Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 4

Einträge gespeichert als 'Bildungsstandards'

Lohnspirale abwärts – wirtschaftspolitische Argumentationen

1. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Lohnspirale abwärts – wirtschaftspolitische Argumentationen

Mit der sozio-ökonomischen Grundbildung ist es in Deutschland nicht weit her. Das gilt nicht nur für den sog. Otto-Normalverbraucher, sondern auch für die Mehrheit der Oberstufenschüler des Gymnasiums – auch für einen Großteil der Lehrer. Der oft schwer genießbare Cocktail aus betriebs- und volkswirtschaftlichen Fachbegriffen (Konjunktur, Export-Import, Binnennachfrage, Kapitalkosten, Arbeitskosten, Produktivität, Lohnquote, Gewinnquote, Volkseinkommen, Leistungsbilanz, Bruttoinlandsprodukt etc.) und kleineren, kompliziert erscheinenden Argumentationsketten führen zu Desinteresse und dem Gefühl „Ökonomie ist nichts für mich“, ein Buch mit „sieben Siegeln“.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die vorherrschenden Theoriebildungen – angebotsorientierte Wirtschaftspolitik versus nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik – eher als Scheinriesen fungieren. Je näher man hinschaut, desto kleiner sind sie. Die Argumentationen wiederholen sich in einer unendlichen Schleife, die mit entsprechend aufbereitetem statistischen Material gestützt werden.

Hat man das Spiel einmal verstanden, erkennt man, dass hunderte von anscheinend neu publizierten Artikeln und Büchern, allein in den letzten zwei Jahren, eben nicht wirklich neu sind. Sie bleiben in den vorher schon bekannten Argumentationsketten. Entwickeln wir ein Beispiel zur Anwendung:

Die Binnennachfrage, der private Konsum, ist mit ca. 60% der gesamtwirtschaftliche Leistung (das in einem Jahr erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt; Waren und Dienstleistungen in Euro bewertet) der Hautpfeiler der Konjunktur. Der zweite Pfeiler ist der Export. Löhne sind wesentlich, volkswirtschaftlich gesehen, „Kaufkraft“. Steigen sie, wird i.d.R. mehr konsumiert und dadurch die Konjunktur gestützt. Folglich wären Lohnsenkungen bzw. Lohnstillstand Gift für die Konjunktur. Das subjektive Interesse jedes Arbeitnehmers ist mehr Lohn für mehr Konsummasse (in unsicheren Zeiten mehr „Vorsorge mit Spareffekten“, was ebenso Gift für die Konjunktur ist, da dem Konsum entzogen). Das subjektive Interesse des Arbeitgebers ist es, wenig Lohn zuzahlen (auch im Gewand von Lohnverzicht für den Erhalt des Arbeitsplatzes oder der Forderung nach „moderaten Lohnsteigerungen“), denn Löhne sind Arbeitskosten, die Unternehmen tief halten wollen. Ein völlig rationales Verhalten, das betriebswirtschaftlich stimmig ist. Die betriebswirtschaftlichen Rationalitäten der vielen unkoordinierten Unternehmer (die unsichtbare Hand des Marktes soll die Koordination richten, Preisermittlung durch Angebot und Nachfrage, z.B. in Form von Niedriglöhnern am sog. Arbeitsmarkt) schlagen jedoch volkswirtschaftlich in ihr Gegenteil um, da die Nachfrage (Kaufkraft) sinkt. Zum Teil kann dies durch verstärkten Export aufgefangen werden (Deutschland als Exportweltmeister). Deshalb die Forderung der Arbeitgeber, mit einer psychologischen Angstfärbung für die Mehrheit der Bevölkerung vorgetragen, „deutsche Wettbewerbsfähigkeit nicht gefährden“, Drohung mit „Arbeitsplatzverlagerung“ falls die Arbeitskosten zu hoch sind. Grundkonzept: Gürtel enger schnallen! An jeder beliebigen Stelle der Argumentationen kann eine weitere Verzweigung angedockt werden, z.B. das Problem der Produktivitätsentwicklung und der Investitionstätigkeit.

