Seit vielen Jahren wird über die Selbständige Schule geredet. Frei nach Didi Hallervorden könnte man fragen: Ja, wo ist sie denn, wo laufen sie denn, die Selbständigen? Wo sind die Bordmittel, hat jemand mal ein Fernglas? Bildungspolitiker aller Fraktionen – seid ihr noch da?
Was entscheidend fehlt: Mut, Sachkenntnis und GROOVE. Ohne Begeisterung, ohne Leidenschaft - keine Bildungsreform, die diesen Namen auch verdient.
Kleine, kostenfreie Nachhilfe durch Barbara T.:
Indes, ein neuer Bürokratentypus folgt gerne der erfolgreichen Leitlinie: hohe verbale Offenheit bei gleichzeitig ausgeprägter Handlungsstarre.
Der Frankfurter Theoretiker Ulrich Oevermann ist 70 – Glückwunsch!
Ulrich Oevermann, der Frankfurter Gesellschaftstheoretiker, Soziologe, Sozialpsychologe und professionelle Hochschullehrer alter Schule ist heute 70 Jahre geworden. Er ist einer der wenigen mit eigenständigem Gedanken und großem Forschungsgebiet: Objektive Hermeneutik.
Vereinfacht formuliert: Jede menschliche Handlung läßt sich als TEXT formulieren und in der Tiefe analysieren. Offensichtliche Sinnkonstruktionen mit oft unübersehbaren Folgen, verborgener Sinn können entschlüsselt werden. Welt ist Text/Zeichen/Spur und dadurch zugänglich.
Oevermann engagiert sich auch für das bedingungslose Grundeinkommen und die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Er ist Gegner der “neuen” Hochschulreform als eine Ausdrucksform verbetriebswirtschaftlicher Lehre und Forschung.
Im Bildungswirt wurde der Verkauf des Landesabiturs immer wieder aufgegriffen.
Man wird sehen, inwieweit die Landesregierung lernfähig ist und die Zeichen der Zeit versteht. Das Internet mit entsprechender Computertechnologie ist die bedeutendste Revolution der Neuzeit. Warum will man diese Potenziale nicht auf allen Ebenen ausnutzen? Eine großzügige Veröffentlichung von Lernmaterialien – selbstverständlich auch von allen verbrauchten Prüfungen – gehört zum Mindesstandard der Unterstützung von Bildungsanstrengungen.
Im Kulturpolitischen Ausschuss werden die Positionen der fünf Lantagsparteien deutlich werden.
Übrigens: Was sagen eigentlich die Lehrerverbände und Elternvereine in der Sache?
Bildungsplanung, Datentäuscher und absurdes Theater
oder der aktuelle Bildungsgipfel 2009
Seit der Bankenpleite schwirrt dem Bürger der Kopf, täglich mit neuen Meldungen aus dem Zocker-Casino. Da purzeln die Millionen, gar Milliarden, eben auch mal Billionen Euro nur so durch die Medien. Virtuelle Welt, reale Welt – keiner weiß es mehr so ganz genau im gigantischen Datensalat. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, ist inzwischen Gemeinplatz. Warum nicht auch in anderen politischen Handlungsfeldern? Ja, die Ausgaben für Bildung sollen steigen, meinen alle, auch die Parteien und heute sowieso! Neue Steuerpolitik? - nein danke, wir wollen doch alle entlasten, den Haushalt sanieren und Rekordverschuldung generieren; aber das spielt im Prinzip alles keine Rolle. Es geht voran im Land. Zahlen eben die Kinder der Kinder oder eben nicht. Politik ist Seiltänzerei, bei Absturz wird für Politiker der inzwischen bekannte Banken-Schirm aufgespannt. Man fällt weich.
