Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 4

Guter Unterricht und reflektierte Aufgabentypen

25. November 2008 · von Miller · 7 Kommentare

Guter Unterricht und reflektierte Aufgabentypen

Die Frage nach dem guten Lehrer ist immer gleichzeitig eine Frage von grundsätzlich gelebten Unterrichtsprinzipien (10 Prüfsteine für guten Unterricht) und einer kompetenzorientierten Operationalisierung vor Ort. Im Unterrichtsalltag zeigen sich professionelle Routinen und pädagogisches Geschick in der Gestaltung von vielfältigen Lernkulturen, die vor allem ihren Ausdruck in reflektierten Aufgabentypen finden. Eine konsequente Subjektorientierung und damit eine Abkehr von vorgefertigter Instruktionspädagogik schaffen für den Lernenden Spielräume für eine organisierte Spurensuche und subjektive Wahlentscheidungen. (Subjektive Didaktik) Lernen ist subjektive Konstruktion, schwingender Resonanzraum und Interaktivität.

Folgende Kriterien sollten sowohl im Unterrichtsalltag als auch bei der Erstellung zentraler Prüfungsaufgaben mit kompetenz-orientiertem Profil den Rahmen bilden:

1. selbst gewählte Vergleichs- und Andockmöglichkeiten zur vorgegebenen Problematik/ Thematik (fachspezifisch und fächerübergreifend)

2. Um- und Neugestaltung von Texten nach bestimmten Kriterien (vorgegeben oder selbst gewählt, Spiel mit Textsorten)

3. Herausarbeitung von Bezügen zwischen unterschiedlichen Materialsorten (Texte, Bilder, Filmsequenzen, Grafiken, Tabellen)

4. selbständige Wahl einer passenden Bearbeitungsmethode oder eines Untersuchungsschwerpunkts (aspektorientiert und arbeitsteilig)

5. reflektierte Wahl einer wirkungsorientierten und adressatenbezogenen Darstellungsform (Reflexion von Inhalt und Medium)

6. Beurteilung eines Problems/ Sachverhalts nach hergeleiteten Prüfkriterien (Konkurrenz von Prüflogiken, Geltungsansprüchen)

7. Herausarbeitung von Strukturen und Prinzipien (Vermeidung eines Abfrageduktus; punktuell nötiges Spezial- und Sonderwissen kann dabei als Entlastung vom Lehrenden zur Verfügung gestellt werden)

8. Konzentration auf Prozesse und Lösungsstrategien (Ergebnisse als Ausgangspunkt für weitere Herausforderungen)

9. selbständige und begründete Komplexitätserweiterung bzw. -reduktion bei der Suche nach Lösungswegen ( Akzeptanzkriterien und Priorisierungen)

10. Gegenwartsbezüge und Zukunftsfähigkeit (Gestaltungsauftrag, Antizipationsfähigkeit, existenzielle Inhalte, Förderung bzw. Brechung durch Geschichte und Tradition).

Mithilfe eines Operatorenrades (Verben mit Handlungs-Aufforderungscharakter) können Lernende zunehmend selbständig eigene Aufgabenstellungen generieren und bearbeiten.

Das „Lernen selbst lernen“ ist pointiert nicht Methode, sondern wertsensible und weltoffene Haltung des Subjekts, das sich neugierig mit „sperrigen Bildungsgütern“ beschäftigt und Lösungen findet. Offenheit von Aufgabentypen und subjektive Umgestaltungswünsche der Lernenden akzeptieren, heißt als Lehrender, sich bewusst zu verabschieden von primitiven Input-Output-Vorstellungen und rigiden Zeittakten einer linearen Pädagogik.

