Der Bildungswirt

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Beobachteter Bildungsverlust

22. Februar 2010 · von Miller · Keine Kommentare

Beobachteter Bildungsverlust

Bildung – quo vadis? Verirrt, vernebelt, verquatscht in der verblödeten Republik. Die Wehklagen wandern von den Politikseiten ins Feuilleton, werden dann leiser und verhallen in unwirtlichen Räumen. Man arrangiert sich mit der Bildungskatastrophe, ergötzt sich an Kompetenzenkatalogen, weltet und fachtagt mit TÜV geprüften Qualifikationen zu allem und jedem durch Hauptstadt und Provinz. Gefragt ist das wandelnde qualifikationsgeschwängerte Kompetenzbündel (männlich, weiblich, androgyn), allzeit bereit, auf permanenten Konsum und Infotainment abgerichtet.
Sapere aude ist der Wahlspruch der Vorgestrigen. Heute gilt es, den Megatrend ahnen, Witterung aufnehmen und im politisch korrekten Neusprech die geedelte Mitte flach durch die Mitte zu verkünden und zugleich, eben nicht der Gegenwart verhaftet, schon wieder abzutauchen, um den neuen Blindflug vorzubereiten. Themen und marktgängige Settings, soweit das Auge reicht.

Indes die Klagen über Bildungsverfall und die Wirkung des faulen Bettes des Gehorsams sind nicht neu. Schon vor 2000 Jahren klagte Seneca: …weiterlesen im FREITAG

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Tags: Bildung

Die Superlehrer und Sat1

16. Juni 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Die Superlehrer und Sat1

Die_Superlehrer_Sat1_2009_Juni

Fernsehen, Sat1, gestern, 20.15 – startete die neue Serie „Die Superlehrer“, die sich als Teil des neuen pädagogischen Montagabend-Programms versteht. Praktische Lebenshilfe für gestrandete Jugendliche soll angeboten werden. „Ich will kein Hartz-IV-Empfänger werden“ – das ist Marvins erklärtes Ziel und sein Ansporn, doch noch einen Hauptschulabschluss zu machen. Genau wie 15 andere Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren nimmt auch er am Sat.1-Dokutainment-Projekt teil. Vier Lehrer und eine Sozialpädagogin wollen die Jugendlichen in nur 14 Wochen an ihr Ziel bringen: den wertlosen Hauptschulabschluss und damit auch eine größere Chance, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Um was geht’s eigentlich? Weiter hier…

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Aus der Vorstellung des Projekts (pdf).

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Tags: Hauptschule · Literatur / Film

Negative Aspekte von Computerspielen

5. Juni 2009 · von Tobias Bevc · 3 Kommentare

Negative Aspekte von Computerspielen

Teil 1: Machen Computerspiele süchtig?

Einer der Einwände gegen Computerspiele, der m. E. sehr schwer wiegt, ist wohl ihr Suchtpotential. Dieses Suchtpotential haben aufgrund der sozialen Komponente vor allem die MMORPGs, in geringerem Maße aber auch Einzelspielerspielen. Ob die Computerspielsucht tatsächlich als Sucht im medizinischen Sinne gelten kann, darüber streiten Experten.

Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann ist der Auffassung, dass Computerspieler süchtig werden können und nennt dafür in seinem mit Gerald Hüther geschriebenen Buch „Computersüchtig“ eine Reihe von Gründen: die Möglichkeit Anerkennung zu finden, Kontakt zu Gleichgesinnten zu haben oder aber Abenteuer zu erleben, wird als dermaßen attraktiv empfunden, dass das Spielen zur Sucht werden kann. Denn Computerspiele seien Bedürfnisbefriedigungsmaschinen.

