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Verkauf von Abituraufgaben – CDU: echt „ätzend“

20. April 2010 · von Miller · 5 Kommentare

Verkauf von Abituraufgaben – CDU: echt „ätzend“

In Deutschland 2010 wird „Abitur geschrieben“ – für die Ministerial-Organisatoren ist das ein monopolisierter hoheitsstaatlicher Akt der Durchführung von Landesprüfungen, für die Schülerinnen und Schüler eine enorme Leistunganstrengung, eine Pflichterfüllung, ein Kampf um Punkte, manchmal auch mit Angstschweiß und Tränen verbunden.


Diese schriftlichen Abiturprüfungen sind z.B. in Hessen gerade abgeschlossen und z.B. in Baden-Württemberg und Bayern noch voll im Gange. Nach Abschluss dieser „Prüfungskampagnen“ stellen sich jedes Jahr neu die brennenden Fragen:

* Was passiert mit den verbrauchten Abituraufgaben?

* Warum werden diese nicht im Internet veröffentlicht, für jedermann kostenfrei zugänglich?

* Warum werden die Aufgaben mit Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln/Steuern finanziert und anschließend an private Verlage für ein paar Euro verkauft?

Die Ministerien bleiben eine schlüssige Antwort schuldig, verstecken sich hinter einem „Urheberrecht“, das sie zum Monster künstlich aufbauen und gleichzeitig, wie eine mystische Monstranz vor sich hertragen. Die herbeigespielten Argumente sind dürftig und im Kern alle widerlegt, dennoch geht eine Politik der Abschottung weiter, ziehen die Ministerien ihre selbstreferenziellen Kreise.

Was sagen dazu unsere Volksvertreter in den Landtagen?
Werfen wir einen aktuellen Blick, z.B. nach Hessen. Im Kulturpolitischen Ausschuss des Landtags wurde am 25.Februar 2010 die Frage erneut behandelt. Hier einige Auszüge aus der öffentlichen Debatte und kurze Kommentierungen durch den Bildungswirt:

Abg. Barbara Cárdenas (Die Linke):
(…) Das erste landesweit einheitliche Abitur startete in Hessen im Frühjahr 2007 (erster Bildungsweg) sowie im Herbst 2007 (zweiter Bildungsweg). Damit verbunden war die Abschaffung des bisher üblichen dezentralen schriftlichen Abiturs an jeder Einzelschule, bei dem die Fachlehrerinnen und Fachlehrer die Aufgaben für ihren jeweiligen Kurs erstellten. Frühzeitig dokumentierte das Hessische Kultusministerium deshalb im Internet die Hintergründe der Entscheidung und entwickelte Musteraufgaben für alle Fächer. Als Service konnten Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern die Aufgaben vom hessischen Bildungsserver kostenfrei downloaden. In einer Nacht- und Nebelaktion des Hessischen Kultusministeriums wurden später jedoch alle bisherigen Abituraufgaben ohne stichhaltige Begründung wieder aus dem Internet genommen. Gleichzeitig wurden die Prüfungsaufgaben an private Verlage verkauft. Aus der Sicht dieser ein lukratives Geschäft, vor allem, wenn bei fest kalkulierbarer Nachfrage – die nächste Abi-Generation klopft schon an die Tür – gezielte Angebote unterbreitet werden können. Der damalige Landesschulsprecher kommentierte den Skandal denn auch präzise und poentiert: „Es kann nicht sein, dass eine Kommission aus Lehrern auf Kosten des Steuerzahlers Prüfungs- und Übungsaufgaben erstellt, die das Kultusministerium dann an einen Verlag verscherbelt und die wir uns für viel Geld zurückkaufen müssen.“ Genauso verhält es sich aber bis zum heutigen Tage: Ohne jedwede stichhaltige Begründung – geschweige denn Notwendigkeit – hat das Land, und es tut dies weiterhin, die zentralen Prüfungsaufgaben, für die es jährlich bis zu 2,5 Millionen € an Personalkosten ausgibt, gegen eine Verwaltungskostenpauschale von 100 € pro Aufgabenset an private Verlage verkauft. Unsere Forderung ist daher: weiterhin kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben mit Lösungshinweisen sowohl für die gymnasiale Oberstufe als auch für den Haupt- und Realschulbereich, am liebsten natürlich per Internet.

Die Volksvertreterin hat sich mit der Materie eingehend beschäftigt, die dargebotenen Informationen sind korrekt; wo sie recht, hat sie recht. Was soll hier sachlogisch eingewendet werden?

Abg. Mario Döweling (FDP):
(…) „ Ein Abiturplaner mit Abituraufgaben vom Cornelsen Verlag kostet 9,95 €. Ich glaube, 9,95 € sind nicht wirklich die Welt. Wenn sich ein Schüler das kaufen will, dann ist das, denke ich, okay. Es gibt daran eigentlich nichts mehr zu kritisieren. Frau Ministerin Henzler hat dies voll und ganz erklärt. Ich muss sagen: Ihre Große Anfrage und vor allen Dingen Ihre Quelle, die Sie da benennen, nämlich eine ominöse Internetquelle, entbehrt irgendwie jeglicher Grundlage.“

Ja, was kann von diesem Volksvertreter anders erwartet werden, als dass er seiner FDP-Ministerin beispringt? Die Abiturienten müssen zwangsweise diese Abiturplaner kaufen, da es keine Internetveröffentlichungen gibt. Das bringt den Verlagen hunderttausende Euro in die Kasse. Nur, ist der Volksvertreter den Verlagen oder den Schülern und Eltern verpflichtet?
Die „ominöse Internetquelle“ ist öffentlich und kostenfrei zugänglich, heißt Bildungswirt und wird umfangreich, auch von Parteien und Organisationen, genutzt. Zudem beinhaltet die Internetseite die derzeit umfangreichste Recherche und Dokumentation zu diesem Thema, Kategorie: „Abitur verkauft“; alle Aussagen sind mehrfach geprüft und abgesichert. Dem Abgeordneten fehlt offensichtlich die nötige Sachkompetenz. Die regelmäßige Nutzung der „ominöse Internetseite“, auch für Abgeordnete kostenfrei, könnte Abhilfe schaffen.

