Der Frankfurter Theoretiker Ulrich Oevermann ist 70 – Glückwunsch!
Ulrich Oevermann, der Frankfurter Gesellschaftstheoretiker, Soziologe, Sozialpsychologe und professionelle Hochschullehrer alter Schule ist heute 70 Jahre geworden. Er ist einer der wenigen mit eigenständigem Gedanken und großem Forschungsgebiet: Objektive Hermeneutik.
Vereinfacht formuliert: Jede menschliche Handlung läßt sich als TEXT formulieren und in der Tiefe analysieren. Offensichtliche Sinnkonstruktionen mit oft unübersehbaren Folgen, verborgener Sinn können entschlüsselt werden. Welt ist Text/Zeichen/Spur und dadurch zugänglich.
Oevermann engagiert sich auch für das bedingungslose Grundeinkommen und die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Er ist Gegner der “neuen” Hochschulreform als eine Ausdrucksform verbetriebswirtschaftlicher Lehre und Forschung.
In der Vorweihnachtszeit geht’s in der ZEIT noch einmal richtig zur Sache.
Es geht um Freiheiten und Möglichkeiten des Internet, um den Kooperations- und Austauschgedanken, um eine neue Vision einer Bürgergesellschaft, um die Gefahr der digitalen Spaltung der Gesellschaft, um Urheberrechtsverletzungen, um Pfründe und bedrohte Absatzmärkte. Es diskutieren kontrovers: Sando Gaycken (Technikphilosoph); Dirk Engling/ Constanze Kurz/ Felix von Leitner/ Frank Rieger (Computer Chaos Club); Christian Sommer (Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen), Martin Haase/ Daniel Flachshaar/ Andreas Popp / Thorsten Wirth (Piratenpartei Deutschland)
Quelle: Flickr - Autor: gualtiero
Acht kontroverse Kostproben als Warming-up: Wer diskutiert da was?
1.„Der Menschheit stehen somit Möglichkeiten offen, an deren politischer Dimension allenfalls die Besitzstandswahrer der Contentindustrie zweifeln. Jeder ist in der Lage, Inhalte zu konsumieren, zu produzieren und sie mit wenigen Klicks zu verbreiten – lokal wie global. Die meisten Menschen nutzen diese Möglichkeiten unentgeltlich und in ihrer Freizeit. Das ist zweifellos ein altruistischer Akt.“
2.„Der zutiefst egoistische Akt des illegalen Downloadens wird durch einen pseudo-politischen Überbau gesellschaftlich gerechtfertigt.“
3.„Die Medienindustrie führt Krieg. Ein “war on filesharing” tobt seit Jahren. Der Branche geht es um die Herrschaft über ihre Güter.“
4.„Ihre Absicht ist es allerdings nicht, dadurch hemmungslos Geld zu sparen. Das Downloaden von digitalen Inhalten lässt das Rechtsempfinden der Menschen unberührt, denn Informationen – und somit Medieninhalte – sind weder knapp, noch kann man sie ’stehlen’. Wird etwas gestohlen, steht es dem rechtmäßigen Eigentümer nicht mehr zur Verfügung; das ist hier nicht der Fall. Nicht alle Menschen können in demselben Auto fahren, aber sie alle können dasselbe Lied hören.“
5.„Menschen downloaden nicht, weil sie die Welt verbessern wollen und nicht, weil sie für den Zugang zu sogenanntem freien Wissen streiten und Kultur teilen und verfügbar machen möchten. Der Grund ist viel banaler. Sie tun es schlicht und einfach, weil sie es können, weil es technisch möglich ist. Sie tun es, weil sie das sehen und hören möchten, was sie wollen. Und zwar sofort und umsonst. Und sie sind bereit und dankbar, Rechtfertigungsstrategien jeder Art dafür zu entwickeln und zu übernehmen. Seien sie noch so abstrus und inkonsequent.“
6.„Die Anzahl derer, die laut Angaben der Musikindustrie im Netz Daten tauschen, stellt längst die der Stimmen für die Regierungskoalition bei der letzten Bundestagswahl in den Schatten. Filesharing genießt so gesehen mehr Unterstützung in der Bevölkerung als unsere Regierung. Diesen Widerspruch kann man nicht durch bloße Rhetorik auflösen. Die Leute stimmen mit den Füßen ab. Dem kann man mit dem Bau einer Mauer begegnen, doch am Ende muss die digitale Reisefreiheit gewinnen.“
7.„Verleger oder klassische Intermediäre werden im Internet unmittelbar nach ihrem Bürokratieanteil bewertet, also danach, wie viel Geld tatsächlich bei den Künstlern beziehungsweise den Urhebern landet. Die Künstler wollen ihre Werke an die Menschen verteilen, und die Menschen wollen sie konsumieren oder gar weiterbearbeiten. Wir brauchen Institutionen, die beides ermöglichen und einen Bezahl-Rückkanal haben und die nicht, wie im Moment, die Kommunikation zu verhindern suchen.“
oder: Welche Regeln braucht der Marktplatz Internet?”
