Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 4

Altmeister Ludwig von Friedeburg im aktuellen bildungspolitischen Gespräch

8. November 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Altmeister Ludwig von Friedeburg im aktuellen bildungspolitischen Gespräch

Bernd Frommelt als Präsident der Gesellschaft zur Förderung Pädagogischer Forschung und Prof. Eckhard Klieme vom DIPF, auf deutscher Seite maßgeblich für die internationale Schulleistungsstudie PISA verantwortlich, luden unter dem Titel Sozialwissenschaftliche Forschung und Bildungspolitik zum alljährlichen Bildungspolitischen Gespräch nach Frankfurt. Altmeister Ludwig von Friedeburg, lange Zeit Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt und hessischer Kultusminister (1969-74) konnte für den Diskurs mit Vertretern empirischer Bildungsforschung gewonnen werden.

Eine hochkarätige Podiumsdiskussion am DIPF lockte am 02.11.2009 über 100 Besucher aus den pädagogischen Zünften.

Komplettiert wurde das Podium durch die Bildungsforscher Prof. Helmut Fend und Prof. Klaus Klemm. Unter Moderation von Prof. Heinz Elmar Tenorth führten die Experten aus Wissenschaft und Politik eine zwischendurch lebhafte Debatte: In welchem Verhältnis stehen Bildungsforschung und Bildungspolitik? Braucht die Bildungspolitik die Forschung?  „Zu grundsätzlichen strukturpolitischen Fragen, etwa der Empfehlung eines bestimmten Schulsystems, kann die Bildungsforschung keine Handlungsanweisungen geben“, brachte es Klieme illusionslos auf den Punkt. Allerdings habe „ die empirische Bildungsforschung zum Bereich der Schulpraxis sehr viel beizutragen. Das wird zu wenig wahrgenommen. Hier können Politik und Verwaltung häufiger auf die Forschung zurückgreifen.“ Das DIPF als Einrichtung für Forschung sowie Service- und Beratungsleistungen übernehme dabei im Spannungsfeld zwischen Bildungspolitik und Bildungsforschung eine Schnittstellenfunktion. Von Friedeburg stimmte mit Klieme überein, dass die bildungspolitischen Entscheidungen letztlich immer von der Politik gefällt und gegen alle widerstreitenden Interessengruppen durchgesetzt werden müssen. Im Gegenzug will von Friedeburg die Forscher nicht aus der Verantwortung nehmen und forderte die wissenschaftliche Gemeinschaft auf, ihre umfassenden Forschungsergebnisse auch gegen die Politik deutlicher auf den Tisch zu bringen.


Wissenschaftler und ihre zahlreichen Gutachten können auch immer wieder mißbraucht werden, ja sie stehen in der Gefahr, nützliche Hofnarren-Funktionen zu erfüllen. Über den Fortgang der Bildungsreform entscheiden in erster Linie gesellschaftliche Machverhältnisse und nicht pädagogische Einsichten, so Friedeburg. Über diese grundsätzliche Einschätzung war man sich auf dem Podium einig. Normative Entscheidung unterliegen immer gesellschaftlichen Machtdiskursen. Die Schulpolitik ist dabei nur ein Handlungsfeld, das immer noch in Deutschland vorherrschende viergliedrige selektive Schulsystem eine Ausdrucksform. Zum  Blick in die Zukunft des deutschen Schulwesens kam es nicht. Nach gut zwei Stunden war das erweitere Familientreffen der Pädagogik vorbei. Mangels Sekt, Selters und Häppchen (Sparprogramm beim DIPF?) kam es auch nicht zu den sozial wichtigen informellen Gesprächen unter den Zuhörern, sondern die Individuen verschwanden in Eile in der Weite der Stadt.

[Weiter hier... →]

Tags: Bewusstsein · Bildung · Bildungsgipfel · Vorbilder

Kontroverse Schuldebatte 2009

8. September 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Kontroverse Schuldebatte 2009

Im neuen linksorientierten Medienprojekt „der Freitag“ (Verleger J. Augstein) schlagen zurzeit die Wellen zur Schulpolitik hoch. Der taz-Redakteur Christian Füller eröffnete mit „Lasst die Schulen los“ und erzeugte eine große Debatte. Der Bildungswirt erweiterte um die pädagogische Dimension „Der gute Lehrer – ein Phantom?“

Alle Bilder sind durch anklicken zu vergrößern!