Abg. Dr. Norbert Herr (CDU):
(…) Es wäre wohl ein bisschen unzumutbar, wenn man die ganzen Vorschläge kontrollieren und feststellen wollte, wo ein Urheberrecht besteht oder nicht. Insofern ist das das richtige Verfahren. Die Nutzungsrechte sind auch geregelt – ein Mustervertrag. Das Entscheidende ist eigentlich, dass es keine Lösungs- und Beratungshinweise gibt. Genau da liegt das Benutzerrisiko. Ein Schüler, der das kauft, kann überhaupt nicht sicher sein, dass er das Richtige trifft. Da müsste er zufällig genau das haben; und das ist eben nicht gegeben. Der Mut zur Lücke besteht also. Die inhaltliche Verantwortung obliegt den Verlagen. Das ist für den Nutzer ganz entscheidend. Es besteht keine Notwendigkeit, etwas zu tun. Das ist Meterware. Ich habe allein für meine Fächer mindestens noch 1 m zu Hause stehen – für Leistungskurse, Grundkurse und das nur für zwei Fächer, und zwar von Baden-Württemberg und Bayern. Jetzt haben Sie selbst gesagt, die anderen Bundesländer hätten dies auch, sodass ich dies also eigentlich alles kaufen müsste. Wenn ich das als Schüler alles „reingezogen habe“, dann bin ich fit und habe von vornherein 15 Punkte. Dann brauche ich eigentlich gar nichts mehr zu machen. Aber dazu ist keiner in der Lage. Das ist doch völlig weltfremd. Man muss also den Mut zur Lücke haben.

Der Volksvertreter scheint etwas verwirrt. Der Schüler soll ein „Benutzerrisiko“ im wahrsten Sinne des Wortes in Kauf nehmen, obwohl dem Land die Originallösungen kosten- und urheberrechtsfrei vorliegen? Er will den Schülern ungeprüfte „Meterware“ zumuten? Den „Mut zur Lücke“ hat der Abgeordnete bei sich selbst vielleicht zu wörtlich genommen?

Abg. Brigitte Hofmeyer (SPD):
(…) Wir sehen, dass die Abiturienten nicht die Möglichkeit haben, sich einfach und kostenlos auf die Prüfungen vorzubereiten. Die Praxis aus dem Jahr 2007 hat auch gezeigt, dass man die Prüfungen durchaus ins Internet stellen könnte. Frau Ministerin Henzler, entgegen Ihrer Ausführungen eben und auch der Aussagen von Experten liegen uns Aussagen vor, die besagen, dass ca. 80 % der Materialien frei von Urheberrechten sind und dass diese somit auch im Internet für alle zugänglich sein könnten. Das belegt wie gesagt auch die Tatsache, dass das bis zum September 2007 so möglich war. Was ebenso ein wenig zu bedauern ist, ist die Aussage der Landesregierung, dass den Schulen selbstverständlich alle Materialien zur Verfügung gestellt würden. Aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage, die ein Jahr zuvor vonseiten der Landesregierung gegeben wurde, wird aber deutlich, dass diese Aufgaben den Schulen nur auf zwei CDs zur Verfügung gestellt werden und dass diese auch noch dem Kopierschutz unterliegen. Daher kann sich jeder vorstellen, dass es in der Praxis überhaupt nicht möglich ist, dies an die Schülerinnen und Schüler einfach so weiterzugeben. Die Praxis zeigt dann auch, dass diese natürlich in die Buchhandlungen gehen und sich das entsprechend erwerben müssen.

Die Volksvertreterin hat sich mit der Materie beschäftigt und die Problematik erkannt. Es fehlt ergänzend nur die Aussage, dass – für die Schüler entscheidend – Aufgabenstellungen und Lösungshinweise/Erwartungshorizonte im Kultusministerium schon vorliegen und copyrightfrei sind. Einer Veröffentlichung steht also nichts im Wege. ‚Der 80% – Orientierungswert zu den verwendeten Materialien ist korrekt; dieser kann mit wenig Aufwand auf 95% gesteigert werden.

Abg. Mathias Wagner (Grüne):
(…) Der erste Punkt ist die Frage: Wie gehen wir als Staat eigentlich mit Werken um, die mit Steuergeldern erstellt worden sind? Würde daraus nicht auch folgen, dass die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf hat, dass diese Materialien, die mit dem Geld der Bürgerinnen und Bürger erstellt worden sind, auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen? – Ich finde, dass dies eine sehr legitime und berechtigte Frage ist. Wir diskutieren auch in anderen Politikbereichen die Frage: Welches Anrecht haben die Bürgerinnen und Bürger darauf, dass Verwaltungshandeln transparent ist und dass von Verwaltungen erstellte Leistungen auch tatsächlich für die Bürgerinnen und Bürger zugänglich sind. Ich finde, diese Frage kann man hier ohne Schärfe diskutieren, und diese ist auch interessant. Wenn natürlich Belange des Urheberrechts dem entgegenstehen, ist dies selbstverständlich auch zu berücksichtigen. Aber der grundsätzliche Gedanke, dass Abiturprüfungen, nachdem sie geschrieben worden sind, die mit öffentlichen Geldern erstellt worden sind, auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen müssten, finde ich jetzt nicht so ungewöhnlich, wie das zum Teil einige Vorredner dargestellt haben.

Der Volksvertreter hat sich mit der Materie beschäftigt und stellt angemessen kluge Fragen. Die Art des Fragens legt die Vermutung nahe, dass er für Transparenz und die Veröffentlichung der Abituraufgaben eintreten will. Fragen des Urheberrechts, hier angewendet auf das Streitobjekt, sind ihm weniger geläufig. Was fehlt sind jedoch klare eigene Antworten und Forderungen an die Landesregierung.

