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Das Banzer-Wagner-Duell der hessischen Bildungspolitik

10. Januar 2009 · von Miller · 4 Kommentare

Das Banzer-Wagner-Duell der hessischen Bildungspolitik

Wer hat die besseren Konzepte für die Schule von Morgen? – so das Veranstaltungsthema.

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von links: Mathias Wagner (Grüne), Marcus Bocklet (Grüne, Moderation), Jürgen Banzer (CDU) Foto: Bildungswirt

Was hatten die Duellanten – Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) und Mathias Wagner (Grüne, bildungspolitischer Sprecher) – gestern vor 100 Zuhörern in Frankfurt, in der grünen Hochburg, mitten im hessischen Wahlkampf zu bieten?
Zunächst bescheinigten sie sich wechselseitig, dass man einen „neuen Politikstil der Offenheit“ wolle und sich für „dialogfähig“ halte. Banzer löste dies insofern vorab ein, dass er den Grünen-Moderator Bocklet ohne Vorbehalte akzeptierte und sich der grün dominierten Zuhörerschaft stellte. Man war auf dem Podium höflich, man kennt sich seit vielen Jahren, mischte Anekdotisches bei.
Im Eingangsstatement betonte Banzer drei Punkte zukünftiger Schulpolitik: mehr Selbständigkeit der Schulen (1), mehr Qualität und Unterrichtsverbesserung (2), mehr Ressourcen (3). Er will Schulen auf freiwilliger Basis in „Körperschaften des Öffentliche Rechts“ verwandeln, ihnen Budget- und Personalhoheit geben. Pädagogische Selbständigkeit wird den Schulen gewährleistet, damit sie sich optimal um die Kompetenzen jedes einzelnen Schülers kümmern können. Zentrale Landesprüfungen und Bildungsstandards genügen weitgehend als staatliche Vorgaben.

Wagner betonte in seinem Eingangsstatement folgende drei Punkte: mehr Zeit (1), mehr Freiheit (2), mehr Unterstützung/Förderung (3). Zuerst müsse „Stress und Hektik aus der Schule weg“ und eine „bessere Lehrerversorgung – 105% Zuweisung her“; des weiteren eine Ausweitung der Ganztagsschulen auf freiwilliger Basis. Er setze auf „pädagogische und organisatorische Freiheiten“, eine „andere Lehreraus- und Lehrerfortbildung“ und will mehr Integration von Behinderten in der Regelklasse. Grundsätzlich stehe man zur G8 –Verkürzung im Gymnasium, wolle aber die Beibehaltung der 6-jährigen Mittelstufe und dafür die 2-jährigen Oberstufe. Wagner und Banzer waren sich einig, dass G9 für die kooperative Gesamtschulen gilt und dass es bei G8 noch enormen Diskussionsbedarf (Organisationsoptimierungen, Stoffentfrachtungen) unter Einbeziehung der Schulen gebe. Auch bei der Ganztagsschule gab es Annäherung (im Grundsatz sind alle dafür), lediglich bei der konkreten Ausgestaltung und beim Tempo der Realisierung waren Differenzen erkennbar.

Plakat zur Veranstaltung

Plakat zur Veranstaltung

Zwischendurch fragte sich der geneigte Zuhörer, worin überhaupt die wirkliche Differenz bestehe? Im Grundsatz meinte man Ähnliches und schmückte dies mit geschmäcklerisch, aufgebauschten Varianten einer Klientel-Rhetorik. Ein Duell der Pistolen war das sicher nicht, eher eines der weichen Gummi-Schwerter unter Verwandten zweiten Grades. Sollte es ganz knapp doch nicht für Schwarz-Gelb am 18. Januar reichen– und beim freundlich unkalkulierbaren Hessen weiß man nie – so war der Geruch von Jamaika (Schwarz-Gelb-Grün) förmlich in der Luft. Es soll auf jeden Fall 1000 Lehrerstellen mehr geben und 1,2 Milliarden Euro aus dem Konjunkturprogramm des Bundes. Die Investitionen sollen vor allem in die Schulgebäudesanierung fließen. Der ernsthafte Dialog, der „runde Tisch“ mit den Schulträgern sei zwingend nötig, so Wagner und Banzer unisono. Beide Duellanten begaben sich auch in der kurzen Publikumsdiskussion nirgends aufs Glatteis; Banzer hatte offensichtlich noch einmal seinen John Stuart Mill gelesen, argumentierte flexibel, immer auf individuelle Freiheit und „Freiwilligkeit“ bedacht. Schulen wolle man nichts „überstülpen“ und könne Schulreform nur mit den Beteiligten auf freiwilliger Basis erreichen, so auch Wagner.

