Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 4

Einträge gespeichert als 'Interviews'

Berlin – ein geistiges Zentrum?

6. April 2010 · von Miller · Keine Kommentare

Berlin – ein geistiges Zentrum?

Kleiner Rückblick aus der Literatenbrille des großen Gottfried Benn – ein Fundstück, ein Zeitdokument.

Eine Anregung für den Deutsch- und Politikunterricht.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Bildung · Dunkelkammer · Gymnasium · Interviews · Unterricht

Kapitalismus – eine Weltreligion?

8. April 2009 · von Miller · 1 Kommentar

Kapitalismus – eine Weltreligion?

Die aktuelle Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise setzt Themen auf die Tagesordnung, die noch vor 6 Monaten tabu waren: Verstaatlichung der Banken, strenges Reglement der Finanzmärkte, neue Bankenaufsicht, neue System- und Wertfragen. Die Leitfragen heißen: Welche Maßnahmenpakete sind am besten geeignet, das Gemeinwohl durchzusetzen? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Oder doch: Wie sozialisieren wir die gigantischen Verluste mit Hilfe einer enormen Staatsverschuldung und garantieren die privaten Gewinne der Investoren für die Zukunft?

Der Gott des Geldscheins scheint überall angebetet, alle anderen Götter weitgehend abgeschafft. Der Volksatheismus hat längst seine neuen Tempel des permanten Konsumrausches international gefunden. Soll dagegen ein Kraut gewachsen sein? Gibt es wirkliche Alternativen? Ratlosigkeit im Weltinnenraum des Kapitals? Wird die tieferliegende ökologische Fundamentalkrise in ihren vielfältigen Dimensionen begriffen? Gibt es Lebensqualitätssteigerungen trotz oder wegen einer Konsumstagnation? Welche Maßstäbe sollen gelten – kollektiv und individuell?

Der erste Blogger mit Nobelpreis, Paul Krugmann, formuliert einige Gedanken hier in zwei Videos:

Fragen, die selbstverständlich auch fächerübergreifend in die Schule gehören. Wo sind die vorzeigbaren Projekte?

Obamas Ersatzkapitalismus genügt sicher nicht zur Krisenbewältigung.

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bildung · Gymnasium · Interviews · Literatur / Film · Vorbilder

Hessische Bildungspolitik: FDP und Grüne im Interview beim Bildungswirt

16. Januar 2009 · von Miller · 5 Kommentare

Hessische Bildungspolitik: FDP und Grüne im Interview beim Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Hier die Antworten von Dorethea Henzler (FDP) und Mathias Wagner (GRÜNE) .

dorothea-henzler-fdp mathias-wagner-gruene Bildquellen: Die Internetseiten der Kandidaten.
Miller: 1. Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Henzler (FDP) Die FDP will die Qualität des Unterrichts verbessern und die individuelle Förderung jedes Schülers stärken. Dafür wollen wir den Schulen die notwendigen Rahmenbedingungen durch mehr Personal und mehr Finanzmittel sowie durch mehr Eigenverantwortung geben. Wir fordern eine 105%ige Lehrerversorgung an allen Schulen verbunden mit der Möglichkeit für die Schulen, davon 20 % in Geld zu erhalten, damit neben Lehrkräften je nach Bedarf auch Sozialpädagogen, Psychologen und sonstige Kräfte für eine gezielte Förderung und Unterstützung der Schüler eingestellt werden können. Wir setzen uns auch für den zügigen Ausbau von Ganztagsschulen und –angeboten ein, denn diese ermöglichen mehr Bildungschancen unabhängig vom Elternhaus. Für eine bessere Vorbereitung auf die Schule fordert die FDP, das dritte Kindergartenjahr in ein verpflichtendes Vorschuljahr in Landeszuständigkeit für alle Fünfjährigen umzuwandeln. Die Kinder sollen in diesem Jahr durch eine altersgerechte Pädagogik besser als bisher auf die Schulen vorbereitet werden. So erhalten alle Kinder gleiche Chancen am Schulstart.

Wagner (Grüne): Es ist Zeit für einen neuen Aufbruch für Hessens Schulen. Die Schritte, die gegangen werden müssen, um im Schulsystem mehr Qualität zu erreichen, sind bekannt. Gute Schulen werden vor Ort gemacht, daher muss die einzelne Schule in ihrer Arbeit für den einzelnen Schüler und die einzelne Schülerin in den Mittelpunkt gerückt werden. Unsere Schulen brauchen endlich Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten in pädagogischer, personeller, finanzieller und organisatorischer Hinsicht. Konkret bedeutet das unter anderem eine bessere Personal- und Sachausstattung, kleinere Klassen, mehr Zeit zum Lernen und zur individuellen Förderung durch Ganztagsangebote. Wir GRÜNE wollen den Schulen ihren Weg nicht von oben vorschreiben, sondern wir stehen für Schulreformen von unten.
Wir wollen wieder mehr in Bildung investieren, denn die Zukunft unserer Kinder muss uns etwas wert sein. Mit einem Maßnahmenpaket wollen wir für einen neuen Aufbruch an Hessens Schulen sorgen. Erster Baustein ist die Erhöhung der Landesausgaben für die Schulen um 300 Millionen Euro innerhalb der nächsten fünf Jahre. Damit wollen wir mehr individuelle Förderung mit zusätzlichen Lehrerinnen und Lehrern in kleineren Klassen erreichen. Zweiter Baustein ist ein auf zehn Jahre angelegtes drei Milliarden Euro Investitionsprogramm zur Sanierung der Schulgebäude in Hessen. Zurückgehende Schülerzahlen werden wir in allen Schulformen nicht für Einsparungen im Bildungsbereich nutzen, sondern zur Qualitätsverbesserung, u.a. durch eine flexible Schuleingangsphase und kleinere Klassen. Zu einer besseren Schüler-Lehrer-Relation trägt auch die von uns GRÜNEN geplante 105-prozentige Lehrerversorgung bei. Zudem wollen wir es in den kommenden fünf Jahren der Hälfte der weiterführenden Schulen auf freiwilliger Basis ermöglichen, sich zu Neuen Schulen weiterzuentwickeln, die nach dem Vorbild des PISA-Siegerlandes Finnland längeres gemeinsames Lernen bis zum Ende der Mittelstufe ermöglichen.

