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Frank Schirrmacher, Ludwig Börne und die deutsche Bildungspolitik

9. Juni 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Frank Schirrmacher, Ludwig Börne und die deutsche Bildungspolitik

Der FAZ-Herausgeber und Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher erhielt gestern in Frankfurt den Ludwig-Börne-Preis 2009. Die alleinige Jurorin Necla Kelek verglich in ihrer Laudatio das publizistische Engagement Schirrmachers mit jenem des jüdischen Frankfurter Kritikers Ludwig Börne (1786-1837), dem Begründer des scharfzüngigen politischen Feuilletons. Es brauche den „radikalen Diskurs“, „um Debatten über Strittiges zu entfesseln“. Diese „Risikobereitschaft im Dienste der gesellschaftlichen Aufklärung“ verkörpere auch Schirrmacher. Mit dem Börne-Preis werden herausragende Leistungen auf den Gebieten Essay, Kritik und Reportage seit 1992 ausgezeichnet. So weit, so gut! Angeblich bedeutende Preise gibt es in der Republik jeden Tag, in regelmäßigen Kartellen wechseln sich Ausgezeichnete und Auszeichnende ab, vielfältige Meriten-Sammelstellen. Was ist hier bedeutsam? Was hat Frank Schirrmacher gesagt?

Ich nehme es allgemein vorweg: Gescheites, Bahnbrechendes, für Deutschland Revolutionäres:
Solidarität mit dem jungen Deutschland.
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Brüchige Gewißheiten, banale Nachhaltigkeit und afrikanische Wahrheiten

5. Januar 2009 · von Miller · 1 Kommentar

Brüchige Gewißheiten, banale Nachhaltigkeit und afrikanische Wahrheiten

Nachgereichte Weihnachtsbotschaften und Auftakt ins neue Jahr:
Die Betlehem-Stallgeschichte, die Wunder, Wunden und Inspirationen des Heilands sind fest geglaubte Gewißheiten, mit Nichten brüchig für die Gläubigen, bedeutungslos für die „Ungläubigen“ oder auch Andersgläubigen. Süßer die Kassen die klingen – nicht nur zur Weihnachtszeit – wird vom Einzelhandel statistisch bewiesen und damit zur festen allgemeinen Gewißheit, auch wenn die Sterne und Zeichen für 2009 schlechter stehen sollen. Die Angst vor der Zukunft steckt dem wohlhabenden Westen tief in den Knochen; Miesepeter-Mienen, bleiche Gesichter sind unverkennbar. Nichts bleibt, wie es ist, alles fließt – nur wohin?
Ismen, Dogmen und bullenartige Aktienkurse purzeln, Marktradikale, Geldscheinanbeter und Wettkönige laufen voll gegen die Wand und landen auf der Freudschen Couch. Kirchenvertreter mutieren zu eifrigen Kapitalismuskritiker der ersten Reihe, geißeln Macht und Gier und verlangen „neue Einsicht in das Verhältnis von Gott und Geld“ (z.B. EKD-Vorsitzender Bischof Wolfgang Huber). Unfreiwillige Begleitmelodien gibt es ausgerechnet vom iranischen Präsidenten Ahmadineschad im britischen Fernsehen, Channel 4, in seiner Weihnachtsrede: „Wenn Christus heute auf der Welt wäre, würde er zweifellos gegen Tyrannei der vorherrschenden wirtschaftlichen und politischen Systeme kämpfen, wie er es auch zu seinen Lebzeiten auch tat.“ Wen er da wohl meint?
Das grundlose Lachen verbleibt mehr den Bewohnern der südlichen Halbkugel, hier gibt es nur noch wenig zu verlieren, die Zukunft kann nur besser werden, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Weihnachtsbotschaft der FAZ mit Frank Schirrmachers „Erwartung und Entwertung“ findet zuerst klare Worte: „Es genügt, festzustellen, dass das Milliardenspiel um unverstandene Produkte und wohlverstandene Boni eine objektive Erniedrigung für die Mehrzahl der arbeitenden Menschen darstellt.“ (…) „Dieses Jahr der gigantischen Zahlen ist die Erfahrung der Wertlosigkeit für die Menschen.“ Und was folgt daraus? Schirrmacher: „Zuversicht“ als Weihnachtsbotschaft reicht nicht. Es gibt einen Rettungsschirm, der wunderbarerweise alle zusammen und jeden Einzelnen rettet; einer, der immer funktioniert und die neue Maßstäbe zwischen den großen und den kleinen Zahlen setzt: Bildung und Realismus.“
Ende der Wörter, Schluss der FAZ-Botschaft. „Bildung und Realismus“ soll der Rettungsschirm sein? Ein alten Schlapphut mit Humboldt-Goethe-Schiller-Gelächter aus dem Off´? Wie bitte? Welche Bildung? Welcher Realismus? Konstruierte Wirklichkeiten und Bildungs-Mutationen – im Dutzend billiger, Dissens eingebaut! Gebildete Einzelne als globalisierungsgehärtete, kompetenzgeschwängerte Qualifikationsbündel? Ist das der neue Rettungsschirm? Oder der links blinkende FAZ- Feuilletonleser, der dann doch rechts als realistischer Ökonom abbiegt? Zum Schluss retten sich die neuen Biedermeier des 21.Jahrhunderts doch noch zu den 2008 verfilmten „Buddenbrooks“; sie kann man noch verstehen, alles noch überschaubar, nebenbei simple Häppchen für die gute alte Schule.

