Unistreik: “Sachbeschädigung” und “12 Fakten und Irrtümer über den Protest”
Kurzbesuch in der J.W.Goethe-Universität:
Eine beeindruckend schöne Uni, fleißige, zielstrebige, teils lachende Studierende warten in den Fluren auf die nächste Veranstaltung, sitzen in der Mensa oder in der Vorlesung, organisieren Alternativveranstaltungen oder eilen über den Campus. Wenig Spannung in der Luft. Dann der Blick auf die sog. “Sachbeschädigungen”, gar “Vandalismusschäden” im Casino? Nach Medienberichten mindestens 200.000 Euro?
Wie immer hängt vieles vom Blickwinkel ab. Vorher war nichts – jetzt ist etwas.
Vorher kahle weiße Wände – jetzt Farbe, Botschaften, Graffitis, studentische Suchprozesse nach Ausdruck. Z.B. dies: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen Raum”. Da ist zweifellos was dran, würde auch lächelnd Adorno zugeben. Oder : “Denken geht auch ohne Geld” - wer kann da ernsthaft widersprechen? Dazu Graffitis in Kunstnähe – warum nicht?
Folgende Assoziation kommen auf:
a) Sachbeschädigung? Gut, wer das so sieht: Studierende richten ein Spendenkonto ein, um die Schäden unter fachmännischer Aufsicht eines geprüften Malermeisters selbst zu beseitigen. Geschätzte Kosten: ca. 20.- 30.000 Euro, etwa 10-15% der offiziellen Summe in den Medienberichten
b) Man sieht das als Bereicherung und Lebendigkeit im Casino: Studierende und Unibeschäftigte stimmen ab. Ergibt sich eine klare Mehrheit, dass alles bleiben soll, wird zusätzlich eine “Optimierungsgruppe Unikunst” installiert. Ziel: Die Uni lebt, nicht die Uni brennt. Studierende und Unipräsident Müller-Esterl sind zur Aussöhnung bereit.
Charmante Studierende reichen heute Flugblätter: 12 Fakten und Irrtümer über den Protest”
Irrtum 1:
Der Asta lenkt den Protest und ist verantwortlicher Ansprechpartner für alle im Rahmen des Protests durchgeführte Aktionen.
Die Protestbewegung hat eine basisdemokratische Struktur. Entscheidungen werden im Rahmen der für jeden zugänglichen Plena getroffen. Die Stimme eines ASTA-Mitglieds zählt dabei genauso viel, wie die eines jeden anderen in der Protestbewegung.
Irrtum 2:
Die Räumung des Casinos verlief friedlich und ohne Polizeigewalt.
Es liegt eine Fülle an Material in Form von Videos, Fotos, Augenzeugenberichten und dokumentierte Krankenhauseinlieferungen mit Attesten vor, die das Gegenteil beweisen.
Irrtum 3:
Die mit dem Protest verbundene Besetzung hat hauptsächlich Lehrveranstaltungen blockiert.
Das Lehrprogramm wurde mit über 70 Workshops bereichert, die zum Teil gemeinsam mit Dozenten_innen gestaltet wurden. Was blockiert wurde, war die sonst übliche kommenzielle Vermietung der Räume an Wirtschaftsunternehmen, wie z.B. in der letzten Woche die Commerzbank.
(…)
Irrtum Nr. 5:
Der Präsident sucht den Dialog.
Herr Müller-Esterl versucht vielmehr jegliche Kritik zu ersticken. Die angeblichen Kommunikationsversuche sind nichts als geschickt inszenierte Aufführungen für die Öffentlichkeit. Unliebsame Studierende werden durch Polizeimaßnahmen und Exmatrikulationsdrohungen erpresst. Ein Dialog mit dem Messer am Hals ist kein Dialog.
(…)
Näheres erfährt man sicher über Twitter, StudiVz und Facebook.
Bildungsstreik – Bulimielernen – eine kleine Nachlese zum 17.11.2009
Demo-Stimmen und Statements:
Willkommen in der Bildungsfabrik
Bildung zu teuer? Was kostet Dummheit?
