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Bildungsstandards konkret (1): Fach Englisch Gymnasiale Oberstufe

7. Februar 2009 · von Miller · 3 Kommentare

Bildungsstandards konkret (1): Fach Englisch Gymnasiale Oberstufe

Den Orientierungsrahmen für konkrete, knapp gefasste Bildungsstandards bildet die Artikelserie Die Crux der Bildungsstandards (1 bis 6) im Bildungswirt. In Crux (1) wurden Bildungsstandards als flexible Voodooformeln mit großem Beliebtheitswert im historischen Rückblick erklärt und der Zielkorridor für eine ernsthafte Debatte ausgeleuchtet. Crux (2) diskutierte die Sinnhaftigkeit und Plausibilität des Kompetenz- und Standardbegriffs. In Crux (3) und Crux (4) fragten wir nach Leistungen von Bildungsstandards, nach unterschiedlichen Wissensarten und fächerübergreifenden Kompetenzbereichen. In Crux (5) wurden – in einer grafischer Darstellung – die drei Felder von fachspezifische Standards durch alle drei Fachbereiche, z.B. der gymnasialen Oberstufe angeboten. Crux(6) thematisierte die Notwendigkeit konkreter Umsetzungen von knapp gefassten Bildungsstandards (3-bis 5 Seiten pro Fach!) vor Ort.

Hier der bundesweit erste Entwurf von knapp gefassten Standards für die gymnasiale Oberstufe. Der Entwurf ist kompatibel mit den bundesweit einheitlichen Prüfungsanforderungen für das Abitur (EPA) und mit dem Europäischen Referenzrahmen Sprachen. Die KMK will ihre Überlegungen bis 2010/2011 vorlegen. Soll man aber wirklich so lang warten und zum Schluss wieder unverrückbare 50 Seiten pro Fach (!) präsentiert bzw. verordnet bekommen?

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Bildungsstandards konkret: Englisch (gymnasiale Oberstufe)

Bildungsstandards konkret: Englisch (gymnasiale Oberstufe)

Bildungsstandards konkret: Englisch (gymnasiale Oberstufe)

Bildungsstandards konkret: Englisch (gymnasiale Oberstufe)

Bildungsstandards konkret: Englisch (gymnasiale Oberstufe)

Bildungsstandards konkret: Englisch (gymnasiale Oberstufe)

Englischlehrerinnen und -lehrer, was meint ihr? Ist der Entwurf aus eurer Sicht für den Unterricht ein klarer Orientierungsrahmen? Welche Plausibilitäten zeigen sich?
Oberstufenschülerinnen und -schüler. Helfen euch kurze Standards als Überblick, als Transparenzfolie und als Kontrollinstrument für den Unterricht?

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Weltfinanzkrise und Musik-Charts der Aktienkurse – Politik- und Wirtschaftsunterricht einmal anders

1. Februar 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Weltfinanzkrise und Musik-Charts der Aktienkurse – Politik- und Wirtschaftsunterricht einmal anders

Aktienkurse purzeln, Blasen platzen, Musik liegt in dicker Luft, Gierhälse und Wendehälse schütteln Hände, Banken werden verstaatlicht, Politiker ringen nach neuen Worten und der Steuerzahler weint am Billionen-Grab. Da könnte der Unterricht, z.B. im Fach „Politik und Wirtschaft“ auch mal anders aussehen.

Kreative Übung: Zweimal das Video ansehen und gedanklich frei assoziierend Notizen anfertigen, 30 Minuten den eigenen Text nachbessern und im Kurs vorlesen oder im Blog veröffentlichen.

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Wünschelruten in der Bildungspolitik

21. Januar 2009 · von Miller · 4 Kommentare

Wünschelruten in der Bildungspolitik

In Hessen sind die politischen Würfel gefallen, in einigen Tagen liegt sicher ein „zukunftsweisender Koalitionsvertrag CDU/FDP“ vor, am neuen Regierungstisch nehmen neue und alte Köpfe Platz. Auch in den Ministerien werden einige Stühle gerückt; nicht unerheblich, wer die Ministerialdirigenten-Riege stellt. Die bildungspolitische Programmatik der Regierungspartner scheint kompatibel, die Schlüsselbegriffe wie Schulvielfalt (viergliedriges Schulsystem) erhalten, G8/G9 flexibel gestalten, mehr Lehrer einstellen, Ganztagsschulen ausbauen, selbstverantwortliche Schule entwickeln, fördern und fordern, Schulsanierungen voranbringen etc. sind mehrheitsfähig ausgependelt. Nur zwischen den Wünschen, Träumen, Absichten einerseits und den tatsächlich praktischen Umsetzungen, den konkreten Ausgestaltungen vor Ort andererseits klafft ein tiefer Spalt, auf dem bildungspolitisch verminten hessischen Gelände allemal. Ohne differenziertes Know-how und spürbare Begeisterung für eine neue Schulpolitik, ohne „Bürger-Engagement vor Ort“ läuft fast gar nichts. Dann ist Wiesbaden bisweilen so weit weg wie Wladiwostok. Selbst ein großer Geldregen und mehr Lehrer an den Schulen werden dann einfach unverbindlich, emotionslos und effektlos hingenommen.

