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Selbständige Schule – neue Lernkulturen?

10. Januar 2010 · von Miller · 1 Kommentar

Selbständige Schule – neue Lernkulturen?

Seit 15 Jahren wird über die Großbaustelle „Selbstständige Schule“ oder auch „Eigenverantwortliche Schule“ in Deutschland diskutiert. Richtig vorangekommen ist man selten, (von ein paar Vorzeige-Modellversuchen abgesehen) zu Unterschiedliches wird darunter verstanden. Da zeigen sich technokratisch-autoritäre Modelle wie demokratische unter dem gleichen Label. Was man in Hessen wirklich will, steht noch in den Sternen. Wohl offizielles Regierungsprogramm von CDU/FDP – aber was heißt das schon praktisch gewendet?

Sind wirklich neue Lernkulturen, demokratische Beteiligung der Schüler und Eltern gemeint? Gibt es eine grundlegende Reform des Prüfungswesens, weg vom Bulimielernen, hin zur Lernnachhaltigkeit? Ist der Schulleiter Teil des Kollegiums und vornehmlich pädagogischer Motor? Wie gestalten sich die Reformspielräume für ein Kollegium, wie wird das finanziert? Lernerrollen für Lehrer – systematische und zeitintensive Lehrerfortbildung? Fragen über Fragen – was kommt 2010 aus Wiesbaden?

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Altmeister Ludwig von Friedeburg im aktuellen bildungspolitischen Gespräch

8. November 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Altmeister Ludwig von Friedeburg im aktuellen bildungspolitischen Gespräch

Bernd Frommelt als Präsident der Gesellschaft zur Förderung Pädagogischer Forschung und Prof. Eckhard Klieme vom DIPF, auf deutscher Seite maßgeblich für die internationale Schulleistungsstudie PISA verantwortlich, luden unter dem Titel Sozialwissenschaftliche Forschung und Bildungspolitik zum alljährlichen Bildungspolitischen Gespräch nach Frankfurt. Altmeister Ludwig von Friedeburg, lange Zeit Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt und hessischer Kultusminister (1969-74) konnte für den Diskurs mit Vertretern empirischer Bildungsforschung gewonnen werden.

Eine hochkarätige Podiumsdiskussion am DIPF lockte am 02.11.2009 über 100 Besucher aus den pädagogischen Zünften.

Komplettiert wurde das Podium durch die Bildungsforscher Prof. Helmut Fend und Prof. Klaus Klemm. Unter Moderation von Prof. Heinz Elmar Tenorth führten die Experten aus Wissenschaft und Politik eine zwischendurch lebhafte Debatte: In welchem Verhältnis stehen Bildungsforschung und Bildungspolitik? Braucht die Bildungspolitik die Forschung?  „Zu grundsätzlichen strukturpolitischen Fragen, etwa der Empfehlung eines bestimmten Schulsystems, kann die Bildungsforschung keine Handlungsanweisungen geben“, brachte es Klieme illusionslos auf den Punkt. Allerdings habe „ die empirische Bildungsforschung zum Bereich der Schulpraxis sehr viel beizutragen. Das wird zu wenig wahrgenommen. Hier können Politik und Verwaltung häufiger auf die Forschung zurückgreifen.“ Das DIPF als Einrichtung für Forschung sowie Service- und Beratungsleistungen übernehme dabei im Spannungsfeld zwischen Bildungspolitik und Bildungsforschung eine Schnittstellenfunktion. Von Friedeburg stimmte mit Klieme überein, dass die bildungspolitischen Entscheidungen letztlich immer von der Politik gefällt und gegen alle widerstreitenden Interessengruppen durchgesetzt werden müssen. Im Gegenzug will von Friedeburg die Forscher nicht aus der Verantwortung nehmen und forderte die wissenschaftliche Gemeinschaft auf, ihre umfassenden Forschungsergebnisse auch gegen die Politik deutlicher auf den Tisch zu bringen.


