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Abitur verkauft – 3. Nachlese

28. August 2008 · von Miller · 7 Kommentare

Abitur verkauft – 3. Nachlese

Manchmal bewegt sich doch etwas. Starre, nicht haltbare Positionen werden abgestreift. Auch die Fraktion DIE LINKE im hessischen Landtag ist über die Beiträge im Bildungswirt seit dem 04. Juni informiert und durch drei Mails erinnert worden. Jetzt haben sie reagiert, wollen sich aktiv einmischen – und das ist gut so!

Hier Ihr Rundbrief:

Priorität: hoch! 27.08.08 12:22
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
(…), liebe Landesschulsprecherin, liebe „Bildungswirte“,

ich bin soeben auf die Artikel

http://www.bildungswirt.de/2008/06/04/19
http://www.bildungswirt.de/2008/06/16/66
http://www.bildungswirt.de/2008/08/20/124

hingewiesen worden und möchte dieses Thema gern auch für die Fraktion DIE LINKE im Hessischen Landtag nicht nur „bearbeiten“, sondern auch voranbringen, um den vorhandenen Problemen ggf. Abhilfe zu schaffen.

Meine diesbezügliche Bitte, mein diesbezügliches „Angebot“ an Euch wäre nun: Wärd Ihr bitte so nett, die Situation aus Eurer (Betroffenen-)Sicht einmal in einer Text-Skizze zu formulieren und mir und uns somit eine „Vorlage“ zu liefern, die nicht nur den einfachen „parlamentarischen Blick“ (Sicht auf die „Sachlage“, wie sie sich von außen darstellt), sondern auch den gesellschaftlichen, außerparlamentarischen Blick mit in die Fraktion und hiernach dann in den Landtag zu bringen?

Hierüber würde ich und würden wir uns sehr freuen. Auch, weil ich der Meinung bin, eine Partei bzw. parlamentarische Kraft ist nur so gut, wie Sie anderen das Wort erteilt und nur so stark, wie auch außerhalb des Parlamentes „Opposition“ gegen Probleme vorhanden ist: Ohen die Studierendenproteste in Hessen wären, so meine und unsere Meinung, so „trotz“ SPD, Grünen und LINKEN in Hessen wohl nie die Studiengebühren abgeschafft worden – zu einfach ist es, den vermeintlichen Sachzwängen anheim zu fallen, wenn diese nicht (auch) von außen in Frage gestellt werden.

Also: Über Eure Unterstützung würde ich mich sehr freuen; gern in Text- oder E-Mailform; ggf. auch in Form eines Treffens zwischen unseren BildungspolitikerInnen und Euch. Auf jeden Fall sichere ich zu, Euch zu informieren, wenn die Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage der GRÜNEN zum Thema eingegangen ist (das muss nach Geschäftsordnung in spätestens 5 Wochen soweit sein).

(…)

Danke und beste Grüße,
Jens Wernicke

Fassen wir die Gesamtlage zusammen:

1. Alle sind informiert, es fehlt nur noch die sinnvolle Tat im Sinne der seit Monaten bekannten Forderung:

„Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.“ …

„Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.“

2. Die SPD zeigt sich offen, will durchaus eine Lösung ( vgl. 1.Nachlese), die FDP hat das Problem wahrgenommen, will intern beraten (2. Nachlese), die Grünen setzen sich aktiv für eine gute Lösung ein und starten ein parlamentarische Anfrage (vgl. 2. Nachlese). Die LINKE will sich ebenfalls in der Sache engagieren. Es fehlt nur noch die CDU mit Jürgen Banzer an der Spitze. Er könnte diese Fehler der Vergangenheit schnell korrigieren.

3. Möglicherweise ist das Abitur 2008 schon wieder verkauft worden (vielleicht aufgrund amateurhaft juristischer Folgebindungen im Vertrag)? Hier muss schnell Klarheit geschaffen werden. Sollte der Verkauf 2007 ein einmaliger Akt als Ausrutscher gewesen sein, so sind sämtliche Landesprüfungen bis November 2008 zu veröffentlichen. Genügend Zeit, um einige Copyright-Probleme zu lösen. Die reibungslose Veröffentlichungen des Landesabiturs 2009 und der Landesprüfungen AHRS-Bereich im Internet sind sicherzustellen.

4. Last but not least: Für das Landesabitur der Schulen für Erwachsene (gleichwertiges, aber nicht gleichartiges Abitur in Hessen) gelten die gleichen Veröffentlichungsregelungen. Bisher wurde die Veröffentlichung der Prüfungsaufgaben mit Lösungen vom HKM untersagt. Eine längst fertig produzierte Master-CD mit den Prüfungen 2007 und 2008 sollte stattdessen in einer Auflage von 1000 Stück herausgegeben werden. Dies ist bis heute nicht erfolgt.

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Abitur verkauft – eine 2. Nachlese

20. August 2008 · von Miller · 4 Kommentare

Abitur verkauft – eine 2. Nachlese

In „Skandal: Landesabitur verkauft“ (Beitrag vom 4. Juni) analysierte ich den ungewöhnlichen Sachverhalt hessischer Bildungspolitik. Zusätzlich wurde eine klare Forderung an den neuen Minister gestellt:

„Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.“ …

„Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.“

In „Abitur verkauft – eine 1. Nachlese“ (Beitrag vom 16. Juni) dokumentierte ich die Antworten von SPD, GEW und VBE.

Inzwischen gibt es weitere Reaktionen:
Die FDP-Fraktion im hessischen Landtag antwortete:

Sehr geehrter Herr Dr. Miller,
vielen Dank für Ihre Mail an Frau MdL Henzler zu dem Beitrag auf www.bildungswirt.de bzgl. des Verkaufs der Prüfungsaufgaben des Landesabiturs. Uns liegen dazu keine näheren Informationen vor. Wir werden dies prüfen. Ihre Forderung nach einem kostenfreien Zugang zu zentralen Prüfungsaufgaben für alle Bildungsgänge werden wir in unsere internen Beratungen aufnehmen.