Abg. Barbara Cárdenas (Die Linke):
(…) Ich finde es sehr wichtig, was gesagt worden ist, dass Schülerinnen und Schüler nämlich ein Recht darauf haben, dass öffentlich erstellte und bezahlte Leistungen auch frei zugänglich sind. Ich denke, dass DIE LINKE an diesem Punkt wieder darauf hinweisen kann, dass es richtig ist, auch wieder zu sagen, dass es in der Regel in letzter Zeit sehr stark darum geht, Kosten zu sozialisieren, aber Gewinne zu privatisieren. Das ist ein Beispiel dafür, wo wir das wieder nachweisen können. – Ich bedanke mich.
(Abg. Hans-Jürgen Irmer (CDU): ätzend!)

Die Volksvertreterin weist auf eine bekannte Aussage der Linken zu Kosten und Gewinne hin, deren Evidenz im vorliegenden Fall nicht leicht von der Hand zu weisen ist. Nur was meint der CDU-Abgeordnete mit seinem Einwort-Zwischenruf oder Abschlusskommentar: „ätzend“? Findet der Volksvertreter es ätzend, das die Kosten sozialisiert und die Gewinne privatisiert werden? Will er der Abgeordneten von der Linken beipflichten, sozusagen in blitzartiger Eingebung tieferer Erkenntnis? Oder meinte er die Abgeordnete persönlich oder ihre Danksagung zum Schluss? Wäre Letzteres der Fall, hätte der Ausschussvorsitzende energisch eingreifen und den CDU-Abgeordneten zur Ordnung rufen müssen.

Vorsitzender Abg. Dr. Michael Reuter (SPD):
Vielen Dank. – Die Verfahren in den beiden genannten Bundesländern – Brandburg und Sachsen-Anhalt – werden im Protokoll nachgereicht. Frau Ministerin, wollen wir so verfahren? (Ministerin Dorothea Henzler: Ja!) – Okay, dann bedanke ich mich. Im Folgenden fasst der Ausschuss den Beschluss: KPA/18/14 – 25.02.2010 Der Kulturpolitische Ausschuss hat die Antwort der Landesregierung zur Großen Anfrage besprochen. (einvernehmlich) Das Ministerium sagt weitere Informationen zu.(Schluss des öffentlichen Teils; es folgt der nicht öffentliche Teil)

Die Debatte wird mit Sicherheit fortgesetzt, das nächste Abitur kommt bestimmt. Die Forderung nach kostenfreiem Zugang zu den verbrauchten Abituraufgaben im Internet bleibt in allen Bundesländern auf der Agenda.

Peinlich bleibt, dass die sog. „Qualitätsjournalisten“ bisher dieses Thema verdrängen, gleichwohl jedes Jahr mehr als 300.000 Schülerinnen und Schüler direkt betroffen sind. Indirekt betroffen sind Eltern, Lehrer und die Fachöffentlichkeit. Die Zuständigen der Lehrerausbildung an allen deutschen Universitäten haben offiziell keinen Zugang zu den Aufgaben. Eine Prüfungsdidaktik-Debatte findet nicht statt.

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Was der hessischen Bildungspolitik fehlt (2)

12. März 2010 · von Miller · Keine Kommentare

Was der hessischen Bildungspolitik fehlt (2)

Aufwachen, hören – solide didaktisch-pädagogische Forschungsergebnisse wahrnehmen und verstehen

Den Kindern und Jugendlichen eine faire Chance — neue Lernkulturen, den Groove spüren!

Behindernde Bürokratie abbauen, Mut zum Experiment

Die Zeit ideologischer Betonköpfe sollte endgültig vorbei sein, sonst wird die Idee der Selbständigen Schule ein kompletter Rohrkrepierer.

Übrigens: Heute ist der erste Prüfungstag im hessischen Landesabitur, traditionell erfolgt die Eröffnung mit dem Fach Deutsch. Den Abiturgestressten, insbesondere den Schülerinnen und Schülern wünscht der Bildungswirt gute Nerven, kluge Ideen und Erfolg. Verbrauchte Abiturprüfungen sollten selbstverständlich kostenfrei im Internet veröffentlicht werden. Die nächste Abiturientengeneration steht schon in den Startlöchern und freut sich auf leicht zugängliches Lernmaterial. Das könnte doch auch in einen Kultusministerium begriffen werden, dazu braucht man nicht einmal Abitur.

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Landesabitur-Vorbereitung: „Wünsche euch allen dann viel Glück, wenn ihr zentral mit mir leidet“

2. Februar 2010 · von tango · 3 Kommentare

Landesabitur-Vorbereitung: „Wünsche euch allen dann viel Glück, wenn ihr zentral mit mir leidet“

Oder: Kann man ein schriftliches Landesabitur im Fach Deutsch sinnvoll vorbereiten?

Chaos, Orientierungslosigkeit, Fremdbestimmung sind drei Größen, die bei der bisherigen Vorbereitung auf das Landesabitur in Deutsch eine herausgehobene Rolle spielten. Dies kann man an einem „Hilferuf“ aus dem Netz und den entsprechenden „Ratschlägen“ aus den Niederungen des Schulalltags recht gut nachvollziehen. Die Netz gestützten „Abi-Vorbereitungs-Tipps lassen sich unter www.deutschboard.de/topic,2954,-abivorbereitung-deutsch-gk,-hessen.html im dortigen Forum im Original abrufen. Auch wenn man bei vielem, was dort prüfungsgeplagte Oberstufenschüler schreiben, schmunzeln muss, spiegelt sich darin mangelhaftes Coaching durch ihre Lehrer sowie mangelnde Transparenz und fehlender Support durch Ministerium und Schulverwaltung wider. Im Folgenden möchte ich einige aussagekräftige Beiträge punktuell kommentiert vorstellen und daran exemplarisch verdeutlichen, woran das derzeitige zentrale Prüfungswesen krankt und welche „zentralen“ Alternativen es gäbe.