Die neue Regierung wird wohl noch längere Zeit mit der zauberkräftigen Wünschelrute herumlaufen und z.B. die Anziehungskräfte und Ausstrahlungen der Hauptschule suchen. Ihr partieller Irrglaube verhindert den realistischen Blick: Längst sind viele Hauptschüler fortgelaufen, haben die Eltern mit den Füßen abgestimmt: Hauptschule ade. Der Aufbruch in ein zweigliedriges allgemeinbildendes Schulsystem – Gymnasium und Neue Schule (Gesamtschulen und Verbundschulen mit Varianten) – wird sich mittelfristig als historischer Kompromiss in Deutschland durchsetzen.

Aber auch die Opposition läuft ordentlich mit der Wünschelrute durchs Land. Zitternd schlägt der verborgene Goldschatz – „Eine Schule für alle“ – aus und wenn man gräbt bleibt Sand, auf den es sich nur sehr begrenzt bauen lässt. Bei der kleinen, sich noch selbst suchenden Linkspartei schlagen die Quellenspürer um in „Einheitsschule“ und Zwangsbeglückung für alle. Da helfen auch keine Dementis. Das politische Gespür und die Differenzierungsleistung des Volkes sind meist feiner als Politiker vermuten. Auch SPD und Grüne, gleichwohl sie im Grunde die Zweigliedrigkeit akzeptieren, erreichen mit ihrer Wünschelrute des gemeinsamen Lernens bis Klasse 10 nur die eigenen Anhänger. Nach 40-jährigem Kampf ist die Gesamtschule/ Gemeinschaftsschule in Hessen (wie auch immer die Wortakrobatik aussehen mag) nicht gescheitert, aber doch auf sehr begrenzter Reichweite vermessen. Der Platzhirsch, der Liebling ist das Gymnasium; auch hier hat die Bevölkerung längst mit den Füßen abgestimmt. Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts, das erfolgreiche Gymnasium garantiert am besten einen zukünftig angenehmen Status in der Gesellschaft und legt wesentliche Netze einer Bildung als angestrebte Selbstverwirklichung. Das Faktum der systematischen Ausgrenzung und Aussonderung vieler Kinder und Jugendlichen bleibt als Stigma (Tenorth-Interview) trotz alledem. Eine neue, erfolgreiche und heitere Unterwanderungsstrategie der aktuellen Schulpolitik ist jedoch noch nicht gefunden worden. Mit der Wünschelrute wird es nicht funktionieren, schon eher mit einer innovativen Internetpolitik, die die Zeichen und neuartigen Pfade einer komplexen Wissensgesellschaft verstanden hat. Bis dahin halten wir uns an Eichendorffs traditionsmächtige Wünschelrute von 1835:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Was könnte eine neue Dingpolitik sein? Das Dichterwort allein wird’s nicht richten können.

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Creative Commons – Kreatives Allgemeingut nicht beim Bundesverband der deutschen Industrie

4. Dezember 2008 · von frankmackay · 1 Kommentar

Creative Commons – Kreatives Allgemeingut nicht beim Bundesverband der deutschen Industrie

1. Eine Grafik

Quelle: Bundesarchiv - ADN-ZB Grafik 18.6.87-hee-Lesefreudigkeit der Schuljugend

2. Ein Film:

Team Deutschland – Münte aktuell: Das Gejammer muss aufhören!

3. Ideenliebe im Land der Ideen

Ideenliebe - Eine Kampagne des BDI

Ideenliebe - Eine Kampagne des BDI

Frage: Welche der 3 Medienangebote sind Creative Commons („Kreatives Allgemeingut“)?

Die erste Grafik (aus dem Jahr 1987 und der DDR) stammt vom Bundesarchiv und wird seit heute mit der Wikimedia als CC veröffentlicht. Dabei sind einige Spielregeln der Creative Commons zu beachten: Die Grafik kann verändert, vervielfältigt und verarbeitet werden, im weiteren muss der Rechteinhaber genannt werden. Das Bundesarchiv ist eine Einrichtung des Bundes, die mit Steuermitteln finanziert wird, der Münte Comic stammt von der nächsten öffentlichen Anstalt, dem Norddeutschen Rundfunk. Dieser stellt diese Comic Produktion zum freien Download bereit und informiert sehr ausführlich über die Möglichkeiten von CC.

Die Alternative: Creative Commons

Wer stattdessen kreative Werke nutzt, die unter einer Creative-Commons-Lizenz stehen, hat diese Probleme nicht. Creative Commons (CC, etwa „kreatives Allgemeingut“) ist eine Art Urheberrecht des Internet-Zeitalters, das auf die Herausforderungen der digitalen Technologien antwortet und eine flexiblere Handhabung von Urheberrechten erlaubt.

Selbst dieser zitierte Text steht unter CC. Aber hierbei kann das Werk nicht verändert werden, denn es steht unter 2.0 CC. Das bedeutet wir hören und sehen Münte bei YouTube nicht mit der Stimme von Schröder!