Im Jahr 2008 hatten Bund und Länder vereinbart, bis 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Wert aller Waren und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft in Euro) in Bildung und Forschung zu investieren. Als grobe Prognose etwa 3 Billionen BIP, d.h. etwa 300 Milliarden für Bildung und Forschung. Keiner weiß, woher das Geld kommen soll, die Kassen sind leer. Im Jahr 2011 könnte man z.B. meinen: wir haben neu gerechnet und beraten und sind jetzt klüger geworden. Alles April, April oder: “Was kümmert uns unser Geschwätz von gestern”. Wir erfinden einfach die Datenbezugsgröße neu und lassen mal einige Kalkulationsprogramme heiß laufen, z.B. werden 4000 Millionen Pensionslasten für Beamte mal als Bildungsausgabe gebucht. Warum nicht? Oder wie wär’s mit mit fiktiven Unterbringungskosten für Hochschulen, Schulen und Kitas? Schätzen wir einfach einmal 10.000 Millionen. Könnte aber bei Bedarf nochmal um 3457 Millionen nach oben korrigert werden. Interessant wären doch auch die Einrechnung von Steuerentlastungen für Bildungsspenden – warum nicht? Fünf parallele Bund-Länder-Datentäuscher-Kommissionen werden weitere Bildungs-Kreativ-Vorschläge sammeln, analysieren, die Worte auf der Zunge prüfen und ins Medienmeer zur Erquickung des Volkes senden. Was sollte daran absurd sein? Alles wird “brutalstmöglichst” aufgeklärt.
Unistreik: “Sachbeschädigung” und “12 Fakten und Irrtümer über den Protest”
Kurzbesuch in der J.W.Goethe-Universität:
Eine beeindruckend schöne Uni, fleißige, zielstrebige, teils lachende Studierende warten in den Fluren auf die nächste Veranstaltung, sitzen in der Mensa oder in der Vorlesung, organisieren Alternativveranstaltungen oder eilen über den Campus. Wenig Spannung in der Luft. Dann der Blick auf die sog. “Sachbeschädigungen”, gar “Vandalismusschäden” im Casino? Nach Medienberichten mindestens 200.000 Euro?
Wie immer hängt vieles vom Blickwinkel ab. Vorher war nichts – jetzt ist etwas.
Vorher kahle weiße Wände – jetzt Farbe, Botschaften, Graffitis, studentische Suchprozesse nach Ausdruck. Z.B. dies: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen Raum”. Da ist zweifellos was dran, würde auch lächelnd Adorno zugeben. Oder : “Denken geht auch ohne Geld” - wer kann da ernsthaft widersprechen? Dazu Graffitis in Kunstnähe – warum nicht?
Folgende Assoziation kommen auf:
a) Sachbeschädigung? Gut, wer das so sieht: Studierende richten ein Spendenkonto ein, um die Schäden unter fachmännischer Aufsicht eines geprüften Malermeisters selbst zu beseitigen. Geschätzte Kosten: ca. 20.- 30.000 Euro, etwa 10-15% der offiziellen Summe in den Medienberichten
b) Man sieht das als Bereicherung und Lebendigkeit im Casino: Studierende und Unibeschäftigte stimmen ab. Ergibt sich eine klare Mehrheit, dass alles bleiben soll, wird zusätzlich eine “Optimierungsgruppe Unikunst” installiert. Ziel: Die Uni lebt, nicht die Uni brennt. Studierende und Unipräsident Müller-Esterl sind zur Aussöhnung bereit.
Charmante Studierende reichen heute Flugblätter: 12 Fakten und Irrtümer über den Protest”
Irrtum 1:
Der Asta lenkt den Protest und ist verantwortlicher Ansprechpartner für alle im Rahmen des Protests durchgeführte Aktionen.
Die Protestbewegung hat eine basisdemokratische Struktur. Entscheidungen werden im Rahmen der für jeden zugänglichen Plena getroffen. Die Stimme eines ASTA-Mitglieds zählt dabei genauso viel, wie die eines jeden anderen in der Protestbewegung.