Operatorenrad zur Aufgabengenerierung, Miller 2007

PS. Eine Prüfungsdidaktik, die auf der Höhe der Zeit sein will (z.B. die jährliche Gestaltung des Zentralabiturs), müsste zuerst selbstkritisch reflektieren, wo sie steht. Der vorherrschend instruktionspädagogische Impetus, die sich wiederholenden Zwangsbeglückungsprogramme für Jugendliche wie z.B. verordnete Leselisten oder fortgesetzte Stoffhuberei bedürfen einer grundlegenden Revision.< –>

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Berufsschule · Bewusstsein · Bildung · Gesamtschule · Gymnasium · Unterricht · Vorbilder

Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage

10. November 2008 · von Miller · 7 Kommentare

Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage

Freies Denken in Hessen 2008, Foto Miller

Im Artikel „Abitur verkauft – 8. Nachlese“ sagte ich zu, richtungweisende Handlungsschritte und Lösungen betreffend einer „öffentlichen Zugänglichkeit von zentralen Prüfungen“ anzubieten. Dazu ist es notwendig, bisherige Positionen des hessischen Kultusministeriums näher zu analysieren und die Plausibilität der vorgebrachten Gründe zu prüfen. Textgrundlage sind somit die parlamentarische Anfrage der Grünen (des Abgeordneten Mathias Wagner) und die 10 Antworten des geschäftsführenden Kultusministers Jürgen Banzer.

Drei Voraussetzungen / Unterstellungen werden meinerseits getroffen:
1. Dass es um die bestmögliche Bildung und Ausbildung der Schülerinnen und Schüler geht; dies beinhaltet auch eine optimale Prüfungsvorbereitung und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel im öffentlichen Schulwesen
2. Dass der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ grundsätzlich gilt, also Lernfähigkeit und Lernbereitschaft im Dialog gegeben sind und gemeinsam um die sinnvollste Lösung gerungen wird
3. Dass das ökonomische Prinzip grundsätzlich gilt, d.h. dass sich einfachere, effizientere und kostengünstigere Verfahren gegenüber umständlicheren und kostenintensiveren durchsetzen.

Als thematischer Hintergrund wird auf die gesamte Artikel-Serie „Abitur verkauft“ im Bildungswirt rekurriert (vgl. die entsprechenden Hinweise unter ähnliche Artikel am Schluss). Dazu gehören selbstverständlich auch die dargestellten Positionen der Parteien im hessischen Landtag, der Lehrerverbände und die zahlreichen engagierten Kommentare von Bloggern / Lesern.

Fangen wir an:
1. Zunächst ist richtig, das es sich um ein komplexes Vorhaben handelt: „...jährlich etwa 300 Aufgaben in 43 Fächern“(Banzer) und Regelungen des Urheber-Gesetzes (Copyright-Problem) zu berücksichtigen sind. Niemand kann das mit guten Gründen bezweifeln. Nur welche Analyse wird angestellt, welche Interpretation favorisiert und welche Schlüsse werden gezogen? Verschaffen wir uns ein differenziertes Bild zur Struktur der Fächer. Drei Aufgabenfelder mit zugeordneten Fächern liegen vor:
a) das sprachlich-literarisch-künstlerische Feld mit Deutsch, Kunst, Musik, Darstellendes Spiel und den Fremdsprachen Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein, Altgriechisch, Russisch, Chinesisch, Japanisch (unter bestimmten Bedingungen können noch weitere Fremdsprachen an den Schulen angeboten werden)
b) das gesellschaftswissenschaftliche Feld mit Geschichte, Politik und Wirtschaft, Wirtschaftswissenschaften, Erdkunde, Rechtskunde, Philosophie, Ethik, evangelischer und katholischer Religion
c) das mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Feld mit Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und Informatik

Aus dem beruflichen Gymnasium kommen noch weitere Fächer mit Schwerpunktsetzungen in den gewählten Fachrichtungen hinzu wie z.B. Maschinenbau, Elektrotechnik, Bautechnik, Wirtschaftslehre, Agrarwirtschaft, Ernährung und Hauswirtschaft. Aus den Schulen für Erwachsene gibt es noch ergänzend „Exoten“ wie „Historisch-politische Bildung“ und „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ (thematisch und methodisch ein etwas anderer Zuschnitt als das Fach „Politik und Wirtschaft“ oder „Geschichte“). Ergänzend wären noch allgemein das Fach Sport und „Bilingualer Unterricht“ zu nennen und zum Teil noch eine Differenzierung zwischen Grundkursfach und Leistungskursfach zu berücksichtigen. Zugegeben, insgesamt ein weites komplexes Feld. Was ist zu tun?