Aber schauen wir uns in einem Rückblick den durchaus lobenswerten Versuch eines Schülers an, aus den Fachnebeln aufzutauchen und hilfreiche Tipps für eine sinnvolle Vorbereitung auf das zentrale Deutsch-Abitur zu bekommen. Am 08.01.2008 wird der Reigen mit einem Hilferuf von babelfish eröffnet:

Im März stehen ja bei uns in Hessen die schriftlichen Abiklausuren an…
Ich habe Deutsch als drittes Prüfungsfach gewählt und wollte jetzt mal hören, ob es hier noch andere „Leidensgenossen“ gibt!
Wie bereitet ihr euch auf die Prüfung vor?
Was lernt ihr über die einzelnen Werke, die im Unterricht behandelt wurden?
Ich finde eine zentral gestellte Aufgabe im Fach Deutsch irgendwie besonders schwierig, weil ich mir vorstellen kann, das gerade bei den ganzen Büchern, die man ja besprechen soll, sehr unterschiedliche Schwerpunkte gewählt werden. Und der Lehrplan ist dabei ja auch nicht gerade eine besonders große Hilfe…
Ich freu mich über eure Meinungen/Erfahrungen!

Schon in der ersten Antwort wird pädagogische Hilflosigkeit kolportiert, wenn der hilfsbereite Barium bedauernd feststellt:

Unser Deutschlehrer hat den gesamten Deutsch-GK (wird sind ungefähr 25 Leute) dazu überredet, Deutsch mündlich zu machen (ja, es klang am Ende recht bedrohlich, Deutsch schriftlich zu machen!)… Also kann ich dir leider nur sagen, wie ich mich auf mein Mündliches im Juni vorbereite.

Da stellt sich die Frage: Warum raten Lehrer von einer schriftlichen Prüfung ab? Ist sie auch für Lehrer zu wenig transparent und berechenbar? Gibt es zu wenig allgemein akzeptierte Qualitätskriterien, um Leistung (eventuell auch schulübergreifend) nachvollziehbar zu beurteilen? Oder hat man schlichtweg keine Lust zum Korrigieren?
Dann kommt eine sehr strukturierte, aber nicht immer effiziente Methode, um Breitenwirkung zu erzielen – nach dem Motto: Ich schieße breite Salven in die Luft und hoffe, dass der eine oder andere Vogel zu Boden geht:

Ich gehe deduktiv vor:
1.) Epochenwissen auffrischen
2.) Sekundärliteratur zum besprochenen Werk lesen
3.) Schulnotizen in meinem Heft zum Werk lesen (nicht immer empfehlenswert!)
4.) Primärliteratur – das Werk lesen (nochmals oder überhaupt einmal?)
5.) so viel und gleichzeitig so kurz wie möglich das Wichtigste notieren
Wenn ich das mit allen Epochen / Werken gemacht habe, kann ich mich auf Vergleichsaspekte konzentrieren (Epochenumbrüche, Epochenvergleiche, Personen vergleichen…). Dazu hol ich mir dann das rote Starkbuch „Abitur 2008 Deutsch“ und schau mir einige Beispielaufgaben und Prüfungen an.

Schon ganz clever; doch stellt sich dann die Frage: Warum nicht gleich mit dem „Starkbuch Abitur 2008 Deutsch“ beginnen und sich den Rest schenken?
Aber hören wir gleich, was babelfish auf die Nachfrage, wie er sich vorbereite, antwortet:

Jaaa, wenn ich das so genau wüsste…
Im Moment arbeite ich meine Ordner von vorne bis hinten, bzw. die Zusammenfassungen, die ich mir für die Klausuren geschrieben hatte, durch und versuche eine Zusammenfassung zu schreiben. Nebenbei lese ich nochmal „Don Carlos“ und danach „Der Sandmann“ (weil das schon so lange her ist, als wir es behandelt haben und ich den Sandmann, glaub ich, auch nie ganz gelesen habe… ). Außerdem habe ich mir von Klett Abi-Wissen kompakt „Deutsch Literaturgeschichte/Epochen“ gekauft, wo ich dann immer parallel etwas zu den Epochen nachlese.

Also auch hier: Orientierungslosigkeit im Prüfungsuniversum. Immerhin ereilt ihn dank prüfungsdidaktischer Unklarheit sein schlechtes Gewissen, denn er hat offensichtlich den „Sandmann“ nicht gelesen – oder kann sich wenigstens nicht dran erinnern. Das spricht nicht gerade für Nachhaltigkeit. Da scheint es offensichtlich keine Brücke zwischen dieser düsteren spätromantischen Erzählung und der Lebenswirklichkeit heutiger junger Menschen mehr zu geben, obwohl doch Illusion, Verblendung, Fremd- und Selbsttäuschung in ihrem Erfahrungsbereich eine Rolle spielen dürften. Aber es gibt vor dieser schaurigen Deutschprüfung offenbar kein Entrinnen:

Ich würde Deutsch auch lieber mündlich machen, aber da ich Chemie/Mathe als LKs gewählt habe, darf ich nicht mein Wunschfach Physik schriftlich machen, sondern musste mich zwischen Deutsch und Geschi entscheiden – Da war dann Deutsch das geringere Übel, was die schriftliche Prüfung angeht…

Welch schreckliches Licht wirft dies auf Deutsch – oder gar Geschichte. Da wird die scheinbare Berechenbarkeit der Naturwissenschaften (klare Themenabgrenzung, kleinschrittige Vorgehensweise, scheinobjektive Fachlogik ohne viel Bewertungsspielraum) sprach- und problemorientierter Mehrdeutigkeit vorgezogen. Hierzu passt auch die Dämonisierung der Deutschprüfung durch den Lehrer:

Was hat euch euer Lehrer denn Schauriges über die schriftliche Prüfung erzählt?

Darauf Barium, dessen Lehrer schon leidlich desillusioniert erscheint:

Unser Lehrer meinte, dass wir mündlich ein doch recht starker Kurs seien und blöd wären, schriftlich zu machen, da es überaus schwierig sei, ins Zweistellige zu kommen. Das hat er mit einem Beispiel untermalt: eine Klausur kam mit 14 Punkten in den Ringtausch und wurde nach Ringkorrektur mit 8 Punkten bewertet – tja!

Wie kann das sein? Hatte da einer die falsche Brille auf? Gab es keine verbindlichen und allgemein akzeptierten Qualitätskriterien? Oder wollte man nur einmal dem Kollegen zeigen, wo der Hammer hängt?
Statt auf eine individuell motivierte, zukunftsorientierte Aneignung von Tradition und Kultur zu setzen herrscht offenbar aller Orten Fremdbestimmung und Lehrplanzwang.