Ökonomisch unterschiedliche Interessen(und ihre personalen Vertreter) sind deshalb meist schwerhörig gegenüber (auch gut gemeinten) moralischen Appellen. Die übergeordnete „Vernunft“ beanspruchen alle; meist mutiert diese und kommt als im Plural gewandelte „Vernünfte“ dahergehinkt.
Probiert selbst solche Argumentationsketten aus. Als Material kann der heute erschienene Artikel Spirale abwärts genutzt werden. Jederzeit findet ihr im Netz unzählige weitere Beispiele.

Ausführliche Darlegung zur angebots- und nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik hier.

PS. Und wie würden dazu knapp gefasste Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe aussehen? Auch für Schüler und Eltern verständlich?

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bildung · Bildungsstandards · Unterricht · Wirtschaft

Alternativen in der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik?

30. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Alternativen in der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik?

Zu jeder gelebten Praxis gibt es Alternativen, die Potenz der Möglichkeiten ist immer größer als die realisierten – man sollte sie nur sehen – dies gilt für den privaten Bereich wie für den öffentlichen. Warum sollte das ausgerechnet im derzeit wichtigsten Subsystem der Gesellschaft, der Wertsphäre der Wirtschaft, nicht gelten? Oft genug erzeugen Dogmen, Ismen und gewachsene Habitusstrukturen massive Denkblockaden, die wiederum ausgeprägte Handlungsstarren hervorrufen. Der entsprechende Kreislauf des „Dumpf-Gewohnten“ ist vorprogrammiert.
Der Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften Robert Solow erschüttert zurzeit mit einer großangelegten empirischen Studie einige wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Dogmen, so z.B. die Allerwelts-These, dass Gesetze und Regelungen des Staates, die bessere Arbeitsbedingungen oder höhere Löhne für Niedriglöhner vorschreiben, den Beschäftigungschancen der Betroffenen mehr schaden als sie nützen. Diese Auffassung wird in der Realität so nicht bestätigt.
Wo kann man das alles nachlesen? Man glaubt es kaum: bei der alten Dame Handelsblatt.

Die Problematik ist im Sinne sozio-ökonomischer Grundbildung besonders geeignet, dass sie zum Unterrichtsgegenstand in der gymnasialen Oberstufe, Fach Politik und Wirtschaft, im Wirtschaftsgymnasium, in der Berufsschule in allen Ausbildungsberufen und im 2. Bildungsweg behandelt wird. Die Schülerinnen und Schüler können mit eigenen Recherchen Selbstständigkeit und Ausbau von Fachkompetenzen entfalten, z.B. mit weiteren Beiträgen von Solow. Warum nicht im Manager-Magazin? Oder sie springen auf die große Bühne der Wissenschaft: z.B. in Analysen der Ergebnisse des großen Nobelpreisträger-Treffens in Lindau. Zahlreiche Nobelpreisträger attackieren die Banken wegen der Finanzkrise. Sie werfen den Vorständen schlechtes Management vor und fordern eine stärkere Regulierung des Marktes. Mehr? Jetzt beginnen die eigenen Nachforschungen …

PS. Für die teils verquer geführte Debatte um die Bildungsstandards sollte die Richtlinie nicht vergessen werden: Systematische Förderung der hermeneutischen Kompetenz in Verbindung mit Internetkompetenzen ist der Schlüssel zur Welt!

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht · Wirtschaft

Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft

13. August 2008 · von Miller · 2 Kommentare

Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft

Das neue Buch vom Bildungswirt ab 20. August 2008 im Buchhandel

Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft
Alle reden von Schule – was ist zu tun? Ansichten eines Kneipenbesitzers