Und wie halten wir es in der „besinnlichen Zeit“ mit der nachhaltigen Überprüfung unserer „nachhaltigen Entwicklungen“? Spätestens seit Rio de Janeiro 1992 wird offiziell das Konzept der Nachhaltigkeit (sustainable development) international gepriesen. Papier ist auch bei uns geduldig und um lokale/regionale Gleichgewichte und Nachhaltigkeit zu stabilisieren, schaffen wir internationale größere Ungleichgewichte. „Macht euch die Erde untertan“ (mit und ohne Bibel), beutet aus, wo immer es geht, kümmert euch um eure eigene Brut, Glück den Besitzenden, Selbstblendung für alle. Ungleichgewichte treiben an, was soll da noch bewahrt werden? Das Bessere ist der Feind des Guten, nur was ist der Rahmen, der Maßstab? Die deutsche Bevölkerung wird schrumpfen, gerät ins Ungleichgewicht. Wollen wir der Nachhaltigkeit wegen für Gleichgewicht sorgen und systematisch Einwanderung zulassen? Schlauchboot-Afrikaner, willkommen im Paradies Europa? Ein Moped zur Begrüßung des 1 Millionsten Nigerianers oder Ghanesen in Deutschland? Der eiserne Vorhang mitten in Deutschland ist gefallen, die große Völkerverständigung eingeläutet, die Machtblöcke des Schreckens-Gleichgewichts aufgelöst, damit neue Ungleichgewichte entstehen können? Der neue „eiserne Vorhang“ in Ceuta und Melilla melilla (Europas Vorposten auf dem afrikanischen Kontinent mit großer Unterstützung Deutschlands), der systematische Ausbau der Festung Europa gegen die schwarzen Eindringlinge, die täglich angeschwemmten schwarzen Leichen an der Küste Andalusiens – das sind afrikanische Wahrheiten, die sehr selten auf die Titelseite kommen, zu Weihnachten schon gar nicht. Den Aufbruch zu Hunderttausenden ins gelobte Land versuchen die jungen und starken Afrikaner, die noch einen „Traum vom Leben“ haben, eine gefährliche Odyssee, eine mächtige, immer größer werdende Völkerwanderung. „Europa – ist der Kontinent der lächelnden Menschen, der satten Menschen, der träumenden Menschen, der arbeitenden und liebenden, der klugen und glücklichen Menschen.“ (Klaus Brinkbäumer, Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee. Empfohlene Weihnachts-Osterlektüre 2008-2009 vom BW). Und jeder der Asylsuchenden in einer neuen Heimat kennt mindestens einen, der es geschafft hat oder es geschafft haben soll. „Die, die es nicht schaffen, landen in Gefängnissen oder Lagern, werden krank und sterben, scheitern, weil sie kein Geld mehr haben oder verraten werden, weil sie Pech haben oder weil sich die politische Lage geändert hat, ohne dass sie es mitbekommen konnten, da sie sich gerade durch die Wüste schleppten. Oder sie sind schon beinahe angekommen, müssen nach rund 5000 Kilometern über Land nur noch diese 14 Kilometer durchs Mittelmeer überwinden, und dann sinkt ihr Schlauboot (…).“ (Brinkbäumer). Ja, wo bleibt die Weihnachtsbotschaft, zumindest an die 400 Millionen Christen in Afrika?
Mauern werden fallen, real und im Kopf, alles fließt, Ungleichgewichte verändern sich, produzieren Neues, nichts bleibt, wie es ist – wenigstens eine Gewißheit in den nächsten Jahren.