Jeder vernünftige Mensch, der Prüfungsaufgaben dokumentieren und Lernprozesse fördern will, konzentriert sich angesichts der Fülle auf das Wesentliche: Was ist definitiv vorgeschrieben (Pflichtfach) und was wird von den Schülern schwerpunktmäßig im Abitur gewählt? Daraus ergibt sich für alle als 1. Staffel: Deutsch, Englisch, Mathematik, Politik und Wirtschaft und Biologie. 2. Staffel: Geschichte, Französisch, Spanisch, Latein, Chemie, Physik und Religion. Alles Weitere wäre wünschenswert und ist abhängig von den eingesetzten Ressourcen. Aus den angeblich 43 Fächern reduziert sich das Ganze auf ein MUSS von 5 Fächern (1.Staffel) und max. 7 Fächern (2.Staffel). Das Wedeln mit 43 Fächern lenkt also unnötig vom Kern des Problems ab.

(Bedenke, geneigte Leserin, geneigter Leser: dein im Moment vollzogener Leseakt ist ein kreativer konstruktiver Prozess und befördert eigene, ergänzende Lösungen des Problems, z.B. in welchen Fächern aufgrund ihrer „Exotik“ nur dezentral zu prüfen wäre? Bitte an den Bildungswirt schreiben oder gleich direkt an das HKM, Luisenplatz 10, 65185 Wiesbaden)

2. Bei der Dokumentation von Prüfungen ist zu unterscheiden in: a) Aufgabenstellungen, b) Material, also Texte, Bilder, Grafiken und c) Lösungen, Hinweise, Bewertungsmaßstäbe. Für a) und c) gibt es kein Copyright, da Aufgaben und Lösungen von Lehrerinnen und Lehrern im hessischen Schuldienst erstellt und i.d.R. durch Deputatstunden (Unterrichtsentlastung) vergütet wurden. a) und c) könnten für alle Fächer kostenfrei und problemlos im Internet zur Verfügung gestellt werden. Der Schüler hat zeit- und ortsungebunden ein Recht darauf, zu erfahren, was von ihm im „öffentlichen Prüfungsakt“ verlangt wird. Wir sind inzwischen – auch wenn der ein oder andere noch beängstigend und rückwärtsgewandt dreinblickt – im Internetzeitalter angekommen.

3. Kommen wir zum heiklen Punkt: b) Material. Hier gilt es zu unterscheiden zwischen kostenfreiem und i.d.R. frei verwendbarem Material einerseits und kostenpflichtigem und zustimmungsabhängigem Material andererseits. Diese Copyright-Prüfung kann durch alle Fächer ohne großen Arbeitsaufwand durchgeführt werden, vorzugsweise bei den 12 genannten Fächern (1. und 2. Staffel). Exemplarisch will ich das an einigen Fächern zeigen. Der Grundsatz gilt: Alle Texte, die älter als 70 Jahre sind, können von jedermann frei verwendet werden, unterliegen also keinem Copyright! Aus der vorgeschriebenen Leseliste im Fach Deutsch folgt, dass fast alle Texte copyrightfrei sind, z.B. Goethe, Schiller, Fontane, Büchner,…Analog gilt das für Texte in Geschichte und Latein zu 95%. Besondere Schlauberger kommen allerdings auf die „Geschäftsidee“ zu sagen: ja, die Texte sind copyrightfrei, aber nicht mein Layout. Dann nimmt man eben den Text, bastelt sich in 10 Minuten sein eigenes Layout und schon ist das Problem gelöst. In den Fächern Mathematik, Chemie und Physik ist das Copyright marginal. Fast alles ist von den Lehrerinnen und Lehrern selbst erstellt, z.B. Formeln, Symbolketten, einfache Grafiken, Versuchsbeschreibungen. Zusätzlich gibt es – wie jetzt schon üblich – netzveröffentlichte Handreichungen.