Alle waren in der Schule, alle reden mit – und das ist gut so! Kontroverse Meinungen, unterschiedliche Erfahrungen, andere Wahrnehmungen – wie könnte es anders sein?
Zahlreiche Bildungsberichte und Ratschläge zum schulpolitischen Waterloo gibt es alle Jahre wieder, durch viele Schwarz-weiß-Brillen gesehen und gleichzeitig als buntes Stimmengewirr vorgetragen: aufgeregt, mahnend, unterkühlt, marktschreierisch, beschwichtigend, beschwörend, aufrüttelnd und fast immer mit einem Quäntchen Wahrheit gewürzt: Ja, die Verwahrlosung der Sitten und die Eskalation der Gewalt an Schulen stoppen, der Vergreisung der Lehrerschaft entgegenwirken, die Lehrerausbildung neu regeln, den Beamtenstatus von Lehrern abschaffen, die Eltern an ihre erzieherischen Aufgaben erinnern, Milliarden Euro zusätzlich in Bildung investieren.
Aber das realpolitische Tohuwabohu zieht einfach weiter, verläuft sich im Hamsterrad der vielen länderspezifischen Zuständigkeiten und Abhängigkeiten: rasender Stillstand bei eingebildeter Beweglichkeit. Auffällig wenig wird über konkrete Pädagogik vor Ort geredet, insbesondere über den Kern der Sache: das didaktische Kunsthandwerk des Lehrers und die Gründe, warum Schüler so wenig Sinnvolles lernen.

Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft beschäftigt sich mit den »heißen Eisen« der Bildungspolitik und unterzieht sie einem ständigen Szenenwechsel. Wichtigen Bildungsfragen nachspüren heißt auch, das Ohr am Puls der Kneipenkommunikation zu haben. Die Kneipe als eine der bedeutendsten sozialen und kulturellen Institutionen des gesellschaftlichen Lebens wird präsentiert als Ort, von dem die Schule lernen kann.

Inhaltsverzeichnis (pdf)

Leseprobe 1
Auszug aus Kapitel 2: Von der kindlichen Neugier zum gelangweilten Schüler

Die Mehrheit der Schüler hat Angst vor schlechten Noten, im schlimmsten Fall vor dem »Sitzenbleiben«. Sie verspüren am eigenen Leib den Leistungsdruck mit vielfältigen nervösen Störungen. Langsam, ganz langsam, aber todsicher breitet sich das schulische Krebsgeschwür aus: Demotivation, mangelndes Interesse an der Sache, gähnende Langeweile!
Der Lehrer will den Schüler aufs Leben zielgerichtet vorbereiten, ihn qualifizieren (deshalb der ganze Aufwand und Stress für alle Beteiligten), er will natürlich selbstredend nur das Beste, das Allerbeste. Nur genau das bekommt der Lehrer nicht! Das Beste wird mit den Freunden geteilt oder für sich behalten; in der Schule will der Schüler die Langeweile überstehen, die eigene Anstrengung wird dabei auf ein kalkuliertes Minimum herabgekühlt. Man ist erfinderisch, man wird zum Aufspüren immer neuer Nischen der Arbeitsentlastung geradezu gezwungen. Je nach Lehrer wechselt das Interesse, das Engagement, die Fassade, die Art des Mitspielens, das geistige Ausklinken bei einigermaßen regelmäßiger körperlicher Anwesenheit. Mindestens 40% der Stunden werden sinnlos abgesessen, auf die lange Dauer der Schulzeit wird man als Schüler wie ein Profiboxer »hart im Nehmen«. (Sollten Sie Zweifel an der angegebenen Prozentzahl haben, fragen Sie zuerst Ihre Kinder! Dann fragen Sie Lehrer in entspannter Atmosphäre, z.B. in der Kneipe, nach der Zahl der fehlgeschlagenen Unterrichtsstunden! Sollten Sie immer noch Zweifel haben, so besorgen Sie sich neueste wissenschaftliche Studien zur Unwirksamkeit des Unterrichts, z.B. im Fach Mathematik. Bedenken Sie zusätzlich, dass sich empirisch forschende Wissenschaftler ungern festlegen, alles immer hochkomplex sei, heterogen, unübersichtlich, nicht nach allen Seiten abgesichert und deshalb unbedingt weiter geforscht werden müsste. Auf die dann doch veröffentlichten Ergebnisse können Sie in aller Ruhe und Gelassenheit noch mal 10% draufschlagen!).
Was viele Lehrer als Überforderung der Kinder durch hochqualifizierten Unterricht deuten und entsprechend bei Versagen mit schlechten Noten quittieren, ist in Wahrheit strukturelle Unterforderung durch verordnete Passivität des Gehirns. Unser Gehirn ist dafür nicht geschaffen, die Schüler schalten auf Sparflamme. Die lineare Verkündungspädagogik schafft in besonderem Maße die geistige Unterforderung und affektive Unterkühlung und steht im offenen Widerspruch zur Evolutionsgeschichte des Menschen als hocheffizientes, aktives, spielendes und emotionsgeladenes Wesen.