Die beiden Duellanten, besser Feldspieler im politischen Raum, trennten sich 3:3 unentschieden, trotz grünem Platzvorteil.

PS. Es war ein bisschen wie bei der Frankfurter Eintracht im Waldstadion. Super vorbereitet, hoch motiviert, eigenes Publikum, Schiri wohlgesonnen und doch reichte es mal wieder nur zu einem zittrigen Unentschieden. Es fehlte doch einiges an Neuerungen und Leidenschaft a la Klinsmann. Auf das politische Feld übertragen: Es fehlt den Grünen etwas von einer guten Tugend: kritische Metareflexion und kreative Phantasie, die sich direkt, situativ, im Strategiespiel zeigt. Die CDU hat jedenfalls mit der Führungsfigur Banzer, nach der letzten hessischen Wahlschlappe, erheblich strategisch und taktisch dazu gelernt.

Links: M. Wagner bei Kandidatenwatch; J. Banzer bei Kandidatenwatch;

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Bildungswirt trifft Lehrerfreund …

28. November 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Bildungswirt trifft Lehrerfreund …
Der Lehrerfreund berichtet über den Bildungswirt

Der Lehrerfreund berichtet über den Bildungswirt

Link zum Interview:
http://www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/abituraufgaben-bildungswirt-interview

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Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage

10. November 2008 · von Miller · 7 Kommentare

Abitur verkauft – 9. Nachlese und die Copyrightfrage

Freies Denken in Hessen 2008, Foto Miller

Im Artikel „Abitur verkauft – 8. Nachlese“ sagte ich zu, richtungweisende Handlungsschritte und Lösungen betreffend einer „öffentlichen Zugänglichkeit von zentralen Prüfungen“ anzubieten. Dazu ist es notwendig, bisherige Positionen des hessischen Kultusministeriums näher zu analysieren und die Plausibilität der vorgebrachten Gründe zu prüfen. Textgrundlage sind somit die parlamentarische Anfrage der Grünen (des Abgeordneten Mathias Wagner) und die 10 Antworten des geschäftsführenden Kultusministers Jürgen Banzer.

Drei Voraussetzungen / Unterstellungen werden meinerseits getroffen:
1. Dass es um die bestmögliche Bildung und Ausbildung der Schülerinnen und Schüler geht; dies beinhaltet auch eine optimale Prüfungsvorbereitung und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel im öffentlichen Schulwesen
2. Dass der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ grundsätzlich gilt, also Lernfähigkeit und Lernbereitschaft im Dialog gegeben sind und gemeinsam um die sinnvollste Lösung gerungen wird
3. Dass das ökonomische Prinzip grundsätzlich gilt, d.h. dass sich einfachere, effizientere und kostengünstigere Verfahren gegenüber umständlicheren und kostenintensiveren durchsetzen.

Als thematischer Hintergrund wird auf die gesamte Artikel-Serie „Abitur verkauft“ im Bildungswirt rekurriert (vgl. die entsprechenden Hinweise unter ähnliche Artikel am Schluss). Dazu gehören selbstverständlich auch die dargestellten Positionen der Parteien im hessischen Landtag, der Lehrerverbände und die zahlreichen engagierten Kommentare von Bloggern / Lesern.