Am schwierigsten fällt mir irgendwie, zu entscheiden, was ich mir zu den Büchern aufschreibe… Da gibt es schließlich so viele Aspekte, die man behandeln könnte – welche sind die für’s Kultusministerium wichtigen?!

Dieser Satz ist verräterisch! Es ging und geht eben nicht darum, was für den Lerner wichtig – also „behaltenswert“ – ist, sondern eher herauszubekommen, was Deutschlehrer, Prüfer, Kultusministerium und andere Bildungskontrolleure in tiefgefrorenen Pädagogenmänteln von einem hören wollen.

Unsere Deutschwerke:
– Don Carlos, Der Sandmann, Woyzeck, Effi Briest, Faust I
Lass mich raten – bei dir auch?

Da braucht man wirklich nicht lange zu raten! Außer in der hessischen Erwachsenenbildung kommt bundesweit keine zentrale Deutschprüfung ohne eine verbindliche Leseliste aus, auf der sich die üblichen Verdächtigen finden, mal ausgetauscht, mal neu gemischt, mal von anderen Bundesländern abgekupfert.
Aber weiter geht’s, denn jetzt wird’s wieder konkret:

Ich arbeite aus den Büchern heraus:
– den Inhalt
– die Personen (+ Gefüge) und wofür sie stehen (Epochen, Tugenden etc.)
– Motive im Werk und wie sie verarbeitet sind (z. B. Wahnsinnsstationen im Sandmann oder wo überall das Augenmotiv vorkommt)
– Epochenmerkmale: wieso das Werk typisch für diese Epoche ist
– Schmückungswissen (!) zum Werk, zur Epoche und zum Autor (kommt laut Lehrer immer gut in der Prüfung ), z. B. wie das Werk aufgenommen wurde und heute wird.

Also, kurz, all das, was im kompakten Abi-Wissen bei einschlägigen Schulbuchverlagen zu den in Frage kommenden Werken schon gut aufbereitet und vorverdaut zur Verfügung steht – und keine selbständige Auseinandersetzung mit dem Werk mehr erfordert. Sehr gelungen ist auch der Ausdruck „Schmückungswissen“; klingt wie „unbedeutende, aber effektvolle Schaumschlägerei“. Egal wie das Produkt schmeckt, Hauptsache die Verpackung ist bunt und gefällt!

Vielleicht hilft aber auch ein bisschen Zocken: Z.B. alles auf die „Lyrik-Karte“ setzen!

Puuuuh, vielleicht spezialisier ich mich auch einfach auf Gedichte und hoffe darauf, dass auf jeden Fall Lyrik drankommt, bei der man kein Wissen über die Bücher braucht!
Aber im Ernst… Ich lese ja wirklich gerne, die meisten Bücher find ich auch wirklich interessant, ich mag sogar Don Carlos, aber Klausuren darüber zu schreiben finde ich trotzdem schrecklich.

… oder die „mathematische Vorbereitungsvariante“: Angewandte Wahrscheinlichkeitsrechnung, wie sie verdo empfiehlt:

Also mein Lehrer hat was gesagt, dass ein Teil der Bücher von den nächsten 13ern nicht mehr gelesen werden muss. Hab grad mal nachgeschaut und dabei das hier gefunden: http://lernarchiv.bildung.hessen.de/sek_ii/deutsch/abiturpruefung/index.html. D.h. Wir sind die letzten, die über Don Karlos und Effi Briest schreiben können. Und da die beiden letztes Jahr nicht dran waren, könnte ich mir gut vorstellen, dass etwas davon dran kommt. (Würd mich freuen, weil das die 2 Bücher sind, die mir noch am besten gefallen haben und ich noch halbwegs logisch find). Außerdem sieht man da auch, dass fürs nächste Jahr die Lyrik der Klassik wegfällt, womit auch das gut bei uns noch dran kommen könnte. Da bin ich mir aber net so sicher. Unser Lehrer meinte auch, wenn Gedichtvergleich dann Klassik – Expressionismus oder Romantik – Expressionismus, aber nicht Klassik – Romantik. Is aber nur ne Vermutung.

… aber auch RexV’s Vertrauen auf die Wiederkehr des Immergleichen könnte vor der Macht pädagogischer Verharrungskräfte durchaus erfolgreich sein:

Ich habe mich in Deutsch lediglich auf den Aufgabenvorschlag mit den Epochen (also Romantik – Expressionismus) konzentriert…
Wird schon klappen… ich hab mir auch auf www.stern.de die Übungsaufgaben für letztes Jahr runtergeladen und da kam immer nur Vergleich Romantik und Expressionismus dran. So wird es zu 99% auch dieses Jahr wieder sein
Wenn ich mir vom Stark Verlag die Aufgaben ansehe, dann gibt es keinen einzigen anderen Vergleich

Immerhin ist Zauberwürfel mit seinem Prüfer auf der richtigen Spur:

Mein Examensprüfer stand auch immer voll darauf, wenn man Bücher kennt, die ähnliche Themen beinhalten.
(…) Es reicht ja, wenn man Autor und Werk sowie groben Inhalt bzw. halt gleiche, wiederkehrende Motive nennen kann á la „Das Motiv xyz kommt bei Faust I vor, Parallelen lassen sich im Hiob- Buch in der Bibel oder im Werk von Schulzemeiermüller „ABCD“ finden. ….“
Stichpunkt Transferwissen und breites Wissensspektrum anderer Werke. Viel Glück!!

Leider aber auch hier nur als Vorbereitungs-Tipp: Fertiggerichte aus der Dose ohne nachhaltige Sättigung:

ich hab mir, als wir die lektüren gelesen haben, schon jeweils lektüreschlüssel geholt und die nochmal ordentlich durchgearbeitet;
genauso halt epochenwissen und „theorie“wissen zu textanalysen
viel hab ich für deutsch aber nicht gemacht, und es ist auch schon fast fünf jahre her

Traurig ist auch babelfishs Angst vor Kreativaufgaben, die eigentlich etwas Auflockerung ins ewig gleiche, knochentrockene Deutsch-Prüfungsformat bringen könnten:

Was mir ja auch ein bisschen Angst macht, ist diese Kreativaufgabe, die bei Deutsch jetzt immer dabei ist… So ein Schwachsinn!