Leseprobe 2
Auszug aus Kapitel 4: Lernen: Konstruktionen im Kopf und Vorfreude im Leib (pdf)

Bestellung: ISBN 978-3-8370-5476-7, Paperback, 188 Seiten, € 16,90

Internetbuchhändler, z.B.: Libri.de , Books on Demand , Amazon.de, Hugendubel

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Bildung · Bildungsgipfel · Bildungsstandards · Literatur / Film · Vorbilder · Wirtschaft

Lehrer als Führungskräfte? Bildungswirt im HR-Interview

8. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Lehrer als Führungskräfte? Bildungswirt im HR-Interview

Fortsetzung des Beitrags:
Pädagogen auf Leitbildsuche – Lehrer als Führungskräfte – mit anderen Mitteln:

© manwalk / PIXELIO
© manwalk / PIXELIO -  www.pixelio.de Die Journalistin Birgitta Schulte hatte für die Radioproduktion des Hessischen Rundfunks am 05. August 2008 nur 15 Minuten Sendezeit. Folglich mußten viele Antworten der Befragten einfach gestrichen werden. Schade, leider nicht zu vermeiden. Gern hätte ich z.B. die vollständigen Statements der Schülerinnen und Schüler oder des Referendars der Hola in Hanau zur „Führungs-Debatte“ gehört.
Vom Bildungswirt Miller liegen die Antworten zu den Fragen der Journalistin Schulte im Original vor (Tonbandmitschnitt) und werden ergänzend zur Radiosendung hier veröffentlicht:

Was ist ein Lehrer?

Er ist weder ein Vollzugsbeamter, noch Befehlsempfänger (zitiert in der Einleitung des Radiobeitrags), er hat einen Eid auf die hessische Verfassung geleistet, er ist verantwortlich für diese Kinder, dass sie schlauer werden, dass sie Persönlichkeit entwickeln.
Na ja, die ganze Debatte ist angestoßen worden von den Arbeitgebern mit ihrer Broschüre „Lehrkraft 2015“ und von dort meinen einige, dass das eine Option wäre, um Schule zu verändern.

In ihrem Sinne keine Option?

Das wird man sehen, das ist eine Möglichkeit. Insgesamt wäre ich schon froh, wenn die Mehrheit der Schulleiter „Führungskräfte“ wären, die die Schule tatsächlich steuern. Und da sollte man jetzt im ersten Schritt die Lehrkräfte eher in Ruhe lassen.

Das ist jetzt strategisch gedacht?

Strategisch in dem Sinne, mit welchen Begriffen man angemessen Wirklichkeit beschreiben, einordnen will. Und da steht das Thema, dass wir ineffiziente Lernkulturen haben, dass wir das Lehrerbild neu beschreiben müssen, neu aufstellen, neu definieren müssen, und da halte ich Begriffe wie: ein Lehrer ist ein Organisator von neuen Lernarrangements, ein Lehrer ist ein hervorragender Methodiker und Didaktiker, ein Lehrer ist ein Fachexperte, er ist ein Moderator, das halte ich für die angemesseneren Begriffe und nicht so entscheidend, ob man daraus eine Führungskraft konstruiert. Denn wenn man das so akzeptiert, wie die Arbeitgeber das konstruieren, ist die Führungskraft grundsätzlich verantwortlich, wenn es nicht klappt, sind immer die Lehrer selber schuld an der Misere. Und das halte ich im Moment nicht für den richtigen politischen Weg. Also wichtig ist, dass wir Veränderung in die Schule im Kerngeschäft „Pädagogik“ reinbringen, dass wir die Lehrer unterstützen im Rahmen der Qualitätsverbesserung des Unterrichts, und sie nicht belasten mit Debatten, ob jeder Lehrer eine Führungskraft ist.