Die Grünen im hessischen Landtag antworteten am 19. August:

Sehr geehrter Herr Miller,
im Auftrag des bildungspolitischen Sprechers unserer Fraktion, Mathias Wagner, darf ich Ihnen anbei die Kleine Anfrage zusenden, die er betreffend des Verkaufs der Abiturprüfungsaufgaben bzw. der Zugänglichkeit aller zentralen Prüfungsaufgaben gestellt hat.

Kleine Anfrage
des Abg. Mathias Wagner (Taunus) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
betreffend Zugänglichkeit aller zentralen Prüfungsaufgaben

Vorbemerkung:
Seit September 2007 sind die Beispielaufgaben und Prüfungsaufgaben des hessischen Landesabiturs vergangener Jahre nicht mehr Teil des Internetauftritts zum Landesabitur. Den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, die zum Abitur führen wurden die im Landesabitur 2007 verwendeten Prüfungsaufgaben aller Unterrichtsfächer lediglich als CD zur Verfügung gestellt. Auch die Aufgaben der zentralen schriftlichen Abschlussarbeiten für die Bildungsgänge der Hauptschule und der Realschule werden nicht im Internet veröffentlicht. Somit ist eine kostenfreie, standortunabhängige und leichte Zugänglichkeit der Übungsmaterialien nicht gegeben. Das Kultusministerium verweist auf seinen Seiten auf die Möglichkeit, die einschlägigen Veröffentlichungen über den Buchhandel zu beziehen.
Ich frage die Landesregierung:

1. Aus welchen Gründen stellt die Landesregierung die Beispiel- und Prüfungsaufgaben zu den zentralen Abschlussprüfungen und zum Landesabitur nicht kostenlos im Internet zur Verfügung?

2. Wie begegnet die Landesregierung dem Vorwurf, dass diese Aufgaben, die unter Einsatz öffentlicher Mittel entwickelt wurden, durch diese Entscheidung dem öffentlichen Zugriff entzogen sind?

3. Welche Maßnahmen hat die Landesregierung getroffen, um zu gewährleisten, dass dennoch alle Schülerinnen und Schüler, die sich auf ihre Abschluss- oder Abiturprüfung vorbereiten, kostenfreien und unkomplizierten Zugang zu den Aufgaben erhalten?

4. Werden allen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, die zum Abitur führen, auch die im Landesabitur 2008 verwendeten Prüfungsaufgaben aller Unterrichtsfächer als CD zur Verfügung gestellt? Falls nein, warum nicht?

5. Werden allen Schulen, die Hauptschul- oder Realschulabschlussprüfungen durchführen, ebenfalls die bisher verwendeten Prüfungsaufgaben aller Unterrichtsfächer als CD zur Verfügung gestellt? Falls nein, warum nicht?

6. Wie sind die Rahmenbedingungen der Nutzung gestaltet? Wie viele Exemplare wurden den Schulen jeweils zur Verfügung gestellt? Dürfen die CDs vervielfältigt und an die Schülerinnen und Schüler weitergegeben werden? Welche Restriktionen gibt es für die Nutzung und Weitergabe der Daten?

7. Welche Einnahmen hat die Landesregierung bei den Verlagen erzielt bzw. erzielt sie weiterhin, die auf Grundlage der hessischen Abiturprüfung Übungsmaterialien entwickelt haben, die nun im Buchhandel angeboten werden? (Bitte differenzieren nach Verlagen, Jahren und Einnahmearten)

8. Gibt es nach Kenntnis der Landesregierung auch Verlage, die auf Grundlage der hessischen zentralen Abschlussprüfungen für Haupt- und Realschulen Übungsmaterialien entwickelt haben oder entwickeln wollen, die im Buchhandel angeboten werden?

9. Falls ja, welche Einnahmen hat die Landesregierung bei den Verlagen erzielt bzw. erzielt es weiterhin, die auf Grundlage der hessischen zentralen Abschlussprüfungen für Haupt- und Realschulen Übungsmaterialien entwickelt haben, die nun im Buchhandel angeboten werden? (Bitte differenzieren nach Verlagen, Jahren und Einnahmearten)

10. Sind alle Schulen kostenlos mit diesen von Verlagen erstellten Übungsmaterialien versorgt worden und falls ja, in welchem Umfang? Falls nein, warum nicht?

Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) schweigt bisher. Es wäre für ihn ein leicht lösbares Problem – keine umständlichen oder auch geschmeidig weichgespülten Ausreden von Amtsjuristen und Pressesprechern mehr – sondern konkretes Handeln im Interesse der zukünftigen Aiturienten und Lehrer. In der Sache ist der Bildungswirt gern behilflich!

PS. Die Fraktion „Die Linke“ im hessichen Landtag schweigt zur Sache trotz dreimaliger Nachfrage – Gründe unbekannt! Von einer angeblich „neuen politischen Kraft“ ist hier nichts zu spüren. Und die Lehrerverbände? Nichts Neues, sie sind offensichtlich mit sich selbst beschäftigt.