Miller: 2. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Henzler (FDP) Das staatliche Schulsystem soll jungen Menschen sowohl eine umfassende Bildung zukommen lassen als auch ihre Ausbildungsreife sicherstellen. Schüler müssen deshalb stärker in die Lage versetzt werden, sich selbstständig Wissen zu erarbeiten und eigenständig nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Das Lernen von Fakten kann daher nur noch ein Teil der schulischen Arbeit sein. Genauso wichtig ist das Kennen und Benutzen der Neuen Medien. Auch der Lehrer soll in diesem Zusammenhang seine Rolle vom „Belehrenden“ hin zum Moderator und Lernberater für die Schüler ändern und seine Unterrichtsgestaltung darauf ausrichten. Damit Schule eine umfassende Bildung aller Schüler ermöglichen kann, muss sie zu einem Ganstagsbetrieb ausgebaut werden, denn so bietet sie die Möglichkeit über den reinen Fachunterricht hinaus auch interessante Bildungs- und Freizeitangebote zu unterbreiten.

Wagner (Grüne): Seit Wilhelm von Humboldt ist mit dem Wort Bildung auch das Moment der Selbständigkeit, also des Sich-Bildens der Persönlichkeit verbunden. Während Erziehung eher äußere Steuerungsimpulse der Persönlichkeitsentwicklung meint, bezieht sich Bildung wesentlich auf Prozesse und Ergebnisse der individuellen Verarbeitung und Aneignung. Im Gegensatz zu Ausbildung bzw. Berufsbildung ist Bildung nicht unmittelbar an ökonomische Zwecke gebunden. Häufig jedoch ist der Erwerb allgemein bildender Abschlüsse, insbesondere des Abiturs, Voraussetzung für den Zugang zu gut bezahlten Berufen. Wenn sich Bildung jedoch auf Ausbildung beschränkte, wäre das das Aus für Bildung in einem umfassend verstandenen Sinne.

Miller: 3. Soll Unterricht und Studium für die Lernenden auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Henzler (FDP): Die FDP tritt für ein kostenloses staatliches Schulsystem ein, dessen Qualität sie konsequent ausbauen will. Daneben setzen wir uns auch für eine angemessene Finanzierung des Privatschulwesens in Hessen als qualitative Bereicherung des Schulsystems ein. Da die Diskussion um Studiengebühren eine große Unruhe gebracht hat, hat die FDP beschlossen, dass in der 18. Legislaturperiode keine Studiengebühren für das Erststudium eingeführt werden sollen.

Wagner (Grüne): Grundsätzlich sprechen wir uns für die Kostenfreiheit aller Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsangebote aus, um Kindern und Jugendlichen unabhängig von den finanziellen Verhältnissen ihres Elternhauses gute Lern- und Bildungschancen zu ermöglichen. Allerdings hat im vorschulischen Bereich die Erfüllung des Rechtsanspruchs auf Betreuung – also die Schaffung zusätzlicher Plätze – für uns Vorrang vor der Ausdehnung der Kostenfreiheit.
Wir unterstützen lebensbegleitendes Lernen. Besonderer Förderung bedürfen Personen, die sonst keine Möglichkeiten haben, sich beruflich oder allgemein weiterzubilden. Dies gilt auch für Rückkehrer in das Berufsleben und für ältere Menschen. Das Nachholen aller Schulabschlüsse muss möglich sein. Dazu bedarf es des Ausbaus entsprechender Strukturen, gerade auch der Schulen für Erwachsene. Die Pluralität der Angebote und die Gebührenfreiheit staatlicher Bildungsabschlüsse sind dabei zu erhalten.
Wir GRÜNE stehen im Hochschulbereich für die Entwicklung guter Studienbedingungen und für eine gerechte Teilhabe an Bildung ohne Rücksicht auf die finanziellen Möglichkeiten des Elternhauses. Wir haben bei der Abschaffung der Studiengebühren eine führende Rolle gespielt. Damit haben wir dazu beigetragen, eine große Zugangshürde zu den Hochschulen zu beseitigen. Die CDU verfolgt wie auch ihr Wunschkoalitionspartner FDP mittelfristig weiter die Einführung von Studiengebühren. Weil Studiengebühren aber sozial ungerecht und bildungspolitisch falsch sind, müssen sie abgeschafft bleiben. Wir GRÜNE garantieren, dass es mit uns weiter keine Studiengebühren geben wird.

Miller: 4. Was halten Sie von den beiden Thesen:
a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und
b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Henzler (FDP): Die FDP will alle drei Bildungsgänge Haupt-, Realschule und Gymnasium und deren Abschlüsse in ihrem Profil stärken und die Anschlussfähigkeit in den jeweils nächst höheren Bildungsgang für Schüler sicherstellen. So wird eine Ausbildung nach Neigung und Begabung erhalten und das Vertrauen in die Qualität aller drei Bildungsgänge gestärkt. Gleiches gilt für das Abitur und den Hochschulzugang. Wir wollen gewährleisten, dass nicht nur der Weg über das Gymnasium hin zum Abitur bzw. zum Studium führt, sondern dass dieser Weg auch über den Bildungsgang Hauptschule offen steht. Schüler sollen nach jedem Bildungsabschluss ermuntert werden, weiter zu lernen und den nächst höheren Abschluss anzustreben. Auch über berufliche Bildungsgänge muss ein Hochschulzugang für bestimmte Fachrichtungen ermöglicht werden. Wir sind der Auffassung, dass durch diese Anschlussfähigkeit in unserem Bildungssystem durch gezielte Aus-, Fort- und Weiterbildung der Fachkräftemangel in einzelnen Branchen besser bekämpft und die Qualifikation der jungen Menschen insgesamt stärker erhöht werden kann, als durch eine allgemeine Erhöhung der Abiturientenquote.