Oh Schreck, oh Graus! Diesem Aufgabentyp liegt eigentlich ein guter Gedanke zugrunde: Durch eine „Gestaltende Interpretation“ oder eine „rollengebundene Perspektive“, durch Neu- oder Umgestaltungen von Texten, kurz: durch einen selbständigen Schaffensprozess, könnte nicht nur eine rein kognitive, sondern auch eine empathische Form von Text- oder Problemverständnis zum Ausdruck gebracht werden. Wenn aber unkreative Lehrer in einem immer gleichen Unterrichtsablauf so etwas nicht vermitteln, kann sich auch kein Schüler für solche Aufgaben begeistern.
Doch hier kann Barium babelfishs Ängste schnell zerstreuen:

Kreativaufgaben sind ja Mono- und Dialoge, Briefe oder eine Stellungnahme. Ich finde also nicht, dass man sich da soooo einen Kopf zu machen braucht, wenn man sich im Vorfeld eine Meinung bildet und die Personen gut kennt.

Deutschunterricht wäre nicht Deutschunterricht, wenn man nicht auch den kreativen Teil zur langweiligen Routine verkommen lassen könnte.

Fazit: Gegen diese stofffixierte Orientierungslosigkeit und Fremdbestimmung, die bestenfalls in „Bulimielernen“ endet, hilft nur, sich bei „gelaufenen“ Abituren aus anderen Bundesländern schlau zu machen. Denn oft werden nicht nur die Leselisten, sondern auch die Prüfungsideen zeitlich versetzt „ausgetauscht“ oder variiert. Dazu hilft es, den Service des Bildungswirt in seiner rechten Spalte unter der Rubrik „Abituraufgaben“ zu nutzen. Ansonsten gibt es – wie schon im zitierten Forum richtig erkannt – die einschlägigen Abihilfen der Schulbuchverlage, die auch auf die jeweiligen Landes-Leselisten abgestimmt sind.
Hilfreich zur Prüfungsvorbereitung wäre es, wenn schon verbrauchte Prüfungen für Nachfolgegenerationen (z.B. im Netz) frei zugänglich gemacht und an Schulen zu Übungszwecken eingesetzt würden. Einstweilen befinden sich einige „verbrauchten“ Prüfungen CDs an Schulen – was auch nicht jedem bekannt ist.

Eine moderne kompetenzorientierte Prüfungsdidaktik im Fach Deutsch sähe allerdings anders aus: Sie müsste z.B. zulassen, dass Schüler individuell Erarbeitetes mit zentralen Vorgaben vernetzen können.

Wie aber könnten kompetenzorientierte Prüfungen in Deutsch künftig aussehen? Hier ein paar Kriterien, die individuellem Arbeiten und einer konsequenten Subjektorientierung Rechnung tragen:

a) selbst gewählte Vergleichsmöglichkeiten zur vorgegebenen Problematik / Thematik

b) Um- und Neugestaltung von Texten nach bestimmten Kriterien

c) Herausarbeitung von Bezügen zwischen unterschiedlichen Materialsorten

d) selbständige Wahl einer passenden Bearbeitungsmethode oder eines Untersuchungsschwerpunkts

e) reflektierte Wahl einer wirkungsorientierten und adressatenbezogenen Darstellungsform

f) Beurteilung eines Problems/ Sachverhalts nach hergeleiteten Prüfkriterien

g) Herausarbeitung von Strukturen und Prinzipien – punktuell nötiges Spezial- und Sonderwissen kann dabei als Entlastung zur Verfügung gestellt werden

h) Konzentration auf Prozesse und Lösungsstrategien

i) selbständige/ begründete Komplexitätserweiterung bzw. –reduktion bei der Suche nach Lösungswegen

j) Gegenwartsbezüge und Zukunftsfähigkeit.

Entschließt man sich dazu, eher Strukturen, Zusammenhänge und die jeweilige Fachlogik in den Vordergrund einer Prüfung zu rücken und damit den Abfrageduktus zu überwinden, werden Leselisten und detaillierte Stoffkataloge überflüssig. Geeignete Aufgabentypen und Beispielaufgaben könnten schließlich diese Kriterien konkretisieren und in Form neuer Lernkulturen den Unterrichtsalltag verändern. Schüler und Lehrer müssten für solche Ansätze gewonnen und bei diesen Umstellungsprozessen begleitet werden.
Zentrale Prüfungen wären dann erst wirklich sinnvoll, transparent und akzeptabel.

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Abitur – die Eintrittsfahrkarte

1. Juni 2009 · von Miller · 1 Kommentar

Abitur – die Eintrittsfahrkarte

Du bist Abitur, du bist Deutschland. Das Abi 2009 ist weitgehend gelaufen, vielleicht noch eine mündliche Prüfung oder eine Präsentation, dann ab durch die Mitte, der frischen Luft entgegen. Zurück bleiben Aktenschränke voller Prüfungen, Protokolle und Präsentationen. Und natürlich Erinnerungen und Freundschaften.

Ach ja: Wie war das noch mal mit den verbrauchten Abiprüfungen in den Aktenschränken? Demnächst kostenfrei im Internet für die nächsten Abiturienten? Die hessiche Landesregierung wird demnächst dazu Stellung nehmen. Lernfähigkeit wird jedem Menschen unterstellt – das liegt vor allem an dem akzeptierten INTER – Internet, interpersonal, international. Provinz im Denken wollen doch alle hinter sich lassen.