Wissenschaftler und ihre zahlreichen Gutachten können auch immer wieder mißbraucht werden, ja sie stehen in der Gefahr, nützliche Hofnarren-Funktionen zu erfüllen. Über den Fortgang der Bildungsreform entscheiden in erster Linie gesellschaftliche Machverhältnisse und nicht pädagogische Einsichten, so Friedeburg. Über diese grundsätzliche Einschätzung war man sich auf dem Podium einig. Normative Entscheidung unterliegen immer gesellschaftlichen Machtdiskursen. Die Schulpolitik ist dabei nur ein Handlungsfeld, das immer noch in Deutschland vorherrschende viergliedrige selektive Schulsystem eine Ausdrucksform. Zum  Blick in die Zukunft des deutschen Schulwesens kam es nicht. Nach gut zwei Stunden war das erweitere Familientreffen der Pädagogik vorbei. Mangels Sekt, Selters und Häppchen (Sparprogramm beim DIPF?) kam es auch nicht zu den sozial wichtigen informellen Gesprächen unter den Zuhörern, sondern die Individuen verschwanden in Eile in der Weite der Stadt.

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Deutschunterricht: Sprache und Vernunft 2009 – drei kreative Stunden

25. September 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Deutschunterricht: Sprache und Vernunft 2009 – drei kreative Stunden

Da in der Berliner Republik, nicht nur im Bundestags-Wahlkampf 2009, ein Strom von Gefasel und gestanzten Textbausteinen medial in ohrenbetäubender Weise abgesondert wird, könnte man fast annehmen, Sprache und Vernunft hätten nichts mehr miteinander gemein. Angesichts eines polit-technokratischen Neu-Sprechs aus – „wir haben die Kraft“, „wir halten Wort“, „wir sind die Mitte“ bis hin zu „Nullwachstum“, „Rettungsschirm“ und „Abwrackprämie“, „die Reform der Reform der Reform“, die „kontinuierlichen Strukturentwicklungsprozesse“, „die Rentendämpfungs- und Lohnanpassungsformeln“, alles aus „fester Überzeugung ohne Wenn und Aber“ und „zunächst einmal wollen wir den Wählerinnen und Wählern danken“, „den Menschen draußen im Land“- lohnt sich ein Moment der Besinnung, der Erinnerung, als Sprache und Vernunft noch göttlich zusammen gedacht wurden.

Im Berlin von 1766 veröffentlichte Johann Peter Süßmilch seine Sprachursprungstheorie. In der Vorrede komprimiert er die Essenz: „Mein ganzer Beweis beruhet auf wenigen Sätzen und lasset sich leicht einsehen. Mein erster Satz ist: Die Sprache ist das Mittel, zum Gebrauch der Vernunft zu gelangen, ohne Sprache oder andre gleichgültige Zeichen ist keine Vernunft (…) Wer also Werke des Verstandes will hervorbringen, der muss sich im Gebrauch der Sprache befinden. Der zweite Satz ist: Die Sprache oder der Gebrauch der lautbaren Zeichen ist ein Werk des Verstandes, und zwar eines sehr großen und vollkommenen Verstandes, der alle Zwecke übersehen und der das ganze Sprachgebäude nach selbigen einrichten können, welches aus Vollkommenheit der Ordnung der Sprache unleugbar erhellet: Folglich hat derjenige, welcher die Sprache gebildet hat, sich schon im Gebrauch einer Sprache befinden müssen. Könnte der Mensch für den Erfinder angenommen werden, so müsste er sich schon vor der Erfindung der Sprache in dem Gebrauch der Sprache befunden haben, der Mensch müsste ohne Sprache klug und vernünftig gewesen sein, welches doch als unmöglich erwiesen ist. Daher bleibt uns nichts als der göttliche Verstand übrig.“

Das waren noch Zeiten! Gott und Logik. Fast wäre man geneigt auszurufen: Herr, warum hast du uns verlassen? Medien als Systemselbstläufer errichten den nächsten (realen und virtuellen) Turmbau zu Babel, ohne es selbst noch zu bemerken. „Die schwarze Milch der Frühe“ (Celan) versteht dann keiner mehr.