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Abitur verkauft – 8. Nachlese

1. November 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Abitur verkauft – 8. Nachlese

Die Antwort des geschäftsführenden Kultusministers, Jürgen Banzer (CDU), auf die parlamentarische Anfrage der Grünen „Zugänglichkeit aller zentralen Prüfungsaufgaben“ liegt endlich vor. Sie steht allen Internetnutzern im Landtagsinformationssystem in vollem Wortlaut, DRS/17/2/00522.pdf, kostenfrei zur Verfügung.

Erinnern wir uns noch einmal, worum es in der Sache „Skandal: Abitur verkauft“ ging und immer noch geht:

„Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.“ …

„Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.“ (vgl. die gesamte Artikel-Serie „Abitur verkauft“ 2008 im Bildungswirt)

Die generelle Antwort der Landesregierung lässt sich im Sinne der angeblichen Komplexität der markerschütternden Herausforderung (Landesprüfungen veröffentlichen!) und der „drohenden Gefahren“ etwa so zusammenfassen:

Wir – die Landesregierung, der Kultusminister – würden ja gern, aber das UrheberGesetz §53 ff verbietet uns jede Veröffentlichung, ja wir stehen in der Gefahr (wie die Video-Piraten und die entsprechenden Spots, die wir angsteinflößend aus dem Kino kennen) „eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren“ (§106 UrhG) zu riskieren. Man sieht förmlich schon den Kultusminister und Spitzenbeamte des HKM hinter schwedischen Gardinen und auch die fragenden Landtagsabgeordneten zucken zusammen, ob der Tragweite des Ersuchens nach einer Veröffentlichung von Landesprüfungen im Internet. „Zustimmungen zu Internetveröffentlichungen sind nur sehr schwierig zu erreichen“, behauptet der Minister,  und „angesichts der sehr hohen Zahl von Aufgaben sowie angesichts des erforderlichen personellen uns sächlichen Aufwandes“ (sprich: das kann alles nicht vom HKM geleistet werden, 43 Fächer und über 300 Aufgaben) gibt es stattdessen 2 CDs pro Schule. Na, wenn das mal kein Service für die interessierte Öffentlichkeit darstellt. Diese CDs unterliegen selbstverständlich dem „Kopierschutz“, aber für „unterrichtliche Zwecke“ dürfen von Lehrern „Aufgaben in Textform kostenfrei vervielfältigt werden.“ (Hoffentlich stimmt das Arbeitsklima und der Kopieretat der Schule, damit auch bei den Lernern etwas ankommt. Versuchen Sie doch mal als Eltern an die Aufgaben für ihren Nachwuchs ranzukommen! Im 1. Bildungsweg liegen für 2008 noch keine CDs vor; im 2. Bildungsweg gibt es 15 CDs pro Schule seit Mitte Oktober).