Die Suchmaschine Google streitet sich mit Autoren und Verlagen. Die Schriftsteller werfen dem Unternehmen vor, Bücher ohne Erlaubnis fürs Internet zu digitalisieren. Die Verleger verlangen einen fairen Anteil an den Werbeerlösen von Suchmaschinen, Portalen und Dienste-Anbietern. Aber auch untereinander streiten Autoren und Verlage über die Zweitverwertung von Texten und Fotos. Es geht ums Urheberrecht der Kreativen und das Leistungsschutzrecht der Medienwirtschaft. Und darauf haben private wie kommerzielle Internetgemeinde nur eine Antwort: Altes Denken müsse man nicht noch gesetzlich schützen. Und die Verlage kontern, da habe sich ein Kartell im Internet gebildet.
Darüber diskutierten aktuell im “Wortwechsel”:
Konstantin Neven DuMont, Vorstand der Unternehmensgruppe M. DuMont-Schauberg;
Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes;
Thomas Mosch, Geschäftsleitung des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien;
Jens Seipenbusch, Vorstandsvorsitzender der Piratenpartei Deutschland
Zuhören und selbst denken sind heute erstauliche Kompetenzen, die es zu fördern gilt.
Weitere Hintergrundmaterialien zur Kontroverse um den “Heidelberger Appell” finden sich hier
Kostenfreie Veröffentlichung von verbrauchten Abiturprüfungen wäre hierzu eine untergeordnete Debatte. Die Copyrightfrage ist weitgehend gelöst. Kostenlos und doch Akzeptanz des Copyrights – einfach kreativ zusammendenken und handeln.
Lehrer sind Sammler und Jäger; regelmäßig auf der Suche nach neuen Unterrichtseinheiten und geeigneten Materialien. Zunehmend wird das Internet in seiner galaktischen Größe mit unendlichen Informations- und Meinungsströmen entdeckt. Warum nicht auch einmal, ab vom mainstream, in clever gemachte Blogs reinschauen.
Hier habe ich einen der etwas anderen Art gefunden: Witzige Sachen, Politikwissenschaft und Populismus – der etwas andere Webblog:
http://www.literaturasyl.de/
Kostprobe zur Finanzkrise in sprachlich sehr salopper Form:
“Alles hat vor ein paar Jahren ganz langsam angefangen, als die ganzen Spekulanten ein bisschen frustriert von neuen Markt waren und nicht mehr jede Aktie die ein Dot, Com, De oder sonstwas enthielt 2000% Gewinn pro Tag abwarf. Enttäuscht wendete man sich ab und sucht nach neuen Möglichkeiten Geld zu generieren, wo eigentlich gar keins ist. Man kam auf die Idee wieder bodenständige Anlagen ins Programm aufzunehmen und so fand man den amerikanischen Privatmenschen. Diese bauen wie die Menschen hier gerne ein Eigenheim und daran ist absolut nichts verwerfliches. Man schuftet und holt sich für den Rest einen Kredit bei der Bank und stottert diesen dann im Laufe der Jahre wieder ab. Der Kredit wird über das Haus abgesichert durch eine Grundschuld oder eine Hypothek. Ein schlaues und sicheres System. Na ja, vielleicht nicht ganz so sicher, wie man immer dachte,…
Mehr: http://www.literaturasyl.de/?p=650
Wer ebenfalls einen besonderen Blog vorstellen will, einfach mal beim Bildungswirt melden.
Teil 2 der Artikelserie “Computerspiele”:
Um den negativen Schlagzeilen, die die Berichterstattung über die Wirkung von Computerspielen dominieren, etwas entgegenzusetzen, werde ich heute über die positiven Aspekte schreiben, die die Nutzung von Computerspielen zeitigen können.