Wenn, denn, dann – denn Deutschland liegt bekanntlich im Land der Ideen. Die Kampagne läuft auch 2009 wieder und wie die Adventskalender zu Zeit, öffnet sich ab 1. Januar 2009  jeden Tag eine neue Idee – sehr schön in dieser Datei zusammengefasst. Neben der Bundesregierung ist der Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI) einer der Initiatoren und dieser rief auch die Initiative: „Ideenliebe“ im Frühjahr 2008 ins Leben. Letztlich geht es wohl darum, auch mit Unterrichtsmaterial, die Schüler anzuhalten geistiges Eigentum in ihrem Wert schätzen zu lernen und nicht zu klauen. Denn:

Gute Ideen sichern Deutschlands Zukunft. Oft fehlt jedoch der Respekt vor geistigem Eigentum. Fälscher schädigen Unternehmen und auch die Verbraucher, die nicht mehr zwischen Original und Kopie unterscheiden können. Der bundesweite Wettbewerb „Ideenliebe“ bringt das Thema in die Klassenzimmer: Schüler der Klassen 8 bis 10 sind aufgerufen, kreative Beiträge zum Schutz von Ideen zu entwickeln.

Man darf gespannt sein, welche Ergebnis ab Januar 2009 gezeigt werden. Das Medienecho bei Google ist eher gering. Nur beim SPIESSER, einer Jugendzeitschrift, tat sich eine Diskussion auf, warum der BDI mit seiner „Initiative“ den SPIESSER mit Inhalten unterstützt und dazu Onno am 20.11.2008:

Moin,
Ich finde in der Schule abschreiben hat wenig mit Ideenklau zu tun wie Pan es andeutet: Das Thema ist vorgegeben und es geht eigentlich nur darum es mit eigenen Worten wiederzugeben. […]

Mmh, ich denke, vielleicht beginnt ja der Nutzen
einer Idee bei einem selbst und wird so überhaupt erst für andere erkennbar und erhält so ihren Wert.?

Fazit: Ideenliebe im Land der Ideen ist kein kreatives Allgemeingut und der BDI keine öffentliche Einrichtung, aber ein Verein, der die öffentliche Meinung beeinflusst.

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Guter Unterricht und reflektierte Aufgabentypen

25. November 2008 · von Miller · 7 Kommentare

Guter Unterricht und reflektierte Aufgabentypen

Die Frage nach dem guten Lehrer ist immer gleichzeitig eine Frage von grundsätzlich gelebten Unterrichtsprinzipien (10 Prüfsteine für guten Unterricht) und einer kompetenzorientierten Operationalisierung vor Ort. Im Unterrichtsalltag zeigen sich professionelle Routinen und pädagogisches Geschick in der Gestaltung von vielfältigen Lernkulturen, die vor allem ihren Ausdruck in reflektierten Aufgabentypen finden. Eine konsequente Subjektorientierung und damit eine Abkehr von vorgefertigter Instruktionspädagogik schaffen für den Lernenden Spielräume für eine organisierte Spurensuche und subjektive Wahlentscheidungen. (Subjektive Didaktik) Lernen ist subjektive Konstruktion, schwingender Resonanzraum und Interaktivität.

Folgende Kriterien sollten sowohl im Unterrichtsalltag als auch bei der Erstellung zentraler Prüfungsaufgaben mit kompetenz-orientiertem Profil den Rahmen bilden:

1. selbst gewählte Vergleichs- und Andockmöglichkeiten zur vorgegebenen Problematik/ Thematik (fachspezifisch und fächerübergreifend)

2. Um- und Neugestaltung von Texten nach bestimmten Kriterien (vorgegeben oder selbst gewählt, Spiel mit Textsorten)

3. Herausarbeitung von Bezügen zwischen unterschiedlichen Materialsorten (Texte, Bilder, Filmsequenzen, Grafiken, Tabellen)

4. selbständige Wahl einer passenden Bearbeitungsmethode oder eines Untersuchungsschwerpunkts (aspektorientiert und arbeitsteilig)

5. reflektierte Wahl einer wirkungsorientierten und adressatenbezogenen Darstellungsform (Reflexion von Inhalt und Medium)

6. Beurteilung eines Problems/ Sachverhalts nach hergeleiteten Prüfkriterien (Konkurrenz von Prüflogiken, Geltungsansprüchen)

7. Herausarbeitung von Strukturen und Prinzipien (Vermeidung eines Abfrageduktus; punktuell nötiges Spezial- und Sonderwissen kann dabei als Entlastung vom Lehrenden zur Verfügung gestellt werden)

8. Konzentration auf Prozesse und Lösungsstrategien (Ergebnisse als Ausgangspunkt für weitere Herausforderungen)

9. selbständige und begründete Komplexitätserweiterung bzw. -reduktion bei der Suche nach Lösungswegen ( Akzeptanzkriterien und Priorisierungen)

10. Gegenwartsbezüge und Zukunftsfähigkeit (Gestaltungsauftrag, Antizipationsfähigkeit, existenzielle Inhalte, Förderung bzw. Brechung durch Geschichte und Tradition).

Mithilfe eines Operatorenrades (Verben mit Handlungs-Aufforderungscharakter) können Lernende zunehmend selbständig eigene Aufgabenstellungen generieren und bearbeiten.

