogen auf handwerkliche Hilfestellung bei jüngeren Jahrgängen und auf Beratung beschränken sollte.

Die Nutzung dieser Chancen und eine flächendeckende Einrichtung von Ganztagsschulen können zu einer Effizienzoptimierung beitragen. Es wäre sogar denkenswert, nach Interessenlage in Arbeitsgruppen jahrgangs- und schulformübergreifend, was ja bereits schon lange in Schulorchestern, Schulchören und anderen AGs praktiziert wird, vorzugehen und dort den „Chatroom“ und ganz allgemein das Internet als Informationsquelle zu nutzen und auszuwerten.
Warum sollte sich dies alles nicht positiv auf eine neue Pisa-Studie auswirken?

Aus dem eingangs erwähnten, scheinbar alles vereinfachenden „Plug&Play“- Begriff kann mit pädagogischem Anspruch nach dem Motto „Pluggen Sie noch oder playen Sie schon“ eine segensreiche Einrichtung mit ungeahnten Perspektiven werden.

Die EZB (=Europäische Zentralbank) hat jetzt, als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war, einen „Ethikberater“ berufen, der die Banken beraten und sie auf ethische Prinzipien und Notwendigkeiten hinweisen soll.
Im Prinzip ist diese Einrichtung, wenn auch auf einer anderen Ebene, mit der schulischen Situation vergleichbar.
Für einen neuen didaktischen und methodischen Ansatz für die Schulen ist es noch nicht zu spät, aber höchste Zeit!

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Abitur 2009 – 2011 in Deutschland (2)

16. Februar 2009 · von Miller · 13 Kommentare

Abitur 2009 – 2011 in Deutschland (2)

In Abitur in Deutschland (1) formulierte ich einleitend am 26. Oktober 2008: Von einem der auszog, professionelle Suchmaschinen bediente, Abiture (Abiturkonzeptionen, Abituraufgaben und Abiturlösungen) suchte, Vergleiche anstellte und 2008 das Fürchten lernte.
Nehmen wir an, dass ein junger unerschrockener Abiturient ins Netz tief eindringt und sich richtig schlau machen will. Sein Ziel: angemessene Abiturvorbereitung, bundesweite Transparenz und Überblick zu den gestellten Erwartungen. Was ist sein Ergebnis? Welcher Service wird ihm geboten? Was ist los in der Bildungsrepublik Deutschland?

Die ministerial geschaffene Unübersichtlichkeit und die sehr unterscheidlich ausgeprägte Regelungswut (oder Sehnsucht) erschweren den Durchblick. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Was hat sich 2009 geändert und wie sieht der Ausblick „Abitur 2011″ aus?

Von München bis Flensburg und Berlin wird das hohe Lied auf Bildungsstandards, Kompetenzorientierung und selbstgesteuertes Lernen  gesungen; korrespondierend setzen die bildungspolitisch Verantwortlichen auf die gepriesene ‚ Selbstverantwortliche Schule‘,  auf das Engagement der Schulgemeinde – Schüler, Lehrer, Eltern. Das Abitur – inzwischen in 15 Bundesländern zentral gestellt – gilt immer noch als Aushängeschild, als Gipfel des deutschen Schulwesens. Gerade deshalb bedarf es dringender Korrekturen beim Zentralabitur, wenn man auf der Höhe der pädagogisch-didaktischen Diskussion sein will.
Machen wir uns das am SchlüsselFach Deutsch näher klar, schauen wir uns etwas in Hessen, NRW und Niedersachsen 2008 bis 2011 um.
Die verordneten Pflichtlektüren, Willkürlisten der Vor-Vorgestrigen, die für neue Lehrer von Altlehrern und deren Altlehrern gemacht wurden, lassen für subjektive Präferenzen der Lernenden kaum eine Option offen. In Hessen z.B. schrieb das Kultusministerium für das Landesabitur 2007 und 2008 (Unterricht der gymnasialen Oberstufe) folgende Lektüre zwingend vor: Lyrik der Klassik und Romantik; Schiller: Don Carlos; Hoffmann: Der Sandmann; Büchner: Woyzeck und Briefe; Fontane: Effi Briest, Kafka: Kurze Prosa; Gedichte des Expressionismus; Dürrenmatt: Die Physiker; Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen (nur im Leistungskurs); Kafka: Die Verwandlung (nur im Leistungskurs); Frisch: Homo faber (nur Leistungskurs). Zusätzlich wird für die im »Abschlussprofil des Leistungskurses geforderte größere literarische Belesenheit« erwartet: Brecht: Leben des Galilei; Eichendorff: Das Marmorbild; Th. Mann: Buddenbrooks. Nach zahlreichen Protesten von Lehrern und Eltern wird Dürrenmatt: Die Physiker und Eichendorff: Das Marmorbild wieder gestrichen und gleichzeitig das Abschlussprofil des verbindlichen Unterrichtsinhalts »Reflexion über Sprache« gesetzt. Dazu gehört dann unter anderem – »Das Zusammenwirken von psychischen, sprachlichen, ästhetischen, situativen und normativen Faktoren beim Austausch von Sachverhalten und Informationen erkennen und analysieren, Formen sprachlicher Beeinflussung und manipulativen Sprachgebrauchs erkennen«, aber auch »schriftlich orthographisch und grammatikalisch normgerecht formulieren«.

