Seit vielen Jahren wird über die Selbständige Schule geredet. Frei nach Didi Hallervorden könnte man fragen: Ja, wo ist sie denn, wo laufen sie denn, die Selbständigen? Wo sind die Bordmittel, hat jemand mal ein Fernglas? Bildungspolitiker aller Fraktionen – seid ihr noch da?
Was entscheidend fehlt: Mut, Sachkenntnis und GROOVE. Ohne Begeisterung, ohne Leidenschaft - keine Bildungsreform, die diesen Namen auch verdient.
Kleine, kostenfreie Nachhilfe durch Barbara T.:
Indes, ein neuer Bürokratentypus folgt gerne der erfolgreichen Leitlinie: hohe verbale Offenheit bei gleichzeitig ausgeprägter Handlungsstarre.
Bildungsreform auf gut hessisch: “Ein Eingang – zwei Ausgänge” (Roland Koch)
Der schleichende Tod der Hauptschule soll gestoppt und an der Viergliedrigkeit des Schulwesens festgehalten werden. Ganz einfach, man erfindet eine neues Etikette: Mittelstufenschule in der Sekundarstufe - volle Fahrt voraus, das ist man den Eltern schuldig. Ministerpräsident Koch: ” Grundüberzeugung unserer Vision für die Schule von morgen ist der Erhalt von Schulvielfalt und Schulfreiheit.” Das ist eine bahnbrechende Erkenntnis und Förderung pur – jedem das Seine. Demnächst werden zukunftsweisend wahrscheinlich wieder die alten eindeutigen Begriffe eingeführt und die Ausgänge streng bewacht: Sonderschule, Volksschule, Mittelschule, Oberschule, damit es auch keine Verwechslungen geben kann.
Der Frankfurter Theoretiker Ulrich Oevermann ist 70 – Glückwunsch!
Ulrich Oevermann, der Frankfurter Gesellschaftstheoretiker, Soziologe, Sozialpsychologe und professionelle Hochschullehrer alter Schule ist heute 70 Jahre geworden. Er ist einer der wenigen mit eigenständigem Gedanken und großem Forschungsgebiet: Objektive Hermeneutik.
Vereinfacht formuliert: Jede menschliche Handlung läßt sich als TEXT formulieren und in der Tiefe analysieren. Offensichtliche Sinnkonstruktionen mit oft unübersehbaren Folgen, verborgener Sinn können entschlüsselt werden. Welt ist Text/Zeichen/Spur und dadurch zugänglich.
Oevermann engagiert sich auch für das bedingungslose Grundeinkommen und die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Er ist Gegner der “neuen” Hochschulreform als eine Ausdrucksform verbetriebswirtschaftlicher Lehre und Forschung.
Seit 15 Jahren wird über die Großbaustelle “Selbstständige Schule” oder auch “Eigenverantwortliche Schule” in Deutschland diskutiert. Richtig vorangekommen ist man selten, (von ein paar Vorzeige-Modellversuchen abgesehen) zu Unterschiedliches wird darunter verstanden. Da zeigen sich technokratisch-autoritäre Modelle wie demokratische unter dem gleichen Label. Was man in Hessen wirklich will, steht noch in den Sternen. Wohl offizielles Regierungsprogramm von CDU/FDP – aber was heißt das schon praktisch gewendet?
Sind wirklich neue Lernkulturen, demokratische Beteiligung der Schüler und Eltern gemeint? Gibt es eine grundlegende Reform des Prüfungswesens, weg vom Bulimielernen, hin zur Lernnachhaltigkeit? Ist der Schulleiter Teil des Kollegiums und vornehmlich pädagogischer Motor? Wie gestalten sich die Reformspielräume für ein Kollegium, wie wird das finanziert? Lernerrollen für Lehrer – systematische und zeitintensive Lehrerfortbildung? Fragen über Fragen – was kommt 2010 aus Wiesbaden?
Hauptschüler als Leistungsträger der Gesellschaft – wirklich gewollt?
Unter der Leitung der Schauspielerin Barbara Englert und mit Unterstützung des hessischen Kinderschutzbundes sowie des Offenen Kanals Offenbach realisierten Hauptschüler einer SchuB-Klasse der Frankfurter Innenstadtschule eine Aufführung von Schillers Don Carlos.
Der Prozess der Aneignung des auch für Oberstufenschüler sperrigen Theaterstücks wurde in einem „Making of“ von den Schülern selbst dokumentiert, ebenso wie die Erstellung eines Bühnenbildes, der Kostüme, die musikalische Begleitung am Klavier, Fechteinlagen, Konzentrations- und Bewegungsübungen. Zwei Frankfurter Tageszeitungen berichteten unter dem Titel Abiturstoff für Hauptschüler bzw. Die Macht des Don Carlos ausführlich über diese enorme Leistung vom ersten Erlesen bis zur kompletten Aufführung in nur 19 Tagen. Dies zeigt, dass Hauptschüler zu Leistungsträgern der Gesellschaft werden könnten, wenn man Potenziale wirklich ausschöpfen wollte und Hauptschule bzw. Schule insgesamt folgendermaßen verändern würde:
Schüler erarbeiten sich etwas mit allen Sinnen, nicht nur auf ihrem Stuhl sitzend und frontal den Input erwartend
Sie sind nicht an die statische Architektur eines Raumes gebunden, sondern der Raum wird Teil der Lernarchitektur, der sich den Erfordernissen und Zielen angepasst (beim Projekt ermöglichte die freie Natur oder ein großer Raum Bewegung und Expression)
Sie haben Zeit, an etwas dranzubleiben, bis sie ein eigenes Ergebnis sehen, statt in einer Massenabfertigung im 45-Minutentakt Stoff eingehämmert zu bekommen nach dem Motto Friss oder stirb
Sie genießen ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung (durchaus auch in Form von konstruktiver Kritik)
Sie können, ja müssen kooperieren, um Erfolge zu genießen
ihr Selbstbewusstsein wird durch Bestätigung und Erfolg gestärkt, statt durch Sanktionen geschwächt
Man traut ihnen auch große und schwierige Leistungen zu, statt eigene Erwartungen schon vorab herunterzuschrauben
Man anerkennt sie als Subjekte gemeinsamen Lernens und Arbeitens, ohne die kein Ergebnis zustande kommen kann, statt in ihnen nur Objekte für reproduzierte Lernleistungen zu sehen
Man hilft ihnen, damit sie es selber können.