Das „Lernen selbst lernen“ ist pointiert nicht Methode, sondern wertsensible und weltoffene Haltung des Subjekts, das sich neugierig mit „sperrigen Bildungsgütern“ beschäftigt und Lösungen findet. Offenheit von Aufgabentypen und subjektive Umgestaltungswünsche der Lernenden akzeptieren, heißt als Lehrender, sich bewusst zu verabschieden von primitiven Input-Output-Vorstellungen und rigiden Zeittakten einer linearen Pädagogik.

Operatorenrad zur Aufgabengenerierung, Miller 2007

PS. Eine Prüfungsdidaktik, die auf der Höhe der Zeit sein will (z.B. die jährliche Gestaltung des Zentralabiturs), müsste zuerst selbstkritisch reflektieren, wo sie steht. Der vorherrschend instruktionspädagogische Impetus, die sich wiederholenden Zwangsbeglückungsprogramme für Jugendliche wie z.B. verordnete Leselisten oder fortgesetzte Stoffhuberei bedürfen einer grundlegenden Revision.< –>

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Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage

10. November 2008 · von Miller · 7 Kommentare

Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage

Freies Denken in Hessen 2008, Foto Miller

Im Artikel „Abitur verkauft – 8. Nachlese“ sagte ich zu, richtungweisende Handlungsschritte und Lösungen betreffend einer „öffentlichen Zugänglichkeit von zentralen Prüfungen“ anzubieten. Dazu ist es notwendig, bisherige Positionen des hessischen Kultusministeriums näher zu analysieren und die Plausibilität der vorgebrachten Gründe zu prüfen. Textgrundlage sind somit die parlamentarische Anfrage der Grünen (des Abgeordneten Mathias Wagner) und die 10 Antworten des geschäftsführenden Kultusministers Jürgen Banzer.

Drei Voraussetzungen / Unterstellungen werden meinerseits getroffen:
1. Dass es um die bestmögliche Bildung und Ausbildung der Schülerinnen und Schüler geht; dies beinhaltet auch eine optimale Prüfungsvorbereitung und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel im öffentlichen Schulwesen
2. Dass der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ grundsätzlich gilt, also Lernfähigkeit und Lernbereitschaft im Dialog gegeben sind und gemeinsam um die sinnvollste Lösung gerungen wird
3. Dass das ökonomische Prinzip grundsätzlich gilt, d.h. dass sich einfachere, effizientere und kostengünstigere Verfahren gegenüber umständlicheren und kostenintensiveren durchsetzen.

Als thematischer Hintergrund wird auf die gesamte Artikel-Serie „Abitur verkauft“ im Bildungswirt rekurriert (vgl. die entsprechenden Hinweise unter ähnliche Artikel am Schluss). Dazu gehören selbstverständlich auch die dargestellten Positionen der Parteien im hessischen Landtag, der Lehrerverbände und die zahlreichen engagierten Kommentare von Bloggern / Lesern.

Fangen wir an:
1. Zunächst ist richtig, das es sich um ein komplexes Vorhaben handelt: „...jährlich etwa 300 Aufgaben in 43 Fächern“(Banzer) und Regelungen des Urheber-Gesetzes (Copyright-Problem) zu berücksichtigen sind. Niemand kann das mit guten Gründen bezweifeln. Nur welche Analyse wird angestellt, welche Interpretation favorisiert und welche Schlüsse werden gezogen? Verschaffen wir uns ein differenziertes Bild zur Struktur der Fächer. Drei Aufgabenfelder mit zugeordneten Fächern liegen vor:
a) das sprachlich-literarisch-künstlerische Feld mit Deutsch, Kunst, Musik, Darstellendes Spiel und den Fremdsprachen Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein, Altgriechisch, Russisch, Chinesisch, Japanisch (unter bestimmten Bedingungen können noch weitere Fremdsprachen an den Schulen angeboten werden)
b) das gesellschaftswissenschaftliche Feld mit Geschichte, Politik und Wirtschaft, Wirtschaftswissenschaften, Erdkunde, Rechtskunde, Philosophie, Ethik, evangelischer und katholischer Religion
c) das mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Feld mit Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und Informatik

Aus dem beruflichen Gymnasium kommen noch weitere Fächer mit Schwerpunktsetzungen in den gewählten Fachrichtungen hinzu wie z.B. Maschinenbau, Elektrotechnik, Bautechnik, Wirtschaftslehre, Agrarwirtschaft, Ernährung und Hauswirtschaft. Aus den Schulen für Erwachsene gibt es noch ergänzend „Exoten“ wie „Historisch-politische Bildung“ und „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ (thematisch und methodisch ein etwas anderer Zuschnitt als das Fach „Politik und Wirtschaft“ oder „Geschichte“). Ergänzend wären noch allgemein das Fach Sport und „Bilingualer Unterricht“ zu nennen und zum Teil noch eine Differenzierung zwischen Grundkursfach und Leistungskursfach zu berücksichtigen. Zugegeben, insgesamt ein weites komplexes Feld. Was ist zu tun?