Schüler und Lehrer geraten unter unnötigen Dauerstress durch diese reglementierenden Erlasse. Das Leseprogramm wird im Stakkato durchgenommen und in die sogenannte Freizeit der Schüler abgedrängt. Von Lehrerseite heißt es dann: »Im Unterricht haben wir dazu nur begrenzt Zeit, wir Lehrer können nichts dafür, das wird vom Ministerium vorgegeben« – Paradebeispiele für Motivationskiller durch abstrakte Autoritäten. Verschärfend kommt noch hinzu:

Literatur nach 1960? Fehlanzeige! 50 Jahre literarische Blackbox: junge deutsche und internationale Autoren sind de facto in der Schule exkommuniziert. Für 2009 und 2010 muss es dann eine neue ministerielle Willkürliste geben, da fast alles in den Schulen und spezifischen Internetseiten schon durchgekaut wurde und die gähnende Langeweile kaum zu unterdrücken sein wird. Im alten Schema verstrickt, würde das dann beispielsweise bedeuten, dass man Fontanes Effi Briest eben durch Irrungen, Wirrungen ersetzt und Schillers Don Carlos durch Die Räuber etc.pp.
In der Tat, es ist für jedermann im Internet nachzulesen: Für das Landesabitur 2009 gelten neu: Lyrik der Klassik gestrichen; Gedichte des Expressionismus durch Lyrik des Expressionismus ersetzt; statt Schillers Don Carlos nicht, wie ich vermutete, Die Räuber, sondern Maria Stuart; statt Fontanes Effi Briest nun Irrungen und Wirrungen; Dürrenmatts: Die Physiker ersatzlos gestrichen; ebenso Frischs: Homo faber und Schillers: Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Der große Rest von 2007 bleibt weiter verpflichtend vorgeschrieben. Wer soll diese Willkür begreifen? Warum verschwindet die hochgeschätzte »Effi« jetzt in der Mottenkiste? Noch zwei Jahre zuvor meinte man in weitblickender »abendländischer Tradition« diese Lektüre den Schülern aufs Auge drücken zu müssen. Warum werden Dürrenmatt und Frisch gleich mit erledigt? Fragen über Fragen. Die Verantwortlichen im Ministerium schwimmen in dürren Begründungen, ahnen um den brüchigen Grund, wollen aber an der Pflichtlektüre festhalten, komme, was da wolle. In ihrer Verzweiflung klammern sie sich an ihre beschwörenden Rechts-Voodoo-Sätze wie: »Verpflichtung der Lehrkraft: Jede prüfende Lehrkraft ist verpflichtet, sich gründlich mit dem Inhalt der fachspezifischen Lehrpläne auseinanderzusetzen (§27 (2) VOGO/BG)« und »Grundlage sind die verpflichtend zu behandelnden Inhalte des Lehrplans«.