Aufgaben/ Fragen
1. Notieren Sie ihren ersten Eindruck zur verwendeten Sprache im  Wahlkampf der Parteien.

2. Sammeln Sie „Textbausteine“ aus politischen Reden/Interviews , die (fast) immer passen, d.h. zu jeder Gelegenheit eingesetzt werden können. Recherchieren Sie im Netz arbeitsteilig in verschiedenen Medien.

3. Entwerfen Sie eine Kurzrede zu einen politischen Thema und verwenden Sie solche „Textbausteine“. Tragen Sie diese im Kurs vor.Wenn möglich, drehen Sie ein Video für „You tube“ – sachlich, heiter, satirisch, zynisch …?

4. Diskutieren Sie Alternativen zu diesem weitverbreiteten „politischen“ Jargon.

5. Wie interpretieren Sie  die Achse – Gott, Logik, Sprache – ?

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Kontroverse Schuldebatte 2009

8. September 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Kontroverse Schuldebatte 2009

Im neuen linksorientierten Medienprojekt „der Freitag“ (Verleger J. Augstein) schlagen zurzeit die Wellen zur Schulpolitik hoch. Der taz-Redakteur Christian Füller eröffnete mit „Lasst die Schulen los“ und erzeugte eine große Debatte. Der Bildungswirt erweiterte um die pädagogische Dimension „Der gute Lehrer – ein Phantom?“

Alle Bilder sind durch anklicken zu vergrößern!

Die Themenliste ist lang und kann beliebig verlängert werden: u.a.

Bildungstheorien, Hintergrundtheorien, Bildungsphilosophien, Bildungspolitiken, Machtpolitiken, Föderalismusgestrüpp, nationale Bildungsstiftung, Finanzierungsmodelle, Bildungsbudget, Organisationsentwicklung, Lehreraus- und -fortbildung, Didaktik, Methodik, Berufsbeamtentum, Schulrecht, zentrale Prüfungen, Vergleichsarbeiten, Bildungsstandards, Kompetenzmodelle, Schulinspektion (Schul-TÜV),PISA, TIMSS, Demokratie in der Schule – Erwartungen, Visionen, empirische Resultate, „Starke Schulleiter“ – zwischen Notwendigkeit und Ideologie, Elternbeteiligung – eine Mär?, Arbeitsweisen der Kultusbürokratie konkret? Bedeutung der KMK? Landesabitur in den einzelnen Bundesländern, Zentralabitur für ganz Deutschland?

Wir reden über eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen überhaupt: Ca. 12 Millionen Schülerinnen und Schüler (9,2 Millionen in allgemeinbildenden Schulen und 2,8 Millionen im beruflichen Schulwesen) und etwa 700.000 Lehrerinnen und Lehrer sind Beteiligte, Betroffene, manchmal Leidgeplagte, auch Millionen Eltern. Es zeugt von Interesse und Sensibilität, dass hier im FREITAG die Wogen höher schlagen.

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Der bildungspolitische Fels Friedeburg ist 85!

22. Mai 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Der bildungspolitische Fels Friedeburg ist 85!

Der Fels Ludwig von Friedeburg ist gestern nicht gen Himmel gefahren, er lebt munter weiter im Diesseits und feierte seinen 85. Geburtstag. Das Bildungswirt-Team gratuliert.

Der ehemalige hessiche Kultusminister (1969- 1974) ist heute immer noch bildungspolitisch aktiv für mehr Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Als langjähriger Direktor (1966 -2001) des renomierten Instituts für Sozialforschung (Max Horkheimer Nachfolge) läßt er sich von oberflächlichen bildungspolitischen Schminkkursen des sog. „Fortschritts“ nicht blenden. Er weiß um den engen Zusammenhang von kritischer Gesellschaftsanalyse und engagierter Bildungspolitik. Von Friedeburg können auch heute noch viele Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker lernen.