Das Land Hessen gibt etwa 2 bis 2,5 Millionen Euro pro Jahr für zentrale Prüfungen aus. Da man sich nicht in der Lage sieht, im Internet kostenfrei zu veröffentlichen, verkauft man an verschiedene Verlage und „erhält für die Bereitstellung der verwendeten Abituraufgaben eines Jahres eine Verwaltungskostenpauschale in Höhe von 100 Euro pro Aufgabenset (3 Aufgaben).“  Das Land hat aus dem Verkauf im Jahr 2007 4.400 Euro und Jahr 2008 5.700.-Euro eingenommen. Vergleicht man die Einnahmen mit den geschätzten Kosten, so kann jedermann sofort erkennen, dass hier wirklich Profis am Werk sind; sozusagen aktive Beiträge zur Haushaltskonsolidierung und Bürgerservice in einem!

„Die Verlage erhalten (aber) nur die Aufgabenstellungen, keine Lösungs- und Bewertungshinweise.“ (Da fragt man sich: warum eigentlich? Wenn man die Abituraufgaben an die Verlage de facto verschenkt, die Schüler dann  einzelne Aufgabensets privat kaufen sollen/können, wäre es doch sinnvoll, gleich die Lösungen mitzuliefern. Oder getraut man sich das nicht? Sind diese nicht veröffentlichungsfähig? Warum den Verlagen die Arbeit unnötig schwer machen? Warum Häppchen und nicht das ganze Mahl?)

Letztlich verschanzt sich das Kultusministerium hinter der anscheinend unüberwindbaren Mauer des Urheberrechts und der Fülle des zu bearbeitenden Materials.

Der Bildungswirt wird in einem weiteren Beitrag konkret zeigen, dass dieses „windige Mäuerchen“ leicht zu überspringen wäre, wenn man denn wollte. Der Bildungswirt wird richtungsweisenden Handlungsschritte aus solidarischem Bürger-Engagement für die junge Generation und deren Lernbedingungen unterbreiten. Er verzichtet vorab auf jedes Beratungshonarar, was ihm normalerweise das HKM zahlen müßte. Die „Abiturfrage“ ist insgesamt zu wichtig und bedarf einer sinnvollen Lösung.

Dies ist alles unabhängig davon, wer in Wiesbaden regiert. Der Appell geht deshalb vor der Ypsilanti-Koch-Abstimmung am 04. November an alle fünf Parteien im hessischen Landtag, sich endlich im Interesse der Schüler, Eltern und Lehrer zu engagieren. Auch in Wiesbaden zieht bald wieder mehr Ruhe und Gelassenheit ein, damit wieder etwas für die Bürgerinnen und Bürger gearbeitet werden kann. Zudem wäre es wünschenswert, wenn sich in Hessen die großen Medien wie FAZ, FR und HR dieser Abiturproblematik annehmen würden. Die Hoffnung bleibt …

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1. Blogger erhält Nobelpreis für Wirtschaft – Paul Krugman

14. Oktober 2008 · von Miller · Keine Kommentare

1. Blogger erhält Nobelpreis für Wirtschaft – Paul Krugman

Der international bekannte amerikanische Ökonom, Paul Krugman erhält den diesjährigen Nobelpreis für Wirtschaft. Der regelmäßige Blogger, der Kolumnist in der New York Times spricht politisch Klartext: Er geißelt vor allem die völlig verfehlte Wirtschafts- und Sozialpolitik der USA und des Präsidenten Georg W. Bush. Er zeigt immer wieder in seinen Blog-Beiträgen, dass die soziale Ungleichheit politisch von den Konservativen gewollt ist. Die Titel heißen z.B. „Stranded in Suburbia, Don’t Cry for Me, America oder Trouble with Trade“. Ein breites Publikum feiert ihn als politisch-ökonomischen „Pop-Star“, der den Neo-Liberalismus in die Schranken weist,d.h. vor allem die blinde Herrschaft der Finanzmärkte brechen will. Seine Vision: ein gerechtes Amerika der sozialen Marktwirtschaft mit geregelter Globalisierung.

Die Akademie würdigte die Arbeit des Preisträgers: «Er hat die separaten Forschungszweige über den internationalen Handel und die Wirtschaftsgeographie zusammengeführt», die bisher anerkannte „Theorie der komperativen Kostenvorteile“ essenziell weiterentwickelt.