In anderen Bundesländern sieht es kaum besser aus: In NRW z.B. war für das Abitur 2008 gesetzt: Lessing: Emilia Galotti; Fontane: Irrungen und Wirrungen; Gegenwartsliteratur bis 1960: Lyrik der Nachkriegszeit 1945-1960 (nur für Grundkurs) und Bernhard Schlink: Der Vorleser. Für den Leistungskurs: Lyrik des Barock. Für das Abitur 2009 und 2010 Schiller: Don Carlos, dann mal wieder Fontane: Effi Briest; Büchners Dantons Tod. Gegenwartsliteratur: Lyrik der Nachkriegszeit 1945-1960, aber Schlink: Der Vorleser wird gestrichen und dafür mal Christa Wolf: Kassandra unter Einbeziehung der Frankfurter Poetik-Vorlesungen gesetzt. Für das Abitur 2011 bleibt Schillers Don Carlos, bei Büchner wird zu Woyzeck gewechselt und mit Schnitzlers Traumnovelle garniert. Als „Gegenwartsliteratur“ wird Wolfgang Koeppens Tauben im Gras hervorgeholt und Kassandra wieder abgesetzt. Dazu wird  progressiv „Liebesgedichte in Romantik und Gegenwart (1980-2010)“ verordnet. Für den Leistungskurs wird aber auf die Liebeslyrik mit „Schwerpunkten in den Epochen Barock, Romantik (unter Einbezug von Heine) und in der zweiten Hälfte des 20.Jhs.“ bestanden. Welch fortgesetzte Willkür von Bürokraten, Zwangsbeglückungsprogramm für die deutsche Jugend!

In  Niedersachsen ticken die Uhren wiederum ganz anders. Im Abitur 2009 werden verbindlich drei thematische Schwerpunkte gesetzt: „1. Literaturkritik, 2. Natur und Transzendenz in der Romantik, 3. Soziales Drama.“ Dann erfolgt eine extrem kleinschrittige Festlegung der verbindlichen Lektüre. Beim Schwerpunkt „Literaturkritik“ müssen alle „Die Besten 2004, Klagenfurter Texte“ lesen, dazu werden die Seitenzahlen, z.B. S. 232-237 oder 255-258 bestimmt. Im 2. Schwerpunkt werden gar einzelne Gedichte festgelegt, z.B. Eichendorffs ‚Wünschelrute‘. Für den LK selbstverständlich (?) Karoline von Gründerode und Heinrich von Kleist. Im Schwerpunkt 3: Hauptmann: Die Ratten und Horvath: Geschichten aus dem Wiener Wald. Für das Abitur 2011 sieht man das aber alles wieder anders. Die thematischen Schwerpunkte heißen dann: „1. Deutsche Sprache der Gegenwart, 2. Heinrich von Kleist, 3. Wissen und Verantwortung.“ Im 3. Schwerpunkt wird als verbindliche Lektüre festgelegt: Dürrenmatt: Die Physiker, Ibsen: Ein Volksfeind, Helmut Schmitt – einer seiner vielen „Zeit“-Artikel und als Krönung J.W. Goethe: Der Zauberlehrling. Mit dem „Zauberlehrling“ und dem Nicht-abstellen-Können der Breimaschine werden zu einem Ministerium ungeahnte paralelle Spuren erkennbar, zum Glück nicht interpretativ abiturrelevant. Bertolt Brecht – Lob des Lernens, Lob des Zweifels – wird abschließend für den Leistungskurs zur verbindlichen Lektüre erklärt; der Grundkurs wird davon „befreit“, wer braucht da schon Brecht? „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von B.B. sollte man deshalb für alle auf die Internetseiten des deutschen Bildungsservers stellen.