Jüngst sprach er noch auf einer IG-Metall-Veranstaltung mit dem Titel:  „Gute Bildung für alle. Warum tritt die Bildungspolitik auf der Stelle? Perspektiven für die Zukunft“.

Friedeburg – jung, leidenschaftlich, wissend  im Bildungswirt

(ein Klick und Sie sind da!)

Anekdotisches:
Auf meine Frage, was denn einer seiner ersten Maßnahmen bei der Amtsübernahme im Kultusministerium gewesen sei, antwortete er: Vier Wochen Reiseverbot für ministeriale Beamte, damit man alle mal beisammen hatte, um den neuen Kurs zu klären.

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Sprachmittlung im Fremdsprachenunterricht

6. März 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Sprachmittlung im Fremdsprachenunterricht

An vielen Schulen und in zahlreichen Abschlussprüfungen – vor allem im Fach Englisch, zum Teil auch in Französisch und Spanisch – wird eine alte, sehr sinnvolle Aufgabenform neu entdeckt: die Sprachmittlung. Sinn einer Sprachmittlung ist es, jemandem wesentliche Aspekte aus einem gesprochenen oder geschriebenen Text zu vermitteln, dessen Sprache er nicht versteht; d.h., den wesentlichen Inhalt, das Wichtige oder für den anderen Interessante aus einem deutschen Text sinngemäß – also in der Regel nicht wörtlich übersetzt – in Englisch wiederzugeben. Oder auch umgekehrt: Wesentliches aus einem englischen Text sinngemäß auf Deutsch zusammenzufassen.

Konkretes Beispiel gefällig?

Welchen konkreten Anwendungsbezug Sprachmittlung haben kann, soll im Folgenden eine Sprachmittlungsaufgabe verdeutlichen, die sich auf den Zornausbruch des damaligen Trainers von Bayern München, Giovanni Trapattoni, auf der berühmten Pressekonferenz am 10. März 1998 bezieht. Auch hier gilt es aus einer – allerdings nicht eindeutig zu bestimmbaren – Fremdsprache in sinnvolles Deutsch zu vermitteln:

Aufgabe: Fassen Sie zusammen, was Trapattoni sagt und was er eigentlich meint.

Giovanni Trapattonis Rede:
„Sind Sie bereit?
Stellen mir die Fragen, wenn hören o verstehen schlecht meine Wörter, bitte. Es gibt im Moment in diese Mannschaft, oh, einige Spieler vergessen ihnen Profi was sie sind. Ich lese nicht sehr viele Zeitung, aber ich habe gehört viele Situationen.

Erstens. Wir haben nicht offensiv gespielt. Es gibt keine deutsche Mannschaft spiel offensiv und die Name offensiv wie Bayern. Letzte Spiel hatten wir in Platz drei Spitzen: Elber, Jancka und dann Zickler. Wir mussen nicht vergessen Zickler. Zickler ist eine Spitzen mehr, Mehmet e mehr Basler. Ist klar diese Wörter, ist möglich verstehen, was ich hab‘ gesagt? Dann. Offensiv, offensiv ist wie machen in Platz.

Zweite. Ich habe erklärt mit diese zwei Spieler: Nach Dortmund brauche vielleicht Halbzeit Pause. Ich habe auch andere Mannschaft gesehen in Europa nach diese Mittwoch. Ich habe gesehen auch zwei Tage de Training.