Wagner (Grüne): Sehr viele Eltern – die Tendenz ist weiter steigend – entscheiden sich nach der Grundschulzeit dafür, ihr Kind aufs Gymnasium zu schicken, auch unabhängig davon, ob die Grundschule eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen hat oder nicht. Dies stellt das Gymnasium vor neue Aufgaben, denn es muss der zunehmenden Heterogenität seiner Schülerschaft gerecht werden und ihr Potenzial umfassend entwickeln. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, für die Lehrerinnen und Lehrer geeignete Rahmenbedingungen und ein leistungsfähiges Unterstützungssystem benötigen.
Bislang hängen in Hessen die Bildungschancen immer noch viel zu stark von der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen ab. Das wollen wir ändern. Bildung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Kein Kind darf zurückgelassen werden. Gute Bildung ist für das einzelne Kind und die Entfaltung seiner Persönlichkeit ebenso wichtig wie für die wirtschaftliche und technologische Entwicklung unseres Landes. Nur wenn es uns gelingt, alle Fähigkeiten zu entwickeln, ist unser Land zukunftsfähig. Wir brauchen mehr Abiturientinnen und Abiturienten und wir brauchen ein leistungsfähiges und leistungsförderndes Bildungssystem, das auch nach dem Schulabschluss nicht aufhört, sondern lebensbegleitende Angebote vorhält. Für den gleichzeitigen Erwerb eines Abiturs und einer Berufsausbildung werden wir verbesserte Möglichkeiten schaffen. Zudem wollen wir die Hochschulen in die Lage versetzen, in den kommenden Jahren tatsächlich mehr Studierende aufzunehmen. Nur so können wir die Bildungsbeteiligung und auch die chancengerechte Teilhabe an Bildung erhöhen, einem Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften entgegenwirken und verhindern, dass sich die angespannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt durch Verdrängungseffekte weiter verschärft.

Miller: 5. Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Henzler (FDP): Die Lehrerausbildung muss stärker berufsvorbereitend und praxisorientiert gestaltet werden. Bereits in der ersten Ausbildungsphase, dem Studium, soll der Praxisanteil erhöht werden. Die FDP hat in der vergangenen Legislaturperiode einen Gesetzentwurf zu Veränderungen im Vorbereitungsdienst vorgelegt mit dem Ziel, die Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst zu entlasten, damit sie mehr Zeit für die Unterrichtsvor- und –Nachbereitung haben. Die FDP setzt sich darüber hinaus dafür ein, dass vor der Zulassung zur zweiten Ausbildungsphase, dem Vorbereitungsdienst, der spätere Dienstherr die Eignung der Bewerber für das Lehramt durch eine Eignungsprüfung durch das Amt für Lehrerbildung feststellt. Denn nur die für dien Lehrerberuf am besten geeigneten Kandidaten sollen zum Vorbereitungsdienst zugelassen werden. Nur so kann die Qualität des Lehrerberufs sichergestellt werden.

Wagner (Grüne): Wir wollen die Fortbildung und das Unterstützungssystem für Lehrerinnen und Lehrer verbessern. Die Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer und die an sie gestellten Erwartungen sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Wir werden daher ein leistungsfähiges Unterstützungssystem für unsere Schulen schaffen, um durch Qualifizierung der Lehrerinnen und Lehrer sowie Einbeziehung anderer Professionen den Anforderungen an Schule gerecht werden zu können. Konkret werden wir
• die Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung ausbauen und stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen orientieren. Das unsinnige, bürokratische und auf tiefem Misstrauen basierende Sammeln von Fortbildungspunkten schaffen wir ab;
• die bisherigen Unterstützungsleistungen der Staatlichen Schulämter und kommunalen Schulträger in regionalen Bildungsbüros zusammenfassen und ausbauen (z.B. im Bereich der Schulsozialarbeit und des schulpsychologischen Dienstes) und so den Schulen Unterstützung aus einer Hand liefern. So kommt die Vernetzung zwischen Jugendhilfe und Schule einen entscheidenden Schritt voran;
• Derzeit vorhandene Reibungsverluste und unklare Zuständigkeiten zwischen den staatlichen Schulämtern, dem Institut für Qualitätsentwicklung und dem Amt für Lehrerbildung abbauen.
Auch die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wollen wir verbessern. Das Berufsbild von Lehrerinnen und Lehrern hat sich erheblich gewandelt. Sie sind nicht nur mit anspruchsvollen pädagogischen Aufgaben, sondern auch mit gestiegenen gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert. Daher kommt ihrer Ausbildung großes Gewicht zu, denn sie legt den Grundstein
für gute Schulen. Die Landesregierung hat in der Lehrerbildung mit ihrer „Reform“ in den Schulen, Universitäten und Studienseminaren Chaos angerichtet. In einem ersten Schritt werden wir hier die notwendigen Korrekturen vornehmen. Dazu gehören für uns eine Entschlackung der Ausbildungsmodule, die Reduzierung der Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst (LiV) sowie ihrer Ausbilderinnen und Ausbilder und die Stärkung der Rolle der Mentorinnen und Mentoren. In einem zweiten Schritt werden wir im Dialog mit allen Beteiligten über die künftige Struktur der Lehrerbildung beraten. Dabei sind insbesondere die Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse, die Rolle der Staatsexamina und die schulformbezogene Ausbildung zu diskutieren.

Miller: 6. Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit, Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

Henzler (FDP): Die FDP hat als einzige Partei ein ausführliches Konzept für die eigenverantwortliche Schule vorgelegt. Wir fordern, dass die Schulen zukünftig ein Budget führen und selbstständig Personal einstellen dürfen und ihre Schulorganisation und den Unterrichtsbetrieb eigenverantwortlich gestalten. In einem ersten Schritt fordern wir dafür eine 105 %ige Lehrerversorgung in Form eines Budgets für alle Schulen mit der Möglichkeit, dass die Schulen davon bis zu 20 % in Geldmitteln zur eigenverantwortlichen Verfügung erhalten können. Den Modellversuch „Selbstverantwortung Plus“ für mehr Eigenverantwortung der beruflichen Schulen hat die FDP maßgeblich vorangetrieben. Grundsätzlich fordern wir, dass dieser Modellversuch zügig fortgesetzt wird und darüber hinaus auch weitere Schulen aller Bildungsgänge, die sich dies zutrauen, in die Eigenverantwortung entlassen werden sollen. Wir wollen die eigenverantwortliche Schule nicht von oben verordnen, sondern sie soll sich von unten an den einzelnen Schulen entwickeln. Über die unverändert hohe finanzielle Ausstattung mit staatlichen Mitteln hinaus sollen eigenverantwortliche Schulen zusätzlich eigene Einnahmen machen dürfen und selbstständig Ausgaben tätigen.