Tiefer nachdenken könnten alle Bildungsinteressierten auch mal über die obligatorische ministeriale Setzung für das Abitur 2009: »Über das Verhältnis von Sprechen, Denken und Wirklichkeit nachdenken: Sprachkritik, Sprachskepsis, Sprachnot (Grund- und Leistungskurs)«. Diese Prüfung sollte auch für Ministerialbeamte und die untere Schulaufsicht eingeführt werden mit Veröffentlichung der Ergebnisse im Internet! Des Weiteren kann niemand mit guten Argumenten erklären, warum im Abitur 2008 »Strukturen der Sprache als System und Funktion ihres Gebrauchs in Texten und Kommunikationssituationen: Rhetorik – öffentliche Rede« noch verpflichtend gesetzt, aber in Hessen für 2009 und 2010 gestrichen wird. Sind öffentliche Kommunikationssituationen nicht mehr von Bedeutung? Warum werden grundlegende Themen wie »Spracherwerb und Sprachentwicklung« nur für den Leistungskurs gesetzt? Ministeriale Willkür, so weit das Auge reicht.

Für Abiturregelungen und Abituraufgaben in Deutschland habe ich eine spezielle Blogroll (rechte Spalte im Bildungswirt) zusammengestellt. Viel Spaß beim Abi-Surfen.

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Wünschelruten in der Bildungspolitik

21. Januar 2009 · von Miller · 4 Kommentare

Wünschelruten in der Bildungspolitik

In Hessen sind die politischen Würfel gefallen, in einigen Tagen liegt sicher ein „zukunftsweisender Koalitionsvertrag CDU/FDP“ vor, am neuen Regierungstisch nehmen neue und alte Köpfe Platz. Auch in den Ministerien werden einige Stühle gerückt; nicht unerheblich, wer die Ministerialdirigenten-Riege stellt. Die bildungspolitische Programmatik der Regierungspartner scheint kompatibel, die Schlüsselbegriffe wie Schulvielfalt (viergliedriges Schulsystem) erhalten, G8/G9 flexibel gestalten, mehr Lehrer einstellen, Ganztagsschulen ausbauen, selbstverantwortliche Schule entwickeln, fördern und fordern, Schulsanierungen voranbringen etc. sind mehrheitsfähig ausgependelt. Nur zwischen den Wünschen, Träumen, Absichten einerseits und den tatsächlich praktischen Umsetzungen, den konkreten Ausgestaltungen vor Ort andererseits klafft ein tiefer Spalt, auf dem bildungspolitisch verminten hessischen Gelände allemal. Ohne differenziertes Know-how und spürbare Begeisterung für eine neue Schulpolitik, ohne „Bürger-Engagement vor Ort“ läuft fast gar nichts. Dann ist Wiesbaden bisweilen so weit weg wie Wladiwostok. Selbst ein großer Geldregen und mehr Lehrer an den Schulen werden dann einfach unverbindlich, emotionslos und effektlos hingenommen.

Die neue Regierung wird wohl noch längere Zeit mit der zauberkräftigen Wünschelrute herumlaufen und z.B. die Anziehungskräfte und Ausstrahlungen der Hauptschule suchen. Ihr partieller Irrglaube verhindert den realistischen Blick: Längst sind viele Hauptschüler fortgelaufen, haben die Eltern mit den Füßen abgestimmt: Hauptschule ade. Der Aufbruch in ein zweigliedriges allgemeinbildendes Schulsystem – Gymnasium und Neue Schule (Gesamtschulen und Verbundschulen mit Varianten) – wird sich mittelfristig als historischer Kompromiss in Deutschland durchsetzen.