Fangen wir an:
1. Zunächst ist richtig, das es sich um ein komplexes Vorhaben handelt: „...jährlich etwa 300 Aufgaben in 43 Fächern“(Banzer) und Regelungen des Urheber-Gesetzes (Copyright-Problem) zu berücksichtigen sind. Niemand kann das mit guten Gründen bezweifeln. Nur welche Analyse wird angestellt, welche Interpretation favorisiert und welche Schlüsse werden gezogen? Verschaffen wir uns ein differenziertes Bild zur Struktur der Fächer. Drei Aufgabenfelder mit zugeordneten Fächern liegen vor:
a) das sprachlich-literarisch-künstlerische Feld mit Deutsch, Kunst, Musik, Darstellendes Spiel und den Fremdsprachen Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein, Altgriechisch, Russisch, Chinesisch, Japanisch (unter bestimmten Bedingungen können noch weitere Fremdsprachen an den Schulen angeboten werden)
b) das gesellschaftswissenschaftliche Feld mit Geschichte, Politik und Wirtschaft, Wirtschaftswissenschaften, Erdkunde, Rechtskunde, Philosophie, Ethik, evangelischer und katholischer Religion
c) das mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Feld mit Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und Informatik

Aus dem beruflichen Gymnasium kommen noch weitere Fächer mit Schwerpunktsetzungen in den gewählten Fachrichtungen hinzu wie z.B. Maschinenbau, Elektrotechnik, Bautechnik, Wirtschaftslehre, Agrarwirtschaft, Ernährung und Hauswirtschaft. Aus den Schulen für Erwachsene gibt es noch ergänzend „Exoten“ wie „Historisch-politische Bildung“ und „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ (thematisch und methodisch ein etwas anderer Zuschnitt als das Fach „Politik und Wirtschaft“ oder „Geschichte“). Ergänzend wären noch allgemein das Fach Sport und „Bilingualer Unterricht“ zu nennen und zum Teil noch eine Differenzierung zwischen Grundkursfach und Leistungskursfach zu berücksichtigen. Zugegeben, insgesamt ein weites komplexes Feld. Was ist zu tun?

Jeder vernünftige Mensch, der Prüfungsaufgaben dokumentieren und Lernprozesse fördern will, konzentriert sich angesichts der Fülle auf das Wesentliche: Was ist definitiv vorgeschrieben (Pflichtfach) und was wird von den Schülern schwerpunktmäßig im Abitur gewählt? Daraus ergibt sich für alle als 1. Staffel: Deutsch, Englisch, Mathematik, Politik und Wirtschaft und Biologie. 2. Staffel: Geschichte, Französisch, Spanisch, Latein, Chemie, Physik und Religion. Alles Weitere wäre wünschenswert und ist abhängig von den eingesetzten Ressourcen. Aus den angeblich 43 Fächern reduziert sich das Ganze auf ein MUSS von 5 Fächern (1.Staffel) und max. 7 Fächern (2.Staffel). Das Wedeln mit 43 Fächern lenkt also unnötig vom Kern des Problems ab.

(Bedenke, geneigte Leserin, geneigter Leser: dein im Moment vollzogener Leseakt ist ein kreativer konstruktiver Prozess und befördert eigene, ergänzende Lösungen des Problems, z.B. in welchen Fächern aufgrund ihrer „Exotik“ nur dezentral zu prüfen wäre? Bitte an den Bildungswirt schreiben oder gleich direkt an das HKM, Luisenplatz 10, 65185 Wiesbaden)

2. Bei der Dokumentation von Prüfungen ist zu unterscheiden in: a) Aufgabenstellungen, b) Material, also Texte, Bilder, Grafiken und c) Lösungen, Hinweise, Bewertungsmaßstäbe. Für a) und c) gibt es kein Copyright, da Aufgaben und Lösungen von Lehrerinnen und Lehrern im hessischen Schuldienst erstellt und i.d.R. durch Deputatstunden (Unterrichtsentlastung) vergütet wurden. a) und c) könnten für alle Fächer kostenfrei und problemlos im Internet zur Verfügung gestellt werden. Der Schüler hat zeit- und ortsungebunden ein Recht darauf, zu erfahren, was von ihm im „öffentlichen Prüfungsakt“ verlangt wird. Wir sind inzwischen – auch wenn der ein oder andere noch beängstigend und rückwärtsgewandt dreinblickt – im Internetzeitalter angekommen.