Wagner (Grüne): Das Modellprojekt „Selbstverantwortung plus“ wollen wir fortführen und weiterentwickeln. Die Ergebnisse und Möglichkeiten des Modells an derzeit 17 beruflichen Schulen in Hessen werden wir als Gestaltungsoption allen Schulen zur Verfügung stellen. Diejenigen Schulen, die sich zu diesen Schritten hin zu mehr Selbstverantwortung entschließen, erhalten die dafür notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen und die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen.
Gute Schulen werden vor Ort gemacht. Wir wollen den einzelnen Schulen vertrauen und ihnen etwas zutrauen. Eine Verbesserung der Qualität, des Lernumfelds für die Schülerinnen und Schüler und des Arbeitsplatzes Schule braucht mehr Freiheit und Eigenständigkeit und weniger Bürokratie und Gängelung. Wir wollen in enger Zusammenarbeit mit den Schulen diese von unnötigen Vorgaben der Kultusbürokratie befreien.
Voraussetzung für Selbstständigkeit von Schule ist die Verlässlichkeit der Politik hinsichtlich der pädagogischen Zielsetzungen, der Unterstützung für die Schulen und der Bereitstellung personeller und finanzieller Ressourcen, denn die Gesamtverantwortung für Schule und Bildung verbleibt beim Staat. Wir werden die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Schulen im Rahmen der erhöhten Selbstständigkeit ihre Aufgaben erfüllen können. Auch werden die Schulen mehr Budgetverantwortung erhalten. Die Schulen sollen über den Einsatz der Sachmittel und über die Verwendung der Personalmittel stärker selbst entscheiden können. Die scharfe Trennung zwischen Sach- und Personalmitteln wird überwunden.
Wir werden in einen Dialogprozess mit den an Schule Beteiligten darüber eintreten, welche pädagogischen, personellen und organisatorischen Freiheiten sie zur weiteren Qualitätsverbesserung ihrer Schule brauchen. Unser Grundsatz dabei lautet: Klarheit über die zu erreichenden Ziele, größtmögliche Freiheit bei dem Weg dorthin, Überprüfung der Ergebnisse. Die Schulen entscheiden in eigener Verantwortung auf der Basis ihres Schulprogramms über Unterrichtsorganisation und Unterrichtsgestaltung. Keine Schule
wird gezwungen, diesen Weg zu gehen, aber die Schulen, die es wollen, erhalten die Möglichkeit dazu.

Miller: 7. Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

Henzler (FDP): Für die FDP muss in erster Linie gewährleistet sein, dass alle Schüler an ihrer Schule kostenfreien Zugang zu den Prüfungsaufgaben für das Landesabitur der Vorjahre haben. Dafür werden wir uns einsetzen. Darüber hinaus halten wir den Verkauf der Abituraufgaben für Schulbuchverlage für vertretbar, wenn die Einnahmen daraus zur Verbesserung des hessischen Schulsystems verwendet werden.

Wagner (Grüne): Wir halten die Praxis der CDU-Landesregierung, die bereits verwendeten Prüfungsaufgaben an private Verlage zu verkaufen und den Schülerinnen und Schülern nur noch einen sehr begrenzten kostenfreien Zugriff darauf zu gewähren, für fragwürdig. Die Antworten der Landesregierung auf unsere diesbezügliche parlamentarische Anfrage haben uns nicht überzeugt. Wir setzen uns dafür ein, dass die Prüfungsaufgaben kostenfrei im Internet zugänglich gemacht werden.

Vielen Dank für die Interviews.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Allgemein · Berufsschule · Bildung · Gesamtschule · Gymnasium · Hauptschule · Interviews

Hessische Bildungspolitik: DIE LINKE antwortet dem Bildungswirt

15. Januar 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Hessische Bildungspolitik: DIE LINKE antwortet dem Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Hier die Antworten von der Partei Die Linke.

Miller: 1. Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Die Linke: Für DIE LINKE hat absolute Priorität, die soziale Ausgrenzung im Bildungssystem in Deutschland zu beenden und gute Bildung für alle zu gewährleisten. In keinem anderen Industrieland bestimmt der Geldbeutel der Eltern so sehr die Bildungschancen eines Kindes. Arbeiterkinder kommen derzeit meist auf die Hauptschule, Akademikerkinder aufs Gymnasium. DIE LINKE tritt für ein Recht auf Bildung für alle ein.
DIE LINKE macht sich deshalb stark für die Gemeinschaftsschule, d.h. „eine Schule für alle“. In gut ausgestatteten Gemeinschaftsschulen könnten alle Kinder und Jugendlichen besser gefördert werden. Das geht nur mit viel mehr Geld im Bildungssystem: mit viel kleineren Klassen, mit mehr Lehrerinnen und Lehrern, mit mehr Erzieherinnen und Erziehern in den Kindertagesstätten und mehr Dozentinnen und Dozenten und Professorinnen und Professoren an den Hochschulen.

Miller: 2. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Die Linke: Bildung ist ein Menschenrecht. Bildung ist mehr als die Ausbildung für einen bestimmten Beruf. Bildung wird immer mehr auf für die Unternehmen am Arbeitsmarkt verwertbare Ausbildung reduziert.
DIE LINKE tritt deshalb für Bildung jenseits von wirtschaftlichen Verwertungskriterien ein. Jede und jeder muss sich umfassend bilden können, um sich individuell entwickeln und an der Gesellschaft teilhaben zu können.
Aber auch eine gute Berufsausbildung ist wichtig. Zehntausende von Jugendlichen bekommen jedes Jahr keinen Ausbildungsplatz. DIE LINKE setzt sich deshalb für ein Recht auf Ausbildung für alle ein.