Die Themenliste ist lang und kann beliebig verlängert werden: u.a.

Bildungstheorien, Hintergrundtheorien, Bildungsphilosophien, Bildungspolitiken, Machtpolitiken, Föderalismusgestrüpp, nationale Bildungsstiftung, Finanzierungsmodelle, Bildungsbudget, Organisationsentwicklung, Lehreraus- und -fortbildung, Didaktik, Methodik, Berufsbeamtentum, Schulrecht, zentrale Prüfungen, Vergleichsarbeiten, Bildungsstandards, Kompetenzmodelle, Schulinspektion (Schul-TÜV),PISA, TIMSS, Demokratie in der Schule – Erwartungen, Visionen, empirische Resultate, „Starke Schulleiter“ – zwischen Notwendigkeit und Ideologie, Elternbeteiligung – eine Mär?, Arbeitsweisen der Kultusbürokratie konkret? Bedeutung der KMK? Landesabitur in den einzelnen Bundesländern, Zentralabitur für ganz Deutschland?

Wir reden über eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen überhaupt: Ca. 12 Millionen Schülerinnen und Schüler (9,2 Millionen in allgemeinbildenden Schulen und 2,8 Millionen im beruflichen Schulwesen) und etwa 700.000 Lehrerinnen und Lehrer sind Beteiligte, Betroffene, manchmal Leidgeplagte, auch Millionen Eltern. Es zeugt von Interesse und Sensibilität, dass hier im FREITAG die Wogen höher schlagen.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Berufsschule · Bewusstsein · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht

Der bildungspolitische Fels Friedeburg ist 85!

22. Mai 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Der bildungspolitische Fels Friedeburg ist 85!

Der Fels Ludwig von Friedeburg ist gestern nicht gen Himmel gefahren, er lebt munter weiter im Diesseits und feierte seinen 85. Geburtstag. Das Bildungswirt-Team gratuliert.

Der ehemalige hessiche Kultusminister (1969- 1974) ist heute immer noch bildungspolitisch aktiv für mehr Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Als langjähriger Direktor (1966 -2001) des renomierten Instituts für Sozialforschung (Max Horkheimer Nachfolge) läßt er sich von oberflächlichen bildungspolitischen Schminkkursen des sog. „Fortschritts“ nicht blenden. Er weiß um den engen Zusammenhang von kritischer Gesellschaftsanalyse und engagierter Bildungspolitik. Von Friedeburg können auch heute noch viele Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker lernen.

Jüngst sprach er noch auf einer IG-Metall-Veranstaltung mit dem Titel:  „Gute Bildung für alle. Warum tritt die Bildungspolitik auf der Stelle? Perspektiven für die Zukunft“.

Friedeburg – jung, leidenschaftlich, wissend  im Bildungswirt

(ein Klick und Sie sind da!)

Anekdotisches:
Auf meine Frage, was denn einer seiner ersten Maßnahmen bei der Amtsübernahme im Kultusministerium gewesen sei, antwortete er: Vier Wochen Reiseverbot für ministeriale Beamte, damit man alle mal beisammen hatte, um den neuen Kurs zu klären.

[Weiter hier... →]

Tags: Bewusstsein · Bildung · Bildungsgipfel · Vorbilder

Alles neu im Abitur – 2.Teil

3. März 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Alles neu im Abitur – 2.Teil

Neben bilingualen Prüfungsaufgaben in 5 Fächern -zurzeit Englisch und Französisch nur im Fach „Politik und Wirtschaft“ – soll es auch Videoausschnitte und Fotomontagen als Ausgangsmaterial geben. Ministeriale glauben, dass man 2011 soweit sein könnte. Da keimt die Hoffnung auf …

Aufgabe: Analysieren Sie das Video „Affenservice“. Schreiben Sie einen Kommentar für ein Kulturmagazin.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Bewusstsein · Bildung · Gymnasium · Unterricht

Alles neu im Abitur!

22. Februar 2009 · von Miller · 1 Kommentar

Alles neu im Abitur!

„Ich bin die Abrissbirne für die deutsche Seele“ – alles glänzt so schön neu; passt sicher auch auf die „verstaubte“ pädagogische Luft, meint nicht nur Peter Fox.
Zuerst aber einige Lockerungsübungen für aufgeschlossene Ministerialräte,  Schulaufsichtsbeamte und Fachkommissionen zur Vorbereitung der Prüfungsaufgaben für das Abitur 2010!