3. Kommen wir zum heiklen Punkt: b) Material. Hier gilt es zu unterscheiden zwischen kostenfreiem und i.d.R. frei verwendbarem Material einerseits und kostenpflichtigem und zustimmungsabhängigem Material andererseits. Diese Copyright-Prüfung kann durch alle Fächer ohne großen Arbeitsaufwand durchgeführt werden, vorzugsweise bei den 12 genannten Fächern (1. und 2. Staffel). Exemplarisch will ich das an einigen Fächern zeigen. Der Grundsatz gilt: Alle Texte, die älter als 70 Jahre sind, können von jedermann frei verwendet werden, unterliegen also keinem Copyright! Aus der vorgeschriebenen Leseliste im Fach Deutsch folgt, dass fast alle Texte copyrightfrei sind, z.B. Goethe, Schiller, Fontane, Büchner,…Analog gilt das für Texte in Geschichte und Latein zu 95%. Besondere Schlauberger kommen allerdings auf die „Geschäftsidee“ zu sagen: ja, die Texte sind copyrightfrei, aber nicht mein Layout. Dann nimmt man eben den Text, bastelt sich in 10 Minuten sein eigenes Layout und schon ist das Problem gelöst. In den Fächern Mathematik, Chemie und Physik ist das Copyright marginal. Fast alles ist von den Lehrerinnen und Lehrern selbst erstellt, z.B. Formeln, Symbolketten, einfache Grafiken, Versuchsbeschreibungen. Zusätzlich gibt es – wie jetzt schon üblich – netzveröffentlichte Handreichungen.

4. Kommen wir zum verbleibenden kleinen Kern des kostenpflichtigen Problems. Autoren und Verlagen werden in Bezug auf das Copyright verzerrt wahrgenommen und falsch eingeschätzt. Autoren und Verlage haben kein Interesse an Konflikten mit staatlichen Institutionen. Sie haben Interesse an Kooperation, an Werbung für den eigenen Namen und ihre Produkte und selbstverständlich immer an Geschäften. Schulbuchverlage erfüllen eine wichtige Unterstützungs- und Begleitfunktion für Unterricht, sind hoch kooperativ, flexibel und gesprächsbereit. Die Autoren sind in der großen Mehrheit selbst Lehrerinnen und Lehrer im Schuldienst oder Hochschuldienst (oder Pensionäre). Ein geschicktes staatliches Management bindet sie in längerfristige Entscheidungen ein und sorgt für eine Win-Win-Situation. Oft erhält man kostenfrei (oder für einen kleinen symbolischen Obolus) Abdruckrechte für Texte, Bilder, Grafiken, wenn selbstverständlich die Quelle und „mit freundlicher Genehmigung des XY-Verlags“ genannt wird. Schulbuchverlage haben ein hohes Interesse daran, dass ihre Produkte an den Schulen vor Ort im Gespräch sind und auch immer wieder bestellt werden. Grundsätzlich gilt die gleiche Einschätzung zu kooperativem Verhalten auch bei großen Medien wie z.B. der FAZ, der FR, der Zeit oder dem HR, wenn z.B. auf aktuelle Berichterstattung zurückgegriffen wird. Die Abdruckrechte für „typische Zeitungsartikel“ zu erhalten, eingesetzt z.B. im Fach Politik und Wirtschaft, ist wirklich kein ernsthaftes Problem. Zudem gibt es die Möglichkeit, über eine geringfügige, einmalige Jahreszahlung pauschal Abdruckrechte für „aktuelle Berichterstattungen“ und die Verwendung zum „Abiturzweck“ zu erhalten. Flexible Amtsjuristen könnten mit VG-Wort Verträge/ Pauschalen über die Nutzungsrechte aushandeln, zumal die Textlänge im Abitur i.d.R. nicht 900 Worte übersteigen darf. Auf Einzelnachweise wird dann im Vorfeld verzichtet; nach dem Abitur kann Bilanz gezogen werden. Insgesamt dürften sich die Zusatzkosten für Dokumentation und Präsentation auf nicht mehr als 1% (ein Prozent!) der öffentlichen Gesamtkosten der Abiturerstellung belaufen.