Zunächst einmal sind folgende Punkte zentral für die positive Bewertung von Computerspielen: Sie machen Spaß, und zwar sowohl Mädchen als auch Jungen, und sie sind in allen Bildungsschichten beliebt. Hierbei ist zu bemerken, dass es zwischen den Geschlechtern Unterschiede in den bevorzugt gespielten Genres gibt (Details hierzu wieder die Kim und Jim-Studien). Der Spaß eine intrinsische Motivation zur Folge, sich mit diesem Medium auseinanderzusetzen – d. h. alle weiteren positiven Aspekte werden daher freiwillig und frohgemut aufgenommen.
Die freiwillige Auseinandersetzung mit den Strukturen und Inhalten von Computerspielen (wohlgemerkt: bei reinen Unterhaltungsspielen!) können also durchaus positive „Nebenwirkungen“ haben, wie in der Forschung immer wieder hervorgehoben wird. Dazu muss man nicht in die angelsächsischen Länder gehen (z.B. James Paul Gee, um einmal den bekanntesten zu nennen. Ein exemplarischer Text von ihm: „Good Video Games and Good Learning“. Auch hierzulande gibt es durchaus einige Vertreter, die aus (medien-)pädagogischer Perspektive den Computerspielen Positives abgewinnen können. Mit einer Forschergruppe des JFF kann man feststellen, dass Computerspiele durchaus kompetenzförderliche Potentiale haben (Kurzfassung, Langfassung). So werden dort zum Beispiel Adaptivität, Motivationsförderung und die Möglichkeit des Probehandelns positiv hervorgehoben. Johannes Fromme von der Universität Magdeburg betont zunächst, dass für Computerspiele dasselbe gilt wie für andere Medien: Im Umgang mit ihnen (also in der Mediensozialisation) erwerben die Spieler auf die Medien selbst bezogene Kompetenzen. Insofern, so Fromme und Biermann in ihrem Aufsatz „Identitätsbildung und politische Sozialisation“ (in Druck), erwirbt man durch das Spielen von Computerspielen „computer literacy“ (wobei, wie die Autoren anmerken, es noch diskussionswürdig ist, ob man hier von einer allgemeinen Computer-Literarität sprechen kann, oder nur von einer „Computerspiel-Literarität“). Diese lasse sich von der durch die Printmedien geprägten Literarität dadurch unterscheiden, dass sie eher „visuell-räumlich“ als „verbal-symbolisch“ geprägt sei. Dem möchte ich nur hinzufügen, dass sie vor allem auch noch „visuell-symbolisch“ geprägt ist, wie auch schon die anderen visuellen Medien wie TV und Film. Dabei handelt es sich keinesfalls um eine triviale Literarität, sondern um eine, die in der heutigen Welt – in der nun mal vorrangig visuell kommuniziert wird – durchaus entscheidend.
Wenn man großzügig sein möchte, dann kann man also sagen, dass die „computer literacy“, die durch Computerspiele gefördert wird, durchaus als Medienkompetenz firmieren kann. Denn – selbst wenn man die „computer literacy“ nur als Computerspiel-Literarität“ auffasst – die Spieler tummeln sich heutzutage in einem Kosmos, der alle Medien umfasst, vielleicht abgesehen von den ganz traditionellen Printmedien. Sie lesen Foren, Wikis und Blogs, sind mitunter aktiv daran beteiligt, schauen sich Videos auf YouTube an oder veröffentlichen gar selbst welche , verfassen/lesen „Walkthroughs“, „Cheats“ und Tipps – kurz, um die meisten Spiele finden sich im Internet ganze Universen an „Sekundärliteratur/-filmen“ die voraussetzen, dass man alle Möglichkeiten von Computer und Internet ausnutzt.
Hier lässt sich gleich der nächste Punkt anknüpfen: viele der Seiten sind auf Englisch. Nun will ich nicht behaupten, dass Computerspieler durch das Spielen ihrer Spiele und den Besuch der damit zusammenhängenden Internetseiten lupenreines Schulenglisch lernen, doch immerhin so viel, um sich zu informieren und manchmal auch genug, um zu kommunizieren. Immerhin ist es in den meisten MMORPGs wie „World of Warcraft“ oder „Eve-Online“ unumgänglich mit anderen Spielern sich abzusprechen. Zugegeben, es gibt bei vielen MMORPGs auch deutschsprachige Server, doch gibt es auch rein englischsprachige.