Wir brauchen dringend kleinere Klassen
Wir sehen unsere Freunde leiden. Die pauken jeden Tag bis abends und sind kaum noch zu sehen
Jeder Lehrer meint, sein Thema sei das Wichtigste
Bildung statt Burnout
Lebst du noch oder studierst du schon?
10 Jahre Bologna – Bolognese für alle!
Seit Bologna leiden wir unter dem Bulimielernen und Knockout-Prüfungen
Betreten der Uni verboten! Eltern zahlen für ihre Kinder!
Wir fordern die substanzielle Anerkennung der Arbeit der Lehrkräfte, mehr gut ausgebildete Lehrkräfte und eine Entlastung hier und heute. Vorgesehenen Langzeitarbeitskonten sind ein Hohn. Wer, wie CDU und FDP im Bund, auf 24 Milliarden Euro Steuereinnahmen verzichte, der dürfe im Land nicht sagen, es ist kein Geld da. (Jochen Nagel, GEW-Vorsitzender Hessen)
Wir arbeiten an einer stetigen Verbesserung der Rahmenbedingungen. Vor diesem Hintergrund habe ich kein Verständnis für den Lehrerstreik .Für das Schuljahr 2009/2010 seien 1000 Lehrerstellen zusätzlich geschaffen, die Eingangsklassen deutlich verkleinert und Ganztagsangebote ausgebaut worden. Eine Verringerung der Lehrverpflichtung sei angesichts der wirtschaftlichen und finanziellen Situation schlichtweg nicht zu finanzieren. (Hessische Kultusministerin Dorothea Henzler, FDP)
Sagt der eine Esel zum anderen: Hast du aber lange Ohren.
Studenten bräuchten klare Signale, dass es die verabredeten Korrekturen bei der neuen Studienstruktur gebe. Viele bildungspolitische Reden machten noch nicht gute Bildungs- und Wissenschaftspolitik. (Bundesbildungsministerin Annette Schavan, CDU)
Die Vorlesungssäle sind überfüllt, und das Geld wird in Marmorböden statt in Bibliotheken gesteckt.
Gegen Leistungsterror und Lernfabriken
Wir jagen von einer Veranstaltung zur nächsten, hier die Anwesenheitspflicht erfüllen, dort noch ein paar Leistungspunkte abgreifen. Immer an der Grenze zur Überdosis Stoff, immer ohne Zeit, sich ernsthaft mit etwas zu beschäftigen.
Statt Freiheit der Lehre gibt es an den Hochschulen vor allem Leistungsdruck, überquellende Lehrpläne und unübersichtliche Prüfungsordnungen.
Bildungsstreik 2009 – für eine bessere Bildung in Deutschland
100 Milliarden für eine bessere Bildung – vom Kindergarten bis zur Universität. “Rettungsschirm Bildung”, heute soll es verstärkt los gehen. Was ist dagegen schon die Hypo Real Estate?
Einer der Einwände gegen Computerspiele, der m. E. sehr schwer wiegt, ist wohl ihr Suchtpotential. Dieses Suchtpotential haben aufgrund der sozialen Komponente vor allem die MMORPGs, in geringerem Maße aber auch Einzelspielerspielen. Ob die Computerspielsucht tatsächlich als Sucht im medizinischen Sinne gelten kann, darüber streiten Experten.
Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann ist der Auffassung, dass Computerspieler süchtig werden können und nennt dafür in seinem mit Gerald Hüther geschriebenen Buch „Computersüchtig“ eine Reihe von Gründen: die Möglichkeit Anerkennung zu finden, Kontakt zu Gleichgesinnten zu haben oder aber Abenteuer zu erleben, wird als dermaßen attraktiv empfunden, dass das Spielen zur Sucht werden kann. Denn Computerspiele seien Bedürfnisbefriedigungsmaschinen.