5. Sollte ein „Platzhirsch“ am Markt im Einzelfall eine unangemessen hohe Summe für Abdruckrechte wollen, so schlägt man das Angebot aus und ignoriert ihn. Zahlreiche qualitativ hochwertige Autoren und Verlage springen gerne ein, wären froh, wenn sie beim Abitur „berücksichtigt“ werden würden. Für diesen Werbeeffekt sind sie bereit einiges zu tun. Ebenso muss ein Ministerium bereit sein, kreative und effiziente Lösungen zu suchen.

6. Noch weitgehend ungenutzt sind kostenfreie Quellen bei Text- und Bildmaterial, die das Internet anbietet. Hier wäre eine qualifizierte Schulung der Lehrerkommissionen zur Aufgabenerstellung anzuraten. Das Internet-Polyversium ist doch deutlich weiter, tiefer und reichhaltiger als die meisten Zeitgenossen meinen.

7. Das Ministerium vertritt in diesem Fall einen seltsam verengten Begriff von Öffentlichkeit bzw. von „öffentlichem Zugriff“. Dem gegenüber muss betont werden, dass eine schul- und bildungspolitische Öffentlichkeit aus Schülern, Lehrern, Eltern, lokalen Schulträgern, universitärer Fachöffentlichkeit und den Medien besteht. Mit zwei CDs pro betroffener Schule (oder eine CD für einen besonders privilegierten Journalisten) kann das nicht geleistet werden. Das angemessene Medium ist das Internet.

Insgesamt komme ich zum Ergebnis: Die von der Gymnasialabteilung des HKM vorbereiteten und vom Minister vorgebrachten Antworten sind wenig gestützt auf gute Gründe, sondern haben wesentlich die Form von luftigen Begründungen.

Es bleibt die berechtigte, seit Monaten bekannte Forderung:
“Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.”

Zum Schluss noch ein persönliches Wort an den Minister. Herr Banzer, der Kultusbereich bereitet Ihnen nach Ihren eigenen Worten Freude und ist für Sie eine große Herausforderung. Nutzen Sie deshalb nebenbei den „Obama-Effekt“ auch in Hessen und auch im Kleinen – change (!), yes we can. „Change“ klingt in der deutschen Übersetzung mit „Wechsel“ zu technisch, gar etwas hölzern. Übersetzen wir Change doch auch noch mit der Obertonreihe: Wandel durch Mut, Begeisterung und Engagement. Eine Stunde „Change“ und das Problem wäre gelöst; der Rest ist professionelle Routine. Es liegt allein in Ihrer Hand. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.

PS. Die an den „hessischen Verhältnissen“ aufgezeigten Problemlösungen gelten im Grundsatz auch bundesweit! Von allen Schulministerien kann in der Abiturproblematik mehr Sorgfalt, Dokumentationsbereitschaft und Engagement erwartet werden. Wie heißt die viel zitierte Formel in der Schule: „Fördern und Fordern“! Das gilt für alle Beteiligten.
In Korrespondenz dazu kann auch mein Beitrag „Abitur in Deutschland (1)“ gelesen werden.

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Abitur verkauft – 8. Nachlese

1. November 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Abitur verkauft – 8. Nachlese

Die Antwort des geschäftsführenden Kultusministers, Jürgen Banzer (CDU), auf die parlamentarische Anfrage der Grünen „Zugänglichkeit aller zentralen Prüfungsaufgaben“ liegt endlich vor. Sie steht allen Internetnutzern im Landtagsinformationssystem in vollem Wortlaut, DRS/17/2/00522.pdf, kostenfrei zur Verfügung.