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GEW: Der Bildungswirt wird Staatssekretär

7. Juli 2008 · von Miller · 1 Kommentar

GEW: Der Bildungswirt wird Staatssekretär

Das Fußball-Sommermärchen ist kaum zu Ende, da fallen einige Klein-Funktionäre der GEW in ein tiefes Sommerloch, suchen nach heißen Themen, konstruieren wilde Geschichten, erfinden giftige Schlagzeilen, um offensichtlich ihrer hessischen Freizeit-Depression zu entgehen.
Sie haben auch Dr. Millers Blog, alias Bildungswirt, entdeckt und gleich verlinkt. Dafür besten Dank! Soweit, so gut! Der sog. „Hausbesuch in Dr. Millers Blog“ führte allerdings nicht zu Kommentaren /Diskussionen direkt zu den veröffentlichten Beiträgen im Blog, sondern in sicherer Deckung zum alten Druck in der privaten Hauspostille mit GEW-Logo. (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft – Bezirksverband Mittelhessen, Info-Brief Nr. 19 der Fachgruppe Erwachsenenbildung vom 19.6.2008). Der Einstieg ist bezeichnend:

Seit Tagen wurden wir darauf aufmerksam gemacht. Wir sollten mal den Artikel über den neuen Kultusminister lesen. Anbiedernd. Hofschranzenprosa. Ja, das haben wir Leute sagen hören.
Also haben wir Dr. Miller, eingestandenermaßen ein bisschen voreingenommen, auf seiner Homepage besucht.“

Super Druck-Nummer: Der anonyme Schreiber (Selbstbezeichnung: „Herausgeber“) schwindelt einfach mal dreist in die Runde und versteckt sich hinter dem „Leute sagen hören“. Ein Lehrstück für den „seriösen“ GEW-Journalismus.

Zu meinen Beiträgen zum Dalai-Lama-Besuch kommentieren die GEW-Anonymen (1, 2 oder 3 Personen?):

„Koch auf dem Schulhof
Wichtiger als der Befund der Anbiederei sind uns hier die Darstellungshaltung und die Perspektive. Dr. Millers Blick auf eine politische Kontroverse ist der des Schulhofvoyeurs, der 31 aus sicherer Entfernung den Großen beim Streit zuschaut und gespannt darauf wartet, was der ganz Große (das ist dann in der Tat das anbiederische Moment im Text) tut. Wir müssen uns das Subjekt, das Unterlegte des Textes als kleinen Jungen in kurzen Hosen, mit Colalutscher in der Hand, Stofftier im Ranzen und mit offenem Mund vorstellen. Aus dieser Perspektive resultiert das Unkalkulierte und im besten Sinn Naive dieses Textes, der dadurch auch den vermeintlich ganz Großen auf das Format eines Schulhofschlägers ‚schrumpft’. Der große, der erwachsene Miller sieht das mit offenen Augen: „alles personale Oberfläche“, und muss es dennoch aufschreiben, lässt den kleinen über den großen Miller siegen. Wenn das Hofschranzenliteratur ist, dann allein der Intention nach. Ihr Vollzug ist so widerborstig, so wenig geschmeidig, so unprofessionell im Blick auf Zweckrationalität, dass man sie eher für eine Parodie auf Schmeichelei und Speichelleckerei halten könnte. Dämlich und ärgerlich ist der Text da, wo der große Miller über den kleinen siegt: im Wort „Winkelinterpretationen“. Das Wort mobilisiert Affekte gegen den Juristen, und diese Affekte sind in Deutschland weniger plebejisch als reaktionär. Der „Winkeladvokat“, der in das Wort eingeblendet ist, ist ein Wort von oben, nicht von unten. Der Winkeladvo- kat verhindert den gewünschten kurzen Prozess, besteht auf Verfahrensregeln, die die „Dinge“ statt des Delinquenten auf die lange Bank schieben, er verlangsamt, er verhindert die fällige Entscheidung, er macht Umstände, er ist lästig, er behindert die Entscheidungen der allein Befugten, der Elite. Er steht für die Langsamkeit und Sicherheit des Rechts; seine Wendigkeit, seine Haarspaltereien, seine Tricks dienen auf paradoxe Weise der Trägheit der Massen. Der Winkeladvokat steht für alles, was die „Eliten“ an Demokratie und Recht verachten und hassen.“

Wauuuh, das war ein Pfund, nur wozu? Welch verborgener Sinn? Was hat das mit meinen zwei Beiträgen zu tun? Ja, so ein bißchen ‚Sigmund Freud für Arme‘ mit dem Winkeladvokat zusammengerührt, dazu noch mit dem angeblichen Hass der Eliten auf die Demokratie gewürzt – alle Achtung, das ist preisverdächtig!

Zu meinen Beiträgen G8/G9-eine schräge Debatte kommentieren die GEW-Anonymen:

„Bewerbung bei Banzer?
Peinlich sind die Lobhudeleien für einen Politiker, der einstweilen nicht viel mehr als diskussionsbedürftige Pläne hat: Er zeige „hohe Flexibilität“ und „pragmatischen Realismus“. Da würden wir eher sagen: Schau’n wir mal. Aber wie auch immer: Hohe Flexibilität und pragmatischer Realismus sind ja nicht nur bei Politikern nützliche und wünschenswerte Eigenschaften. Peinlicher ist, wie Dr. Miller sich den Kopf des Ministers zerbricht. Ganze neun Maßnahmen, meint Miller, muss der Minister nach den Sommerferien anpacken, und Dr. Miller legt sie ihm fein säuberlich aufgelistet vor, damit auch keine verloren oder vergessen geht. Das kann man schon als Bewerbungsschreiben für die Position des Staatssekretärs verstehen; darunter wird es Dr. Miller kaum noch tun.“
(…) Dr. Miller hat es ja schon stellvertretend für Herrn Banzer angekündigt, scharf auf seine „Leistungsfähigkeit“ und „Lernbereitschaft“ befragen lassen. Da können sich Herrn Dr. Millers Kolleginnen und Kollegen beim HKM und beim IQ jetzt schon freuen! „