In einem Beitrag der BBC wird hingegen das Argument stark gemacht, dass viele der Spieler, die zu viel spielen, nicht als Süchtige zu bezeichnen sind, sondern als „compulsive Players“, also als Gewohnheitsspieler bzw. als zwanghafte Spieler. Solche Spieler benötigten eine andere Therapie als für Süchtige. Dennoch, darin sind sich die Experten einig, geht eine nicht zu unterschätzende Anziehungskraft von Computerspielen aus, die gerade Jungen gefährdet.
Spricht man mit Lehrern (das ist nun nicht repräsentativ!) hört man oft die Klage, dass die Schüler (nota bene: die männlichen Schüler) eigentlich nur noch ein Thema haben: Computerspiele. Und, dass sie den Eindruck haben, dass viele ihrer Schüler nur noch Computerspiele spielen in ihrer Freizeit.
Lassen wir einmal die Zahlen sprechen: laut JIM Studie 2008 liegt die durchschnittliche tägliche Spielzeit am Computer bei den Jungen wochentags bei 91 Minuten und am Wochenende bei 2 Stunden. Dazu kommt die Zeit, die diese Spieler verwenden, um entsprechende Zeitschriften zu lesen, einschlägige Internetseiten zu besuchen und eventuell selbst tatkräftig in Foren und Wikis aktiv zu sein. Also in der Tat ein zeitintensives Hobby.
Selbst wenn Computerspiele also nicht süchtig machen, rauben sie – so die Kritiker – also viel Zeit, die auf andere Weise vielleicht sinnvoller zu nutzen wäre: Schulaufgaben machen, Musizieren, Sport treiben etc. (dieses Argument wird vor allem von Prof. Pfeiffer angeführt). Aber wer bestimmt eigentlich, was sinnvoll(er) ist?
Die entscheidende Frage ist daher m.E.:
Was macht das reale Leben so unattraktiv, dass man sich derart intensiv ins Virtuelle stürzen muss? Vielleicht kommt man der Antwort auch auf die Spur, indem man andersherum fragt: Was macht Computerspiele so attraktiv? Der Versuch, darauf Antworten zu geben, folgt in Teil 3. Das nächste Mal geht es erst einmal um einige weitere negative Aspekte von Computerspielen.
Hessische Bildungspolitik: SPD im Interview beim Bildungswirt
Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Als erste antwortet Heike Habermann (SPD)
Foto: Homepage von H. Habermann
Miller: Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?
Habermann: Oberste Priorität hat die Herstellung von Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung – von der Kita bis zum lebenslangen Lernen. In Hessen ist der Bildungserfolg durch verstärkte Selektion weiterhin abhängig von der Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern. Mit Investitionen in frühkindliche Bildung, einer Lehrerzuweisung, die an einem Sozialindex orientiert ist, durch die Einrichtung von Ganztagsschulen und durch die Förderung längeren gemeinsamen Lernens in kleineren Klassen wollen wir dieses Ziel erreichen.
Miller: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Habermann: Ausbildung umfasst die Vorbereitung auf einen Beruf und/oder eine berufliche Perspektive. Jeder junge Mensch muss nicht nur die Chance auf einen möglichst guten Bildungsabschluss sondern auch das Recht auf eine Ausbildung erhalten. Neben dem dualen System muss deshalb ein System von Ausbildungsmöglichkeiten vom Land ausgebaut und finanziert werden – auch unter Beteiligung der Arbeitgeber.
Miller: Soll Unterricht und Studium für die Lernende auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?
Habermann: Ja, auf jeden Fall. Die Hessische SPD hat die Studiengebühren abgeschafft und wird daran festhalten. Unser Ziel ist eine höhere Quote von Hochschulabsolventen, da wir qualifizierte Kräfte für die Zukunft brauchen. Niemand darf durch Gebühren von Bildungsabschlüssen oder Studium abgehalten werden.
Miller: Was halten Sie von den beiden Thesen: a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.