Jeder vernünftige Mensch, der Prüfungsaufgaben dokumentieren und Lernprozesse fördern will, konzentriert sich angesichts der Fülle auf das Wesentliche: Was ist definitiv vorgeschrieben (Pflichtfach) und was wird von den Schülern schwerpunktmäßig im Abitur gewählt? Daraus ergibt sich für alle als 1. Staffel: Deutsch, Englisch, Mathematik, Politik und Wirtschaft und Biologie. 2. Staffel: Geschichte, Französisch, Spanisch, Latein, Chemie, Physik und Religion. Alles Weitere wäre wünschenswert und ist abhängig von den eingesetzten Ressourcen. Aus den angeblich 43 Fächern reduziert sich das Ganze auf ein MUSS von 5 Fächern (1.Staffel) und max. 7 Fächern (2.Staffel). Das Wedeln mit 43 Fächern lenkt also unnötig vom Kern des Problems ab.

(Bedenke, geneigte Leserin, geneigter Leser: dein im Moment vollzogener Leseakt ist ein kreativer konstruktiver Prozess und befördert eigene, ergänzende Lösungen des Problems, z.B. in welchen Fächern aufgrund ihrer „Exotik“ nur dezentral zu prüfen wäre? Bitte an den Bildungswirt schreiben oder gleich direkt an das HKM, Luisenplatz 10, 65185 Wiesbaden)

2. Bei der Dokumentation von Prüfungen ist zu unterscheiden in: a) Aufgabenstellungen, b) Material, also Texte, Bilder, Grafiken und c) Lösungen, Hinweise, Bewertungsmaßstäbe. Für a) und c) gibt es kein Copyright, da Aufgaben und Lösungen von Lehrerinnen und Lehrern im hessischen Schuldienst erstellt und i.d.R. durch Deputatstunden (Unterrichtsentlastung) vergütet wurden. a) und c) könnten für alle Fächer kostenfrei und problemlos im Internet zur Verfügung gestellt werden. Der Schüler hat zeit- und ortsungebunden ein Recht darauf, zu erfahren, was von ihm im „öffentlichen Prüfungsakt“ verlangt wird. Wir sind inzwischen – auch wenn der ein oder andere noch beängstigend und rückwärtsgewandt dreinblickt – im Internetzeitalter angekommen.

3. Kommen wir zum heiklen Punkt: b) Material. Hier gilt es zu unterscheiden zwischen kostenfreiem und i.d.R. frei verwendbarem Material einerseits und kostenpflichtigem und zustimmungsabhängigem Material andererseits. Diese Copyright-Prüfung kann durch alle Fächer ohne großen Arbeitsaufwand durchgeführt werden, vorzugsweise bei den 12 genannten Fächern (1. und 2. Staffel). Exemplarisch will ich das an einigen Fächern zeigen. Der Grundsatz gilt: Alle Texte, die älter als 70 Jahre sind, können von jedermann frei verwendet werden, unterliegen also keinem Copyright! Aus der vorgeschriebenen Leseliste im Fach Deutsch folgt, dass fast alle Texte copyrightfrei sind, z.B. Goethe, Schiller, Fontane, Büchner,…Analog gilt das für Texte in Geschichte und Latein zu 95%. Besondere Schlauberger kommen allerdings auf die „Geschäftsidee“ zu sagen: ja, die Texte sind copyrightfrei, aber nicht mein Layout. Dann nimmt man eben den Text, bastelt sich in 10 Minuten sein eigenes Layout und schon ist das Problem gelöst. In den Fächern Mathematik, Chemie und Physik ist das Copyright marginal. Fast alles ist von den Lehrerinnen und Lehrern selbst erstellt, z.B. Formeln, Symbolketten, einfache Grafiken, Versuchsbeschreibungen. Zusätzlich gibt es – wie jetzt schon üblich – netzveröffentlichte Handreichungen.

4. Kommen wir zum verbleibenden kleinen Kern des kostenpflichtigen Problems. Autoren und Verlagen werden in Bezug auf das Copyright verzerrt wahrgenommen und falsch eingeschätzt. Autoren und Verlage haben kein Interesse an Konflikten mit staatlichen Institutionen. Sie haben Interesse an Kooperation, an Werbung für den eigenen Namen und ihre Produkte und selbstverständlich immer an Geschäften. Schulbuchverlage erfüllen eine wichtige Unterstützungs- und Begleitfunktion für Unterricht, sind hoch kooperativ, flexibel und gesprächsbereit. Die Autoren sind in der großen Mehrheit selbst Lehrerinnen und Lehrer im Schuldienst oder Hochschuldienst (oder Pensionäre). Ein geschicktes staatliches Management bindet sie in längerfristige Entscheidungen ein und sorgt für eine Win-Win-Situation. Oft erhält man kostenfrei (oder für einen kleinen symbolischen Obolus) Abdruckrechte für Texte, Bilder, Grafiken, wenn selbstverständlich die Quelle und „mit freundlicher Genehmigung des XY-Verlags“ genannt wird. Schulbuchverlage haben ein hohes Interesse daran, dass ihre Produkte an den Schulen vor Ort im Gespräch sind und auch immer wieder bestellt werden. Grundsätzlich gilt die gleiche Einschätzung zu kooperativem Verhalten auch bei großen Medien wie z.B. der FAZ, der FR, der Zeit oder dem HR, wenn z.B. auf aktuelle Berichterstattung zurückgegriffen wird. Die Abdruckrechte für „typische Zeitungsartikel“ zu erhalten, eingesetzt z.B. im Fach Politik und Wirtschaft, ist wirklich kein ernsthaftes Problem. Zudem gibt es die Möglichkeit, über eine geringfügige, einmalige Jahreszahlung pauschal Abdruckrechte für „aktuelle Berichterstattungen“ und die Verwendung zum „Abiturzweck“ zu erhalten. Flexible Amtsjuristen könnten mit VG-Wort Verträge/ Pauschalen über die Nutzungsrechte aushandeln, zumal die Textlänge im Abitur i.d.R. nicht 900 Worte übersteigen darf. Auf Einzelnachweise wird dann im Vorfeld verzichtet; nach dem Abitur kann Bilanz gezogen werden. Insgesamt dürften sich die Zusatzkosten für Dokumentation und Präsentation auf nicht mehr als 1% (ein Prozent!) der öffentlichen Gesamtkosten der Abiturerstellung belaufen.