Aber auch die Opposition läuft ordentlich mit der Wünschelrute durchs Land. Zitternd schlägt der verborgene Goldschatz – „Eine Schule für alle“ – aus und wenn man gräbt bleibt Sand, auf den es sich nur sehr begrenzt bauen lässt. Bei der kleinen, sich noch selbst suchenden Linkspartei schlagen die Quellenspürer um in „Einheitsschule“ und Zwangsbeglückung für alle. Da helfen auch keine Dementis. Das politische Gespür und die Differenzierungsleistung des Volkes sind meist feiner als Politiker vermuten. Auch SPD und Grüne, gleichwohl sie im Grunde die Zweigliedrigkeit akzeptieren, erreichen mit ihrer Wünschelrute des gemeinsamen Lernens bis Klasse 10 nur die eigenen Anhänger. Nach 40-jährigem Kampf ist die Gesamtschule/ Gemeinschaftsschule in Hessen (wie auch immer die Wortakrobatik aussehen mag) nicht gescheitert, aber doch auf sehr begrenzter Reichweite vermessen. Der Platzhirsch, der Liebling ist das Gymnasium; auch hier hat die Bevölkerung längst mit den Füßen abgestimmt. Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts, das erfolgreiche Gymnasium garantiert am besten einen zukünftig angenehmen Status in der Gesellschaft und legt wesentliche Netze einer Bildung als angestrebte Selbstverwirklichung. Das Faktum der systematischen Ausgrenzung und Aussonderung vieler Kinder und Jugendlichen bleibt als Stigma (Tenorth-Interview) trotz alledem. Eine neue, erfolgreiche und heitere Unterwanderungsstrategie der aktuellen Schulpolitik ist jedoch noch nicht gefunden worden. Mit der Wünschelrute wird es nicht funktionieren, schon eher mit einer innovativen Internetpolitik, die die Zeichen und neuartigen Pfade einer komplexen Wissensgesellschaft verstanden hat. Bis dahin halten wir uns an Eichendorffs traditionsmächtige Wünschelrute von 1835:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Was könnte eine neue Dingpolitik sein? Das Dichterwort allein wird’s nicht richten können.

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Das Banzer-Wagner-Duell der hessischen Bildungspolitik

10. Januar 2009 · von Miller · 4 Kommentare

Das Banzer-Wagner-Duell der hessischen Bildungspolitik

Wer hat die besseren Konzepte für die Schule von Morgen? – so das Veranstaltungsthema.

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von links: Mathias Wagner (Grüne), Marcus Bocklet (Grüne, Moderation), Jürgen Banzer (CDU) Foto: Bildungswirt

Was hatten die Duellanten – Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) und Mathias Wagner (Grüne, bildungspolitischer Sprecher) – gestern vor 100 Zuhörern in Frankfurt, in der grünen Hochburg, mitten im hessischen Wahlkampf zu bieten?
Zunächst bescheinigten sie sich wechselseitig, dass man einen „neuen Politikstil der Offenheit“ wolle und sich für „dialogfähig“ halte. Banzer löste dies insofern vorab ein, dass er den Grünen-Moderator Bocklet ohne Vorbehalte akzeptierte und sich der grün dominierten Zuhörerschaft stellte. Man war auf dem Podium höflich, man kennt sich seit vielen Jahren, mischte Anekdotisches bei.
Im Eingangsstatement betonte Banzer drei Punkte zukünftiger Schulpolitik: mehr Selbständigkeit der Schulen (1), mehr Qualität und Unterrichtsverbesserung (2), mehr Ressourcen (3). Er will Schulen auf freiwilliger Basis in „Körperschaften des Öffentliche Rechts“ verwandeln, ihnen Budget- und Personalhoheit geben. Pädagogische Selbständigkeit wird den Schulen gewährleistet, damit sie sich optimal um die Kompetenzen jedes einzelnen Schülers kümmern können. Zentrale Landesprüfungen und Bildungsstandards genügen weitgehend als staatliche Vorgaben.

Wagner betonte in seinem Eingangsstatement folgende drei Punkte: mehr Zeit (1), mehr Freiheit (2), mehr Unterstützung/Förderung (3). Zuerst müsse „Stress und Hektik aus der Schule weg“ und eine „bessere Lehrerversorgung – 105% Zuweisung her“; des weiteren eine Ausweitung der Ganztagsschulen auf freiwilliger Basis. Er setze auf „pädagogische und organisatorische Freiheiten“, eine „andere Lehreraus- und Lehrerfortbildung“ und will mehr Integration von Behinderten in der Regelklasse. Grundsätzlich stehe man zur G8 –Verkürzung im Gymnasium, wolle aber die Beibehaltung der 6-jährigen Mittelstufe und dafür die 2-jährigen Oberstufe. Wagner und Banzer waren sich einig, dass G9 für die kooperative Gesamtschulen gilt und dass es bei G8 noch enormen Diskussionsbedarf (Organisationsoptimierungen, Stoffentfrachtungen) unter Einbeziehung der Schulen gebe. Auch bei der Ganztagsschule gab es Annäherung (im Grundsatz sind alle dafür), lediglich bei der konkreten Ausgestaltung und beim Tempo der Realisierung waren Differenzen erkennbar.