Habermann: Das Gymnasium entwickelt sich bei von den Eltern gewünschten Übergangsquoten zwischen 40 und 70 Prozent schon heute zur Gesamtschule. Deshalb muss auch das Gymnasium seiner Aufgabe gerecht werden, möglichst viele junge Menschen zu dem gewünschten Bildungsabschluss zu führen und die Verantwortung für ihren Bildungsweg zu übernehmen. Deutschland hat im internationalen Vergleich eine geringere Abiturientenquote. Zu frühe Selektion verhindert zuverlässige Bildungsprognosen für das einzelne Kind und verschenkt wertvolle Begabungen und Potenziale. Wir brauchen definitiv mehr Abiturienten und müssen alle Schulen in die Lage versetzen, jedes Kind so weit als möglich auf seinem individuellen Bildungsweg zu fördern.
Miller: Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?
Habermann: Neben kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung des bestehenden Lehrerbildungsgesetzes, insbesondere in der zweiten Ausbildungsphase, will die Hessische SPD eine Reform der Lehrerbildung, die die Gleichwertigkeit der Lehrämter herstellt. In der ersten Ausbildungsphase sollten alle zukünftigen Lehrkräfte auf ihre eigentliche Aufgabe – die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern – vorbereitet werden. Höhere Praxisanteile, Pädagogik, Diagnostik und Didaktik stehen im Vordergrund. Der Lehrer der Zukunft moderiert Lernprozesse und ist nicht in erster Linie Fachwissenschaftler. Das Fort- und Weiterbildungssystem muss in der Bildungsregion und an den einzelnen Schulen verankert werden, um Lernprozesse im gesamten Kollegium anzustoßen.
Miller: Das Konzept der “Selbstverantwortlichen Schule” – eigene Rechtsfähigkeit,
Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?
Habermann: Unser Ziel ist die eigenverantwortliche Schule, die weitgehend über inhaltliche und organisatorische Fragen selbst entscheidet. Gemeinsam mit dem Schulträger muss ein Gesamtbudget festgelegt werden, das die Schulen unter Mitwirkung von Eltern, Schulträger, Kollegium und Schülerschaft verwalten. Die eigenverantwortliche Schule soll in die Fläche umgesetzt, demokratisch verfasst und voll durch den Staat finanziert sein.
Miller: Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?
Habermann: Das Landesabitur muss evaluiert und in seiner zukünftigen Struktur hinterfragt werden. Prüfungsaufgaben vergangener Jahre müssen auf jeden Fall frei zugänglich sein.
Bildungswirt: Frau Habermann, besten Dank für das Interview.
Inwiefern auch im Guten das Halbe mehr sein kann als das Ganze – auf Friedrich Nietzsches Spuren
„Bei allen Dingen, die auf Bestand eingerichtet werden und immer den Dienst vieler Personen erfordern, muss manches weniger Gute zur Regel gemacht werden, obschon der Organisator das Bessere und Schwerere sehr gut kennt: aber er wird darauf rechnen, dass es nie an Personen fehle, welche der Regel entsprechen können, – und er weiß, dass das Mittelgut der Kräfte die Regel ist. – Dies sieht ein Jüngling selten ein und glaubt dann, als Neuerer, Wunder wie sehr er im Rechte, und wie seltsam die Blindheit der anderen sei.“
Anmerkung: Diese pragmatische Erkenntnis gilt selbstverständlich auf im Bereich von Bildung und Wirtschaft. Die Frage der Blindheit ist allerdings keine Frage des Alters.
Der Bildungswirt hat sich schon mehrmals mit dem liebenswürdigen, aber unkalkulierbaren Hessen beschäftigt. Diesmal fassen wir die ganze Sache mal in drei Videos zusammen.
Der Blick wird in der SPD nach vorn gerichtet, man stellt sich dem Wähler bis zum 18.Januar 2009 – wem sonst? Nach der Wahl ist nicht unbedingt vor der Wahl – das gilt für alle Parteien seit vielen Jahren. Die bekannten Themen schwirren weiter durch die Lüfte und suchen nach Konkretion: Bildungsgerechtigkeit, Studiengebühren, Landesabitur, G8/G9-Debatte, Energiewende, starke/schwache Wirtschaft, Mindestlöhne, starker/schwacher Staat …Anregungen und Kritik erwünscht sich: www.schaefer-guembel.de.