Miller: 3. Soll Unterricht und Studium für die Lernenden auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Die Linke tritt ein für gebührenfreie Bildung für alle – von der Kindertagesstätte über die Schule und Hochschule bis zur Weiterbildung. DIE LINKE ist gegen Bildungsgebühren, z. B. gegen die Abschaffung der Lernmittelfreiheit für Bücher und gegen Kita- und Studiengebühren. Gebühren verschärfen die soziale Auslese und machen Bildung zur Ware. Bildung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie muss öffentlich durch gerechte Steuern finanziert werden und durch ungerechte Gebühren von den Lernenden.

Miller: 4. Was halten Sie von den beiden Thesen:
a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und
b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Die Linke: a) Das Gymnasium ist nicht die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts. Nur 40 Prozent eines Jahrgangs machen derzeit Abitur. Das mehrgliedrige Schulsystem grenzt behinderte Kinder, Migrantenkinder und Arbeiterkinder, systematisch aus. DIE LINKE tritt für eine Gemeinschaftsschule ein und gegen die soziale Auslese in Förderschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Die Schule des 21. Jahrhunderts ist eine allgemeinbildende Schule, in der das polytechnische Prinzip einen modernen praxisnahen Unterricht ermöglicht. Die Gemeinschaftsschule gewährleistet eine umfassende Allgemeinbildung für alle Schülerinnen und Schüler. Allgemeinbildung in der Gemeinschaftsschule wie wir sie verstehen, umfasst deshalb alle Bereiche des menschlichen Lebens – Natur, Arbeitswelt, Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Wissenschaft und Kunst, soziale und ethische Beziehungen, Freizeit und Familie. Die Gemeinschaftsschule ist im besten Sinne eine Schule gemeinschaftlicher Bildungsarbeit. Hier wollen wir an positive Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern anknüpfen. Unterricht, weiterführende Angebote im Wahlpflichtbereich und in zusätzlichen attraktiven Arbeitsgemeinschaften, Schulsozialarbeit und schulpsychologische Angebote sollen den Rahmen für erfolgreiches Lernen schaffen. Die Gemeinschaftsschule ist eine sozial engagierte Schule. Sie schaut nicht weg, wenn Schülerinnen und Schüler in ihrem persönlichen und häuslichen Umfeld Probleme haben. Sie entwickelt Solidarität untereinander und bietet sozialpädagogische und sozialpsychologische Hilfen. In der Gemeinschaftsschule soll ein vollwertiges kostenloses Mittagessen für alle Kinder angeboten werden. Ein Abschieben von Lernenden in andere Schulformen soll es in Hessen ebenso wenig geben, wie das „Sitzenbleiben“.

b) DIE LINKE meint: Mit funktionierenden Gemeinschaftsschulen könnten mehr Menschen Abitur machen und studieren. Das wäre gut. Gleichzeitig müssen wir dringend verhindern, dass jeder zehnte Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlässt. Wir brauchen also eine höhere Abiturientenquote und eine niedrigere Schulabbrecherquote. DIE LINKE ist zudem dafür, dass Menschen ohne Abitur und mit Berufsausbildung studieren dürfen.

Miller: 5. Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Die Linke: Dringend müssen mehr Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden. Jahrelang haben die Bundesländer an Studienplätzen und Hochschulen gespart, um sich nun gegenseitig studierte Lehrkräfte abzuwerben. DIE LINKE setzt sich für mehr Studienplätze und für eine bessere Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer ein.

DIE LINKE hält es für erforderlich, die pädagogische Ausbildung zu reformieren. Es kann nicht länger sein, dass angehende Lehrerinnen und Lehrer während ihres Studiums kaum Praxiskontakte haben. Die Aufteilung in Fachausbildung auf der einen Seite und pädagogischer Praxis auf der anderen Seite, die zudem noch hauptsächlich in die zweite Phase der Lehrerausbildung verschoben wird, wird dem Anspruch an den Lehrerinnen- und Lehrerberuf nicht gerecht. Wir fordern eine Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung, von Fachwissenschaft und Pädagogik, Didaktik und Methodik über die gesamte Dauer der Ausbildung. Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer brauchen ebenso solide psychologische und sozialpädagogische Kenntnisse wie diagnostische Fähigkeiten und Grundkenntnisse über sonderpädagogische Arbeit. Eine Gemeinschaftsschule benötigt keine »Zwei-Klassengesellschaft« im Lehrerinnen- und Lehrerberuf, sondern eine gemeinsame Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern mit einer Spezialisierung für unterschiedliche Schulstufen, für die Primar- und die Sekundarstufen. Wer die erste Staatsprüfung erfolgreich absolviert hat, muss einen Rechtsanspruch auf die zweite Phase der Lehrerausbildung haben. Diese soll sich zeitnah an das Studium anschließen. DIE LINKE fordert, dass das Land Hessen wieder in die Tarifgemeinschaft der Länder eintritt und das Tarifdumping in Hessen aufhört. Außerdem muss die Arbeitszeitverlängerung für Lehrkräfte zurückgenommen werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen ein Recht auf Fort- und Weiterbildung haben. Dafür muss genug Personal zur Verfügung stehen.