Erinnern wir uns noch einmal, worum es in der Sache „Skandal: Abitur verkauft“ ging und immer noch geht:

„Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.“ …

„Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken.“ (vgl. die gesamte Artikel-Serie „Abitur verkauft“ 2008 im Bildungswirt)

Die generelle Antwort der Landesregierung lässt sich im Sinne der angeblichen Komplexität der markerschütternden Herausforderung (Landesprüfungen veröffentlichen!) und der „drohenden Gefahren“ etwa so zusammenfassen:

Wir – die Landesregierung, der Kultusminister – würden ja gern, aber das UrheberGesetz §53 ff verbietet uns jede Veröffentlichung, ja wir stehen in der Gefahr (wie die Video-Piraten und die entsprechenden Spots, die wir angsteinflößend aus dem Kino kennen) „eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren“ (§106 UrhG) zu riskieren. Man sieht förmlich schon den Kultusminister und Spitzenbeamte des HKM hinter schwedischen Gardinen und auch die fragenden Landtagsabgeordneten zucken zusammen, ob der Tragweite des Ersuchens nach einer Veröffentlichung von Landesprüfungen im Internet. „Zustimmungen zu Internetveröffentlichungen sind nur sehr schwierig zu erreichen“, behauptet der Minister,  und „angesichts der sehr hohen Zahl von Aufgaben sowie angesichts des erforderlichen personellen uns sächlichen Aufwandes“ (sprich: das kann alles nicht vom HKM geleistet werden, 43 Fächer und über 300 Aufgaben) gibt es stattdessen 2 CDs pro Schule. Na, wenn das mal kein Service für die interessierte Öffentlichkeit darstellt. Diese CDs unterliegen selbstverständlich dem „Kopierschutz“, aber für „unterrichtliche Zwecke“ dürfen von Lehrern „Aufgaben in Textform kostenfrei vervielfältigt werden.“ (Hoffentlich stimmt das Arbeitsklima und der Kopieretat der Schule, damit auch bei den Lernern etwas ankommt. Versuchen Sie doch mal als Eltern an die Aufgaben für ihren Nachwuchs ranzukommen! Im 1. Bildungsweg liegen für 2008 noch keine CDs vor; im 2. Bildungsweg gibt es 15 CDs pro Schule seit Mitte Oktober).

Das Land Hessen gibt etwa 2 bis 2,5 Millionen Euro pro Jahr für zentrale Prüfungen aus. Da man sich nicht in der Lage sieht, im Internet kostenfrei zu veröffentlichen, verkauft man an verschiedene Verlage und „erhält für die Bereitstellung der verwendeten Abituraufgaben eines Jahres eine Verwaltungskostenpauschale in Höhe von 100 Euro pro Aufgabenset (3 Aufgaben).“  Das Land hat aus dem Verkauf im Jahr 2007 4.400 Euro und Jahr 2008 5.700.-Euro eingenommen. Vergleicht man die Einnahmen mit den geschätzten Kosten, so kann jedermann sofort erkennen, dass hier wirklich Profis am Werk sind; sozusagen aktive Beiträge zur Haushaltskonsolidierung und Bürgerservice in einem!

„Die Verlage erhalten (aber) nur die Aufgabenstellungen, keine Lösungs- und Bewertungshinweise.“ (Da fragt man sich: warum eigentlich? Wenn man die Abituraufgaben an die Verlage de facto verschenkt, die Schüler dann  einzelne Aufgabensets privat kaufen sollen/können, wäre es doch sinnvoll, gleich die Lösungen mitzuliefern. Oder getraut man sich das nicht? Sind diese nicht veröffentlichungsfähig? Warum den Verlagen die Arbeit unnötig schwer machen? Warum Häppchen und nicht das ganze Mahl?)

Letztlich verschanzt sich das Kultusministerium hinter der anscheinend unüberwindbaren Mauer des Urheberrechts und der Fülle des zu bearbeitenden Materials.

Der Bildungswirt wird in einem weiteren Beitrag konkret zeigen, dass dieses „windige Mäuerchen“ leicht zu überspringen wäre, wenn man denn wollte. Der Bildungswirt wird richtungsweisenden Handlungsschritte aus solidarischem Bürger-Engagement für die junge Generation und deren Lernbedingungen unterbreiten. Er verzichtet vorab auf jedes Beratungshonarar, was ihm normalerweise das HKM zahlen müßte. Die „Abiturfrage“ ist insgesamt zu wichtig und bedarf einer sinnvollen Lösung.