Alternativ kann man sich auch den Schäfer-Gümbel-Song im Stil des angetrunkenen Udo Lindenberg (mal nicht ganz so gut drauf, durchzechte Nacht) anhören
Und noch einmal aktuell: Thorsten Schäfer-Gümbel will ernsthaft ins Gespräch kommen. Der Wähler, der Blogger hat die Qual der Wahl.
Lernen: Konstruktionen im Kopf (2) und Vorfreude im Leib
Wer das Lernen verstehen will, muss auch unser Gehirn verstehen. Wie arbeitet es, auf was kommt es an? Die Hirnforschung (u.a. Roth, Singer, Spitzer, Ramachandran, Gazzaniga, Mecacci) hat in den letzten Jahren hier enorme Fortschritte zu verzeichnen, gleichwohl steckt sie immer noch in den Kinderschuhen. Interdisziplinäre Forschungsfelder (Gehirn, Bewusstsein, Wahrnehmung, Erkenntnis, Programmierung) werden von Medizinern zusammen mit Philosophen, Biologen, Kognitionswissenschaftlern, Psychologen und Sprachforschern verstärkt bearbeitet. Pädagogen sind in der Regel nicht dabei, obwohl dies dringend geboten wäre. Die zentrale Frage lautet: Was kann die Schule aus diesen Forschungen lernen? Wo liegen die Grenzen der Neurowissenschaften? Wo bläst sich die Hirnforschung unnötig auf, verstrickt sich in Allmachtsphantasien?
Es lernt der Mensch als Ganzheit. Ohne subjektiven Sinn, ohne individuelle Lernmotivation, ohne diese gewisse Vorfreude im Leib gibt es kein Lernen. Der Kopf ist eben nicht allein. Die “Vernunft” kann sowohl Ratio als Emotio sein. Die Bauchentscheidung als Zustimmung oder Ablehnung kann sehr vernünftig sein, rationale Summe tieferliegender Erfahrungen. Die rationale Abwägung von Argumenten ist wichtig, aber eben nicht alles. Der kulturelle und situative Kontext beeinflusst (uns) mehr, als wir wahrhaben wollen.
Fassen wir im Folgenden vereinfacht – und immer noch kompliziert genug – die wichtigsten Befunde der heutigen Hirnforschung zusammen:
1. Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes System aus ca. 500 bis 1000 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), ein permanent schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, dazu ›geschmiert‹, geschützt und tempobeschleunigt von 10.000 Milliarden sogenannter Gliazellen. Das Gehirn steuert, kontrolliert, organisiert, integriert, löscht, lernt neu, »kommuniziert« im Dauerbetrieb. Höchstwahrscheinlich laufen mehr als 99% der Gehirnprozesse im Unbewussten ab. »Bewusstsein« ist also die Sonderform, uns bestens vertraut und doch im Einzelnen rätselhaft. Die beiden Gehirnhälften (Hemisphären) arbeiten weitgehend arbeitsteilig, können aber bei Bedarf auch andere Funktionen übernehmen, überlappende Kommunikationen herstellen. Die Brücke (Corpus Callosum) sorgt für den »Datenfluss«. Trotz aller biologischen Gemeinsamkeiten ist jedes Gehirn einzigartig. Vorstellungen vom biologischen »Welt-Durchschnittsgehirn«, von Normierungen und Standardisierungen sind fehl am Platz. Hinzu kommt, dass Lernen auch als »kulturelle Variable« zu verstehen ist mit unterschiedlichen Ausprägungen der Hirnorganisationen.