Auch die FAZ würdigt den Vordenker, den Visionär Paul Krugman. Es schreibt der Herausgeber, Frank Schirrmacher, höchstpersönlich! Irgendwie ist ein neuer milder und kritischer Geist in ein Stockwerk der FAZ eingezogen. „Ein deutscher bürgerlicher Liberalismus, der auf sich hielte, sähe in diesem Nobelpreisträger seine Zukunft.“

Also, liebe Blogger: Ihr seid alle potenziell preisverdächtig. Es muss doch nicht immer gleich Alfred Nobel sein und 1 Million Euro auf’s Konto. Vielleicht geht auch etwas dazwischen: ein paar grüne Scheine, Ruhm und Ehre, nicht nur in der Blogosphäre.

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Reich-Ranicki, Heidenreich und die Blogosphäre

13. Oktober 2008 · von Miller · 1 Kommentar

Reich-Ranicki, Heidenreich und die Blogosphäre

MRR verteilte ein paar ordentliche Watschen an die Fernsehmacher, geißelte die grenzenlose Flachheit der Programme (nur Arte und ein bisschen 3Sat lobte er), war offensichtlich auf der falschen Veranstaltung, spürte vor seiner verbal-affektiven Entladung stundenlang den harten Holzstuhl, quälte sich in seinem Hirn mit dem dargebotenen „preisgekrönten Niveau“, schaute ungeduldig mehrfach auf die Uhr, kann es nicht mehr aushalten und findet doch nicht den optimalen Abgang.

Die Situation wurde vorher vergeigt. Er wusste, das er den Preis „für sein Lebenswerk“ erhalten sollte. Warum sagte er den Machern, wortgewaltig wie üblich, nicht einfach: Jungs, hört mal zu: Kein schlääächtes Buch, keinen schlääächten Film und kein eeeeeewiges Warten. Nehmt mich als ERSTEN dran, damit ich auch als Erster wieder gehen kann. Mein alter Leib diktiert zwischen durch meinem junggebliebenen Kopf, wann es genug ist.

Und Elke Heidenreich? haut in der FAZ von heute mit der verbalen Bratpfanne richtig zu: „unfähiges, unzumutbares Gestammel …endloser Unsinn, …wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich“. Einfach eine „grottendumme Veranstaltung“. Ihre ganze Sensibilität, ihr gewohnter Charme, ihr Differenzierungsvermögen blockierten am Samstag/Sonntag. Einfach die blanke Wut gegen die „verknöcherten Bürokarrieristen“ und die klatschenden, sattcool-selbstgefälligen Mitmacher. Nur der „Lichtblick“ MRR und seine Preisverweigerung rettete ihren versauten Abend.

Und wie geht’s weiter in der Matrix? Keiner steigt wirklich ganz aus, alle beruhigen sich wieder und viele stellen fest: Recht hatten sie mit ihrer Grundsatzkritik und doch ist nicht alles so schlecht, wie sie meinen. In Besinnung erinnern sie sich an Goethes Faust Vorspiel auf dem Theater – die alte Auseinandersetzung um Kunst, Kultur und Unterhaltung, Kommerz – zwischen dem Direktor, dem Dichter und der lustigen Person. Und wie sagt die lustige Person so treffend: (…)“Greift nur hinein ins volle Menschenleben/ Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt/ Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant./ In bunten Bildern wenig Klarheit/ Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit/ So ist der beste Trank gebraut/ Der alle Welt erquickt und auferbaut“ (…)

Weitere Links oder die Blogosphäre tobt – und wird sich auch wieder beruhigen:

Rivva (Blogsuchmaschine), Handelsblatt, FAZ u. Elke Heidenreich, DWDL.de (Das Medienmagazin), S. Niggemeier, Spreeblick, Medienlese, Miriam Meckel (sehr ausführlich)

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Wladimir Kaminer – Autorschaft & Vaterschaft

10. Oktober 2008 · von frankmackay · Keine Kommentare

Wladimir Kaminer – Autorschaft & Vaterschaft

In „Salve Papa“ geht es in vielen Geschichten um die Schule. Wie finden Sie das deutsche Schulsystem?