4. Kommen wir zum verbleibenden kleinen Kern des kostenpflichtigen Problems. Autoren und Verlagen werden in Bezug auf das Copyright verzerrt wahrgenommen und falsch eingeschätzt. Autoren und Verlage haben kein Interesse an Konflikten mit staatlichen Institutionen. Sie haben Interesse an Kooperation, an Werbung für den eigenen Namen und ihre Produkte und selbstverständlich immer an Geschäften. Schulbuchverlage erfüllen eine wichtige Unterstützungs- und Begleitfunktion für Unterricht, sind hoch kooperativ, flexibel und gesprächsbereit. Die Autoren sind in der großen Mehrheit selbst Lehrerinnen und Lehrer im Schuldienst oder Hochschuldienst (oder Pensionäre). Ein geschicktes staatliches Management bindet sie in längerfristige Entscheidungen ein und sorgt für eine Win-Win-Situation. Oft erhält man kostenfrei (oder für einen kleinen symbolischen Obolus) Abdruckrechte für Texte, Bilder, Grafiken, wenn selbstverständlich die Quelle und „mit freundlicher Genehmigung des XY-Verlags“ genannt wird. Schulbuchverlage haben ein hohes Interesse daran, dass ihre Produkte an den Schulen vor Ort im Gespräch sind und auch immer wieder bestellt werden. Grundsätzlich gilt die gleiche Einschätzung zu kooperativem Verhalten auch bei großen Medien wie z.B. der FAZ, der FR, der Zeit oder dem HR, wenn z.B. auf aktuelle Berichterstattung zurückgegriffen wird. Die Abdruckrechte für „typische Zeitungsartikel“ zu erhalten, eingesetzt z.B. im Fach Politik und Wirtschaft, ist wirklich kein ernsthaftes Problem. Zudem gibt es die Möglichkeit, über eine geringfügige, einmalige Jahreszahlung pauschal Abdruckrechte für „aktuelle Berichterstattungen“ und die Verwendung zum „Abiturzweck“ zu erhalten. Flexible Amtsjuristen könnten mit VG-Wort Verträge/ Pauschalen über die Nutzungsrechte aushandeln, zumal die Textlänge im Abitur i.d.R. nicht 900 Worte übersteigen darf. Auf Einzelnachweise wird dann im Vorfeld verzichtet; nach dem Abitur kann Bilanz gezogen werden. Insgesamt dürften sich die Zusatzkosten für Dokumentation und Präsentation auf nicht mehr als 1% (ein Prozent!) der öffentlichen Gesamtkosten der Abiturerstellung belaufen.

5. Sollte ein „Platzhirsch“ am Markt im Einzelfall eine unangemessen hohe Summe für Abdruckrechte wollen, so schlägt man das Angebot aus und ignoriert ihn. Zahlreiche qualitativ hochwertige Autoren und Verlage springen gerne ein, wären froh, wenn sie beim Abitur „berücksichtigt“ werden würden. Für diesen Werbeeffekt sind sie bereit einiges zu tun. Ebenso muss ein Ministerium bereit sein, kreative und effiziente Lösungen zu suchen.

6. Noch weitgehend ungenutzt sind kostenfreie Quellen bei Text- und Bildmaterial, die das Internet anbietet. Hier wäre eine qualifizierte Schulung der Lehrerkommissionen zur Aufgabenerstellung anzuraten. Das Internet-Polyversium ist doch deutlich weiter, tiefer und reichhaltiger als die meisten Zeitgenossen meinen.

7. Das Ministerium vertritt in diesem Fall einen seltsam verengten Begriff von Öffentlichkeit bzw. von „öffentlichem Zugriff“. Dem gegenüber muss betont werden, dass eine schul- und bildungspolitische Öffentlichkeit aus Schülern, Lehrern, Eltern, lokalen Schulträgern, universitärer Fachöffentlichkeit und den Medien besteht. Mit zwei CDs pro betroffener Schule (oder eine CD für einen besonders privilegierten Journalisten) kann das nicht geleistet werden. Das angemessene Medium ist das Internet.

Insgesamt komme ich zum Ergebnis: Die von der Gymnasialabteilung des HKM vorbereiteten und vom Minister vorgebrachten Antworten sind wenig gestützt auf gute Gründe, sondern haben wesentlich die Form von luftigen Begründungen.

Es bleibt die berechtigte, seit Monaten bekannte Forderung:
“Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.”