Video 1: Peter Fox, Alles neu with Lyrics

Video 2: Peter Fox, Stadtaffe

Aufgaben
1. Schau und genieße! Etwas klickt immer im Kopf und in den Beinen.

2. Analysiere die beiden Videos hinsichtlich verwendeter Sprache, musikalischer Qualität und filmisch-ästhetischer Präsentation. Schreibe einen Kommentar für den Blog.

3. Produziere ein eigenes Video zu Schule, lernen, Lernförderung und Lernbehinderung.

4. Hast du überhaupt zu gar nichts Lust, bleib‘ im Bett, schlaf‘ weiter und nerve nicht deine Mitmenschen.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Berufsschule · Bewusstsein · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Hauptschule · Literatur / Film · Unterricht · Vorbilder

Von der kindlichen Neugier – was die Schule verstehen sollte (2)

21. Februar 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Von der kindlichen Neugier – was die Schule verstehen sollte (2)

Der erste Schultag, endlich ein Schulkind, die Schultüte, der Schulranzen, viele Geschenke, es geht los, die Eltern sind dabei. Mit den großen Kindern über den Schulhof laufen, springen, hüpfen, staunend mit offenem Mund und großen Augen schauen, was alles so passiert. Und die neue Klassenlehrerin ist auch ganz nett. Ja, die ganz große Mehrheit der Kinder ist neugierig und freut sich auf die Schule. Das eine Kind ist etwas forscher, kann auch schon ein bisschen schreiben und zählen bis 100, das andere, etwas zurückhaltender, ist überrascht über den Lärmpegel, muss sich erst orientieren. Rechnen, lesen, schreiben, reden, malen, spielen, ab und zu toben stehen kurzweilig auf dem Programm.
Jedes Kind soll individuell gefördert werden. Sogar Lernen mit allen Sinnen ist nichts Exotisches; Sachkundeunterricht zum Anfassen, Riechen, Schmecken, Experimentieren und Querbeet-Kommunizieren, und dazwischen immer wieder: soziale Regeln und Umgangsformen lernen und praktizieren, den anderen ausreden
lassen, Beschimpfungen und ›böse Wörter‹ meiden; hauen, treten und spucken – verboten! Die ›Großen‹ arbeiten mit eigenen Wochenplänen, entscheiden selbst, wann sie welche Arbeit erledigen. Ein unterschiedliches Lerntempo wird akzeptiert. Auch bei einer internationalen Grundschule-Lese-Untersuchung (IGLU, 2003) können die deutschen Grundschulen im Schnitt mit guten Ergebnissen aufwarten. Das Sinn verstehende Lesen, das Erfassen und Interpretieren von Texten, das Selbstschreiben von pfiffigen Aufsätzen – all das lässt sich vorzeigen. 90% aller
Schüler haben Lust auf Lesestoff, die Lernmotivation ist noch ungebrochen.

Machen wir’s kurz: Der überwiegende Teil der Grundschullehrerinnen hat in den letzten 20 bis 30 Jahren aktiv an einer Reform der Grundschule teilgenommen und die Hauptlektionen selbst gelernt. Es gäbe – wie immer – noch viel zu tun: Professionelles Englisch ab der 1. Klasse, Spanisch ab der 3. Klasse, zusätzliche Deutschstunden für Migrantenkinder, der Computer als universales Werkzeug für alle, jeden Tag eine Sportstunde, musikalisch- künstlerische Erziehung und gezielte Förderung etc., etc.
Würden die einzelnen Grundschullehrerinnen statt der derzeitig 30 Stunden Unterrichtsverpflichtung pro Woche nur 25 (!) unterrichten und würde gleichzeitig mehr Personal eingesetzt werden, könnten sicher noch mehr Kinder individuell gefördert und das gesamte Schulleben attraktiver gestaltet werden. Bei allen berechtigten Einzelkritiken, die Richtung des eingeschlagenen Reformweges stimmt.