Wladimir: Die Geschichten sind auf der einen Seite natürlich komisch, auf der anderen Seite war es für mich eine ernsthafte Entdeckung. Nicole hat ihr erstes Schuljahr auf dem Gymnasium mit einem Anti-Mobbing-Projekt begonnen. Ich habe ihren Lehrer gefragt, wieso, die kennen sich doch alle untereinander noch gar nicht. Das helfe später, sagt er, wenn sie sich kennenlernen. Ein Anti-Mobbing-Projekt mit einander Fremden, das ist im Grunde genommen eine visionäre Art zu unterrichten, die ich sehr unterstütze.

aus FAZ – 4.10.2008 – Papa schreibt das so oder so auf

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FAZ blubbert bildungspolitisch durchs Land

4. September 2008 · von Miller · 1 Kommentar

FAZ blubbert bildungspolitisch durchs Land

Auf der Titelseite der Print-FAZ von heute ist groß zu lesen : „Bildungspolitik braucht ehrgeizige Ziele“. Wohl wahr! Nur welche ehrgeizigen Ziele sind das? Mit welchen Inhalten und Ausgestaltungen? Durch welches Personal umgesetzt? Wie finanziert? Welcher Zeitplan liegt vor? Der Leser erfährt nichts. Stattdessen fließt ein großes Geblubber durch den deutschen Wald der Binsenwahreiten. Die Kanzlerin „rückt das Bildungsthema ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit“, setzt sich für den nationalen Bildungsgipfel am 22.10. in Szene. „Das ärgert die Ministerpräsidenten“, es gibt eine „zusätzliche Verstimmung“ wegen der Merkelschen Bildungsreise. „Das Vorpreschen der Bundesregierung stärkt nicht die Solidarität unter den CDU-Ministerpräsidenten“ und „die Ministerpräsidenten haben zur Bildungspolitik fast immer ein ambivalentes Verhältnis“. Die unionsgeführten Länder „verspielen leichtfertig ihren bildungspolitischen Kompetenzvorsprung“ und so weiter, bla und blubb. Im ersten Fazit versteigt sich die Chefkommentatorin zur verwegenen These, dass die Ministerpräsidenten „aber mit ihren Kultusministern auf Kriegsfuß stehen.“ Prüfen wir das einmal am Beispiel Hessens. Roland Koch und Jürgen Banzer auf Kriegsfuß? Was würde da der gemeine Hesse antworten, z.B. der klar denkenden Bauer aus der Wetterau? „Ei, was en Geschwätz, die sind doch en Kopp un en Arsch.“ Koch und Banzer verfolgen selbstverständlich, Schulter an Schulter, die gleichen Ziele, was sonst?

Weiter faselt der Kommentar im Neusprech von der „demographischen Rendite“, hört sich einfach schick an. Gemeint sind die Finanzmittel, die durch den starken Rückgang der Schülerzahlen eingespart werden können (weniger Personalkosten, weniger Lehr- und Lernmittel, weniger Schulträgerkosten). Keine konkreten Zahlen des Schülerrückgangs, keine Bezifferung des Sparpotenzials und alternativer Verwendungsmöglichkeiten. Armselig! Angedeutet werden „verabredete Forderungen wie verpflichtende Sprachstandsfeststellungen und Förderunterricht vor Schulbeginn oder Aufstiegsstipendien für Nichtabituriennten“.