Zum Schluss noch ein persönliches Wort an den Minister. Herr Banzer, der Kultusbereich bereitet Ihnen nach Ihren eigenen Worten Freude und ist für Sie eine große Herausforderung. Nutzen Sie deshalb nebenbei den „Obama-Effekt“ auch in Hessen und auch im Kleinen – change (!), yes we can. „Change“ klingt in der deutschen Übersetzung mit „Wechsel“ zu technisch, gar etwas hölzern. Übersetzen wir Change doch auch noch mit der Obertonreihe: Wandel durch Mut, Begeisterung und Engagement. Eine Stunde „Change“ und das Problem wäre gelöst; der Rest ist professionelle Routine. Es liegt allein in Ihrer Hand. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.

PS. Die an den „hessischen Verhältnissen“ aufgezeigten Problemlösungen gelten im Grundsatz auch bundesweit! Von allen Schulministerien kann in der Abiturproblematik mehr Sorgfalt, Dokumentationsbereitschaft und Engagement erwartet werden. Wie heißt die viel zitierte Formel in der Schule: „Fördern und Fordern“! Das gilt für alle Beteiligten.
In Korrespondenz dazu kann auch mein Beitrag „Abitur in Deutschland (1)“ gelesen werden.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Abitur verkauft · Berufsschule · Bildung · Bildungsgipfel · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Unterricht · WEb 2.0 · Wirtschaft

Abitur in Deutschland (1)

26. Oktober 2008 · von Miller · 4 Kommentare

Abitur in Deutschland (1)

Von einem der auszog, professionelle Suchmaschinen bediente, Abiture (Abiturkonzeptionen, Abituraufgaben und Abiturlösungen) suchte, Vergleiche anstellte und 2008 das Fürchten lernte.

Nehmen wir an, dass ein junger unerschrockener Abiturient ins Netz tief eindringt und sich richtig schlau machen will. Sein Ziel: angemessene Abiturvorbereitung, bundesweite Transparenz und Überblick zu den gestellten Erwartungen. Was ist sein Ergebnis? Welcher Service wird ihm geboten? Was ist los in der Bildungsrepublik Deutschland?

Das metaphorisch vorläufige Urteil: ein grauer Daten-Flickenteppich mit großen schwarzen Löchern; jedes Land kocht lauwarm sein eigenes Wassersüppchen vor sich hin. Was beim ersten flüchtigen Blick noch als bunte Vielfalt durchgehen könnte, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als selbstherrliche Willkürentscheidung oder kosmische Zufallsvariable. Die technische Präsentation ist überwiegend hausbacken, von klarer Navigation und dem Anspruch auf Benutzerfreundlichkeit weit entfernt. Da hätte eine Gruppe  junger unabhängiger Computerprofis, die technologische und ästhetische Möglichkeiten des WEB 2008 kennen, ein breites Betätigungsfeld. (Man könnte z.B. mal zur ersten Bestandsaufnahme Robert Basic fragen).

Der Bildungswirt hat zum Auftakt der Artikel-Serie „Abitur in Deutschland“ das Rohmaterial zusammengestellt: die spezifischen Internetseiten der Kultusministerien der einzelnen Bundesländer (vgl. neu eingerichtete Blogroll, rechte Spalte): Rechtliche Grundlagen, Prüfungsschwerpunkte, lückenhaft Abituraufgaben aus verbrauchten Prüfungsjahrgängen, Musteraufgaben, Materialien, Handreichungen, Beispielaufgaben und Lösungshinweise. Zusätzlich wird auf Abiturloesungen.de verwiesen; es handelt sich dabei um privat eingestellte Angebote oder um Verweise auf die einschlägigen Schulbuchverlage. Aufgaben und Lösungen gegen Cash.

Liebe Leserin, lieber Leser: bilde dir selbst ein Urteil zum Abiturzustand in der Republik. Der Bildungswirt wird in lockerer Folge Analysen und Interpretationen zu einzelnen Bundesländern und Fächern vorlegen.

Video: Abitur – „Du bist Deutschland“

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Gymnasium · WEb 2.0

„Glück“ im Bildungsland Nr.1 ?