2. Dieses Erregungsnetz aus genetischen Anlagen und erlernten differenzierten Funktionen und Arbeitsweisen ist in tausend verschiedene Areale segmentiert, braucht Koppelungen, Stimuli, Aktivierungen, Assoziationen. In der gesamten Großhirnrinde (Cortex) lassen sich unter anderem folgende Zuordnungen vornehmen: Im sogenannten »Assoziationscortex« (Bereiche im Scheitel-, Schläfen- und Frontallappen des Gehirns) finden z.B. visuelle Wahrnehmungen, räumliche Strukturierungen und sprachliche Verarbeitungen von Signalen statt, Objektwissen im temporalen Cortex, mathematisches Wissen im hinteren parietalen Cortex. Der präfrontale Cortex simuliert und bewertet Handlungssituationen, erfasst die Motivationslage und setzt Handlungsplanungen um. Die sogenannten Spiegelneuronen sind beim Lernen durch Nachahmung (beim Säugling wie beim Greis), beim Lernen von Bewegungsmustern, beim Wahrnehmen von Emotionen, beim vorausschauenden ›Gedankenlesen‹ der anderen besonders aktiviert. Während die Rhythmuserkennung eher der linken Hemisphäre zugeordnet wird, ist für die Melodie als Ganzes eher die rechte zuständig. Das limbische Assoziationssystem verarbeitet emotionale Aktivierungen, angeborene und gesellschaftlich bedingte. Komplexe Neuronen-Netzwerke arbeiten modular, sind aber grundsätzlich interaktiv geschaltet. Jedes Wahrnehmen ist ein aktives Konstruieren.
3. Das Gehirn ist, allgemein gesprochen, gleichzeitig Überlebensorgan, Handlungsorgan, Bewusstseinsorgan und der ›große Interpret‹; es kann gar nicht anders. Die gesamte Erlebniswelt ist das Konstrukt der internen, interaktiven Hirnkommunikation. Der Zustand des Selbsterlebens ist aus naturwissenschaftlicher Sicht ein physischer Zustand. Jedes Lernen ist kognitive, motorische und emotionale Aktivierung, d.h. auch Neuentwicklung und Umbau von Milliarden von Synapsenverbindungen, Einspielung und Stabilisierung des Netzwerkaufbaus. Gedanken sind codiert in räumlichen Aktivierungsmustern mit erhöhtem Sauerstoffverbrauch. Im Gehirn entwickeln sich topologische Landkarten der Aktivierung mit ständigen Such-, Wahl- und Entscheidungsprozessen. Handeln, Denken, Fühlen sind im Lebensvollzug in ständiger Kommunikation. Phänomene wie z.B. Lampenfieber, Prüfungsangst oder spontane Jubelausbrüche – scheinbar körperliche Aktionen/Reaktionen ohne aktive Hirnsteuerung – erklären sich aus dieser vielschichtigen organischen Einheit. Gefühle sind immer im Gepäck. Jeder (Lern)Gegenstand ist mehr oder weniger affektiv besetzt. Im Cortex als der »Sitz des Bewusstseins« finden ständig komplexe »Selbstbeschreibungen« statt, die das »Ich« als Bewusstsein, Meinung, Wunsch, Gefühl empfindet und manchmal auch für Außenstehende zum Ausdruck bringt. Der tatsächliche Gedanke und der emotionale Zustand können von außen nicht gesehen werden. So kann sich ein Ich durch Training ›gut beherrschen‹, über den wahren Zustand hinwegtäuschen oder auch in seinem Gefühlspanzer ›eingesperrt‹ sein. Unsere Interpretationen sind dann auf wahrnehmbare Zeichen beschränkt.