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Abitur verkauft (10)- Große Anfrage der Linken

8. Mai 2009 · von Miller · 5 Kommentare

Abitur verkauft (10)- Große Anfrage der Linken

Wer steht im hessischen Landtag wie ein Fels in der Brandung? Welche Partei –  CDU, Linke, FDP, Grüne, SPD engagiert  sich besonders in Fragen einer gerechte Bildungspolitik? Wer sorgt für Transparenz und Aufklärung? Was leistet die neue Ministerin? Die 100 Tage „Eingewöhnung“ im Kultusminsterium sind vorbei. Was leistet die Regierung, was leistet die Opposition?
Das Thema Abitur verkauft beschäftigt uns jetzt schon ein volles Jahr, da bisher im Kultusministerium keine sinnvolle Lösung gefunden wurde, im Gegenteil. Was ist der neueste Stand?

Die Fraktion DIE LINKE  hat am 06.April 2009 eine „Große  Anfrage betreffend Verkauf der Rechte am Landesabitur“ in den hesssichen Landtag eingebracht. Sie schreiben als Problemaufriss:
„Im Oktober 2008 hatte sich die Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN mit einer Kleinen Anfrage betreffend der Zugänglichkeit zu zentralen Prüfungsaufgaben (Drucks. 17/522) an die Landesregierung gewandt. Die Antworten
derselben liegen inzwischen vor, sind jedoch zum einen reichlich unbefriedigend und zeugen zum anderen von einem naiv-fragwürdigen Umgang mit der einschlägigen Rechtsmaterie. So behauptet der ehemalige Kultusminister Banzer (CDU) beispielsweise, die Abituraufgaben könnten durch das Ministerium nicht im Internet veröffentlicht werden, weil sie Zitate von urheberrechtlich geschützten Werken enthielten, deren allgemeine Zugänglichmachung durch § 53 des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urhebergesetz, UrhG) verboten sei. Deshalb sei die Veröffentlichung aller Prüfungsaufgaben unmöglich. Diese Aussage hält einer juristischen Prüfung keineswegs stand und ist bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes als falsch anzusehen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Land Hessen 2 bis 2,5 Mio. € pro Jahr für die Erstellung zentraler Prüfungsaufgaben ausgibt, hiernach jedoch lediglich „für die Bereitstellung der verwendeten Abituraufgaben eines Jahres eine Verwaltungskostenpauschale in Höhe von 100 € pro Aufgabenset (3 Aufgaben)“ von den entsprechenden Verlagen erhält, nicht akzeptabel: Das Land hat aus dem Verkauf eines Wertes in Höhe von 2 bis 2,5 Mio. € im Jahr 2007 4.400 € und im Jahr 2008 5.700 € eingenommen – und diesen somit mit jeweils durchschnittlich rund 99,8 v.H. „Verlust“ verkauft.“
Dann folgen 22 konkrete Fragen an die Landesregierung (vgl. Große Anfrage). Man darf auf die Antworten gespannt sein. Die bisherige Position der CDU-Alleinregierung wird nicht zu halten sein. Sustanziell hatte ich das im Beitrag Abitur verkauft (9)- zur Copyrightfrage dargelegt.

Die Linken hatten meine Recherchen und Positionen zum Großteil wörtlich in Ihre Anfrage aufgenommen. Sie hatten mich vorher gefragt, so wie ich allen 5 Parteien im Landtag bei der Lösung des Problems meine Mithilfe angeboten hatte. Die CDU hatte sich als „Strategie“ das große Schweigen ausgedacht, wegschauen, Übungsstundendemonstration in der „Diktatur des Sitzfleisches“. SPD und Grüne haben sich weitgehend die Position des Bildungswirts zu eigen gemacht und ihren entsprechenden Parteilfilter eingebaut. Prima, Hauptsache wir ziehen im Interesse der Schülerinnen und Schüler, der Eltern, letztlich auch im Interesse der Lehrerinnen und Lehrer an einem Strang. Auch die GEW Hessen hat sich durch Vorstandbeschluss Ende 2008 dieser Position angeschlossen:

Es bleibt die berechtigte, seit vielen Monaten bekannte Forderung:
“Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.”

Der Streit hat bundespolitische Bedeutung, da in keinem Bundesland bisher eine wirklich gute Lösung der Transparenz von verbrauchten Abituraufgaben gefunden wurde. Vgl. dazu auch meine beiden  Beiträge  „Abitur in Deutschland“.

Gespannt kann man sein, was jetzt die FDP tut. Die neue Ministerin Dorothea Henzler (FDP) hat es in der Hand, die 100 Tage  Schonzeit/Eingewöhnungszeit im Amt  sind abgelaufen. Ich wünsche ihr einen klaren analytischen Blick und viel Erfolg in der Lösung des Problems. Lösungsoptionen liegen vorbereitet auf dem Tisch. Es fehlt nur noch der politische Wille.

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Alles neu im Abitur!

22. Februar 2009 · von Miller · 1 Kommentar

Alles neu im Abitur!

„Ich bin die Abrissbirne für die deutsche Seele“ – alles glänzt so schön neu; passt sicher auch auf die „verstaubte“ pädagogische Luft, meint nicht nur Peter Fox.
Zuerst aber einige Lockerungsübungen für aufgeschlossene Ministerialräte,  Schulaufsichtsbeamte und Fachkommissionen zur Vorbereitung der Prüfungsaufgaben für das Abitur 2010!

Video 1: Peter Fox, Alles neu with Lyrics

Video 2: Peter Fox, Stadtaffe

Aufgaben
1. Schau und genieße! Etwas klickt immer im Kopf und in den Beinen.

2. Analysiere die beiden Videos hinsichtlich verwendeter Sprache, musikalischer Qualität und filmisch-ästhetischer Präsentation. Schreibe einen Kommentar für den Blog.

3. Produziere ein eigenes Video zu Schule, lernen, Lernförderung und Lernbehinderung.

4. Hast du überhaupt zu gar nichts Lust, bleib‘ im Bett, schlaf‘ weiter und nerve nicht deine Mitmenschen.

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SchulVerwaltung Hessen/Rheinland-Pfalz: Geheimtipp

23. Januar 2009 · von frankmackay · 1 Kommentar

SchulVerwaltung Hessen/Rheinland-Pfalz: Geheimtipp

Bernd Frommelt, Min. Dir. a. D., ist Präsident der Gesellschaft zur Förderung Pädagogischer Forschung e.V.
und Herausgeber der Zeitschrift für Schulleitung und Schulaufsicht in Hessen und Rheinland-Pfalz.