Daraus ergeben sich folgende Fragen zu pädagogischen Konsequenzen:
Warum werden solche Erkenntnisse, die in erfolgreichen Projekten gewonnen werden, trotzdem nie in der Fläche umgesetzt?
Warum werden solche Projekte zwar medial, oft sogar politisch gefeiert, aber nie zur alltäglichen Praxis?
Etwa, weil während dieser Zeit ja gar kein Englisch- oder kein Mathematikunterricht stattfände?
Nein, keineswegs, denn wer auf diese andere Art erfolgreich lernt und dadurch Selbstvertrauen gewinnt, hat seinen Kopf auch für andere Lernleistungen geöffnet, sofern diese nicht wieder nach alter Trichterart den Rückschritt einleiten.
Vielleicht hat man aber auch gar kein Interesse daran, die nötigen Konsequenzen zu ziehen, dann müsste nämlich die Hauptschule als Restschule schließen, denn Don Carlos wäre plötzlich für alle be-greifbar und das Gymnasium würde über Nacht zur Regelschule der Gegenwart!
Die oft ausgemusterten Hauptschüler würden plötzlich zu wirklichen Leistungsträgern, nicht diejenigen, die durch riskante Unternehmungen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, der dann, weil sie dafür selten die Verantwortung übernehmen, von den eigentlichen Leistungsträgern der Gesellschaft wieder bereinigt werden muss.
All denjenigen, die dieses Theaterprojekt ermöglicht und begleitet haben, vor allem aber den jungen Hauptschülern, ohne die dieses Projekt nicht erfolgreich hätte sein können, gebührt Dank.
Vielleicht finden solch positiven Ergebnisse und Erkenntnisse irgendwann einmal Eingang in eine flächendeckende pädagogische Qualitätsentwicklung, die diesen Namen auch verdient!
Bildungsplanung, Datentäuscher und absurdes Theater
oder der aktuelle Bildungsgipfel 2009
Seit der Bankenpleite schwirrt dem Bürger der Kopf, täglich mit neuen Meldungen aus dem Zocker-Casino. Da purzeln die Millionen, gar Milliarden, eben auch mal Billionen Euro nur so durch die Medien. Virtuelle Welt, reale Welt – keiner weiß es mehr so ganz genau im gigantischen Datensalat. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, ist inzwischen Gemeinplatz. Warum nicht auch in anderen politischen Handlungsfeldern? Ja, die Ausgaben für Bildung sollen steigen, meinen alle, auch die Parteien und heute sowieso! Neue Steuerpolitik? - nein danke, wir wollen doch alle entlasten, den Haushalt sanieren und Rekordverschuldung generieren; aber das spielt im Prinzip alles keine Rolle. Es geht voran im Land. Zahlen eben die Kinder der Kinder oder eben nicht. Politik ist Seiltänzerei, bei Absturz wird für Politiker der inzwischen bekannte Banken-Schirm aufgespannt. Man fällt weich.
Im Jahr 2008 hatten Bund und Länder vereinbart, bis 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Wert aller Waren und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft in Euro) in Bildung und Forschung zu investieren. Als grobe Prognose etwa 3 Billionen BIP, d.h. etwa 300 Milliarden für Bildung und Forschung. Keiner weiß, woher das Geld kommen soll, die Kassen sind leer. Im Jahr 2011 könnte man z.B. meinen: wir haben neu gerechnet und beraten und sind jetzt klüger geworden. Alles April, April oder: “Was kümmert uns unser Geschwätz von gestern”. Wir erfinden einfach die Datenbezugsgröße neu und lassen mal einige Kalkulationsprogramme heiß laufen, z.B. werden 4000 Millionen Pensionslasten für Beamte mal als Bildungsausgabe gebucht. Warum nicht? Oder wie wär’s mit mit fiktiven Unterbringungskosten für Hochschulen, Schulen und Kitas? Schätzen wir einfach einmal 10.000 Millionen. Könnte aber bei Bedarf nochmal um 3457 Millionen nach oben korrigert werden. Interessant wären doch auch die Einrechnung von Steuerentlastungen für Bildungsspenden – warum nicht? Fünf parallele Bund-Länder-Datentäuscher-Kommissionen werden weitere Bildungs-Kreativ-Vorschläge sammeln, analysieren, die Worte auf der Zunge prüfen und ins Medienmeer zur Erquickung des Volkes senden. Was sollte daran absurd sein? Alles wird “brutalstmöglichst” aufgeklärt.