Miller: 6. Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit, Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

DIE LINKE ist a) für mehr pädagogische Gestaltungsspielräume der Schulen. Allerdings befürchten wir Bildungskürzungen und Privatisierung unter dem Deckmantel der „Selbstverantwortlichen Schule“.
Modellversuche wie z.B. die Eigenverantwortliche Schule nach dem Modell der Bertelsmannstiftung in NRW begünstigen eine Art von Selbstständigkeit in Schulen, die von wirtschaftlichen Interessen geleitet werden. Sie verschärft die Konkurrenz zwischen den Schulen und schiebt die Verantwortung für die desolate finanzielle Situation auf die Schulen selbst ab. Durch den Anpassungsdruck werden Schulen gegeneinander ausgespielt und die Unabhängigkeit staatlicher Schulen wird ausgehebelt: Diese scheinbaren Reformprojekte bedienen sich der Schlagworte wie Leistungsfähigkeit und Qualitätssicherung, um die Schulen miteinander in Konkurrenz zu setzen. Deshalb lehnen wir das Konzept ab. Eine wirkliche Autonomie im Schulbereich erfordert ausreichendes und qualifiziertes Personal für die Unterrichtsversorgung, für die Sozialarbeit, für den Ganztagsbetrieb und für erfolgreiches Lernen. Eine nachhaltige Unterstützung für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und Schulleitungen muss durch den Staat gewährleistet werden. Die Rechte der Lehrkräfte-, Eltern- und Schülervertretungen sind sehr eingeschränkt. In einer wirklich eigenverantwortlichen Schule aber treffen sie alle wesentlichen schulischen Entscheidungen.

b) DIE LINKE befürchtet, dass das Land Hessen das Konzept nicht ausfinanziert, sondern für Kürzungen benutzt. Die Schulen müssten bei Budgethoheit Kürzungen des Landes selbst umsetzen. Sie werden immer weiter in die Enge getrieben, so dass sie auch privatwirtschaftliche Gelder einholen, um bestehen zu können. Dies sind die schlechten Erfahrungen von der „Autonomie der Hochschulen“. Bildung ist eine öffentliche Aufgabe und liegt in der Verantwortung des Landes. Sie darf nicht von Sponsoren abhängig sein.Schulen dürfen keine betriebswirtschaftlich handelnden Unternehmen werden! Lehrerinnen und Lehrer und weitere Beschäftigte der Schulen wären nicht mehr Beschäftigte des öffentlichen Dienstes des Landes Hessen, sondern der einzelnen Schule. Die Schulen könnten die Arbeitsbedingungen verschlechtern und die Kürzungen auf dem Rücken der Beschäftigten austragen. Diese hätten weniger Möglichkeiten, sich gemeinsam dagegen zu wehren.

Miller: 7. Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

DIE LINKE ist gegen die Privatisierung von Bildung, also auch gegen das Verkaufen von Abitursaufgaben an private Verlage. Schülerinnen und Schüler könnten sich besser auf das Abitur vorbereiten, wenn die Aufgaben im Internet oder anderweitig veröffentlicht wären.

Vielen Dank für das Interview.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Abitur verkauft · Allgemein · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Interviews

Hessische Bildungspolitik: SPD im Interview beim Bildungswirt

12. Januar 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Hessische Bildungspolitik: SPD im Interview beim Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Als erste antwortet Heike Habermann (SPD)

heike_habermann_spd_logo-hp
Foto: Homepage von H. Habermann

Miller: Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Habermann: Oberste Priorität hat die Herstellung von Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung – von der Kita bis zum lebenslangen Lernen. In Hessen ist der Bildungserfolg durch verstärkte Selektion weiterhin abhängig von der Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern. Mit Investitionen in frühkindliche Bildung, einer Lehrerzuweisung, die an einem Sozialindex orientiert ist, durch die Einrichtung von Ganztagsschulen und durch die Förderung längeren gemeinsamen Lernens in kleineren Klassen wollen wir dieses Ziel erreichen.

Miller: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Habermann: Ausbildung umfasst die Vorbereitung auf einen Beruf und/oder eine berufliche Perspektive. Jeder junge Mensch muss nicht nur die Chance auf einen möglichst guten Bildungsabschluss sondern auch das Recht auf eine Ausbildung erhalten. Neben dem dualen System muss deshalb ein System von Ausbildungsmöglichkeiten vom Land ausgebaut und finanziert werden – auch unter Beteiligung der Arbeitgeber.

Miller: Soll Unterricht und Studium für die Lernende auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Habermann: Ja, auf jeden Fall. Die Hessische SPD hat die Studiengebühren abgeschafft und wird daran festhalten. Unser Ziel ist eine höhere Quote von Hochschulabsolventen, da wir qualifizierte Kräfte für die Zukunft brauchen. Niemand darf durch Gebühren von Bildungsabschlüssen oder Studium abgehalten werden.

Miller: Was halten Sie von den beiden Thesen: a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Habermann: Das Gymnasium entwickelt sich bei von den Eltern gewünschten Übergangsquoten zwischen 40 und 70 Prozent schon heute zur Gesamtschule. Deshalb muss auch das Gymnasium seiner Aufgabe gerecht werden, möglichst viele junge Menschen zu dem gewünschten Bildungsabschluss zu führen und die Verantwortung für ihren Bildungsweg zu übernehmen. Deutschland hat im internationalen Vergleich eine geringere Abiturientenquote. Zu frühe Selektion verhindert zuverlässige Bildungsprognosen für das einzelne Kind und verschenkt wertvolle Begabungen und Potenziale. Wir brauchen definitiv mehr Abiturienten und müssen alle Schulen in die Lage versetzen, jedes Kind so weit als möglich auf seinem individuellen Bildungsweg zu fördern.

Miller: Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Habermann: Neben kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung des bestehenden Lehrerbildungsgesetzes, insbesondere in der zweiten Ausbildungsphase, will die Hessische SPD eine Reform der Lehrerbildung, die die Gleichwertigkeit der Lehrämter herstellt. In der ersten Ausbildungsphase sollten alle zukünftigen Lehrkräfte auf ihre eigentliche Aufgabe – die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern – vorbereitet werden. Höhere Praxisanteile, Pädagogik, Diagnostik und Didaktik stehen im Vordergrund. Der Lehrer der Zukunft moderiert Lernprozesse und ist nicht in erster Linie Fachwissenschaftler. Das Fort- und Weiterbildungssystem muss in der Bildungsregion und an den einzelnen Schulen verankert werden, um Lernprozesse im gesamten Kollegium anzustoßen.

Miller: Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit,
Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

Habermann: Unser Ziel ist die eigenverantwortliche Schule, die weitgehend über inhaltliche und organisatorische Fragen selbst entscheidet. Gemeinsam mit dem Schulträger muss ein Gesamtbudget festgelegt werden, das die Schulen unter Mitwirkung von Eltern, Schulträger, Kollegium und Schülerschaft verwalten. Die eigenverantwortliche Schule soll in die Fläche umgesetzt, demokratisch verfasst und voll durch den Staat finanziert sein.