Nebulös geht’s weiter mit: „Viele knüpfen an vorhandene Projekt an und sollen sie strategisch verbinden, weitere sollen neu hinzukommen.“ Nicht fehlen darf der Hinweis auf die „Initiative Abschluss und Anschluss“, der gebetsmühlenartige Verweis auf den Fachkräftemangel bei den Ingenieurberufen und die Senkung der Quote der Schulabbrecher. Mit Verlaub, alles alte Kamellen, seit vielen Jahren bekannt, zig-fach angemahnt und bildungspolitisch durchgewunken: Schön, dass wir wieder einmal darüber reden konnten. Doch bei Bildungslaien, auch bei Journalisten, die gerne Pressemitteilungen abschreiben, immer noch gut genug für wichtigtuerische Zeilen. (Als Gegengift empfehle ich heute den Bildungsbericht 2008). Zum Schluss wird dann noch die obligatorische „tiefe Vertrauenskrise, in der das Bildungssystem steckt,“ konstatiert, die „halbherzigen Schritte“ kritisiert und – den Blick nach vorn gerichtet – „die Chance einer gemeinsamen Initiative von Bund und Ländern“ naiv beschworen. Was ein Finale, die Sprechblasen-Dreschmaschinen ziehen ihre medialen Kreise. In der FAZ hatte ich schon Besseres gelesen.

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Geist und Gehirn denken – auch mit der FAZ

25. Juli 2008 · von Miller · 18 Kommentare

Geist und Gehirn denken – auch mit der FAZ

Elektronengehirn von fuchur 2007 bei Flickr Puzzlebrain auf Flickr von fuchur 2007

Seit 19. Juli läuft in der FAZ die alte/neue „Geist-Gehirn-Debatte“ und am 25. Juli kumuliert die Sache vorläufig in: „Vor dem Richterstuhl der Vernunft„. Um was geht es?

Auf der personalen Ebene: Singer gegen Janich.
Der international bekannte Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer steht gegen den renommierten Marburger Philosophen Peter Janich im Streit um Ergebnisse und Interpretationen der neuesten Hirnforschung. Der abgedruckte Briefwechsel löste wiederum eine Flut von qualifizierten Leser-Bloggerbeiträgen aus.

Auf der inhaltlichen Ebene: unterschiedliche Wissenschaftsverständnisse und komplexe Sprachspiele.
Singer ist argumentationsmüde und will den eher zermürbenden Austausch von Argumenten ersetzen durch ein „gemeinsam konzipiertes und gemeinsam durchgeführtes Experiment“ mit der Pointe an Janich: „Bitte schlagen Sie ein Experiment vor, mit dem die These falsifiziert werden kann, dass alle („geistigen“) Phänomene auf neuronalen Prozessen beruhen und folglich diesen nach- und nicht vorgängig sind.“ Im Klartext: Am besten, du Philosoph, lass dich in den Tomographen schieben und wir werden sehen, ob es einen „immateriellen Agenten“ gibt, dessen „Gedanken und Entscheidungen neuronale Prozesse im eigenen Gehirn anstoßen“ oder ob doch aller Geist auf der materiellen Basis „Gehirn“ beruht. Janisch wiederum kontert, indem er Singer vorwirft, dass er nicht verstehe, was er eigentlich tue. „Nicht Hirne erforschen Hirne durch bloße neuronale Aktivität, sondern da muss in die Welt der Dinge mit Händen eingegriffen werden, und zwar nach Regeln.“ Er verweist auf Singers ungeklärtes Lieblingswort „beruhen“ und will ihn, Wittgenstein geschult, auf eine Sprachreflexionsebene locken. Er weist zudem moralisch entrüstet den Vorschlag zurück, ihn „persönlich zum Objekt Ihrer Laborverfahren zu machen.“
Petra Gehring, Philosophieprofessorin, springt in ihrem Beitrag „Was der Neurowissenschaftler Singer nicht gelernt hat“ (24.07.) sprachphilosophisch und wissenschaftstheoretisch Janich bei und prangert die „gnadenlose Naivität des Neurowissenschaftlers“ frech-forsch an. Hans J. Markowitsch, Professor für physiologische Psychologie, versucht vermittelnd mit seinem Beitrag „Ohne Gehirn kein Denken“ (22.07.) einzugreifen, indirekt aber mehr Singer zu stützen.
Naja, „Ohne Gehirn kein Denken“, da wären wir aber selbst nicht drauf gekommen und schöne Glasperlenspiele gibt es fast überall. Zu allem gibt es eine Menge qualifizierter Beiträge aus der Leserschaft oder Blogosphäre. Stellvertretend will ich die Beiträge von Uwe Paulsen (Wohlmeinender) hervorheben, die zusätzlich in die Welt der Thermodynamik einführen und die These von der „seamless web of cause and effect“ scharf zurückweisen. Eine Gegenposition bezieht wiederum Heinz Georg Schuster „Ideen haben eine materielle Basis im Gehirn“.
Wie auch immer neuronale Aktivierungsmuster beobachtet und beschrieben werden, das Hirn-Energiegestöber via FAZ scheint zu funktionieren; das gilt für die Kontrahenten und die Mit-Diskutanten.