28. Juli 2008 · von Miller · 1 Kommentar

„Glück“ im Bildungsland Nr.1 ?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Hessen als Trendsetter für Bildungsfragen ? Moderne hessische Berufsschulen – transformiert in Kompetenzzentren des lebenslangen Lernens – als „Speerspitze der Bewegung“? Glück gehabt – Schüler in Hessen zu sein?

Noch ist es nicht so weit.
Die Leuchtturm-Schule steht in Baden-Württemberg, heißt Willy-Hellpach-Schule – eine moderne Berufsschule mit Wirtschaftsgymnasium- und ist wirklicher Trendsetter im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst das Fach „Glück“ wird ins offizielle Schulcurriculum aufgenommen und das mit großem Zuspruch.

„Mit dem Unterrichtsfach `Glück` wird der Versuch unternommen, den Schülern Bildung im ursprünglichen Sinn zu vermitteln. Ziel ist die Förderung von persönlicher Zufriedenheit, Selbstsicherheit, Selbstverantwortung und sozialer Verantwortung“, sagt Direktor Ernst Fritz-Schubert. Dabei geht es in dem Pilotprojekt nicht darum, das Negative auszumerzen, sondern das Positive zu verstärken. Die Jugendlichen sollen empfänglich für Glücksmomente sein und sich Wege für ihr eigenes dauerhaftes Glück suchen können. Glücklich sein ist ein psychologisches Bedürfnis wie Essen ein körperliches.
Das gilt für Schüler und Lehrer gleichermaßen. Längst hat die Wissenschaft bewiesen, dass Gesellschaften mit wachsendem Reichtum nicht unbedingt glücklicher werden. Dazu gehört wesentlich mehr. Etwa Selbstachtung, Einfühlungsvermögen, Freundschaft, Liebe, Spiritualität, Humor und Optimismus. Diese Ingredienzien des Glücks kann man lernen.

Die Willy-Hellpach-Schule ist bisher die einzige Schule in Deutschland, die sich mit dem „Lernziel glücklich sein“ in dieser Form auseinandersetzt. Sie bietet das Fach „Glück“ sowohl an der zweijährigen Berufsfachschule Wirtschaft (dort erwerben Hauptschüler die mittlere Reife) als auch am dreijährigen Wirtschaftsgymnasium (hier ist der Abschluss das Abitur) an.“ (Homepage der Schule, Juli 2008)

Wer will, kann an dieser Schule auch einen stark leistungsorientierten Weg der besonderen Fach-Ausbildung gehen.
„Seit dem Schuljahr 2003/2004 geht die Willy-Hellpach-Schule einen ungewöhnlichen Weg. Sie ermöglicht durch die Kooperation mit der Young-Business-School besonders leistungsstarken und leistungswilligen Schülerinnen und Schülern neben dem Besuch des Wirtschaftsgymnasiums das Studium der Wirtschaftswissenschaften. Nach dem Prinzip „Lust an der Leistung“ nehmen zur Zeit 5 Schülerinnen bzw. Schüler neben dem normalen Unterrichtspensum die Herausforderung an, weitere 12 – 15 Stunden wöchentlich den Vordiplomstoff der Fernuniversität Hagen zu bearbeiten. Trotz heftiger Kritik – wegen der vermeintlichen Überforderung – hält die Schule an diesem Konzept fest. Der Erfolg bestätigt den eingeschlagenen Weg. Im Schuljahr 2004/05 konnten wir mit der Ausgabe des Abiturzeugnisses einem Schüler und einer Schülerin das Vordiplomzeugnis überreichen.“(Homepage der Schule, Juli 2008)

Die Frage bleibt: Wann gibt es Unterrichtsfächer wie „Glück“ und „Lebenskunst“ als Perspektive an hessischen Berufsschulen oder Gymnasien? Wann werden wirklich neue „Bildungsstandards“ gesetzt? Die von allen hessischen Landtagsfraktionen begrüßten Reformprojekte SV-plus Berufsschulen und Initiative Hessencampus könnten hier sicher noch einiges dazu lernen. Die Zeit ist reif, „Schule neu denken“ (v. Hentig) offensichtlich erst am Anfang.

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Kunst/ Kultur · Unterricht · Vorbilder