Oberaffengeil! Wie sauber ihr wieder recherchiert habt und das alles viel schneller als die FAZ, die FR oder das Szeneblatt Journal Frankfurt. Selbst die Blogosphäre schlief. Unverzeihlich. Ich will euch sagen, wie es wirklich war:
Banzer besuchte mich am 10. Juni, nach meinem fünften G8/G9-Beitrag, persönlich in meiner Kneipe. Als ehemaliger volksnaher Landrat mit Kneipenkultur-Erfahrung bot er mir nach dem 2. Bier den Posten des M-Büro-Leiters an. Den mußte ich natürlich ablehnen, genau wie ihr es vorher schon gewusst habt. Beim 3. Bier bot er mir den Staatssekretär-Posten an, Staatssekretär Jakobi wolle eh in den Ruhestand. Das hielt ich derzeit für nicht angemessen und bat um Bedenkzeit. Beim 5. Bier bot er mir seinen Posten als Kultusminister feil. Alles wäre ihm zu stressig, zuviel Miesepeter-Gesichter, Klugscheißer und Aktendeckelbürster, überhaupt habe er mit dem Posten des Justizministers genug zu tun und Roland solle sich einen anderen Ausputzer suchen. Ich war nicht erfreut, bat um Bedenkzeit bis zum 24. Dezember und lud ihn zum 6. Bier ein. Danach hatten wir Wichtigeres zu besprechen. Leider kann ich euch das nicht erzählen, absolutes Schweigen vereinbart.
Eins noch: Im HKM und IQ wird – auf meine Anregung hin (ihr habt es wieder vorher gewusst) – an sog. „internen Lernbereitschafts-Tests“ mit speziellen Evaluationsbögen gearbeitet. Sicher werdet ihr darüber im nächsten GEW-Brief berichten.

Die GEW-Anonymen kommen zu folgender abschließenden Bewertung:

„Fasst man Dr. Millers Blog auf seine Appellfunktion hin zusammen, sagt sein Text: Jürgen Banzer, seien Sie keine „Memme“ wie ihre Amtsvorgängerin, seien Sie keine Frau, sei ein Mann, sei ein Panzer, mach dein Ministerium platt, und dann hole mich und meine Freunde, daran ist nicht vorbeizukommen, und alles wird gut, man muss nur auf die guten Ratschläge meines externen Sachverstandes hören!“

(…) „Ihm (Miller) fehlt die Kälte, das besonnene Kalkül des Höflings. Rhetorische Feinstaubbelästigung ist von ihm nie zu befürchten. ICH HEIßE MILLER und Frankfurt ist DIE WERKSTATT ALLER GROßEN INDIVIDUEN.“

Man kann euren heißen Phantasien kaum noch folgen. Kleiner Einspruch: „… die Werkstatt vieler großer Individuen.“ Okay? Und ich empfehle euch selbstverständlich bei Banzer als die wahren Sachverständigen, wie konnte ich das bisher nur vergessen? Fürs „Plattmachen“ hol ich mir vorher selbstverständlich euren besonderen Rat, damit auch nichts schief geht. Sollte ich Karin Wolff treffen, werde ich Sie nett von euch grüßen. Ihr habt euch immer so für die ehemalige Kultusministerin und das Staatliche Schulamt in Gießen engagiert, ehrlich!

Freundliche Grüße
Euer Bildungswirt

PS. Der Bildungswirt ist seit fast 30 Jahren Mitglied der GEW. Ich beabsichtige nicht – trotz der massiven Angriffe, Beleidigungen und Falschmeldungen von einigen Klein-Funktionären – aus der Organisation auszutreten. Ich weiß um die Mehrheit engagierter Kolleginnen und Kollegen in der GEW für die ein „Ehrenkodex“ auch am Arbeitsplatz selbstverständlich ist. Ich weiß um viele Lehrer, Eltern und Oberstufen-Schüler, die im neuen Schuljahr im Bildungswirt-Blog, z.B. zum nationalen Bildungsgipfel, zu Bildungsstandards, zu neuen Lernkulturen oder zum Landesabitur 2009 gern lesen werden. Vielleicht werden sie geradezu herausgefordert (auch durch Funktionärsübergriffe) selbst zu bloggen und Gegenöffentlichkeit zu organisieren. Den GEW-Landesvorsitzenden, Jochen Nagel, hatte ich freundlich über den GEW-Gossen-Journalismus einzelner Klein-Funktionäre informiert und um Korrektur gebeten. Meine Einschätzung: Solch ein Verhalten ist der GEW unwürdig und insgesamt organisationsschädlich. Es liegt nun an ihm.
Ich wünsche erholsame Ferien für alle.

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Abitur verkauft – eine 1. Nachlese

16. Juni 2008 · von Miller · 7 Kommentare

Abitur verkauft – eine 1. Nachlese

In „Skandal: Landesabitur verkauft“ (Beitrag vom 4. Juni) analysierte ich den ungewöhnlichen Sachverhalt hessischer Bildungspolitik. Zusätzlich wurde eine klare Forderung an den neuen Minister gestellt:

„Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.“ …

„Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.“

Inzwischen gibt es einige Reaktionen:
Heike Habermann, Landtagsabgeordnete (SPD):
„Sehr geehrter Herr Dr. Miller,
wir haben bereits zum Ende der Legislaturperiode die Frage nach einer für jeden zugänglichen Veröffentlichung der Abituraufgaben gestellt. Davon seien rechtliche Fragen unter anderem des Copyright betroffen, wurde vom Kultusministerium geantwortet. Ich gehe davon aus, dass auch in diesem Jahr keine Veröffentlichung geplant ist, kann dies aber in einer erneuten Anfrage ans Kultusministerium überprüfen. Das Landesabitur selbst wird unverändert durchgeführt. Auch wenn aus unserer Sicht neu über die Struktur der zentralen Prüfung nachgedacht werden muss, sollte eine solche Diskussion nicht isoliert geführt werden sondern im Rahmen der Novellierung des Hess. Schulgesetzes, das auf den 31.12.2009 befristet ist.“