Zum vorläufigen Abschluss greift Michael Pawlik, Professor für Strafrecht, mit seinem Beitrag „Vor dem Richterstuhl der Vernunft“ (25.07.) in die Debatte ein. Ja, das Verfahrensrecht und das komplexe Elend der Beweislast, ja, so richtert die Vernunft durchs Wissenschaftsland.
Nur, was tun, wenn sich die Kontrahenten nicht auf das Verfahren der „Beweise“ einigen können, sich auf andere, inkommensurable Wissenstraditionen stützen und den wechselseitigen Geburten, manchmal Ungeheuern der Vernünfte nicht trauen?
Pawlik ist sichtlich bemüht „ein ernsthaftes Gespräch über den wissenschaftstheoretischen Status der experimentellen Hirnforschung“ zu initiieren, denn „beide Seiten könnten zu lernen haben.“ Wohl wahr! Nur lassen dies die Eigenschwingungen der interaktiven neuronalen Erregungsnetze zu? Wenn es denn wider erwarten doch zum Prozess kommen sollte, so hat den Richtervorsitz – so mein Vorschlag – der Kollege Humor inne. Beisitzer in den Verhandlungen sind: a) Vernunft 1, b) Vernunft 2, c) Kollege Körperfreuden mit ausgedehnten Hirnfunktionen.
Bei einer Pattsituation der Entscheidung wird das Verfahren auf unbestimmte Zeit vertagt. Unterhändler beider Seiten könnten sich in der Zwischenzeit an Traditionstexten der Philosophie abarbeiten, z.B. an Friedrich Nietzsche (1878/1886), Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band, Zweite Abteilung: Der Wanderer und sein Schatten, insbesondere Bemerkung (21) Der Mensch als der Messende, (23) Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen? und (24) Zur Beurteilung des Verbrechers und seines Richters.
Im Gegenzug beschäftigen sich die Unterhändler mit „Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog: Wolf Singer/ Matthieu Ricard, 2008″. Der buddhistische Mönch Ricard hat sich Dank seines buddhistischen Grundlächelns in der Welt auch im Singer’schen Labor eingefunden und bereitwillig seine neuronalen Aktivitätsmuster während der Meditation aufzeichnen lassen. Für ihn, der sich seines reinen Gewahrseins sicher ist, bestätigen die Maschinenmessungen (z.B. Zunahme synchroner Gamma-Oszillationen) nur das, was eine 2500-jährige Tradition eh schon weiß: Meta-Bewusstsein durch Introspektion ist real herstellbar als absolute Aufmerksamkeit, gerichtet auf hirninterne Vorgänge. Durch Meditation können neue mentale Zustände hergestellt und gelernt werden, die auch später willentlich wieder aktiviert werden können. Also, es gibt ihn doch den „freien Willen“, die willentliche Selbstreferenzialität der Gehirnschleifen, aufgelöst im Meta-Bewusstsein. Die bewusste Herstellung klarer und stabiler Geisteszustände ist eben etwas anderes als das interne (unbewusste) Geplapper neuronal messbarer Aktivitätsmuster. Geist ist nicht identisch mit Gehirn und Weisheit hat eben andere Kriterien als Wissenschaft. Wolf Singer dürfte das (inzwischen?) auch so sehen!

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