Die Bereitschaft, sich mit englischsprachigen Spielen auseinanderzusetzen, hängt sicherlich auch vom je schon vorhandenen Schulenglisch ab und von der Motivation des jeweiligen Individuums … wissenschaftliche Untersuchungen kenne ich hierzu leider keine – es wäre gut, wenn das mal einer unter die Lupe nehmen würde.
Hier zeigt sich aber m. E. sehr schön, dass ein hinreichendes Maß an intrinsischem Interesse erstaunliche Lernbereitschaft zu Tage fördern kann.
Aber auch in anderen Spielen, wie z.B. dem Browserspiel „Power of Politics“ wird jedem ernsthaft interessierten Spieler schnell klar, dass er Erfolge und einen Aufstieg in der parteiinternen Hierarchie nur erreichen kann, wenn er sich sinnvoll und mit guten Argumenten im Forum präsentiert. Analphabeten mit primitiven Rumgeprole werden dort – wenn nicht gemobbt, so doch mit Verachtung gestraft. Neue Spieler erkennen das relativ schnell und bemühen sich daraufhin, gut strukturiert und nachvollziehbar zu argumentieren. Freiwillig! Selbst auf die Rechtschreibung wird auf einmal geachtet. Hier hilft es zu wissen, dass man seinen Forumsbeitrag erst in Word schreiben und mit der Rechtschreibhilfe korrigieren lassen kann, um ihn dann mit Copy & Paste ins Forum zu stellen! Gerade auch für englische Beiträge liefert Word geradezu umwerfende Ergebnisse … und wenn man es oft genug getan hat, wird man merken, dass man als halbwegs aufmerksamer Verfolger der Word-Korrekturen, die Wordhilfe immer weniger benötigt. Spätestens hier ergibt sich eine Schnittmenge von „Computerspiel-“ und „Computer-Literarität“.
Darüber hinaus loben Fromme/Biermann Spiele wie Civilization für ihre ungeheure Komplexität hinsichtlich des politischen Handelns, das in diesen Spielen dann auch je nach Art und Weise des Handelns unterschiedlichen Konsequenzen nach sich ziehe. Dies könne sowohl zu einem verstärkten Interesse an Politik führen und als auch das Verständnis für ihre Komplexität wecken. Vor allem heben die Autoren mit Gee hervor, dass Computerspiele systemisches Denken und die Berücksichtigung von Wechselwirkungen verschiedener Teilbereiche von den Spielern verlangen und dieses Denken bei den Spielern fördern.
Gee betont, dass dieses Denken von nahezu allen Computerspielen gefordert wird unabhängig von den spezifischen Inhalten.
Insofern kann man bis hierher zusammenfassend festhalten, dass die positiven Eigenschaften von Computerspielen in einem Kompetenzerwerb jenseits spezifischer Inhalte liegen (also kein positives Wissen produzieren). Sie fördern Techniken der Kommunikation, des Sozialverhaltens und Denkweisen, die in der heutigen Gesellschaft unabdingbar sind.
Allerdings, um die positiven Seiten nicht überzustrapazieren: Oft gibt es in den angeführten Foren, Wikis und Chats natürlich auch sogenannte Flame Wars, die deutlich zeigen, dass es mit dem Sozialverhalten oft genug nicht weit her ist. Dass es mit der Rechtschreibung und Grammatik oft nicht wirklich klappt, zeigt sich auch deutlich in vielen der Seiten mit „User-Generated Content“. Insofern denke ich, dass die intrinsische Motivation, die ja gerade anfangs dieses Artikels betont wurde, durchaus von der Unterweisung einer Lehrkraft profitieren kann. Außerdem, zu guter letzt: Eine Studie über das „Medienhandeln in Hauptschulmilieus“ hat in Bezug auf Computerspiele deutlich gezeigt, dass viele Hauptschüler mit den komplexen Zusammenhängen in vielen Computerspielen deutlich überfordert sind. Dies führt jedoch, so die Studie, nicht unbedingt zu einem Spielabbruch, sondern zu individuellen Umgangsweisen mit dem jeweiligen Spiel. Meist besteht diese individuelle Umgangsweise in drastischer Komplexitätsreduzierung. Insofern scheint eine gewisse Skepsis angebracht, was die oben beschriebenen positiven Eigenschaften von Computerspielen, auf die Gesamtheit aller Spieler bezogen, angeht.