Nach der vierten Klasse beginnt die große Selektion, die Lebenschancen werden vorprogrammiert, die ›Lernbehinderten‹ abgeschoben, jetzt soll keiner mehr mitgeschleppt werden! Die Sonderschule – im Volksmund das Brettergymnasium – wird mit der neuen Bezeichnung »Förderschule« als besondere pädagogische Errungenschaft für ›Verhaltensauffällige‹ verkauft, die objektiv gesellschaftliche Stigmatisierung gleichzeitig tabuisiert. Noch
aber darf die überwiegende Mehrheit der Schüler auf Gesamtschulen und Gymnasien.
Immerhin: In den Großstädten besuchen zu Anfang noch ca. 40 bis 50% der Schüler das Gymnasium, doch in dieser Schulform ist Schluss mit lustig, jetzt wird richtig gelernt: voller Stundenplan, schwerer Schulranzen, große Gebäude und zeitaufwendige Hausaufgaben von Anfang an. Die ›Spielwiesen‹ und Wochenpläne der Grundschule sind fast überall abgeschafft, jetzt schlägt ein anderer Takt. Die angeblich ineffektive »Kuschelpädagogik« (ehrlich gesagt, ich habe nie verstanden, was die vielen Gymnasiallehrer und besonders leistungsbetonten Eltern gegen kuscheln haben, einer der elementarsten Bedürfnisse und zärtlichen Tätigkeiten des Menschen) wird ersetzt durch die angeblich effektive »Instruktionspädagogik«. Hauptsache der Lehrer weiß, wo es langgeht und redet und redet und redet.
»Alle sitzen, einer steht und spricht, das nennt man in Deutschland Unterricht!« – so könnte man die Situation zugespitzt zusammenfassen. Der Taktgeber steht vorn, alle anderen im Raum folgen im geistig verordneten Gänsemarsch. Erste Orientierungsschwächen von Kindern und Versuche, gegen den vorgegebenen Rhythmus zu schlagen, werden anfangs noch milde hingenommen, doch dann geht schnell die Geduld zur Neige. Schule als systematisch organisierte Dauerbeschallungsmaschine, Tag für Tag, Woche für Woche, 1200 Stunden das Jahr, hält keiner so leicht aus. Sollte das Kind nicht mitkommen, das Stoffpensum nicht bewältigen, so ist es eben nur bedingt geeignet und braucht bezahlte Nachhilfe oder muss doch in eine niedrigere Schulform wechseln. Über 50% der Gymnasiasten bekommen mehr oder minder regelmäßig bezahlte Nachhilfe – für private Anbieter ein lukratives Geschäft, ein umkämpfter Milliardenmarkt. Das Gymnasium ist davon überzeugt, dass man nur leistungshomogene Lerngruppen effektiv unterrichten kann. Der gleiche Stoff, die gleichen Rituale, das gleiche Lerntempo, zur selben Zeit für alle, so lautet die Spielregel. Alle gehen freiwillig oder gezwungen ins »Prokrustesbett «, das vorgegebene Standardmaß. Wer zu kurz ist, wird lang gezogen, wer zu lang ist, abgeschnitten. Wer gar nicht passt, hat eben Pech gehabt und muss gehen. Für die anderen gilt: Friss dich durch die Berge toten Wissens, sie enden nie, immer neue Stoffmengen kommen hinzu.

Fang endlich an, du hast eh keine Chance. Neue Fächer, neue Lehrer, neue Berge. Frag nicht nach dem Sinn, andere haben festgestellt, dass es gut für dich ist. Die Leselust der Schüler fällt rapide, die meisten »Pflichtlektüren« leisten noch Vorschub, erhöhen die Passivitätsspirale nach unten. Mit den gleichen Pflichtlektüren wurden schon die Lehrer als Schüler selbst drangsaliert, damit die Banausen endlich lernen, was die traditionsreichen Lichtgestalten abendländischer Bildung sind. Die Hausaufgaben werden immer länger, jeder Lehrer hält sein Fach selbstverständlich für das wichtigste. Zur Überlebensstrategie der Schüler gehört: Schreib ab, wo es nur geht, lass dich aber nicht erwischen, Hauptsache, du erfüllst das geforderte Pensum. Die Mehrheit der Schüler hat Angst vor schlechten Noten, im schlimmsten Fall vor dem »Sitzenbleiben«. Sie verspüren am eigenen Leib den Leistungsdruck mit vielfältigen nervösen Störungen. Langsam, ganz langsam, aber todsicher breitet sich das schulische Krebsgeschwür aus: Demotivation, mangelndes Interesse an der Sache, gähnende Langeweile!