Miller: Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

Habermann: Das Landesabitur muss evaluiert und in seiner zukünftigen Struktur hinterfragt werden. Prüfungsaufgaben vergangener Jahre müssen auf jeden Fall frei zugänglich sein.

Bildungswirt: Frau Habermann, besten Dank für das Interview.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Abitur verkauft · Allgemein · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Interviews · Uni · Unterricht · Vorbilder

Bildungswirt trifft Lehrerfreund …

28. November 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Bildungswirt trifft Lehrerfreund …
Der Lehrerfreund berichtet über den Bildungswirt

Der Lehrerfreund berichtet über den Bildungswirt

Link zum Interview:
http://www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/abituraufgaben-bildungswirt-interview

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Abitur verkauft · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Interviews · Unterricht

Lehrer als Führungskräfte? Bildungswirt im HR-Interview

8. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Lehrer als Führungskräfte? Bildungswirt im HR-Interview

Fortsetzung des Beitrags:
Pädagogen auf Leitbildsuche – Lehrer als Führungskräfte – mit anderen Mitteln:

© manwalk / PIXELIO
© manwalk / PIXELIO -  www.pixelio.de Die Journalistin Birgitta Schulte hatte für die Radioproduktion des Hessischen Rundfunks am 05. August 2008 nur 15 Minuten Sendezeit. Folglich mußten viele Antworten der Befragten einfach gestrichen werden. Schade, leider nicht zu vermeiden. Gern hätte ich z.B. die vollständigen Statements der Schülerinnen und Schüler oder des Referendars der Hola in Hanau zur „Führungs-Debatte“ gehört.
Vom Bildungswirt Miller liegen die Antworten zu den Fragen der Journalistin Schulte im Original vor (Tonbandmitschnitt) und werden ergänzend zur Radiosendung hier veröffentlicht:

Was ist ein Lehrer?

Er ist weder ein Vollzugsbeamter, noch Befehlsempfänger (zitiert in der Einleitung des Radiobeitrags), er hat einen Eid auf die hessische Verfassung geleistet, er ist verantwortlich für diese Kinder, dass sie schlauer werden, dass sie Persönlichkeit entwickeln.
Na ja, die ganze Debatte ist angestoßen worden von den Arbeitgebern mit ihrer Broschüre „Lehrkraft 2015“ und von dort meinen einige, dass das eine Option wäre, um Schule zu verändern.

In ihrem Sinne keine Option?

Das wird man sehen, das ist eine Möglichkeit. Insgesamt wäre ich schon froh, wenn die Mehrheit der Schulleiter „Führungskräfte“ wären, die die Schule tatsächlich steuern. Und da sollte man jetzt im ersten Schritt die Lehrkräfte eher in Ruhe lassen.

Das ist jetzt strategisch gedacht?

Strategisch in dem Sinne, mit welchen Begriffen man angemessen Wirklichkeit beschreiben, einordnen will. Und da steht das Thema, dass wir ineffiziente Lernkulturen haben, dass wir das Lehrerbild neu beschreiben müssen, neu aufstellen, neu definieren müssen, und da halte ich Begriffe wie: ein Lehrer ist ein Organisator von neuen Lernarrangements, ein Lehrer ist ein hervorragender Methodiker und Didaktiker, ein Lehrer ist ein Fachexperte, er ist ein Moderator, das halte ich für die angemesseneren Begriffe und nicht so entscheidend, ob man daraus eine Führungskraft konstruiert. Denn wenn man das so akzeptiert, wie die Arbeitgeber das konstruieren, ist die Führungskraft grundsätzlich verantwortlich, wenn es nicht klappt, sind immer die Lehrer selber schuld an der Misere. Und das halte ich im Moment nicht für den richtigen politischen Weg. Also wichtig ist, dass wir Veränderung in die Schule im Kerngeschäft „Pädagogik“ reinbringen, dass wir die Lehrer unterstützen im Rahmen der Qualitätsverbesserung des Unterrichts, und sie nicht belasten mit Debatten, ob jeder Lehrer eine Führungskraft ist.

Steht das einander entgegen: der Lehrer als Pädagoge und der Lehrer als Führungskraft, sind das Gegenbegriffe?

Das hängt davon ab, ob man aus dem Blickwinkel der Bildungsverwaltung schaut oder aus den Schulen, für die Bildungsverwaltung wäre es von Vorteil, wenn sozusagen ne Durchgriffsvariante bis zur „Führungskraft Lehrer“ existiert würde. Für die Schulen ist entscheidend, was kommt raus: an Pädagogik , Umgestaltung des Schullebens für die Schüler und wie kriegen wir effizienteren Unterricht hin. Dann ist es so, dass man immer die deutsche Tradition mit im Kopf haben muss: bei Führern haben wir Geführte, auch schnell Verführte. Wenn jeder jetzt als Führungskraft tituliert wird, sehe ich im Moment nicht den Fortschritt.

Was bedeutet das:Durchgriffsvariante ?

Ja, im Extrem sind für alle Defizite, für alle Versäumnisse die Führungskräfte vor Ort zuständig. Und das ist im Rahmen der Weitergabe der Belastung nach unten nichts anderes als ein guter Verkaufstrick. Und das ist nicht, was die Schulen brauchen. Die Schulen brauchen verlässliche Strukturen vom Budget her, von der Personalplanung her und auch von Freiheiten, die sich auf neue Lernkulturen und Unterrichtsexperimente beziehen.

Ich habe Sie mal so verstanden, als würden Sie sich weigern, den Begriff Führungskräfte auf Lehrkräfte anwenden zu sollen, was wäre der Grund?

Ach Gott, weigern, das ist zu dick aufgetragen. Ich frage immer nach dem Nährwert, nach der Angemessenheit eines Begriffs und ob wir ihn in der bildungspolitischen Debatte brauchen. Im Moment – ja oder nein? Und da spielt er für mich zurzeit eine untergeordnete Rolle.