Ein Trainer ist nicht ein Idiot! Ein Trainer sei … sehen was passieren in Platz. In diese Spiel es waren zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer! (…)“ (ohne Gewähr)
(Den Rest bitte selbst raushören und sprachmitteln … viel Spaß)

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Kultusministerin Henzler – G8/G9 – „ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen“

19. Februar 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Kultusministerin Henzler – G8/G9 – „ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen“

In der Frankfurter Rundschau – Printausgabe von heute – hagelt es in Leserbriefen massive Kritik an Frau Henzler. Hintergrund ist das FR-Interview vom 3.2.2009: „An der langen Leine: Hessens künftige Kultusministerin will Schulen über sich selbst entscheiden lassen. Das Turbo-Abitur soll am Gymnasium aber Standard bleiben. Haupt- und Realschulen dürfen Schüler gemeinsam unterrichten.“

Die Gemüter erhitzt folgende Aussage der Ministerin, hier im Zusammenhang des Interviews:

FR: Geht die Eigenständigkeit der Schule so weit, dass auch Gymnasien und nicht nur Kooperative Gesamtschulen wählen können, ob sie das Turbo-Abitur G 8 oder wieder das längere G 9 wollen?

Henzler: Das klassische Gymnasium ist eine Schule für Kinder und Jugendliche, die ihre Schulzeit möglichst schnell durchlaufen und beenden und ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen. Deshalb sollte dort G 8 bleiben.

FR: Könnten Gymnasien nicht beides bieten, das Turbo-Abi und das bisherige G 9?

Henzler: Nein. Gleichzeitig an einer Schule beide Varianten anbieten zu wollen, ist nicht praktikabel. Das wollen die meisten Schulen auch nicht. Es gibt ja die Wahlmöglichkeit für Kooperative Gesamtschulen, und die Integrierten Gesamtschulen führen ohnehin in neun Jahren zum Abitur. Eltern haben also Wahlmöglichkeiten für ihr Kind.

Die Leserkommentare, Befürworter von G9, gehen mit der Ministerin hart ins Gericht:
„Für die Chefin der hessischen Schulen beginnt die Lebenszeit also erst nach der Schulzeit? (…) G6, dann hätten die Schüler noch zwei Jahre mehr Lebenszeit zu erwarten.“
„Mir es ist ein echtes Rätsel, wie jemand allen Ernstes behaupten kann, dass Kinder mit G8 „ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen.“ Welche Lebenszeit wird hier denn gewonnen?“
(…) „schlimm und decouvierend“… „Schlagen Sie nach bei Schiller (…) “Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“

Leider kommt es weder bei der Ministerin noch bei den Diskutanten zum Kern des Problems, man bleibt in einer schrägen G8/G9-Debatte oberflächlich hängen.
Entscheidend ist jedoch:Was läuft tatsächlich offiziell und inoffiziell im Unterricht? Wie hoch ist der Anteil der tatsächlich vergeudeten und demotivierenden Stunden? Wie kommt es substanziell zu einer Verbesserung des Unterrichts hinsichtlich: Lernatmosphäre, Motivation, Qualität der Bildungsgüter, kompetenzorientierte Aufgabentypen, Neugierplänen, Schule als Polis etc.? Dies gilt selbstverständlich als Refelexionsfolie auch für die G9-Verteidiger. Zu den entscheidenden Unterrichtsfragen sind die Hausaufgaben noch nicht gemacht. Dies gilt – wenn ich mich nicht irre – für Teile der Ministerialbeamten wie für eine beachtliche Zahl von Schulen.
Man könnte die Ministerin auch noch anders interpretieren: Bei schlechtem Unterricht gewinnt man aus Schülerperspektive mit G8 tatsächlich ein Jahr Lebenszeit.
Ob Frau Henzler dies so gemeint hatte, müsste man selbst in Wiesbaden nachfragen. Manchmal überblickt der Sprecher Reichweite und Hintersinn seiner Worte selbst nicht. Das gehört zur Eigendynamik einer komplexen Sprache mit vieldeutig eingelassenen semantischen und pragmatischen Netzen. Wer meint, dass er frei davon wäre, werfe den ersten Stein.