Aus dem GEW-Landesvorstand Hessen
„…zumindest sollte man über den HPRLL und/oder eine parlamentarische Anfrage
klären lassen, was das Land Hessen vom Stark-Verlag bekommen hat und
dies mit der Berechnung des Artikels aus dem „Bildungswirt“, die ich
im folgenden noch einmal zitieren möchte, konfrontieren: „Kalkulieren
wir in einer ersten Überschlagsrechnung die Kosten, die aus
öffentlichen Steuermitteln in das Abitur investiert werden. In Hessen
sind für das Abitur (Gymnasium, berufliches Gymnasium, Gesamtschule
mit Oberstufe, 2.Bildungsweg) ca. 50 Kommissionen eingerichtet, die
für die einzelnen Fächer schriftliche Prüfungen erstellen. Nehmen wir
an, dass jede Kommission aus nur 5 Mitgliedern besteht und 2 Stunden
Entlastung pro Mitglied erhält, so ergibt sich daraus: 50 x 5 x 2 =
500 Entlastungsstunden. Jede Entlastungsstunde kostet ca. 4000.-Euro
im Jahr. Daraus folgt: 4000 x 500 = 2 Millionen Euro pro Jahr.
Dazu kommen mehrere Beamte in der Bildungsverwaltung (HKM und SSA),
sagen wir nochmal 500.000.-Euro (Weitere Kosten für Tagungen,
Fahrtkosten, Materialen, HZD etc. lasse ich hierbei noch
unberücksichtigt). Eine angemessene Investition für ein gutes
Landesabitur, aber kein Grund dieses dann an privat zu verkaufen, im
Gegenteil. Service und kostenfreie Downloads für die jungen Bürger
wären das Gebot der Stunde.“
Eine Presserklärung der GEW in diesem Sinne wäre …“

Aus dem Verband für Bildung und Erziehung:
Irritation, nicht ganz auf der Höhe der Zeit? „Wer ist das? (gemeint ist der Bildungswirt).
Was heißt „an Privat verkauft“? “

Bisher keine Antwort von: Kultusminister Jürgen Banzer (CDU), Dorethea Henzler (FDP), Mathias Wagner (Grüne), Barbara Cardenas (Die Linke).

Was für die „faire Milch“ gilt, sollte im Bereich der Bildung eine Selbstverständlichkeit sein. Bildung für alle! Faire Zugangschancen und neue Lernkulturen!
Als Bürger des Landes Hessen und Vater von fünf Kindern frage ich erneut:

Bürgerinnen und Bürger des hessischen Landtags, liebe Abgeordnete:
Was tun SIE in der Sache?

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G8/G9 – eine schräge Debatte (5)

8. Juni 2008 · von Miller · Keine Kommentare

G8/G9 – eine schräge Debatte (5)

Kultusminister Jürger Banzer treibt die G8-Kürzungen in Hessen voran.

Zum 01. August 2008 soll die „Verordnung zur Änderung von Verordnungen zum verkürzten gymnasialen Bildungsgang“ inkrafttreten. Der Entwurf liegt auf dem Tisch.

Was heißt das konkret?

HKM /VO 1.8.2008, G8 Zur Vergrößerung anklicken!

Zur Vergrößerung auf die Stundentafeln klicken!

„In 2008 für verbindlichen Unterricht im Plan entfallende Unterrichtsstunden“, d.h. anders formuliert: folgende Stundenkürzungen wurden vorgenommen:

Kunst -30, Musik – 21, Geschichte – 37, Politik und Wirtschaft – 13, Erdkunde – 28, Mathematik – 32,
Physik – 32, Chemie -24, Biologie – 31, Französisch/ Latein -0, Deutsch -32, Englisch – 65, Ev. Religion – 0, Ethik – 0.

Infos für Nicht-Lehrer:
Aus 52 Wochen im Jahr ergeben sich schulisch 40 Wochen Unterricht und 12 Wochen Ferien (unterrichtsfreie Zeit). Aus 1 Wochenstunde ergeben sich 40 Jahresstunden; dafür sind 2/3 verbindliche und 1/3 fakultative Unterrichtsinhalte im Lehrplan festgeschrieben.

An der Belastungs/Entlastungsschraube kann noch einmal schulintern gedreht werden:

a) Verschiebungen von Lehrplaninhalten zwischen den Jahrgangsstufen kann durch die Fachkonferenzen der Schulen erfolgen
b) Verschiebung von verbindlichen Inhalten in den fakultativen Bereich (in bescheidenem Umfang).

Rückmeldungen zu Kürzungsabsichten aus den Schulen, aus einzelnen Fachkonferenzen, lagen dem Ministerium vor, allerdings offensichtlich wenig qualitativ neue Vorschläge zur Bekämpfung der Schulmisere.
Man mache sich die gesamte Dimension klar: Rechnen wir 250 betroffene Schulen mal 14 Fächer gleich 3500 Fachkonferenzen. Fraglich bleibt ebenso, ob eine hohe Quote an Rückmeldungen mehr Konsens in diesem heterogenen Feld gebracht hätte. Zuerst müßten die inhaltlichen Parameter und Perspektiven der Befragung klar sein.

Die Kürzung der Unterrichtsinhalte erfolgte innerhalb der Fächer mehr oder minder willkürlich. Die Leitlinie lautete: „Kürzungen für G8 müssen sein – Augen zu und durch“, Operation ausgeführt, Patient lebt noch.

Als gravierende Schwächen können weiterhin angesehen werden:

1. 34 Unterrichtsstunden für pubertierende Schüler vorzuschreiben und gleichzeitig keine Klassenlehrerstunde einzuplanen ist schlicht eine Zumutung für alle Beteiligten. Hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein reformwilliger Minister von Teilen seines eigenen Apparats vorgeführt werden soll.