In einem Beitrag der BBC wird hingegen das Argument stark gemacht, dass viele der Spieler, die zu viel spielen, nicht als Süchtige zu bezeichnen sind, sondern als „compulsive Players“, also als Gewohnheitsspieler bzw. als zwanghafte Spieler. Solche Spieler benötigten eine andere Therapie als für Süchtige. Dennoch, darin sind sich die Experten einig, geht eine nicht zu unterschätzende Anziehungskraft von Computerspielen aus, die gerade Jungen gefährdet.
Spricht man mit Lehrern (das ist nun nicht repräsentativ!) hört man oft die Klage, dass die Schüler (nota bene: die männlichen Schüler) eigentlich nur noch ein Thema haben: Computerspiele. Und, dass sie den Eindruck haben, dass viele ihrer Schüler nur noch Computerspiele spielen in ihrer Freizeit.
Lassen wir einmal die Zahlen sprechen: laut JIM Studie 2008 liegt die durchschnittliche tägliche Spielzeit am Computer bei den Jungen wochentags bei 91 Minuten und am Wochenende bei 2 Stunden. Dazu kommt die Zeit, die diese Spieler verwenden, um entsprechende Zeitschriften zu lesen, einschlägige Internetseiten zu besuchen und eventuell selbst tatkräftig in Foren und Wikis aktiv zu sein. Also in der Tat ein zeitintensives Hobby.

Selbst wenn Computerspiele also nicht süchtig machen, rauben sie – so die Kritiker – also viel Zeit, die auf andere Weise vielleicht sinnvoller zu nutzen wäre: Schulaufgaben machen, Musizieren, Sport treiben etc. (dieses Argument wird vor allem von Prof. Pfeiffer angeführt). Aber wer bestimmt eigentlich, was sinnvoll(er) ist?

Die entscheidende Frage ist daher m.E.:
Was macht das reale Leben so unattraktiv, dass man sich derart intensiv ins Virtuelle stürzen muss?
Vielleicht kommt man der Antwort auch auf die Spur, indem man andersherum fragt: Was macht Computerspiele so attraktiv? Der Versuch, darauf Antworten zu geben, folgt in Teil 3. Das nächste Mal geht es erst einmal um einige weitere negative Aspekte von Computerspielen.

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Öffentlich-rechtliches Fernsehen und Bildungsauftrag

21. Mai 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Öffentlich-rechtliches Fernsehen und Bildungsauftrag

Fragen über Fragen:
Was leistet eigentlich das Fernsehen?
Was sind die nachvollziehbaren Qualitätsmaßstäbe, der gesellschaftliche Bildungsauftrag für ein demokratisches Gemeinwohl?

Gilt auch bei den gebührenfinanzierten TV-Anbietern ARD und ZDF nur noch die Quote, der alles umwirkende Tanz ums Goldene Kalb?

Kann bei der sich seit Jahren abzeichneten „zweiten Bildungskatastrophe“(nach Georg Pichts festgestellter Bildungskatastrophe von 1963) das Fernsehen einfach nach Gutdünken wegblenden und die Großbaustelle „Bildung und Erziehung“ der „Super-Nanny“, den Dschungel-Camps und den fragwürdigen Quizsendungen überlassen?

Was könnte das öffentlich-rechtliche Fernsehen zur Behebung der Bildungskrise tun?

Szenenwechsel
Ein jungdynamischer Vorstand einer großen internationalen Werbeagentur, mehrere Fernsehleute und ich diskutieren in der Kneipe Odyssee Kult, was denn die Kreativen und Medienverantwortlichen tun könnten, um Schwung in die zähe Schuldebatte zu bringen, um aus dem klebrigen parteipolitischen Schuldzuweisungs-Reformverhinderungs-Spiel auszubrechen. Was wäre ein sinnvoller Beitrag für die junge Generation, der medial öffentlichkeitswirksam begleitet wird?  Mehr dazu vom Bildungswirt im FREITAG-Blog. Diskutieren Sie mit!