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Abitur 2009 – 2011 in Deutschland (2)

16. Februar 2009 · von Miller · 13 Kommentare

Abitur 2009 – 2011 in Deutschland (2)

In Abitur in Deutschland (1) formulierte ich einleitend am 26. Oktober 2008: Von einem der auszog, professionelle Suchmaschinen bediente, Abiture (Abiturkonzeptionen, Abituraufgaben und Abiturlösungen) suchte, Vergleiche anstellte und 2008 das Fürchten lernte.
Nehmen wir an, dass ein junger unerschrockener Abiturient ins Netz tief eindringt und sich richtig schlau machen will. Sein Ziel: angemessene Abiturvorbereitung, bundesweite Transparenz und Überblick zu den gestellten Erwartungen. Was ist sein Ergebnis? Welcher Service wird ihm geboten? Was ist los in der Bildungsrepublik Deutschland?

Die ministerial geschaffene Unübersichtlichkeit und die sehr unterscheidlich ausgeprägte Regelungswut (oder Sehnsucht) erschweren den Durchblick. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Was hat sich 2009 geändert und wie sieht der Ausblick „Abitur 2011″ aus?

Von München bis Flensburg und Berlin wird das hohe Lied auf Bildungsstandards, Kompetenzorientierung und selbstgesteuertes Lernen  gesungen; korrespondierend setzen die bildungspolitisch Verantwortlichen auf die gepriesene ‚ Selbstverantwortliche Schule‘,  auf das Engagement der Schulgemeinde – Schüler, Lehrer, Eltern. Das Abitur – inzwischen in 15 Bundesländern zentral gestellt – gilt immer noch als Aushängeschild, als Gipfel des deutschen Schulwesens. Gerade deshalb bedarf es dringender Korrekturen beim Zentralabitur, wenn man auf der Höhe der pädagogisch-didaktischen Diskussion sein will.
Machen wir uns das am SchlüsselFach Deutsch näher klar, schauen wir uns etwas in Hessen, NRW und Niedersachsen 2008 bis 2011 um.
Die verordneten Pflichtlektüren, Willkürlisten der Vor-Vorgestrigen, die für neue Lehrer von Altlehrern und deren Altlehrern gemacht wurden, lassen für subjektive Präferenzen der Lernenden kaum eine Option offen. In Hessen z.B. schrieb das Kultusministerium für das Landesabitur 2007 und 2008 (Unterricht der gymnasialen Oberstufe) folgende Lektüre zwingend vor: Lyrik der Klassik und Romantik; Schiller: Don Carlos; Hoffmann: Der Sandmann; Büchner: Woyzeck und Briefe; Fontane: Effi Briest, Kafka: Kurze Prosa; Gedichte des Expressionismus; Dürrenmatt: Die Physiker; Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen (nur im Leistungskurs); Kafka: Die Verwandlung (nur im Leistungskurs); Frisch: Homo faber (nur Leistungskurs). Zusätzlich wird für die im »Abschlussprofil des Leistungskurses geforderte größere literarische Belesenheit« erwartet: Brecht: Leben des Galilei; Eichendorff: Das Marmorbild; Th. Mann: Buddenbrooks. Nach zahlreichen Protesten von Lehrern und Eltern wird Dürrenmatt: Die Physiker und Eichendorff: Das Marmorbild wieder gestrichen und gleichzeitig das Abschlussprofil des verbindlichen Unterrichtsinhalts »Reflexion über Sprache« gesetzt. Dazu gehört dann unter anderem – »Das Zusammenwirken von psychischen, sprachlichen, ästhetischen, situativen und normativen Faktoren beim Austausch von Sachverhalten und Informationen erkennen und analysieren, Formen sprachlicher Beeinflussung und manipulativen Sprachgebrauchs erkennen«, aber auch »schriftlich orthographisch und grammatikalisch normgerecht formulieren«.