2. Die gesamte Strategie baut hinterwäldlerisch explizit auf einer qantitativen KMK-„Tonnenideologie“ auf (Zeitsteuerung des formalen Stundeneinsatzes, unabhängig von inhaltlichen Ergebnissen), die sich aus einer verschrobenen Nürnberger-Trichter-Pädagogik speist (Stoff in die Köpfe drücken, unabhängig vom Sinn und der Motivation der Schüler).

3. Entscheidend für den schulischen Lernerfolg sind jedoch die qualitativen Lernzeiten des Schülers. Dies würde aber bedeuten: schnelle Abkehr von herkömmlich aufgepumpten Lehrplänen, hin zu modernen knappen Bildungsstandards auch in der gymnasialen Oberstufe, hin zu Arbeits- und Neugierplänen an den Schulen, hin zu konkreten Aufgabenpools, die der Schüler, z.B. auch im Internet, ohne die Lehrer bearbeiten kann (für den Schüler kein Notendruck, kein Zeitdruck).

4. Das bedeutet in der Arbeitsbelastung und Umsetzung von G 8, dass die Neufassung von Kompetenzstandards mit transparenten Lernhilfen (didaktischen Materialien, breite Internetstützung) für Jahrgangsstufe 5 bis 12/13 auf der Tagesordnung steht. In Hessen könnte dies innerhalb von einem Jahr gelingen, den ernsthaften politischen Willen vorausgesetzt.

5. Für die entscheidenden Fragen einer G8 –Reform stehen die Antworten noch aus (Vgl. den Beitrag G8/G9-Debatte (3) vom 16. Mai).

Im Kern geht es um einen pädagogischen Aufbruch, der kompetenzorientiert, d.h. schülerorientiert, ergebnisorientiert und prozessorientiert ist. Kompetenz ist – in griffiger Kurzform – der Dreiklang aus: Wollen + Können + Wissen. Dies gilt nicht nur für Schülerinnen und Schüler.

In einer Sache können die Schüler und Eltern etwas aufatmen: „In der Grund- und Mittelstufe dürfen von einem Tag mit Unterricht nach 14.00 Uhr zu einem nächsten Tag mit Vormittagsunterricht keine Hausaufgaben erteilt werden. Dies gilt auch von Freitag auf Montag, wenn am Freitag Unterricht nach 14.00 Uhr stattfindet.“

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Skandal: Landesabitur verkauft

4. Juni 2008 · von Miller · 5 Kommentare

Skandal: Landesabitur verkauft

Gaffiti-von-Helge-Bomber-Steinmann

Das Abitur 2008 ist so gut wie gelaufen, alle schriftlichen Prüfungen korrigiert und die letzten mündlichen Prüfungen und Präsentationen werden von den Schülerinnen und Schülern überstanden. In gut einer Woche halten sie stolz ihre Hochschulreife in den Händen. Partytime. Raus aus der Anstalt. Neuland.

Wichtige Fragen für die nächsten Abituranwärter der Klasse 12 und die Eltern bleiben offen:
Was passiert mit den schriftlichen Prüfungsaufgaben?
Werden sie zeitnah und kostenfrei im Internet veröffentlicht?
Oder werden sie klammheimlich vom Ministerium verkauft wie 2007?
Wo werden die besten Präsentationen als lehrreiches Anschauungsmaterial kostenfrei veröffentlicht?

Das erste landesweit einheitliche Abitur wurde in Hessen im Frühjahr 2007 (1. Bildungsweg) und im Herbst 2007 (2. Bildungsweg) eingeführt. Damit verbunden war die Abschaffung des bisher üblichen dezentralen schriftlichen Abiturs an jeder Einzelschule, von jedem Fachlehrer in seinem Kurs. Als breit angelegte Information wurden deshalb vom Kultusministerium frühzeitig Hintergründe der Entscheidung und Musteraufgaben aus allen Fächern im Internet (hessischer Bildungsserver) dokumentiert. Als Service konnten Schüler, Lehrer, Eltern die Aufgaben kostenfrei downloaden. So sollte Vertrauen und Transparenz geschaffen werden; insgesamt eine durchdachte Strategie. Geworben wurde mit dem Slogan:

„Hessen fördert so die Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit des Abschlusses und wertet diesen für seine Schülerinnen und Schüler auf.“

Leisten wir uns einen kurzen Rückblick:

Eine Nacht- und Nebelaktion aus dem Hessischen Kultusministerium: Alle bisherigen Abituraufgaben wurden ohne stichhaltige Begründung aus dem Internet genommen. Selbst sonst gut informierte Kreis im HKM waren von der Aktion überrascht. Gleichzeitig wurden die Prüfungsaufgaben an den Stark-Verlag verkauft. Preis unbekannt! Aus der Sicht des Stark-Verlags ein gutes Geschäft, vor allem dann, wenn bei fest kalkulierbarer Nachfrage (die nächste Abigeneration klopft schon an) gezielte Angebote unterbreitet werden können.

Der Landesschülersprecher Kaweh Mansoori kommentierte den Skandal so: „Es kann nicht sein, dass eine Kommission aus Lehrern auf Kosten des Steuerzahlers Prüfungs- und Übungsaufgaben erstellt, die das Kultusministerium dann an einen Verlag verscherbelt und die wir uns für viel Geld zurückkaufen müssen“.
Die Pressesprecherin des HKM wies den Vorwurf zurück und meinte, dass keine kommerziellen Interessen im Spiel seien, sondern dass dies aus Gründen des Copyright notwendig wäre. „Wir als Kultusministerium können das für den Fall einer Veröffentlichung nicht im einzelnen prüfen“.

Soweit ich sehe, hat nur Peter Hanack in einem kurzen Beitrag in der Frankfurter Rundschau vom 11.März 2008 die delikate Sache zur Sprache gebracht. (Bis Anfang Mai war diese Beitrag im Netz kostenfrei vorhanden, jetzt nur noch im kostenpflichtigen Archiv ). Andere Medien schliefen oder es schien ihnen keiner Recherche wert.