5. Sollte ein „Platzhirsch“ am Markt im Einzelfall eine unangemessen hohe Summe für Abdruckrechte wollen, so schlägt man das Angebot aus und ignoriert ihn. Zahlreiche qualitativ hochwertige Autoren und Verlage springen gerne ein, wären froh, wenn sie beim Abitur „berücksichtigt“ werden würden. Für diesen Werbeeffekt sind sie bereit einiges zu tun. Ebenso muss ein Ministerium bereit sein, kreative und effiziente Lösungen zu suchen.

6. Noch weitgehend ungenutzt sind kostenfreie Quellen bei Text- und Bildmaterial, die das Internet anbietet. Hier wäre eine qualifizierte Schulung der Lehrerkommissionen zur Aufgabenerstellung anzuraten. Das Internet-Polyversium ist doch deutlich weiter, tiefer und reichhaltiger als die meisten Zeitgenossen meinen.

7. Das Ministerium vertritt in diesem Fall einen seltsam verengten Begriff von Öffentlichkeit bzw. von „öffentlichem Zugriff“. Dem gegenüber muss betont werden, dass eine schul- und bildungspolitische Öffentlichkeit aus Schülern, Lehrern, Eltern, lokalen Schulträgern, universitärer Fachöffentlichkeit und den Medien besteht. Mit zwei CDs pro betroffener Schule (oder eine CD für einen besonders privilegierten Journalisten) kann das nicht geleistet werden. Das angemessene Medium ist das Internet.

Insgesamt komme ich zum Ergebnis: Die von der Gymnasialabteilung des HKM vorbereiteten und vom Minister vorgebrachten Antworten sind wenig gestützt auf gute Gründe, sondern haben wesentlich die Form von luftigen Begründungen.

Es bleibt die berechtigte, seit Monaten bekannte Forderung:
“Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.”

Zum Schluss noch ein persönliches Wort an den Minister. Herr Banzer, der Kultusbereich bereitet Ihnen nach Ihren eigenen Worten Freude und ist für Sie eine große Herausforderung. Nutzen Sie deshalb nebenbei den „Obama-Effekt“ auch in Hessen und auch im Kleinen – change (!), yes we can. „Change“ klingt in der deutschen Übersetzung mit „Wechsel“ zu technisch, gar etwas hölzern. Übersetzen wir Change doch auch noch mit der Obertonreihe: Wandel durch Mut, Begeisterung und Engagement. Eine Stunde „Change“ und das Problem wäre gelöst; der Rest ist professionelle Routine. Es liegt allein in Ihrer Hand. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.

PS. Die an den „hessischen Verhältnissen“ aufgezeigten Problemlösungen gelten im Grundsatz auch bundesweit! Von allen Schulministerien kann in der Abiturproblematik mehr Sorgfalt, Dokumentationsbereitschaft und Engagement erwartet werden. Wie heißt die viel zitierte Formel in der Schule: „Fördern und Fordern“! Das gilt für alle Beteiligten.
In Korrespondenz dazu kann auch mein Beitrag „Abitur in Deutschland (1)“ gelesen werden.

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ZDF-Dokumentation 37 Grad: Lehrer – immer am Limit (??)

11. Oktober 2008 · von Miller · 3 Kommentare

ZDF-Dokumentation 37 Grad: Lehrer – immer am Limit (??)

Der angebliche Alltag der Lehrer war am 07. Oktober 22.15 filmerischer Gegenstand der ZDF- „37 Grad“-Dokumentation „Immer am Limit – Lehrer und ihr harter Job“. (Link zur ZDF-Mediathek)


Die Filmemacher Katharina Gugel und Ulf Eberle montieren eine Realität aus der Perspektive der Lehrer. (In der Sendung davor ging es unter dem Titel „Schwere Last auf schmalen Schultern“ um die Schülerperspektive an einem G8-Gymnasium.) Der Lehrer-Film wurde im Vorfeld breit in den Medien angekündigt, zum Teil empfohlen, bevor er tatsächlich gesehen wurde. Und nach der Sendung? Was haben wir gesehen? Wo sind die Rezensionen, die Lobeshymnen oder auch Verrisse? – weitgehend ein großes Schweigen im Medienwald. Der Bildungswirt will einige Facetten näher beleuchten.