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Schiller, Wallenstein und deutsche Bildungspolitik

3. Februar 2009 · von Miller · 1 Kommentar

Schiller, Wallenstein und deutsche Bildungspolitik

Friedrich Schiller – der verspätete Stürmer und Dränger, der Pathosgeschwängerte, der Revolutionsangefixte und doch beigebogene Vertreter der Weimarer Klassik – lässt seinen Wallenstein ausrufen:

Nicht was lebendig, kraftvoll sich verkündet,
Ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz
Gemeine ists, das ewig Gestrige,
Was immer war und immer wiederkehrt,
Und morgen gilt, weil’s heute hat gegolten!
Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
Weh dem, der an den würdig alten Hausrat
Ihm rührt, das teuerste Erbstück seiner Ahnen!
Das Jahr übt eine heiligende Kraft,
Was grau für Alter ist, das ist ihm göttlich.
Sei im Besitze, und du wohnst im Recht,
Und heilig wird’s die Menge dir bewahren.

Kreative Übung: Wenden Sie die Wallenstein-Aussage auf die deutsche Bildungspolitik an. Wäre z.B. das „Konzept der selbstverantwortlichen Schule“ etwas, das „sich kraftvoll verkündet“, was wäre der „würdig alte Hausrat“? Oder Lug, Trug und Verstellung, soweit das Auge blicket?

Zur weiteren Einstimmung hier noch eine besondere Variation des Literarischen Quartetts: Schiller, Schiller, Schiller,Ideal und Wirklichkeit streben weit auseinander …

Wenn Sie einige Zeit und Mühe aufwenden wollen: Erarbeiten Sie sich den Kontext der Wallenstein-Rede. Verschaffen Sie sich einen schnellen Überblick (Wikipedia oder Kindlers Literatur Lexikon). Wer sind die Gegner, die »ewig Gestrigen«? Wie urteilt Schiller über seine literarische Hauptfigur? Hätte Schiller eine Handlungsalternative für seine Tragödie gehabt? Warum muss zwingend zwischen dem historischen und dem literarischen Wallenstein unterschieden werden?

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Reich-Ranicki, Heidenreich und die Blogosphäre

13. Oktober 2008 · von Miller · 1 Kommentar

Reich-Ranicki, Heidenreich und die Blogosphäre

MRR verteilte ein paar ordentliche Watschen an die Fernsehmacher, geißelte die grenzenlose Flachheit der Programme (nur Arte und ein bisschen 3Sat lobte er), war offensichtlich auf der falschen Veranstaltung, spürte vor seiner verbal-affektiven Entladung stundenlang den harten Holzstuhl, quälte sich in seinem Hirn mit dem dargebotenen „preisgekrönten Niveau“, schaute ungeduldig mehrfach auf die Uhr, kann es nicht mehr aushalten und findet doch nicht den optimalen Abgang.

Die Situation wurde vorher vergeigt. Er wusste, das er den Preis „für sein Lebenswerk“ erhalten sollte. Warum sagte er den Machern, wortgewaltig wie üblich, nicht einfach: Jungs, hört mal zu: Kein schlääächtes Buch, keinen schlääächten Film und kein eeeeeewiges Warten. Nehmt mich als ERSTEN dran, damit ich auch als Erster wieder gehen kann. Mein alter Leib diktiert zwischen durch meinem junggebliebenen Kopf, wann es genug ist.

Und Elke Heidenreich? haut in der FAZ von heute mit der verbalen Bratpfanne richtig zu: „unfähiges, unzumutbares Gestammel …endloser Unsinn, …wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich“. Einfach eine „grottendumme Veranstaltung“. Ihre ganze Sensibilität, ihr gewohnter Charme, ihr Differenzierungsvermögen blockierten am Samstag/Sonntag. Einfach die blanke Wut gegen die „verknöcherten Bürokarrieristen“ und die klatschenden, sattcool-selbstgefälligen Mitmacher. Nur der „Lichtblick“ MRR und seine Preisverweigerung rettete ihren versauten Abend.