Er schreibt dort im aktuellen Heft 2/2009:

Schließlich noch ein „Geheimtipp“: an verborgenem Ort veröffentlicht Michael Miller sein „Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft“. Der Autor – Vater von fünf Kindern, Lehrer, Kneipier, Musiker , promovierter Philosoph – bietet in herzerfrischendem, mitunter flapsigem Duktus eine kenntnisreiche, kluge und bildungsgesättigte tour d´horizon durch alle die Themenfelder, die gegenwärtig Gegenstände der „großen“ politischen Debatte, aber eben auch der Diskussionen am Stammtisch sind. Und am „Stammtisch“ setzt er an, macht erfrischend konstruktive Vorschläge – Vorschläge für „Bildungsstandards für Lehrer“, für „Neue Lernkulturen und einsichtige Aufgabentypen“, wettert gegen Bürokratieauswüchse und „wortklingelnde Reformrhetorik“, um mit einer – mit seiner – überraschend ernsten, fundiert begründeten Vision eines anzustrebenden Gesellschaftsmodells, in dem „Ökologie, Ökonomie, Kreativität, Spiel, Effizienz und globale Verantwortung“ „in Anerkennung der Differenzen“ immer wieder zueinander finden, zu enden.
Das schlanke pfiffig aufgemachte Buch – von Gedankensprüngen hin und wieder ein wenig überfrachtet, zwischen Zitaten aus „Hoch“- und „Trivial“kultur mäandernd – eignet sich für alle, die für den überfälligen Diskurs über die Zukunft unseres Bildungswesen phantasievolle Anregungen bedürfen und „schräge Blicke“ auf die Verhältnisse schätzen – für „aufgeklärte Stammtische“ beispielsweise.

Michael Miller, Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft – Alle reden von Schule – was ist zu tun? Norderstedt 2008

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Hessische Bildungspolitik: SPD im Interview beim Bildungswirt

12. Januar 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Hessische Bildungspolitik: SPD im Interview beim Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Als erste antwortet Heike Habermann (SPD)

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Foto: Homepage von H. Habermann

Miller: Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Habermann: Oberste Priorität hat die Herstellung von Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung – von der Kita bis zum lebenslangen Lernen. In Hessen ist der Bildungserfolg durch verstärkte Selektion weiterhin abhängig von der Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern. Mit Investitionen in frühkindliche Bildung, einer Lehrerzuweisung, die an einem Sozialindex orientiert ist, durch die Einrichtung von Ganztagsschulen und durch die Förderung längeren gemeinsamen Lernens in kleineren Klassen wollen wir dieses Ziel erreichen.

Miller: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Habermann: Ausbildung umfasst die Vorbereitung auf einen Beruf und/oder eine berufliche Perspektive. Jeder junge Mensch muss nicht nur die Chance auf einen möglichst guten Bildungsabschluss sondern auch das Recht auf eine Ausbildung erhalten. Neben dem dualen System muss deshalb ein System von Ausbildungsmöglichkeiten vom Land ausgebaut und finanziert werden – auch unter Beteiligung der Arbeitgeber.

Miller: Soll Unterricht und Studium für die Lernende auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Habermann: Ja, auf jeden Fall. Die Hessische SPD hat die Studiengebühren abgeschafft und wird daran festhalten. Unser Ziel ist eine höhere Quote von Hochschulabsolventen, da wir qualifizierte Kräfte für die Zukunft brauchen. Niemand darf durch Gebühren von Bildungsabschlüssen oder Studium abgehalten werden.

Miller: Was halten Sie von den beiden Thesen: a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Habermann: Das Gymnasium entwickelt sich bei von den Eltern gewünschten Übergangsquoten zwischen 40 und 70 Prozent schon heute zur Gesamtschule. Deshalb muss auch das Gymnasium seiner Aufgabe gerecht werden, möglichst viele junge Menschen zu dem gewünschten Bildungsabschluss zu führen und die Verantwortung für ihren Bildungsweg zu übernehmen. Deutschland hat im internationalen Vergleich eine geringere Abiturientenquote. Zu frühe Selektion verhindert zuverlässige Bildungsprognosen für das einzelne Kind und verschenkt wertvolle Begabungen und Potenziale. Wir brauchen definitiv mehr Abiturienten und müssen alle Schulen in die Lage versetzen, jedes Kind so weit als möglich auf seinem individuellen Bildungsweg zu fördern.

Miller: Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Habermann: Neben kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung des bestehenden Lehrerbildungsgesetzes, insbesondere in der zweiten Ausbildungsphase, will die Hessische SPD eine Reform der Lehrerbildung, die die Gleichwertigkeit der Lehrämter herstellt. In der ersten Ausbildungsphase sollten alle zukünftigen Lehrkräfte auf ihre eigentliche Aufgabe – die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern – vorbereitet werden. Höhere Praxisanteile, Pädagogik, Diagnostik und Didaktik stehen im Vordergrund. Der Lehrer der Zukunft moderiert Lernprozesse und ist nicht in erster Linie Fachwissenschaftler. Das Fort- und Weiterbildungssystem muss in der Bildungsregion und an den einzelnen Schulen verankert werden, um Lernprozesse im gesamten Kollegium anzustoßen.

Miller: Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit,
Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

Habermann: Unser Ziel ist die eigenverantwortliche Schule, die weitgehend über inhaltliche und organisatorische Fragen selbst entscheidet. Gemeinsam mit dem Schulträger muss ein Gesamtbudget festgelegt werden, das die Schulen unter Mitwirkung von Eltern, Schulträger, Kollegium und Schülerschaft verwalten. Die eigenverantwortliche Schule soll in die Fläche umgesetzt, demokratisch verfasst und voll durch den Staat finanziert sein.

Miller: Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

Habermann: Das Landesabitur muss evaluiert und in seiner zukünftigen Struktur hinterfragt werden. Prüfungsaufgaben vergangener Jahre müssen auf jeden Fall frei zugänglich sein.

Bildungswirt: Frau Habermann, besten Dank für das Interview.

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