Irrtum 2:
Die Räumung des Casinos verlief friedlich und ohne Polizeigewalt.
Es liegt eine Fülle an Material in Form von Videos, Fotos, Augenzeugenberichten und dokumentierte Krankenhauseinlieferungen mit Attesten vor, die das Gegenteil beweisen.
Irrtum 3:
Die mit dem Protest verbundene Besetzung hat hauptsächlich Lehrveranstaltungen blockiert.
Das Lehrprogramm wurde mit über 70 Workshops bereichert, die zum Teil gemeinsam mit Dozenten_innen gestaltet wurden. Was blockiert wurde, war die sonst übliche kommenzielle Vermietung der Räume an Wirtschaftsunternehmen, wie z.B. in der letzten Woche die Commerzbank.
(…)
Irrtum Nr. 5:
Der Präsident sucht den Dialog.
Herr Müller-Esterl versucht vielmehr jegliche Kritik zu ersticken. Die angeblichen Kommunikationsversuche sind nichts als geschickt inszenierte Aufführungen für die Öffentlichkeit. Unliebsame Studierende werden durch Polizeimaßnahmen und Exmatrikulationsdrohungen erpresst. Ein Dialog mit dem Messer am Hals ist kein Dialog.
(…)
Näheres erfährt man sicher über Twitter, StudiVz und Facebook.
Bildungsstreik – Bulimielernen – eine kleine Nachlese zum 17.11.2009
Demo-Stimmen und Statements:
Willkommen in der Bildungsfabrik
Bildung zu teuer? Was kostet Dummheit?
Wir brauchen dringend kleinere Klassen
Wir sehen unsere Freunde leiden. Die pauken jeden Tag bis abends und sind kaum noch zu sehen
Jeder Lehrer meint, sein Thema sei das Wichtigste
Bildung statt Burnout
Lebst du noch oder studierst du schon?
10 Jahre Bologna – Bolognese für alle!
Seit Bologna leiden wir unter dem Bulimielernen und Knockout-Prüfungen
Betreten der Uni verboten! Eltern zahlen für ihre Kinder!
Wir fordern die substanzielle Anerkennung der Arbeit der Lehrkräfte, mehr gut ausgebildete Lehrkräfte und eine Entlastung hier und heute. Vorgesehenen Langzeitarbeitskonten sind ein Hohn. Wer, wie CDU und FDP im Bund, auf 24 Milliarden Euro Steuereinnahmen verzichte, der dürfe im Land nicht sagen, es ist kein Geld da. (Jochen Nagel, GEW-Vorsitzender Hessen)
Wir arbeiten an einer stetigen Verbesserung der Rahmenbedingungen. Vor diesem Hintergrund habe ich kein Verständnis für den Lehrerstreik .Für das Schuljahr 2009/2010 seien 1000 Lehrerstellen zusätzlich geschaffen, die Eingangsklassen deutlich verkleinert und Ganztagsangebote ausgebaut worden. Eine Verringerung der Lehrverpflichtung sei angesichts der wirtschaftlichen und finanziellen Situation schlichtweg nicht zu finanzieren. (Hessische Kultusministerin Dorothea Henzler, FDP)
Sagt der eine Esel zum anderen: Hast du aber lange Ohren.
Studenten bräuchten klare Signale, dass es die verabredeten Korrekturen bei der neuen Studienstruktur gebe. Viele bildungspolitische Reden machten noch nicht gute Bildungs- und Wissenschaftspolitik. (Bundesbildungsministerin Annette Schavan, CDU)
Die Vorlesungssäle sind überfüllt, und das Geld wird in Marmorböden statt in Bibliotheken gesteckt.
Gegen Leistungsterror und Lernfabriken
Wir jagen von einer Veranstaltung zur nächsten, hier die Anwesenheitspflicht erfüllen, dort noch ein paar Leistungspunkte abgreifen. Immer an der Grenze zur Überdosis Stoff, immer ohne Zeit, sich ernsthaft mit etwas zu beschäftigen.