Zuerst gebührt dem ZDF und den Filmemachern sicher Dank, dass sie das Thema „Schule und Lehrerarbeit“ zurzeit verstärkt in die öffentliche Debatte bringen. Allerdings werden dabei immer wieder Eulen nach Athen getragen: Wer glaubt eigentlich noch, dass Lehrer einen Halbtagsjob haben und nachmittags auf dem Tennisplatz stehen? Selbst der Kioskbesitzer an der Ecke weiß, dass Lehrer einen anstrengenden Beruf mit hoher Stressbelastung haben. Das ist auch der Grund, warum die große Mehrheit der Bevölkerung selbst nicht diesen Beruf ausüben wollte.

Die Hauptkritik am „Lebensort Schule“ formulieren in der Reportage die Gesamtschullehrerin Charlotte Hornbostel aus Bad Hersfeld und ihr Kollege Jürgen Liefke aus Duisburg Neumühl in weitgehender Übereinstimmung mit den längst bekannten Urteilen / Vorurteilen in der Bevölkerung:
zu große Klassen, verhaltensauffällige und unmotivierte Kinder, Dauerhektik, Überlastung, Burn-out-Gefährdung, Zunahme der bürokratischen Verwaltungsarbeiten, kaum individuelle Förderung von Schülern möglich. Bei vielen Zuschauern könnten dadurch eher Sehnsüchte nach der verlorenen Disziplin und der Ruf nach Härte hervorgerufen werden. (Im ZDF-Forum zeigen sich erste Spuren). Verunsicherung bei Lehrern und Eltern produzieren schnell den Wunsch nach klarer Orientierung durch Führung.

Filmisch kommen O-Töne zur Unterrichtsmisere:
„Ich bin jetzt echt frustriert“, sagt Charlotte Hornbostel. Ein Satz, den die Lehrerin häufig sagt. Und Jürgen Liefke korrigiert bis Mitternacht Klassenarbeiten, bereitet sich vor (so der Film), kommt mit dem Lehrplan (wie die Kollegin) nicht durch und „muss wieder Schüler bändigen oder unmotivierte ermutigen.“ Sie sind beide überzeugte Lehrer – von den Filmemachern betitelt als „Lehrer aus Leidenschaft“. Liefke meint auch: „Das ist es doch, warum wir an diesem Beruf hängen: Dass wir etwas bei den Kindern bewirken können.“ Hornbostel bestätigt ansonsten bekannten Alltags-Geschichten: „Ganz schlimm ist es nach dem Wochenende“. „Dann sprechen die nur noch in ihrer Computersprache und haben jede Menge Aggressionen angestaut.“ (Wirklich? Eine eigene Computersprache?)

Was sehen wir als Zuschauer noch?
Einen biederen, hausbackenen Unterricht, gelangweilte Schüler! Wie könnte es anders sein? Wir bekommen allerlei Symptome von „Konflikt und Störung“ vorgeführt und gleichzeitig wenig Reflexionsfähigkeit und innovative Unterrichtsansätze der Lehrer gezeigt. Im Gegenteil: Der instruktionspädagogische Häppchenunterricht wird von den Schülern durch weitgehendes Desinteresse und erhöhten Lärmpegel kommentiert. Liefke meint, dass man den Lärmpegel aushalten müsse, man gewöhne sich dran. Mit einer sinnvollen Lernatmosphäre hat das jedenfalls nichts zu tun. Prüfsteine für einen guten Unterricht werden weitgehend (unbewusst?) ignoriert bzw. nicht gewusst.
Die Schüler finden Liefke haben trotzdem sehr nett, da „er ein offenes Ohr auch für private Probleme hat, man mit ihm reden klann“. Erst beim „Überstundenprogramm“ – dem zusätzlichen Theaterspiel gelingt im Ansatz eine Mischung aus Ernsthaftigkeit, Spaß und unterrichtlicher Substanz. Leider viel zu kurz. Über das pädagogisch- didaktische Kunsthandwerk, die notwendige professionelle Handlungskompetenz des Lehrers, erfahren wir fast nichts.

Was sehen wir noch?
Schulleiter Ulrich Stockem, selbst Burn-out-erfahren, macht sich Sorgen um den Gesundheitszustand von Liefke und monologisiert über die Gefahren. Wenn Liefke nichts an seinem Arbeitsstil ändere, dann prophezeit ihm der Rektor spätestens in fünf Jahren einen Herzinfarkt oder ähnliche Katastrophen. Begleitendes zartes Kopfnicken und Händeschütteln, das war’s. Mit einem Gespräch, im wahrsten Sinne des Wortes, hatte das nichts zu tun! Auch dem Kameramann fällt da nichts mehr ein.
Dann eine unsägliche Gesamtkonferenz der Lehrer: Man bestätigt gegenseitig, dass man den Kanal voll habe und das Ende der Fahnenstange erreicht sei. Der Schuleiter versteht sich als tonangebendes Sprachrohr und fordert zum Meinungsbild/ zur Abstimmung auf, wobei er zuerst die Hand hebt, damit auch jeder wisse, welches Zeichen für die anwesende Kamera zu geben sei. Peinlich!