Dies ist alles unabhängig davon, wer in Wiesbaden regiert. Der Appell geht deshalb vor der Ypsilanti-Koch-Abstimmung am 04. November an alle fünf Parteien im hessischen Landtag, sich endlich im Interesse der Schüler, Eltern und Lehrer zu engagieren. Auch in Wiesbaden zieht bald wieder mehr Ruhe und Gelassenheit ein, damit wieder etwas für die Bürgerinnen und Bürger gearbeitet werden kann. Zudem wäre es wünschenswert, wenn sich in Hessen die großen Medien wie FAZ, FR und HR dieser Abiturproblematik annehmen würden. Die Hoffnung bleibt …

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Abitur verkauft – 7. Nachlese

21. Oktober 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Abitur verkauft – 7. Nachlese

Die hessichen Mühlen mahlen langsam oder stehen zurzeit still. Folgender neuer Sachstand:

1. Die Antwort der Landesregierung zur parlamentarischen Anfrage „Abitur verkauft“ wurde angeblich am 10.10. auf den Weg gebracht. Bis heute ist sie jedoch nicht bei der Parlamentariern angekommen. Irgendwo zwischen HKM, Staatskanzlei und Landtag schwirrt sie durch die Lüfte. Mal sehen, wann sie landet?

2. Internetveröffentlichungen von Abiaufgaben und Lösungen gibt es nach wie vor nicht. Bis dato auch keine zugesagten CDs für die Schulen im ersten 1. Bildungsweg.

3. Kleiner Lichtblick: Mit dem heutigen Tag haben die Schulen für Erwachsene (2. Bildungsweg: Abendgymnasien, Hessenkollegs, Abendhaut- und Abendrealschulen) je 15 CDs pro Schule bekommen: Landesprüfungen 2007 und 2008 mit Aufgaben, Materialien und Lösungshinweisen und das für das Abitur, den Hauptschul- und den Realschulanschluss. Spät, aber immerhin. Das deckt wohl nicht den Bedarf, ist aber zumindest ein bemerkenswerter Anfang. Weiter so, geht doch!

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Minister-Erkenntnisse 2008 zur eigenverantwortlichen Schule – Erhellendes nebenbei

30. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Minister-Erkenntnisse 2008 zur eigenverantwortlichen Schule – Erhellendes nebenbei

„Ich will versuchen, sie ein wenig zu bespaßen“ (…)

1. Die „finanziellen Ressourcen sind zu wenig“, es wird „neue Verteilungsdiskussionen geben“ und „mit der demografischen Rendite allein“,(…) „ wird nicht der Bedarf zu decken sein“.

2. „Albträume von Politikern“– „Macht nach unten abgeben zu müssen“, d.h. die Zügel loslassen und nicht durch die Hintertür wieder einführen, denn „auch ein goldener Zügel ist ein Zügel“.

3. „Beim Aufbau neuer Kompetenzstrukturen haben wir offensichtlich ein Zuviel an Verwaltungsstrukturen und Kontrollstrukturen reingegeben“.

4. Der Begriff der eigenverantwortlichen Schule sollte besser in selbständige Schule gewandelt werden. „Denn Schulen sind nicht eigenverantwortlich, sondern der Gesellschaft gegenüber verantwortlich“.

5. Die Budgethoheit sollte bei denen liegen, die dies „am klügsten verwalten und effizient einsetzen können“, und das sind die Schulen vor Ort.