Steht das einander entgegen: der Lehrer als Pädagoge und der Lehrer als Führungskraft, sind das Gegenbegriffe?

Das hängt davon ab, ob man aus dem Blickwinkel der Bildungsverwaltung schaut oder aus den Schulen, für die Bildungsverwaltung wäre es von Vorteil, wenn sozusagen ne Durchgriffsvariante bis zur „Führungskraft Lehrer“ existiert würde. Für die Schulen ist entscheidend, was kommt raus: an Pädagogik , Umgestaltung des Schullebens für die Schüler und wie kriegen wir effizienteren Unterricht hin. Dann ist es so, dass man immer die deutsche Tradition mit im Kopf haben muss: bei Führern haben wir Geführte, auch schnell Verführte. Wenn jeder jetzt als Führungskraft tituliert wird, sehe ich im Moment nicht den Fortschritt.

Was bedeutet das:Durchgriffsvariante ?

Ja, im Extrem sind für alle Defizite, für alle Versäumnisse die Führungskräfte vor Ort zuständig. Und das ist im Rahmen der Weitergabe der Belastung nach unten nichts anderes als ein guter Verkaufstrick. Und das ist nicht, was die Schulen brauchen. Die Schulen brauchen verlässliche Strukturen vom Budget her, von der Personalplanung her und auch von Freiheiten, die sich auf neue Lernkulturen und Unterrichtsexperimente beziehen.

Ich habe Sie mal so verstanden, als würden Sie sich weigern, den Begriff Führungskräfte auf Lehrkräfte anwenden zu sollen, was wäre der Grund?

Ach Gott, weigern, das ist zu dick aufgetragen. Ich frage immer nach dem Nährwert, nach der Angemessenheit eines Begriffs und ob wir ihn in der bildungspolitischen Debatte brauchen. Im Moment – ja oder nein? Und da spielt er für mich zurzeit eine untergeordnete Rolle.

Welche Debatte soll denn angestoßen werden?

Die Arbeitgeber sagen berechtigterweise , dass wir eine Unterfinanzierung des Bildungssystems haben, das müsste man auch mal zitieren. Vielleicht findet man dann mehr Führungskräfte.
Wir haben handfeste Themen auf der Tagesordnung und die heißen neue Lernkulturen, die heißen weg von der Instruktionspädagogik, die heißen hin zu einem deutlich angenehmeren Lernen, Neugierverhalten, das gestützt werden muss, und da ist diese Führungsdebatte drittrangig.

Entgegen aller Reformrhetorik ist die vorherrschende Form in Deutschland immer noch Frontalunterricht, sie ist immer noch gespeist von der Idee des Nürnberger Trichters, sie fragt – ein anderer Begriff – nach Container-Pädagogik, welchen Container können wir in welcher Zeit rüberschieben, ins Hirn des Schülers. Ich glaube, das ist drastisch genug beschrieben. Das ist aber nicht die Aufgabe einer neuen Pädagogik, da sind heute Schlüsselwörter angebracht wie: Selbstorganisation, selbstorganisiertes Lernen, Persönlichkeitsbildung durch Experiment und unterschiedliche Wege, Vielheit der Herangehensweisen.

Was ist überhaupt an Verhaltensänderung zu erwarten, wenn Lehrer sich mit diesem Begriff identifizieren?

Also da sind wir jetzt im spekulativen Bereich. Wenn sie sich wirklich identifizieren, will ich positive Effekte nicht ausschließen, insgesamt glaube ich jedoch, dass die große Mehrheit sich eher zusätzlich belastet fühlt, wir alle drei/vier Monate irgendwelche Neuerungen durchs Land posaunen und das nicht unbedingt produktiv ist für eine Verbesserung der Unterrichtsqualität.

Das wäre der Effekt, wie Kultur sich ändert in der Schule?