Kulturtipps – von Blue notes bis Latino Groove im März
Für Kurzentschlossene in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet
Blue notes of love am Freitag, 13.03., um 20 Uhr im Gallus Theater
Jazz und Gedanken über die Liebe. Eine musikalisch-literarische Frauen- und Männer-Revue von und mit Hans-Peter Schupp & Marcus Rüdel
“Aus Sicht der Frauen war der Mann oben. Früher. Dann sahen und drehten sich die Frauen um. Sie nannten es Emanzipation. Ab da waren die Männer unten durch. Nicht mehr benötigt, allenfalls, um Getränkekisten heimzutragen. Trinken durften sie nur noch in Kneipen. Alle anderen Dinge nahmen die Frauen in die Hand, und die Männer konnten zusehen, wie sie kamen, die Frauen. Falls sie nicht kamen, gingen sie und kamen. Woanders. Sie kamen auch mit der Frage: Wozu ein Mann, wenn es auch zwei tun oder drei bzw. warum überhaupt ein Kerl? Und die Männer fragen sich so viele Nächte ihres Lebens am Äquator des unverstandenen Geschlechts, der Bar: Was um alles in der Welt haben Frauen, das ein Mann noch braucht, der eigentlich schon alles hat?(…)”
Drei mal Leben am Sa., 14.03. und Fr., 20.03. im Freien Schauspiel eine Komödie für 4 Personen von Yasmina Reza, Regie: Reinhard Hinzpeter
Informationen zu der literarisch-musikalischen Revue blue notes of love und den Link zu einem kleinen Trailer: www.hpschupp.de , dort unter > Lesungen und dann unter > blue notes of love
ODER auch:
Südamerikanische Musik und Lebensgefühl mit Sergio Alvarez Y Amigos
Bosanova, Rumba, Chachacha, Bolero, Cumbia, …
Weltfinanzkrise und Musik-Charts der Aktienkurse – Politik- und Wirtschaftsunterricht einmal anders
Aktienkurse purzeln, Blasen platzen, Musik liegt in dicker Luft, Gierhälse und Wendehälse schütteln Hände, Banken werden verstaatlicht, Politiker ringen nach neuen Worten und der Steuerzahler weint am Billionen-Grab. Da könnte der Unterricht, z.B. im Fach “Politik und Wirtschaft” auch mal anders aussehen.
Kreative Übung: Zweimal das Video ansehen und gedanklich frei assoziierend Notizen anfertigen, 30 Minuten den eigenen Text nachbessern und im Kurs vorlesen oder im Blog veröffentlichen.
Friedeburg – jung, leidenschaftlich, wissend – sprach zur Bildungspolitik 2009
Die IG-Metall lud unter dem Titel: „Gute Bildung für alle. Warum tritt die Bildungspolitik auf der Stelle? Perspektiven für die Zukunft“ zum „gesellschaftspolitischen Salon“ gestern nach Frankfurt ein. Hauptredner war Prof. Ludwig von Friedeburg, hessischer Kultusminister von 1969-1974, Direktor des Instituts für Sozialforschung 1966 – 2001.
Vor Friedeburg eröffneten Prof. Heinz Sünker (Wuppertal) und Martin Allespach, Vorstandsbereich Gesellschaftspolitik der IG-Metall, die Debatte um „Bildungsarmut in Deutschland“. Sünkers sprach gar von „Bildungsapartheid in Deutschland“, von „Klassenkampf von oben“, und „Kinder von Gewerkschaftsmitgliedern werden um ihre Zukunft betrogen“. Man hörte bei der Beschreibung der aktuellen Zustände durch die linke Brille geradezu die alten bildungspolitischen Schriften der Studentenbewegung heraus: „Wider die Untertanenfabrik“ oder „Unwissen als Ohnmacht“ und „Bildung für alle“. Allespach betonte die Notwendigkeit einer „guten Bildung für alle“, anders formuliert: „Wohlstand könne sich keine Bildungsarmut leisten“. Die Gewerkschaften orientierten sich an einem „freiheitsorientierten Gerechtigkeitsbegriff“, der essenziell mit der Benachteiligung durch soziale Herkunft breche.