Der Lehrer will den Schüler aufs Leben zielgerichtet vorbereiten, ihn qualifizieren (deshalb der ganze Aufwand und Stress für alle Beteiligten), er will natürlich selbstredend nur das Beste, das Allerbeste. Nur genau das bekommt der Lehrer nicht! Das Beste wird mit den Freunden geteilt oder für sich behalten; in der Schule will der Schüler die Langeweile überstehen, die eigene Anstrengung wird dabei auf ein kalkuliertes Minimum herabgekühlt. Man ist erfinderisch, man wird zum Aufspüren immer neuer Nischen der Arbeitsentlastung geradezu gezwungen. Je nach Lehrer wechselt das Interesse, das Engagement, die Fassade, die Art des Mitspielens, das geistige Ausklinken bei einigermaßen regelmäßiger körperlicher Anwesenheit. Mindestens 40% der Stunden werden sinnlos abgesessen, auf die lange Dauer der Schulzeit wird man als Schüler wie ein Profiboxer »hart im Nehmen«. (Sollten Sie Zweifel an der angegebenen Prozentzahl haben, fragen Sie zuerst Ihre Kinder! Dann fragen Sie Lehrer in entspannter Atmosphäre, z.B. in der Kneipe, nach der Zahl der fehlgeschlagenen Unterrichtsstunden! Sollten Sie immer noch Zweifel haben, so besorgen Sie sich neueste wissenschaftliche Studien zur Unwirksamkeit des Unterrichts, z.B. im Fach Mathematik.
Bedenken Sie zusätzlich, dass sich empirisch forschende Wissenschaftler ungern festlegen, alles immer hochkomplex sei, heterogen, unübersichtlich, nicht nach allen Seiten abgesichert und deshalb unbedingt weiter geforscht werden müsste. Auf die dann doch veröffentlichten Ergebnisse können Sie in aller Ruhe und Gelassenheit noch mal 10% draufschlagen!).

Was viele Lehrer als Überforderung der Kinder durch hochqualifizierten Unterricht deuten und entsprechend bei Versagen mit schlechten Noten quittieren, ist in Wahrheit strukturelle Unterforderung durch verordnete Passivität des Gehirns. Unser Gehirn ist dafür nicht geschaffen, die Schüler schalten auf Sparflamme.
Die lineare Verkündungspädagogik schafft in besonderem Maße die geistige Unterforderung und affektive Unterkühlung und steht im offenen Widerspruch zur Evolutionsgeschichte des Menschen als hocheffizientes, aktives, spielendes und emotionsgeladenes Wesen.

[Weiter hier... →]