Welche Debatte soll denn angestoßen werden?

Die Arbeitgeber sagen berechtigterweise , dass wir eine Unterfinanzierung des Bildungssystems haben, das müsste man auch mal zitieren. Vielleicht findet man dann mehr Führungskräfte.
Wir haben handfeste Themen auf der Tagesordnung und die heißen neue Lernkulturen, die heißen weg von der Instruktionspädagogik, die heißen hin zu einem deutlich angenehmeren Lernen, Neugierverhalten, das gestützt werden muss, und da ist diese Führungsdebatte drittrangig.

Entgegen aller Reformrhetorik ist die vorherrschende Form in Deutschland immer noch Frontalunterricht, sie ist immer noch gespeist von der Idee des Nürnberger Trichters, sie fragt – ein anderer Begriff – nach Container-Pädagogik, welchen Container können wir in welcher Zeit rüberschieben, ins Hirn des Schülers. Ich glaube, das ist drastisch genug beschrieben. Das ist aber nicht die Aufgabe einer neuen Pädagogik, da sind heute Schlüsselwörter angebracht wie: Selbstorganisation, selbstorganisiertes Lernen, Persönlichkeitsbildung durch Experiment und unterschiedliche Wege, Vielheit der Herangehensweisen.

Was ist überhaupt an Verhaltensänderung zu erwarten, wenn Lehrer sich mit diesem Begriff identifizieren?

Also da sind wir jetzt im spekulativen Bereich. Wenn sie sich wirklich identifizieren, will ich positive Effekte nicht ausschließen, insgesamt glaube ich jedoch, dass die große Mehrheit sich eher zusätzlich belastet fühlt, wir alle drei/vier Monate irgendwelche Neuerungen durchs Land posaunen und das nicht unbedingt produktiv ist für eine Verbesserung der Unterrichtsqualität.

Das wäre der Effekt, wie Kultur sich ändert in der Schule?

Wie Kultur sich ändert, das werden wir dann sehen, was sich in einem Kollegium tut, wenn sich das wirklich durchsetzen würde. Es stärkt erst mal die Position des Lehrers gegenüber den Schülern. Es ist zumindest die Gefahr gegeben, das ein ganzes Arsenal an Sanktionsmöglichkeiten sozusagen noch mal staatlich abgesichert wird. Und der Schüler dann in so einer vertragsrechtliche Konstruktion – „Was wollen wir zusammen erreichen“ -steckt, das, was auf der Erwachsenen-Ebene die Mitarbeitergespräche sind. Am Schluss sind sie noch für ihre schlechten Noten selbst verantwortlich, und man versucht die Sache in eine verrechtlichte Situation zu bringen, die eher einer modernen Pädagogik kontraproduktiv entgegensteht.

Die Ambivalenz solcher Maßnahmen sieht man an solchen Varianten von Erziehungsverträgen, die dann auch mit dem Schüler geschlossen werden. Er wird also in so eine vertragsrechtliche bürgerliche Idee hineingestoßen, hat aber grad gleichzeitig gar kein Recht es abzulehnen. Die Bedingung von Vertragsfreiheit ist aber, dass er sagen kann – nein – ich mache dieses Geschäft nicht. Genau diese Möglichkeit hat der Schüler nicht mehr und unter dem Deckmantel von „Freiheit und Verantwortung“ können sich sozusagen subtile autoritäre Strukturen in der Schule neu etablieren und das muss man wissen, ob man das politisch will. (Antwort in der Radiosendung weitgehend zitiert)

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Interviews · Unterricht · Vorbilder · Wirtschaft

Pädagogen auf Leitbildsuche? – HR2 aktuell

6. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Pädagogen auf Leitbildsuche? – HR2 aktuell

Lehrer als Führungskräfte?
Der Hessische Rundfunk greift eine alte/neue Debatte zum Selbstverständnis des Lehrerberufs auf, verdeutlicht kontroverse Meinungen, Einschätzungen und strategische Ausrichtungen.

HR2 - Homepage vom 5.8.20008

MP3-Download beim Hessischen Rundfunk hier… (Dauer: 14:20 min., Autorin: Birgitta M. Schulte, Datum: 05.08.2008 – die Sendung lohnt sich!).Radio:
Lehrer als Führungskräfte? Pädagogen auf Leitbildsuche

Zu Wort kommen in der Podcast-Sendung Schüler, Lehrer, Schulleitungen und hessische Qualitätsentwickler. Der Bildungswirt ist mit von der Partie.

Ausgangspunkt der Debatte ist eine von den Arbeitgeberverbänden (BDA und BDI) entwickelte Position aus dem Jahre 2001: „Wir brauchen ein Lehrerleitbild, das in neuer Weise die Lehrer als Führungskräfte in der Schule sieht, auf die Optimierung von Teamarbeit, Kommunikation und Beratung im Lehrerkollegium zielt, die Lehrer als mitverantwortliche Träger der Schulentwicklung, Qualitätssicherung und –verbesserung sieht und sie vom weisungsgebundenen ‚Untergebenen‘ zum aktiven Teilhaber am ‚Unternehmen’ Schule macht.“

Zu fragen ist, ob sich eine neue „Führungs-Debatte“ – die „Führungskraft Lehrer 2015″ – mit den Zielen und Praxis einer modernen Pädagogik verträgt oder konfliktschwer zur Semantik von Mündigkeit, Mitbestimmung, Freiheit, Toleranz und Demokratie steht.

Bereits am 11. August 2007 fragte der HR: „Welche Lehrer braucht das Land?
Verbirgt sich dahinter die Frage nach überfälligen Bildungsstandards für Lehrer?
Spannende Diskussionen stehen uns ins Haus und weisen den Weg zum nationalen Bildungsgipfel. „Ich bin dann mal weg.“ Auf dem Jakobsweg zur Besinnung, zum Bildungsgipfel!

Morgen: Was der Bildungswirt im HR-Interview noch sagte …

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Interviews · Unterricht · Vorbilder · WEb 2.0 · Wirtschaft