Kalkulieren wir in einer ersten Überschlagsrechnung die Kosten, die aus öffentlichen Steuermitteln in das Abitur investiert werden. In Hessen sind für das Abitur (Gymnasium, berufliches Gymnasium, Gesamtschule mit Oberstufe, 2.Bildungsweg) ca. 50 Kommissionen eingerichtet, die für die einzelnen Fächer schriftliche Prüfungen erstellen. Nehmen wir an, dass jede Kommission aus nur 5 Mitgliedern besteht und 2 Stunden Entlastung pro Mitglied erhält, so ergibt sich daraus: 50 x 5 x 2 = 500 Entlastungsstunden. Jede Entlastungsstunde kostet ca. 4000.-Euro im Jahr. Daraus folgt: 4000 x 500 = 2 Millionen Euro pro Jahr.
Dazu kommen mehrere Beamte in der Bildungsverwaltung (HKM und SSA), sagen wir nochmal 500.000.-Euro (Weitere Kosten für Tagungen, Fahrtkosten, Materialen, HZD etc. lasse ich hierbei noch unberücksichtigt). Eine angemessene Investition für ein gutes Landesabitur, aber kein Grund dieses dann an privat zu verkaufen, im Gegenteil. Service und kostenfreie Downloads für die jungen Bürger wären das Gebot der Stunde.

Warum soll also diese 2,5 Millionen- Investition überhaupt verkauft werden?

Angeblich großes Copyright-Problem. Ein schnell zu lösendes Problem, z.B. Deutsch: Für die Klassikern gibt es kein Copyright, die Aufgaben wurden durch die Kommission entwickelt, wo bitte ist das Problem? Nächstes Scheinproblem: Aktuelle Tagespresse – i.d.R. kostenfrei, wenn die Quelle genannt wird. Kosten für Texte und Bilder liegen im Peanutsbereich. Aufgaben in Mathematik- gibt es fast nie ein Copyrightproblem.
Die Zuständigen im Ministerium wissen offensichtlich nicht, wovon sie reden. Wer will, der findet Wege, wer nicht will, der findet Gründe oder hinterwäldlerische Begründungen.

Verantwortliche im HKM meinen des Weiteren, dass die veröffentlichten Beispielaufgaben und Prüfungsaufgaben des Vorjahres ohnehin nicht mehr den aktuellen prüfungsdidaktischen Schwerpunktsetzungen entsprechen würden. Wie bitte? Schon nach 1 bis 2 Jahren eine neue Didaktik und Prüfpraxis in 25 Fächern? Fehlanzeige. Reine Schutzbehauptungen ohne Substanz – man kann‘ s ja mal probieren.

Ja, es stimmt: Es gibt auf der HKM-Internetseite die Rubriken „Materialien“ und „Handreichungen“, sozusagen als Service für Schüler, Eltern und Lehrer. Bei Materialien bitte klicken – dann Griff ins Nirvana, nur nicht ganz so schön, nämlich gähnende Leere. Sog. Handreichungen gibt es nur für 15 % (!) der Fächer:Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Und diese sind auf der Ebene von Präzisierungen des Lehrplans, Formelsammlungen, Erklärung von Symboliken. Von Handreichung als illustrative Hilfen weit entfernt. Für alle anderen Fächer , darunter Schwergewichte wie Deutsch, Englisch, Politik und Wirtschaft- erneut ein Griff in die gähnende Leere, NADA!

Ja, es stimmt, das HKM verschickt nach Ende der Abiturprüfung die jeweils aktuellsten Aufgaben auf einer CD an alle Schulen (zumindest war das 2007 so). Mit der einen CD sei nach Meinung des Ministeriums der kostenfreie Zugang zu den Aufgaben sichergestellt. Mit Verlaub, das klingt verdammt nach ehemaliger DDR: Hallo, lange Schlange bilden, stundenlanges Anstehen, es gibt Bananen aus dem Westen.

Eine klare Forderung an den neuen Minister:

Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.

Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken. Private Schulbuch-Verlage haben eine wichtige Begleit- und Unterstützungsfunktion für den täglichen Unterricht, nicht mehr und nicht weniger. Der hoheitsstaatliche Prüfungsakt und der kostenfreie Informationszugang mit Servicefunktionen zu diesem Ritual sollten davon für alle Bürgerinnen und Bürger unberührt bleiben.

Herr Banzer, in der G8/G9-Debatte hatten Sie mit Ihrem 11-Punkte-Programm schnell korrigierend agiert. In Punkt 9 geht es u.a. um die Versorgung der Schüler „mit aktuellen Lernmitteln“. In Klasse 12 und 13 gehören kostenfreie „abiturrelevante Prüfungsaufgaben“ selbstverständlich dazu. Dies könnte schnell auf den Weg gebracht werden.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Blogger-Communitiy,
wenn ihr diese Forderung – Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet – für sinnvoll erachtet, wendet euch direkt an den neuen Kultusminister Jürgen Banzer, die bildungspolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen, die Lehrerverbände oder an die hessischen Elternvereine.

Mailt eure Meinungen und Einschätzungen!

Bildungspolitische Sprecherinnen und Sprecher:
Hans-Jürgen Irmer (CDU), Heike Habermann (SPD), Dorothea Henzler (FDP), Mathias Wagner (Die Grünen), Barbara Cárdenas (Die LINKE)

Hessischer Elternverein
, Elternbund Hessen , GEW Hessen , Verband Bildung und Erziehung ,

Sie können sich aber auch an die Presse oder den Hessischen Rundfunk wenden.

Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Neue Presse

Graffiti von Helge „Bomber “ Steinmann

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G8/G9 – eine schräge Debatte (4)

27. Mai 2008 · von Miller · 2 Kommentare

G8/G9 – eine schräge Debatte (4)

Bewegung im Spiel – Notreparatur vorerst abgeschlossen

„In mir ist in den letzten Wochen mehr und mehr die Erkenntnis gereift, dass wir uns seitens des Landes darauf beschränken sollten, den Schulen einen klaren Rahmen für G8 zu geben. Innerhalb dieses Rahmens sollten wir den Mut haben, loszulassen und somit den Schulen die Freiheit zu geben und das Vertrauen zu schenken, für sich als Schulgemeinde vor Ort in Wahrnehmung ihrer ganz unmittelbaren Verantwortung und Interessen eigene Entscheidungen treffen zu können“, erklärte Jürgen Banzer.

Na bitte, geht doch. Der neue Kultusminister ist als Krisenmanager schneller als alle bisher glaubten und bringt mit seinen 11-Punkte-Programm Bewegung ins Spiel. Jetzt sind die Schulen dran. Es wird sich in Kürze zeigen, ob das Drehen an verschiedenen schulischen „Stellschrauben“ für die Schüler einen positiven Effekt haben wird.

Bei Punkt 9 „Sonderprogramm für Schulbücher“ sollte nochmal gründlich nachgedacht werden. Wenn es um die „Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler mit möglichst aktuellen Lernmitteln“ geht, dann ist die Fixierung auf Schulbuchverlage und „Bücherpools“ zu wenig. Bei einem Gesamtvolumen von 25 Mio. Euro sind neue kostenfreie Lernmittel über eine Internetplattform zu installieren. Der hessische Bildungsserver z.B. müßte generalüberholt und deutlich schülerfreundlicher gestaltet werden. Hier schlummern noch riesige, ungenutzte Potenziale. Die Zukunft liegt im Netz und nicht in Bücherpools.

Zu fragen wäre noch, warum Banzer ausgerechnet ein 11-Punkte-Programm entwickelt hat. Wahrscheinlich hatte er sich in ‚relaxed buddhistischer Dalai-Lama-Position‘ an den ollen Marx erinnert: auf die Zahl 11 kommt es an, vor allem auf die 11. These (zu Feuerbach):

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Mit der Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 im elften Punkt des Programms wird nicht nur verschieden interpretiert, sondern eine differente Praxis eingeleitet, die zuvor schon vom hessischen Landtag beschlossen wurde.

Die G8/G9-Schieflage ist damit noch lange nicht beendet. Die grundlegendere Debatte um notwendige Bildungsstandards und neue Lernkulturen hat erst begonnen.

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Gymnasium: G8/G9 – eine schräge Debatte (2)

8. Mai 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Gymnasium: G8/G9 – eine schräge Debatte (2)

Fortsetzung:
Eine erste Beantwortung von zwei gestellten Fragen blieb noch offen: Wie könnte man aus diesem verminten Gelände tatsächlich eine blühende Schullandschaft schaffen? Wer räumt die Minen weg?
Dem neuen Kultusminister Jürgen Banzer in Hessen (aber auch seinen Amtskollegen in den anderen Bundesländern) dürften sie unter den Nägeln brennen. Zu Beginn Ruhe bewahren, Gespräche führen, Zeit gewinnen, ist sicher einleuchtend, nur noch keine Strategie einer effizienten Problembewältigung. Wer räumt also die Minen weg? In vorderster Linie der Kultusminister selbst! Er muss für einen neuen Diskussions- und effizienten Arbeitsstil sorgen; er sollte die Leistungsfähigkeit seiner Kultusbürokratie testen und gleichzeitig neue Mitspieler in die Problemlösung einbauen. Es geht zuerst um die zügige Einrichtung von unabhängigen, konkurrierenden Kommissionen zur Lösung der G8/G9-Thematik mit dem erweiternden Auftrag der Reflexion neuer Lernkulturen. Eben keine Vorfeldsondierung und Hinterzimmer-Glättungen, sondern offene Konkurrenz der Ideen und pragmatischen Konzepte. Entgegen der bisherigen Gepflogenheiten sollten vier Gruppen eingerichtet werden:

A) eine Gruppe aus 8 bis 10 Spitzen-Kultusbeamten. Sie zeigen, was sie in kürzester Zeit, völlig auf sich gestellt, als Experten leisten

B) eine Gruppe mit 8 Lobby-Vertretern – vier aus den Lehrerverbänden, je 2 Vertreter der privaten und öffentlichen Arbeitgeber

C) eine Gruppe bestehend aus 20 jungen Leuten – 8 Schülern aus der gymnasialen Oberstufe, 8 Studenten und 4 jungen Elternvertretern. Die Gruppe kann sich regelmäßig durch Journalisten, Wissenschaftler und Personen ihres Vertrauens beraten lassen. Sämtliche Kosten übernimmt die Staatskanzlei

D) eine sog. Trigger-Gruppe bestehend aus 5 Lehrern, die noch aktiv unterrichten, 5 Oberstufenschülern und 5 Elternvertretern. Die Gruppe kann sich regelmäßig durch Journalisten, Wissenschaftler und Personen ihres Vertrauens beraten lassen. Sämtliche Kosten übernimmt die Staatskanzlei.

Alle Gruppen unterliegen einem strengen Zeitplan. Nach drei Monaten liegt von jeder Gruppe ein erster Zwischenbericht vor. Nach 6 Monaten werden die Endberichte im Internet veröffentlicht. Das Problembewusstsein, verbunden mit einer pragmatischen Strategie konkreter Maßnahmen, dürfte geschärft sein. Innerhalb von 6 Wochen entscheidet der Minister. Das Land Hessen ist in seiner Schulpolitik souverän, es könnte so verfahren. Die ein oder andere rümpfende KMK-Nase spielt dabei keine entscheidende Rolle. Vielleicht gingen andere Bundesländer einen ähnlichen Weg. Ein neuer Schritt wahrhaftiger Partizipationskultur wäre getan.

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