Wie Kultur sich ändert, das werden wir dann sehen, was sich in einem Kollegium tut, wenn sich das wirklich durchsetzen würde. Es stärkt erst mal die Position des Lehrers gegenüber den Schülern. Es ist zumindest die Gefahr gegeben, das ein ganzes Arsenal an Sanktionsmöglichkeiten sozusagen noch mal staatlich abgesichert wird. Und der Schüler dann in so einer vertragsrechtliche Konstruktion – „Was wollen wir zusammen erreichen“ -steckt, das, was auf der Erwachsenen-Ebene die Mitarbeitergespräche sind. Am Schluss sind sie noch für ihre schlechten Noten selbst verantwortlich, und man versucht die Sache in eine verrechtlichte Situation zu bringen, die eher einer modernen Pädagogik kontraproduktiv entgegensteht.

Die Ambivalenz solcher Maßnahmen sieht man an solchen Varianten von Erziehungsverträgen, die dann auch mit dem Schüler geschlossen werden. Er wird also in so eine vertragsrechtliche bürgerliche Idee hineingestoßen, hat aber grad gleichzeitig gar kein Recht es abzulehnen. Die Bedingung von Vertragsfreiheit ist aber, dass er sagen kann – nein – ich mache dieses Geschäft nicht. Genau diese Möglichkeit hat der Schüler nicht mehr und unter dem Deckmantel von „Freiheit und Verantwortung“ können sich sozusagen subtile autoritäre Strukturen in der Schule neu etablieren und das muss man wissen, ob man das politisch will. (Antwort in der Radiosendung weitgehend zitiert)

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Interviews · Unterricht · Vorbilder · Wirtschaft

Pädagogen auf Leitbildsuche? – HR2 aktuell

6. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Pädagogen auf Leitbildsuche? – HR2 aktuell

Lehrer als Führungskräfte?
Der Hessische Rundfunk greift eine alte/neue Debatte zum Selbstverständnis des Lehrerberufs auf, verdeutlicht kontroverse Meinungen, Einschätzungen und strategische Ausrichtungen.

HR2 - Homepage vom 5.8.20008

MP3-Download beim Hessischen Rundfunk hier… (Dauer: 14:20 min., Autorin: Birgitta M. Schulte, Datum: 05.08.2008 – die Sendung lohnt sich!).Radio:
Lehrer als Führungskräfte? Pädagogen auf Leitbildsuche

Zu Wort kommen in der Podcast-Sendung Schüler, Lehrer, Schulleitungen und hessische Qualitätsentwickler. Der Bildungswirt ist mit von der Partie.

Ausgangspunkt der Debatte ist eine von den Arbeitgeberverbänden (BDA und BDI) entwickelte Position aus dem Jahre 2001: „Wir brauchen ein Lehrerleitbild, das in neuer Weise die Lehrer als Führungskräfte in der Schule sieht, auf die Optimierung von Teamarbeit, Kommunikation und Beratung im Lehrerkollegium zielt, die Lehrer als mitverantwortliche Träger der Schulentwicklung, Qualitätssicherung und –verbesserung sieht und sie vom weisungsgebundenen ‚Untergebenen‘ zum aktiven Teilhaber am ‚Unternehmen’ Schule macht.“

Zu fragen ist, ob sich eine neue „Führungs-Debatte“ – die „Führungskraft Lehrer 2015″ – mit den Zielen und Praxis einer modernen Pädagogik verträgt oder konfliktschwer zur Semantik von Mündigkeit, Mitbestimmung, Freiheit, Toleranz und Demokratie steht.

Bereits am 11. August 2007 fragte der HR: „Welche Lehrer braucht das Land?
Verbirgt sich dahinter die Frage nach überfälligen Bildungsstandards für Lehrer?
Spannende Diskussionen stehen uns ins Haus und weisen den Weg zum nationalen Bildungsgipfel. „Ich bin dann mal weg.“ Auf dem Jakobsweg zur Besinnung, zum Bildungsgipfel!