Schüler und Lehrer geraten unter unnötigen Dauerstress durch diese reglementierenden Erlasse. Das Leseprogramm wird im Stakkato durchgenommen und in die sogenannte Freizeit der Schüler abgedrängt. Von Lehrerseite heißt es dann: »Im Unterricht haben wir dazu nur begrenzt Zeit, wir Lehrer können nichts dafür, das wird vom Ministerium vorgegeben« – Paradebeispiele für Motivationskiller durch abstrakte Autoritäten. Verschärfend kommt noch hinzu:

Literatur nach 1960? Fehlanzeige! 50 Jahre literarische Blackbox: junge deutsche und internationale Autoren sind de facto in der Schule exkommuniziert. Für 2009 und 2010 muss es dann eine neue ministerielle Willkürliste geben, da fast alles in den Schulen und spezifischen Internetseiten schon durchgekaut wurde und die gähnende Langeweile kaum zu unterdrücken sein wird. Im alten Schema verstrickt, würde das dann beispielsweise bedeuten, dass man Fontanes Effi Briest eben durch Irrungen, Wirrungen ersetzt und Schillers Don Carlos durch Die Räuber etc.pp.
In der Tat, es ist für jedermann im Internet nachzulesen: Für das Landesabitur 2009 gelten neu: Lyrik der Klassik gestrichen; Gedichte des Expressionismus durch Lyrik des Expressionismus ersetzt; statt Schillers Don Carlos nicht, wie ich vermutete, Die Räuber, sondern Maria Stuart; statt Fontanes Effi Briest nun Irrungen und Wirrungen; Dürrenmatts: Die Physiker ersatzlos gestrichen; ebenso Frischs: Homo faber und Schillers: Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Der große Rest von 2007 bleibt weiter verpflichtend vorgeschrieben. Wer soll diese Willkür begreifen? Warum verschwindet die hochgeschätzte »Effi« jetzt in der Mottenkiste? Noch zwei Jahre zuvor meinte man in weitblickender »abendländischer Tradition« diese Lektüre den Schülern aufs Auge drücken zu müssen. Warum werden Dürrenmatt und Frisch gleich mit erledigt? Fragen über Fragen. Die Verantwortlichen im Ministerium schwimmen in dürren Begründungen, ahnen um den brüchigen Grund, wollen aber an der Pflichtlektüre festhalten, komme, was da wolle. In ihrer Verzweiflung klammern sie sich an ihre beschwörenden Rechts-Voodoo-Sätze wie: »Verpflichtung der Lehrkraft: Jede prüfende Lehrkraft ist verpflichtet, sich gründlich mit dem Inhalt der fachspezifischen Lehrpläne auseinanderzusetzen (§27 (2) VOGO/BG)« und »Grundlage sind die verpflichtend zu behandelnden Inhalte des Lehrplans«.

In anderen Bundesländern sieht es kaum besser aus: In NRW z.B. war für das Abitur 2008 gesetzt: Lessing: Emilia Galotti; Fontane: Irrungen und Wirrungen; Gegenwartsliteratur bis 1960: Lyrik der Nachkriegszeit 1945-1960 (nur für Grundkurs) und Bernhard Schlink: Der Vorleser. Für den Leistungskurs: Lyrik des Barock. Für das Abitur 2009 und 2010 Schiller: Don Carlos, dann mal wieder Fontane: Effi Briest; Büchners Dantons Tod. Gegenwartsliteratur: Lyrik der Nachkriegszeit 1945-1960, aber Schlink: Der Vorleser wird gestrichen und dafür mal Christa Wolf: Kassandra unter Einbeziehung der Frankfurter Poetik-Vorlesungen gesetzt. Für das Abitur 2011 bleibt Schillers Don Carlos, bei Büchner wird zu Woyzeck gewechselt und mit Schnitzlers Traumnovelle garniert. Als „Gegenwartsliteratur“ wird Wolfgang Koeppens Tauben im Gras hervorgeholt und Kassandra wieder abgesetzt. Dazu wird  progressiv „Liebesgedichte in Romantik und Gegenwart (1980-2010)“ verordnet. Für den Leistungskurs wird aber auf die Liebeslyrik mit „Schwerpunkten in den Epochen Barock, Romantik (unter Einbezug von Heine) und in der zweiten Hälfte des 20.Jhs.“ bestanden. Welch fortgesetzte Willkür von Bürokraten, Zwangsbeglückungsprogramm für die deutsche Jugend!