4. Es gibt nicht das oberste Zentrum, sozusagen die Kommandozentrale aller Hirnaktivitäten, sondern viele Zentralen und Gedächtnisse mit -zigfachen Unternetzen. Begriffe wie Schaltzentralen, Verdrahtungen, Koppelungen, Arbeitsspeicher, Impulsgeber, Aufzeichnungen, Flussbahnen, Programmierungen etc. sind dabei nur bedingt geeignete Begriffe/Metaphern, um sich ein ungefähres Bild zu machen – wir stoßen an die Grenzen exakter sprachlicher Repräsentation, Gehirne ›sprechen‹ über Gehirne im unendlichen Regress. Der Hypothalamus regelt weitgehend unbemerkt unseren Biorhythmus, organisiert die Schlaf-, Wach- und Aktivitätszustände, veranlasst die Hormonausschüttung in die Blutgefäße usw., usw. Hätten wir davon ein Bewusstsein, würden wir buchstäblich verrückt werden. Der schnelle ›Gedächtnisspeicher/Arbeitsspeicher‹ ist vor allem im Hippocampus zu verorten; es erfolgt eine schnelle Aufnahme des Gelernten und langsamere Transformation in die Gehirnrinde in-nerhalb von Tagen, Wochen und Monaten. (Soweit das Gelernte nicht inzwischen wieder gelöscht wurde, es nicht genügend tiefe Spuren hinterlassen hat). Der Fremdsprachenerwerb sollte früh beginnen, umso besser die Erfolgsaussichten. Englisch in der Vor-Schule zu beginnen ist ratsam. Hirnphysiologisch gesehen ist zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr die beste Zeit für den tiefen, einprägenden Erwerb von Fremdsprachen.
Im Mandelkern (Amygdala) ist wiederum ›assoziatives Material‹ gespeichert, dass wir intuitiv bei Bedrohungs-, Kampf- oder Fluchtsituation brauchen. Körper und Geist werden sekundenschnell programmiert, der Blutdruck steigt, der Puls rast, die Muskeln spannen sich zum Körperpanzer. Die eingelagerte Evolutionsgeschichte meldet sich unverkennbar zu Wort. Wer in der Schule Angst hat (die berühmte Prüfungsangst ist dabei nur eine mögliche Form), der blockiert, kann nicht frei denken – erhält einen herben Gruß seines Mandelkerns. Sind wir entspannt, bewegen wir uns im offenen Denkraum und in angenehmer Atmosphäre, so schweigt der Mandelkern und die Großhirnrinde schwingt sich zu kognitiven Höhenflügen auf. Lernerfolg führt zur weiteren Lernverstärkung – das Gehirn ›belohnt‹ sich selbst durch Ausschüttung so genannter Botenstoffe, vor allem Dopamin. Mehr Dopamin, mehr Erfolg, mehr Glücksgefühl und umgekehrt!
Der kurze Ausflug in die Hirnforschung möge genügen, um sich vor allem eins klarzumachen: Die weitgehende Ausrichtung der Schule als kognitive Lernmaschine und ausdifferenziertes Disziplinierungssystem ist ein fataler Irrweg. Sie ist modernen demokratischen Dienstleistungsgesellschaften nicht angemessen und kann das Grundrecht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht einlösen. Während sich innerhalb der pädagogischen Domäne die »Status-quo-Verteidiger« und »Reformer« seit mehr als 100 Jahren über den richtigen Weg der Pädagogik streiten, in ideologischen Kämpfen verstricken, kommt mit neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung mehr Sachlichkeit in die Diskussion. Die Naturwissenschaften bestätigen mehr und mehr viele Ansätze der Reformer, dass der Mensch zugleich ein leibliches, geistiges, emotionales, kommunikatives, spirituelles, freiheitsliebendes Wesen ist, das allumfassend auch in der Schule gefördert werden sollte. Das System Schule als Anstalt ist nicht lebensfähig, muss sich ändern und sich den Potenzialen der Schüler annehmen, sie anregen und neugierig forschen lassen. In der ursprünglichen Bedeutung von Schule, der schola, schwingen immer schon mit: freie Zeit(einteilung), Müßiggang, schöpferische Muße, Studium, Selbstbestimmung. An dieses Netz der Tradition kann hier angeknüpft werden. Schule wäre so – dem Gehirn nachgebildet – ein schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, ein Erlebnis- und Gestaltungsraum täglicher Demokratie, ein guter Ort von Wissensfeldern, Wissensarten, Wissenslogiken und Kreativität, ausgefüllte Praxis der pädagogischen Leitlinie: »Die Menschen stärken, die Sachen klären« (H. v. Hentig).