Szenenwechsel: Hornbostel liegt beim Arzt auf der Untersuchungspritsche: Seit einem Jahr spürt die junge Lehrerin die Daueranspannung auch körperlich: „Manchmal hat sie Ohrensausen, Herzrasen, oft kann sie nicht schlafen, und der Bauch drückt. „Beginnendes Burn-out-Syndrom“, diagnostiziert ihr Arzt und mahnt dringend zu mehr Auszeiten. (Liebe Filmemacher, so platt geht dieses Thema nicht in den Kasten)

Hornbostel, Liefke und Stockem sind subjektiv engagiert, nur das allein garantiert keinen qualitativen Sprung zur Lösung der Schulmisere. Auch den ebenso engagierten Filmemachern gelingt nur bedingt ein wirklich sensibles filmerisches Röntgenauge auf Schulwirklichkeiten. Man beteiligt sich an der Verdoppelung der schlechten Realitätsausschnitte und leistet unfreiwillig Vorschub zu deren Zementierung.

PS:Burn-out-Bekämpfung: „Die Erfolge sind am besten, wenn die Hilfestellung im Frühstadium erfolgt, etwa in einer Supervisionsgruppe, also einer Kollegengruppe unter Leitung eines Psychotherapeuten, die sich beispielsweise einmal wöchentlich trifft. Reicht dies nicht aus, sollte eine Einzel-Psychotherapie in Erwägung gezogen werden. Leider werden psychotherapeutische Hilfen aus Scham oder Stolz oft nicht oder viel zu spät aufgesucht. Eine fachgerechte Psychotherapie wird von den Kassen bezahlt,“ so die Filmemacher. Da stimme ich überein.
Professionelles Handlungswissen für den erfolgreichen Unterricht sollte allerdings im Zentrum der individuellen und kollektiven Anstrengung in der Schule stehen und nicht der „Methoden-Schnellkurs“ oder die „Antistress-Nachmittagsschulung“. Für Lehramts-Studierende sollte frühzeitig als grundsätzliche biografische Selbstreflexion gelten: Ist das wirklich meine erste Berufswahl? Denn es gibt auch andere attraktive Berufe. Und für weit blickende Schulleiter gilt: Die bewusste Personalauswahl ist die beste Garantie für die Wirksamkeit von sog. Maßnahmen zur Personalentwicklung. Die Schülerinnen und Schüler hätten das verdient.

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Bildungswirt zelebrierte ein öffentliche Lesung im Odyssee Kult: „Der Mensch ist ein emotionales und lachendes Wesen und kein kognitiver Maschinenkrüppel“

1. Oktober 2008 · von frankmackay · Keine Kommentare

Bildungswirt zelebrierte ein öffentliche Lesung im Odyssee Kult: „Der Mensch ist ein emotionales und lachendes Wesen und kein kognitiver Maschinenkrüppel“

In der gut besuchten Kneipe im Frankfurter Nordend stellte der Bildungswirt – alias Dr. Michael Miller – am Samstagabend sein bildungspolitisches Buch vor:Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft. Alle reden von Schule – was ist zu tun? Ansichten eines Kneipenbesitzers.
Zum Einstieg entfachte er ein buntes Feuerwerk aus Helmut Kohl, der Matrix-Trilogie (blaue und rote Pille), Goethe, Schiller und Medea, bevor er dann in mehr geordneten Bahnen zur Analyse des schulpolitischen Waterloo kam: „rasender Stillstand bei eingebildeter Beweglichkeit“.

Neben Leseproben sprach Miller immer wieder frei, bildreich erläuternd zu „von der kindlichen Neugier zum gelangweilten Schüler“, vom „Lernen als Konstruktionen im Kopf und Vorfreude im Leib“ bis hin zur Notwendigkeit von „Bildungsstandards für Lehrer“. Das Personal in der Schule sei der entscheidende Faktor, um qualitativ hochwertige Lernprozesse zu initiieren und Lernerfolge zu garantieren. Er schrieb den Lehrern ins Stammbuch, „dass der Mensch ein emotionales und lachendes Wesen und kein kognitiver Maschinenkrüppel sei“ und dass mit der „Individualität eines jeden Schülers“ behutsam umgegangen werden muss. „Wichtigen Bildungsfragen nachspüren“ heißt bei ihm auch, „das Ohr am Puls der Kneipenkommunikation zu haben.“ Der gehobene Stammtisch sei besser als sein Ruf und „politische Entscheidungen werden oft genug im kleinen Kreis in der Kneipe gefällt“. Er geißelte die ineffiziente Instruktionspädagogik, die Mythen und Legenden der Unterrichtsoptimierung und rief zu vielfältigen Lernkulturen auf. Das Prüfungswesen, z.B. das Landesabitur mit angestrebt hochwertigem Kompetenzprofil müsste neu bedacht werden. Das Publikum hatte genügend zu lachen und zu schmunzeln, insbesondere als die hohe Kunst des Bedenkentragens der Bürokraten plastisch zur Sprache kam. Insgesamt ein kurzweiliger, runder Abend und das bei einem eher trockenen Thema wie Schulpolitik. Abschließend zitierte Miller die weise Meinung von Jean Paul: „Was alles Böses gegen das Bier bei Philosophen gesagt wird, gilt nicht bei mir.“ Kleine Grüppchen diskutierten noch bis Mitternacht.

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