In  Niedersachsen ticken die Uhren wiederum ganz anders. Im Abitur 2009 werden verbindlich drei thematische Schwerpunkte gesetzt: „1. Literaturkritik, 2. Natur und Transzendenz in der Romantik, 3. Soziales Drama.“ Dann erfolgt eine extrem kleinschrittige Festlegung der verbindlichen Lektüre. Beim Schwerpunkt „Literaturkritik“ müssen alle „Die Besten 2004, Klagenfurter Texte“ lesen, dazu werden die Seitenzahlen, z.B. S. 232-237 oder 255-258 bestimmt. Im 2. Schwerpunkt werden gar einzelne Gedichte festgelegt, z.B. Eichendorffs ‚Wünschelrute‘. Für den LK selbstverständlich (?) Karoline von Gründerode und Heinrich von Kleist. Im Schwerpunkt 3: Hauptmann: Die Ratten und Horvath: Geschichten aus dem Wiener Wald. Für das Abitur 2011 sieht man das aber alles wieder anders. Die thematischen Schwerpunkte heißen dann: „1. Deutsche Sprache der Gegenwart, 2. Heinrich von Kleist, 3. Wissen und Verantwortung.“ Im 3. Schwerpunkt wird als verbindliche Lektüre festgelegt: Dürrenmatt: Die Physiker, Ibsen: Ein Volksfeind, Helmut Schmitt – einer seiner vielen „Zeit“-Artikel und als Krönung J.W. Goethe: Der Zauberlehrling. Mit dem „Zauberlehrling“ und dem Nicht-abstellen-Können der Breimaschine werden zu einem Ministerium ungeahnte paralelle Spuren erkennbar, zum Glück nicht interpretativ abiturrelevant. Bertolt Brecht – Lob des Lernens, Lob des Zweifels – wird abschließend für den Leistungskurs zur verbindlichen Lektüre erklärt; der Grundkurs wird davon „befreit“, wer braucht da schon Brecht? „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von B.B. sollte man deshalb für alle auf die Internetseiten des deutschen Bildungsservers stellen.

Tiefer nachdenken könnten alle Bildungsinteressierten auch mal über die obligatorische ministeriale Setzung für das Abitur 2009: »Über das Verhältnis von Sprechen, Denken und Wirklichkeit nachdenken: Sprachkritik, Sprachskepsis, Sprachnot (Grund- und Leistungskurs)«. Diese Prüfung sollte auch für Ministerialbeamte und die untere Schulaufsicht eingeführt werden mit Veröffentlichung der Ergebnisse im Internet! Des Weiteren kann niemand mit guten Argumenten erklären, warum im Abitur 2008 »Strukturen der Sprache als System und Funktion ihres Gebrauchs in Texten und Kommunikationssituationen: Rhetorik – öffentliche Rede« noch verpflichtend gesetzt, aber in Hessen für 2009 und 2010 gestrichen wird. Sind öffentliche Kommunikationssituationen nicht mehr von Bedeutung? Warum werden grundlegende Themen wie »Spracherwerb und Sprachentwicklung« nur für den Leistungskurs gesetzt? Ministeriale Willkür, so weit das Auge reicht.

Für Abiturregelungen und Abituraufgaben in Deutschland habe ich eine spezielle Blogroll (rechte Spalte im Bildungswirt) zusammengestellt. Viel Spaß beim Abi-Surfen.

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