6. „Juristische Selbstständigkeit ist nicht für jeden Schultyp der 2000 Schulen geeignet, hier müssen wir noch intensiv diskutieren.“

(aus dem Vortrag des Staatsministers Jürgen Banzer am 29. September 2008: Fachtagung des HKM, IQ und AfL Eigenverantwortung in der Praxis. Was brauchen eigenverantwortliche Schulen in Hessen?
Der gelungene Einstieg hatte etwas von der Tiefe eines Karl Valentin im Sinne von – nehmt euch nicht immer ganz so ernst – , womit der Redner sicher richtig lag. Bleibt zu hoffen, dass sich die Politiker von ihren Albträumen schnell erholen und in heiteren Tagträumen den Weg zur ‚Selbständigen Schule’ ebnen. Auch bei der juristischen Selbständigkeit, sprich Rechtsfähigkeit, liegt der Minister goldrichtig. Lassen wir doch z.B. die Grundschulen damit in Ruhe, beginnen aber endlich bei den Berufschulen, Gymnasien und großen Gesamtschulen (auf freiwilliger Basis). Geredet worden ist in den letzten 3 Jahren genug, Taten sind gefragt.

Als lockere Assoziation will ich noch eine fast 100-jährige literarische Textstelle hinzufügen: (…) „Eingewurzelte Rechte und Überlieferungen der Trägheit widerstanden jeder Neuerung. Findet man ängstliche Philister und arbeitsscheue Brotsitzer dort, wo die Kunst ihre Stimme erheben soll, so gibt es keinen Aufschwung mehr, sondern nur noch bürgerliche Pflichten. Da welkt die Blüte, da verkümmert der Traum, da muss der freigeborene Geist gegen alle Dämonen der Kleinlichkeit und Mittelmäßigkeit in Waffen stehen, oder er wird niedergeschlagen.“
aus: Jakob Wassermann, Das Gänsemännchen, 1912/1914)

Link: Pressemitteilung des HKM

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GEW Hessen zu „Abitur verkauft“ – 5. Nachlese

29. September 2008 · von Miller · 4 Kommentare

GEW Hessen zu „Abitur verkauft“ – 5. Nachlese
GEW Hessen spricht Klartext und erhebt ebenfalls die vernünftige Forderung:
Vom: 29. September 2008

Abituraufgaben müssen kostenfrei zur Verfügung stehen

„Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird via Internet ein kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben mit Lösungshinweisen gewährleistet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe (Abitur) genauso wie für die Haupt- und Realschulprüfungen.“

Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler Ihres Ministeriums! Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt!

Die Antwort des Kultusministers auf die parlamentarische Anfrage der Grünen ist inzwischen überfällig.

Es gilt von Seiten des Bildungswirts weiterhin das Angebot, eines schnelle Lösung der Misere im Konsens mit zu entwickeln. Wenn der Verantwortliche will, so ist die Lösung in 4 Wochen erreichbar. (Klar sollte jedoch sein, dass diejenigen in der Bildungsverwaltung, die für diese Fehlentscheidung mit zuständig waren, nicht gleichzeitig mit der Lösung beauftragt werden können).
Dem gesamten hessischen Landtag wäre gedient, vor allem dem Ansehen in der Öffentlichkeit, insbesondere bei der betroffenen jungen Generation. Gegen „Politikverdrossenheit“ hilft nur Einsicht in begangene politische Fehler und Bereitschaft, diese zu korrigieren. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Politiker können sich hier als lernfähige Subjekte in der Gestaltung des Gemeinwohls erweisen.

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Freiheit: Erhellendes nebenbei gefunden (8)

25. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Freiheit: Erhellendes nebenbei gefunden (8)

„Ich glaube nicht, dass wir das System Schule völlig neu erfinden müssen. Natürlich bedeutet Freiheit auch mehr Verpflichtung. Denn Freiheit ist in der Regel mit Mehrarbeit und nicht mit weniger Arbeit verbunden.“
Kultusminister Jürger Banzer in BILDUNGBEWEGT, Ausgabe 2/2008, S. 11

(Da muss man erstmal draufkommen. Alle Achtung, so Freiheit, Verpflichtung und Arbeit zusammen zudenken. Es bleibt nur noch die Frage, warum Lehrerinnen und Lehrer in Hessen so darauf erpicht sind, diese Freiheit zu erlangen. Da fällt mir spontan nur noch Orwell mit seiner Kreation des Neusprech ein: „Freiheit ist Sklaverei.“)

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