Statt Freiheit der Lehre gibt es an den Hochschulen vor allem Leistungsdruck, überquellende Lehrpläne und unübersichtliche Prüfungsordnungen.
Altmeister Ludwig von Friedeburg im aktuellen bildungspolitischen Gespräch
Bernd Frommelt als Präsident der Gesellschaft zur Förderung Pädagogischer Forschung und Prof. Eckhard Klieme vom DIPF, auf deutscher Seite maßgeblich für die internationale Schulleistungsstudie PISA verantwortlich, luden unter dem Titel Sozialwissenschaftliche Forschung und Bildungspolitik zum alljährlichen Bildungspolitischen Gespräch nach Frankfurt. Altmeister Ludwig von Friedeburg, lange Zeit Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt und hessischer Kultusminister (1969-74) konnte für den Diskurs mit Vertretern empirischer Bildungsforschung gewonnen werden.
Eine hochkarätige Podiumsdiskussion am DIPF lockte am 02.11.2009 über 100 Besucher aus den pädagogischen Zünften.
Komplettiert wurde das Podium durch die Bildungsforscher Prof. Helmut Fend und Prof. Klaus Klemm. Unter Moderation von Prof. Heinz Elmar Tenorth führten die Experten aus Wissenschaft und Politik eine zwischendurch lebhafte Debatte: In welchem Verhältnis stehen Bildungsforschung und Bildungspolitik? Braucht die Bildungspolitik die Forschung? „Zu grundsätzlichen strukturpolitischen Fragen, etwa der Empfehlung eines bestimmten Schulsystems, kann die Bildungsforschung keine Handlungsanweisungen geben“, brachte es Klieme illusionslos auf den Punkt. Allerdings habe „ die empirische Bildungsforschung zum Bereich der Schulpraxis sehr viel beizutragen. Das wird zu wenig wahrgenommen. Hier können Politik und Verwaltung häufiger auf die Forschung zurückgreifen.“ Das DIPF als Einrichtung für Forschung sowie Service- und Beratungsleistungen übernehme dabei im Spannungsfeld zwischen Bildungspolitik und Bildungsforschung eine Schnittstellenfunktion. Von Friedeburg stimmte mit Klieme überein, dass die bildungspolitischen Entscheidungen letztlich immer von der Politik gefällt und gegen alle widerstreitenden Interessengruppen durchgesetzt werden müssen. Im Gegenzug will von Friedeburg die Forscher nicht aus der Verantwortung nehmen und forderte die wissenschaftliche Gemeinschaft auf, ihre umfassenden Forschungsergebnisse auch gegen die Politik deutlicher auf den Tisch zu bringen.
Wissenschaftler und ihre zahlreichen Gutachten können auch immer wieder mißbraucht werden, ja sie stehen in der Gefahr, nützliche Hofnarren-Funktionen zu erfüllen. Über den Fortgang der Bildungsreform entscheiden in erster Linie gesellschaftliche Machverhältnisse und nicht pädagogische Einsichten, so Friedeburg. Über diese grundsätzliche Einschätzung war man sich auf dem Podium einig. Normative Entscheidung unterliegen immer gesellschaftlichen Machtdiskursen. Die Schulpolitik ist dabei nur ein Handlungsfeld, das immer noch in Deutschland vorherrschende viergliedrige selektive Schulsystem eine Ausdrucksform. Zum Blick in die Zukunft des deutschen Schulwesens kam es nicht. Nach gut zwei Stunden war das erweitere Familientreffen der Pädagogik vorbei. Mangels Sekt, Selters und Häppchen (Sparprogramm beim DIPF?) kam es auch nicht zu den sozial wichtigen informellen Gesprächen unter den Zuhörern, sondern die Individuen verschwanden in Eile in der Weite der Stadt.