Und wie geht’s weiter in der Matrix? Keiner steigt wirklich ganz aus, alle beruhigen sich wieder und viele stellen fest: Recht hatten sie mit ihrer Grundsatzkritik und doch ist nicht alles so schlecht, wie sie meinen. In Besinnung erinnern sie sich an Goethes Faust Vorspiel auf dem Theater – die alte Auseinandersetzung um Kunst, Kultur und Unterhaltung, Kommerz – zwischen dem Direktor, dem Dichter und der lustigen Person. Und wie sagt die lustige Person so treffend: (…)“Greift nur hinein ins volle Menschenleben/ Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt/ Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant./ In bunten Bildern wenig Klarheit/ Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit/ So ist der beste Trank gebraut/ Der alle Welt erquickt und auferbaut“ (…)

Weitere Links oder die Blogosphäre tobt – und wird sich auch wieder beruhigen:

Rivva (Blogsuchmaschine), Handelsblatt, FAZ u. Elke Heidenreich, DWDL.de (Das Medienmagazin), S. Niggemeier, Spreeblick, Medienlese, Miriam Meckel (sehr ausführlich)

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Reich-Ranicki bei ZDF-Gala: Hirnlos durch die mediale Hemissphäre

12. Oktober 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Reich-Ranicki bei ZDF-Gala: Hirnlos durch die mediale Hemissphäre

Skandale gehören selbstverständlich auch zum medialen System; manchmal platzt einen überspannten Subjekt einfach der Kragen ob der organisierten Hirnlosigkeit. Und schon rechnen die Interpreten die Rendite: "Gerechnet hat sich der Adrenalinschub in dieser ansonsten vollkommen beliebigen Preisabwurfparade nun sowohl für Reich-Ranicki als auch für Gottschalk selbst. Wie die ZDF-Verantwortlichen noch in der Nacht mitteilen ließen, werde man an einem Format arbeiten, in dem der Bücherpapst und der Quotenzampano gemeinsam übers Medium reflektieren werden. Aber mal ganz ehrlich, welche Inhalte könnten da ausgetauscht werden?" (Spiegel Online, 12.10.) Oder war vieles geistreicher um die Ecke gedacht, als es RR mit klassisch-literarischem Kopf verstehen konnte? Kleine Aussetzer der sensiblen Wahrnehmung aufgrund überflutender Reizspektakel? Wie dem auch sei:

Keiner kann aus der Quoten-Paranoia aussteigen. Auch der Chef-Kritiker ist "log in", es gibt in dieser Matrix keinen Ausstieg. Selbst der Aussteiger wird noch medial wieder ins Bild gesetzt. Der große Alte zeigt Kante, das ist man von ihm gewohnt, nur das ändert nichts am System und den immanenten Spielregeln. Die einzige Chance der großen Besinnung könnte in der großen Verweigerung bestehen. Als Test: einen Tag den Stecker ziehen, alles schwarz; kein Bild, kein Ton, keine Interviews, keine Reportagen, einfach mediales Nirgendwo!

Wie wäre es mit dem 11.11., dem Beginn des Narrenspiels?!
Schulen haben selbstverständlich auch frei – auch pädagogisch gesteuerte Kommunikation braucht eine echte Auszeit.

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ZDF-Dokumentation 37 Grad: Lehrer – immer am Limit (??)

11. Oktober 2008 · von Miller · 3 Kommentare

ZDF-Dokumentation 37 Grad: Lehrer – immer am Limit (??)

Der angebliche Alltag der Lehrer war am 07. Oktober 22.15 filmerischer Gegenstand der ZDF- „37 Grad“-Dokumentation „Immer am Limit – Lehrer und ihr harter Job“. (Link zur ZDF-Mediathek)


Die Filmemacher Katharina Gugel und Ulf Eberle montieren eine Realität aus der Perspektive der Lehrer. (In der Sendung davor ging es unter dem Titel „Schwere Last auf schmalen Schultern“ um die Schülerperspektive an einem G8-Gymnasium.) Der Lehrer-Film wurde im Vorfeld breit in den Medien angekündigt, zum Teil empfohlen, bevor er tatsächlich gesehen wurde. Und nach der Sendung? Was haben wir gesehen? Wo sind die Rezensionen, die Lobeshymnen oder auch Verrisse? – weitgehend ein großes Schweigen im Medienwald. Der Bildungswirt will einige Facetten näher beleuchten.