Tags: Bewusstsein · Bildung · Grundschule/Kindergarten · Unterricht · Vorbilder

Generation Praxisschock – Lehrerbeobachtungen

1. November 2008 · von Leo · Keine Kommentare

Generation Praxisschock – Lehrerbeobachtungen

In der FR vom 27.10.08 beklagt ein gerade pensionierter Lehrer den in neuerer Zeit zunehmend schwelenden Generationenkonflikt innerhalb der Lehrerschaft.
In der Tat werden Junglehrer/innen zunehmend komplexer, theoretischer und damit wirklichkeitsferner ausgebildet. Dies wiederum befördert alle Varianten des vielzitierten Praxisschocks. Nicht mehr das ja schon während der Ausbildung immer wieder trainierte „Auftreten vor der Klasse“ macht Neulingen zunehmend zu schaffen, sondern der Wegfall eines bisher sorgsam gehegten Schonraumes gerade innerhalb einer latent missgünstigen Kollegenschaft.
Während die bis zum 2. Examen allenfalls vorsichtig geäußerte Kritik an diesem oder jenem neuen, wirklich unfähigen Referendar oft gar nicht bei dem Betreffenden ankam, prasselt bei der ersten richtigen Arbeitsstelle nunmehr der geballte Zorn der Platzhirsche auf die Neulinge nieder: autoritär im Unterricht, konservativ-unpolitisch, obrigkeitshörig. Wichtigtuer, Schaumschläger, Egomanen, Menschenverachter und was die Junglehrerschelte so alles sonst noch mit sich bringen mag.
Dabei ist alles viel einfacher: Nicht weil sie angeblich faul sind oder zu viel Freizeit haben, gelten ältere Lehrer inzwischen zunehmend als gesellschaftlich inkompatibel. Nein, das ideologische, autistische und wenig alltagstaugliche Gehabe einer womöglich 1977 und/oder 1990 auch noch schwer traumatisierten Generation von Berufsbeamten ist es, was den meisten Nicht-Lehrern seit langem auf alle guten Geister geht. Diese unsere Abneigung überträgt sich sodann schnell auch auf alle möglichen Neulinge, die sich partout keine mitgebrachten Hörnchen abstoßen wollen.. Ja, liebe „Generation Hornochsen“, auch bei euch glänzt nicht alles, was goldig sein soll: BauchBartGlatze statt BauchBeinePo, damit geht s doch schon los. Die Rotweinflasche bei Sonnenaufgang, Kettenraucher auf dem Schulgelände, Klamotten aus der Altkleidersammlung, der ewige Volvo-Diesel-Stinker oder das Uralt-Wohnmobil mit 15l Durchschnittsverbrauch auf dem Lehrerparkplatz – tolle Vorbilder für unsere lieben Kleinen. Der Lederwesten-Opa hat euch alle gleich lieb, bis zuletzt, das ist wohl wahr.
Nun, die nachrückenden Junglehrer danken also pflichtschuldigst namens sämtlicher Bildungsstudien und sämtlicher Steuerzahler (auch der inzwischen pensionierten) für die erbrachte, nur ganz leicht schieftürmige Dienstleistung der seit den Siebzigern erfolgreich implementierten Bildungsbürokratie – DANKE, DANKE, DANKE.

[Weiter hier... →]

Tags: Berufsschule · Bewusstsein · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Unterricht · Vorbilder

Abitur in Deutschland (1)

26. Oktober 2008 · von Miller · 4 Kommentare

Abitur in Deutschland (1)

Von einem der auszog, professionelle Suchmaschinen bediente, Abiture (Abiturkonzeptionen, Abituraufgaben und Abiturlösungen) suchte, Vergleiche anstellte und 2008 das Fürchten lernte.

Nehmen wir an, dass ein junger unerschrockener Abiturient ins Netz tief eindringt und sich richtig schlau machen will. Sein Ziel: angemessene Abiturvorbereitung, bundesweite Transparenz und Überblick zu den gestellten Erwartungen. Was ist sein Ergebnis? Welcher Service wird ihm geboten? Was ist los in der Bildungsrepublik Deutschland?

Das metaphorisch vorläufige Urteil: ein grauer Daten-Flickenteppich mit großen schwarzen Löchern; jedes Land kocht lauwarm sein eigenes Wassersüppchen vor sich hin. Was beim ersten flüchtigen Blick noch als bunte Vielfalt durchgehen könnte, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als selbstherrliche Willkürentscheidung oder kosmische Zufallsvariable. Die technische Präsentation ist überwiegend hausbacken, von klarer Navigation und dem Anspruch auf Benutzerfreundlichkeit weit entfernt. Da hätte eine Gruppe  junger unabhängiger Computerprofis, die technologische und ästhetische Möglichkeiten des WEB 2008 kennen, ein breites Betätigungsfeld. (Man könnte z.B. mal zur ersten Bestandsaufnahme Robert Basic fragen).

Der Bildungswirt hat zum Auftakt der Artikel-Serie „Abitur in Deutschland“ das Rohmaterial zusammengestellt: die spezifischen Internetseiten der Kultusministerien der einzelnen Bundesländer (vgl. neu eingerichtete Blogroll, rechte Spalte): Rechtliche Grundlagen, Prüfungsschwerpunkte, lückenhaft Abituraufgaben aus verbrauchten Prüfungsjahrgängen, Musteraufgaben, Materialien, Handreichungen, Beispielaufgaben und Lösungshinweise. Zusätzlich wird auf Abiturloesungen.de verwiesen; es handelt sich dabei um privat eingestellte Angebote oder um Verweise auf die einschlägigen Schulbuchverlage. Aufgaben und Lösungen gegen Cash.

Liebe Leserin, lieber Leser: bilde dir selbst ein Urteil zum Abiturzustand in der Republik. Der Bildungswirt wird in lockerer Folge Analysen und Interpretationen zu einzelnen Bundesländern und Fächern vorlegen.

Video: Abitur – „Du bist Deutschland“

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Gymnasium · WEb 2.0