Dann kam Friedeburg. Ein alten Mann mit fester Stimme, schlauen Augen, klarer Gestik und spielte sich warm. Zum Einstieg lobte er dezent den amtierenden Kultusminister Banzer, den ehemaligen Landrat mit dem pragmatischen Händchen, „im Vergleich zur abenteuerlichen Politik einer Frau Wolff“. Das ändere aber alles nichts an der „Mittelmäßigkeit unseres Schulsystems“, an den „schönen Reden zur Verschleierung der tatsächlichen Misere“. Er zog das Ockhamsche Rasiermesser und sezierte mit Könnerhand die alte und neue deutsche „Bildungskatastrophe“. Im großen Ritt durch 400 Jahre deutsche Bildungsgeschichte legte er bis heute wirkende Standesinteressen, gymnasiale Abschottungspolitik durch die „Formel der Homogenität“ offen, erläuterte die Aufbruchstimmung für die Gesamtschule, schulformübergreifende Förderstufen, neue Lehrpläne Deutsch / Gesellschaftslehre und für mehr Bildungsgerechtigkeit Anfang der 70er Jahre. Selbst die FDP war mit Hildegard Hamm-Brücher in vorderster Front der Gesamt- und Ganztagsschule, selbst die CDU war für die Förderstufe. Er redete über objektiv schwierige Rahmenbedingungen (Reformtempo, fehlende Lehrer, fehlende Schulgebäude trotz schnell vorangetriebenen Neubauten) und massive politische Widerstände gegen seine Bildungspolitik in der CDU als auch zunehmend in den Reihen der eigenen SPD. Er sprang zurück zu Comenius Bildungsvorstellungen (Große Didaktik – allen alles ganz) mit Gleichheitsgrundsatz für alle Schüler, zitierte aktuell Baumert und Tenorth, dass sie wenigstens das „politische und pädagogische Versagen“ der Ausgrenzungspolitik, „des Skandals, der nicht publiziert werden soll“ offenlegten.
Die ganze angeführte Palette einer Bildungspolitik der Ausgrenzung kann jeder Interessierte zusammenfassend hier aus dem offiziellen Bildungsbericht 2008“ nachlesen.
Friedeburg war energiegeladen, alle 10 Minuten wurde er jünger und jünger, leidenschaftlicher Vordenker und Kämpfer für eine neue gerechte Bildungspolitik, für eine Verantwortungsethik der Lehrerinnen und Lehrer, für individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler. Aus dem äußerlich alten Gesicht leuchtete zunehmend jugendliche Vitalität und Aufbruchstimmung. Fast hätte man meinen können, er wäre der Herausforderer von Koch oder Banzer. Würde er so als NEUER in eine deutsche Schule kommen und Lehrer und Schüler zu pädagogischen Höchstleistungen motivieren, könnten die etwas ergrauten 68er (oder auch die neuen jungen pädagogischen Modulrealisierer) nur staunen. In reflektierender Haltung vielleicht sogar ausrufen: Welch ein Glück, wir haben einen neuen Kollegen, der für Bildungsgerechtigkeit und „Leistung aus Leidenschaft“ eintritt. (Das Motto hat die Deutsche Bank doch bei Pädagogen geklaut oder?).
PS. Kleine Anregung für die IG-Metall: Sollen solche Veranstaltungen wirklich ernsthaft “gesellschaftspolitischer Salon” heißen? Klingt eher etwas spießig und adelsantiquiert. Eine Traditionsanbindung an sog. Salons des 18. und 19.Jahrhunderts scheint mir für eine Gewerkschaft neben der Sache; dann lieber Kneipen-Forum. Es gibt bestimmt einen pfiffigeren Titel.
Nachtrag, 14.Jan: In der Frankfurter Rundschau von heute schreibt Peter Hanack zur Veranstaltung: “Ludwig von Friedeburg: Abschied von der Gesamtschule für alle.” Ja, das stimmt, das hat Friedeburg in einem Nebensatz auch gesagt und gleichzeitig die Idee der Gesamtschule ausführlich verteidigt. Aufgrund der erheblichen politischen Langzeitwiderstände hält er es jedoch für unrealistisch, dass es in den nächsten Jahren dazu kommen kann. Deshalb plädiert er für das Gymnasium und eine weitere Schulform für alle (nennen wir sie mal ‘Neue Schule’ B.W.) Oder was der Bildungswirt auf der Veranstaltung meinte: Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts. Die Gewerkschaften sollten ernsthaft über einen Kurswechsel nachdenken.