Zuerst gebührt dem ZDF und den Filmemachern sicher Dank, dass sie das Thema „Schule und Lehrerarbeit“ zurzeit verstärkt in die öffentliche Debatte bringen. Allerdings werden dabei immer wieder Eulen nach Athen getragen: Wer glaubt eigentlich noch, dass Lehrer einen Halbtagsjob haben und nachmittags auf dem Tennisplatz stehen? Selbst der Kioskbesitzer an der Ecke weiß, dass Lehrer einen anstrengenden Beruf mit hoher Stressbelastung haben. Das ist auch der Grund, warum die große Mehrheit der Bevölkerung selbst nicht diesen Beruf ausüben wollte.

Die Hauptkritik am „Lebensort Schule“ formulieren in der Reportage die Gesamtschullehrerin Charlotte Hornbostel aus Bad Hersfeld und ihr Kollege Jürgen Liefke aus Duisburg Neumühl in weitgehender Übereinstimmung mit den längst bekannten Urteilen / Vorurteilen in der Bevölkerung:
zu große Klassen, verhaltensauffällige und unmotivierte Kinder, Dauerhektik, Überlastung, Burn-out-Gefährdung, Zunahme der bürokratischen Verwaltungsarbeiten, kaum individuelle Förderung von Schülern möglich. Bei vielen Zuschauern könnten dadurch eher Sehnsüchte nach der verlorenen Disziplin und der Ruf nach Härte hervorgerufen werden. (Im ZDF-Forum zeigen sich erste Spuren). Verunsicherung bei Lehrern und Eltern produzieren schnell den Wunsch nach klarer Orientierung durch Führung.

Filmisch kommen O-Töne zur Unterrichtsmisere:
„Ich bin jetzt echt frustriert“, sagt Charlotte Hornbostel. Ein Satz, den die Lehrerin häufig sagt. Und Jürgen Liefke korrigiert bis Mitternacht Klassenarbeiten, bereitet sich vor (so der Film), kommt mit dem Lehrplan (wie die Kollegin) nicht durch und „muss wieder Schüler bändigen oder unmotivierte ermutigen.“ Sie sind beide überzeugte Lehrer – von den Filmemachern betitelt als „Lehrer aus Leidenschaft“. Liefke meint auch: „Das ist es doch, warum wir an diesem Beruf hängen: Dass wir etwas bei den Kindern bewirken können.“ Hornbostel bestätigt ansonsten bekannten Alltags-Geschichten: „Ganz schlimm ist es nach dem Wochenende“. „Dann sprechen die nur noch in ihrer Computersprache und haben jede Menge Aggressionen angestaut.“ (Wirklich? Eine eigene Computersprache?)

Was sehen wir als Zuschauer noch?
Einen biederen, hausbackenen Unterricht, gelangweilte Schüler! Wie könnte es anders sein? Wir bekommen allerlei Symptome von „Konflikt und Störung“ vorgeführt und gleichzeitig wenig Reflexionsfähigkeit und innovative Unterrichtsansätze der Lehrer gezeigt. Im Gegenteil: Der instruktionspädagogische Häppchenunterricht wird von den Schülern durch weitgehendes Desinteresse und erhöhten Lärmpegel kommentiert. Liefke meint, dass man den Lärmpegel aushalten müsse, man gewöhne sich dran. Mit einer sinnvollen Lernatmosphäre hat das jedenfalls nichts zu tun. Prüfsteine für einen guten Unterricht werden weitgehend (unbewusst?) ignoriert bzw. nicht gewusst.
Die Schüler finden Liefke haben trotzdem sehr nett, da „er ein offenes Ohr auch für private Probleme hat, man mit ihm reden klann“. Erst beim „Überstundenprogramm“ – dem zusätzlichen Theaterspiel gelingt im Ansatz eine Mischung aus Ernsthaftigkeit, Spaß und unterrichtlicher Substanz. Leider viel zu kurz. Über das pädagogisch- didaktische Kunsthandwerk, die notwendige professionelle Handlungskompetenz des Lehrers, erfahren wir fast nichts.