Plakat zur Veranstaltung

Plakat zur Veranstaltung

Zwischendurch fragte sich der geneigte Zuhörer, worin überhaupt die wirkliche Differenz bestehe? Im Grundsatz meinte man Ähnliches und schmückte dies mit geschmäcklerisch, aufgebauschten Varianten einer Klientel-Rhetorik. Ein Duell der Pistolen war das sicher nicht, eher eines der weichen Gummi-Schwerter unter Verwandten zweiten Grades. Sollte es ganz knapp doch nicht für Schwarz-Gelb am 18. Januar reichen– und beim freundlich unkalkulierbaren Hessen weiß man nie – so war der Geruch von Jamaika (Schwarz-Gelb-Grün) förmlich in der Luft. Es soll auf jeden Fall 1000 Lehrerstellen mehr geben und 1,2 Milliarden Euro aus dem Konjunkturprogramm des Bundes. Die Investitionen sollen vor allem in die Schulgebäudesanierung fließen. Der ernsthafte Dialog, der „runde Tisch“ mit den Schulträgern sei zwingend nötig, so Wagner und Banzer unisono. Beide Duellanten begaben sich auch in der kurzen Publikumsdiskussion nirgends aufs Glatteis; Banzer hatte offensichtlich noch einmal seinen John Stuart Mill gelesen, argumentierte flexibel, immer auf individuelle Freiheit und „Freiwilligkeit“ bedacht. Schulen wolle man nichts „überstülpen“ und könne Schulreform nur mit den Beteiligten auf freiwilliger Basis erreichen, so auch Wagner.

Die beiden Duellanten, besser Feldspieler im politischen Raum, trennten sich 3:3 unentschieden, trotz grünem Platzvorteil.

PS. Es war ein bisschen wie bei der Frankfurter Eintracht im Waldstadion. Super vorbereitet, hoch motiviert, eigenes Publikum, Schiri wohlgesonnen und doch reichte es mal wieder nur zu einem zittrigen Unentschieden. Es fehlte doch einiges an Neuerungen und Leidenschaft a la Klinsmann. Auf das politische Feld übertragen: Es fehlt den Grünen etwas von einer guten Tugend: kritische Metareflexion und kreative Phantasie, die sich direkt, situativ, im Strategiespiel zeigt. Die CDU hat jedenfalls mit der Führungsfigur Banzer, nach der letzten hessischen Wahlschlappe, erheblich strategisch und taktisch dazu gelernt.

Links: M. Wagner bei Kandidatenwatch; J. Banzer bei Kandidatenwatch;

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Hessen:Ministerpräsidentenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel aktuell

13. Dezember 2008 · von Miller · 2 Kommentare

Hessen:Ministerpräsidentenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel aktuell

Der Bildungswirt hat sich schon mehrmals mit dem liebenswürdigen, aber unkalkulierbaren Hessen beschäftigt. Diesmal fassen wir die ganze Sache mal in drei Videos zusammen.
Der Blick wird in der SPD nach vorn gerichtet, man stellt sich dem Wähler bis zum 18.Januar 2009 – wem sonst? Nach der Wahl ist nicht unbedingt vor der Wahl – das gilt für alle Parteien seit vielen Jahren. Die bekannten Themen schwirren weiter durch die Lüfte und suchen nach Konkretion: Bildungsgerechtigkeit, Studiengebühren, Landesabitur, G8/G9-Debatte, Energiewende, starke/schwache Wirtschaft, Mindestlöhne, starker/schwacher Staat …Anregungen und Kritik erwünscht sich: www.schaefer-guembel.de.

Alternativ kann man sich auch den  Schäfer-Gümbel-Song im Stil des angetrunkenen  Udo Lindenberg (mal nicht ganz so gut drauf, durchzechte Nacht) anhören

Und noch einmal aktuell: Thorsten Schäfer-Gümbel will ernsthaft ins Gespräch kommen. Der Wähler, der Blogger hat die Qual der Wahl.

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