Was sehen wir noch?
Schulleiter Ulrich Stockem, selbst Burn-out-erfahren, macht sich Sorgen um den Gesundheitszustand von Liefke und monologisiert über die Gefahren. Wenn Liefke nichts an seinem Arbeitsstil ändere, dann prophezeit ihm der Rektor spätestens in fünf Jahren einen Herzinfarkt oder ähnliche Katastrophen. Begleitendes zartes Kopfnicken und Händeschütteln, das war’s. Mit einem Gespräch, im wahrsten Sinne des Wortes, hatte das nichts zu tun! Auch dem Kameramann fällt da nichts mehr ein.
Dann eine unsägliche Gesamtkonferenz der Lehrer: Man bestätigt gegenseitig, dass man den Kanal voll habe und das Ende der Fahnenstange erreicht sei. Der Schuleiter versteht sich als tonangebendes Sprachrohr und fordert zum Meinungsbild/ zur Abstimmung auf, wobei er zuerst die Hand hebt, damit auch jeder wisse, welches Zeichen für die anwesende Kamera zu geben sei. Peinlich!

Szenenwechsel: Hornbostel liegt beim Arzt auf der Untersuchungspritsche: Seit einem Jahr spürt die junge Lehrerin die Daueranspannung auch körperlich: „Manchmal hat sie Ohrensausen, Herzrasen, oft kann sie nicht schlafen, und der Bauch drückt. „Beginnendes Burn-out-Syndrom“, diagnostiziert ihr Arzt und mahnt dringend zu mehr Auszeiten. (Liebe Filmemacher, so platt geht dieses Thema nicht in den Kasten)

Hornbostel, Liefke und Stockem sind subjektiv engagiert, nur das allein garantiert keinen qualitativen Sprung zur Lösung der Schulmisere. Auch den ebenso engagierten Filmemachern gelingt nur bedingt ein wirklich sensibles filmerisches Röntgenauge auf Schulwirklichkeiten. Man beteiligt sich an der Verdoppelung der schlechten Realitätsausschnitte und leistet unfreiwillig Vorschub zu deren Zementierung.

PS:Burn-out-Bekämpfung: „Die Erfolge sind am besten, wenn die Hilfestellung im Frühstadium erfolgt, etwa in einer Supervisionsgruppe, also einer Kollegengruppe unter Leitung eines Psychotherapeuten, die sich beispielsweise einmal wöchentlich trifft. Reicht dies nicht aus, sollte eine Einzel-Psychotherapie in Erwägung gezogen werden. Leider werden psychotherapeutische Hilfen aus Scham oder Stolz oft nicht oder viel zu spät aufgesucht. Eine fachgerechte Psychotherapie wird von den Kassen bezahlt,“ so die Filmemacher. Da stimme ich überein.
Professionelles Handlungswissen für den erfolgreichen Unterricht sollte allerdings im Zentrum der individuellen und kollektiven Anstrengung in der Schule stehen und nicht der „Methoden-Schnellkurs“ oder die „Antistress-Nachmittagsschulung“. Für Lehramts-Studierende sollte frühzeitig als grundsätzliche biografische Selbstreflexion gelten: Ist das wirklich meine erste Berufswahl? Denn es gibt auch andere attraktive Berufe. Und für weit blickende Schulleiter gilt: Die bewusste Personalauswahl ist die beste Garantie für die Wirksamkeit von sog. Maßnahmen zur Personalentwicklung. Die Schülerinnen und Schüler hätten das verdient.

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