Morgen: Was der Bildungswirt im HR-Interview noch sagte …

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Interviews · Unterricht · Vorbilder · WEb 2.0 · Wirtschaft

Die Crux mit den Bildungsstandards (2)

5. August 2008 · von Miller · 2 Kommentare

Die Crux mit den Bildungsstandards (2)

In die Crux mit den Bildungsstandards (1) wurden grundsätzliche Bemerkungen zur Voodooformel BS und deren Beliebtheitswert dargelegt. Die Richtung der BS-Debatte sollte sein:
„Weg von der Anstalt, hin zur lebendigen Schule, Abschied vom Lernvollzugsbeamten, hin zum Lernberater, Organisator und Arrangeur komplexer Lernsituationen. Weg von hausbackenen Prüfungen und Bulimielernen, hin zu einer modernen kompetenzorientierten Prüfungsdidaktik.“ (Crux 1)
Crux 2 knüpft an diese Argumentation an und umkreist den Kompetenz- und Standardbegriff.

Bildungsstandards sind vorwiegend Kompetenz- und Leistungsstandards. Als Standard gilt in der deutschen BS-Debatte der sog. Regelstandard – also ein mittleres Leistungsniveau, welches überschritten oder unterschritten werden kann. (Die KMK lehnte 2003 die Empfehlung der Experten, u.a. Klieme, Avenarius, Blum, Döbrich, Prenzel, nach nationalen Bildungsstandards als Mindeststandards ab, da KMK-Aktivisten die Sprengkraft einer Schulreform durch solche Standards gesehen/geahnt haben. Was tun mit den Hunderttausenden Schülern, die den Mindeststandard nicht schaffen? Das schulpolitische Waterloo wäre offensichtlich geworden. Maximalstandards können nicht in Frage kommen, da sie nur von einem sehr kleinen Teil zu erreichen sind, z.B. als Prüfungsstandard der Abiturprüfung mit der Note 1,0. Der bundesdeutsche Durchschnitt – die Regel –liegt beim Notenwert 2,5.)

Was wird aber unter Kompetenz verstanden?
In der Bildungsstandard-Debatte wird meist F. E. Weinert (2001) wie folgt zitiert:
Kompetenzen sind „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“

Mit Verlaub, auch durch massenhaftes, schablonenhaftes Zitieren wird der avisierte Gehalt und der praktische Nutzen nicht vermehrt. Diese Definition taugt kaum für die schulische Praxis. Weitere variantenreichen Definitionen schwirren notwendigerweise durch die Lüfte; jeder Begriff (jede sprachliche Verfasstheit einer Situation) ist zunächst ein Vor-Urteil, geprägt durch meist verdunkelt mitgeschleppte Interessen, Blickwinkel, Neigungen, eingebettet in historische und situative Kontexte. Wer Aufklärung, Aufhellung will, ist zur Dauer-Kommunikation ohne Rückfallversicherung „verdammt“.

 

In meinen eigenen Vorträgen verwandle ich die Weinert-Definition zu folgender Arbeitsdefinition, die semantische Gewichte anders akzentuiert und die Vorläufigkeit und Prozesshaftigkeit betonen will:

„Kompetenzen sind die vom Subjekt erlernten oder verfügbaren kognitiven und körperlichen Fähigkeiten, situationsangemessen Probleme zu lösen. Kompetenzen beinhalten über die kognitiven Wissensbestände hinaus auch wandelbare Haltungen des Subjekts, ästhetische Wahrnehmungen, Wertvorstellungen, Handlungsmotive und kulturelle Praktiken.“

Mit Verlaub, im Prinzip kein wirklicher Fortschritt für eine schulische Pragmatik. Was tun?
Es kommt darauf an, sich immer wieder klarzumachen, dass Definitionen in lebendigen Sprachen (im Unterschied zu einer Formal- und Kunstsprache wie z.B. der Mathematik) selten ein Problem und seine Bedeutungen „klären“ können. Es kommt eben auf die Umstände und Kontexte an und diese können sehr verschieden sein. Das Vage, Flüssige, Unbestimmte gehört dazu, ohne dass wir dadurch in unseren praktischen Entscheidungen und Handlungen beeinträchtigt werden –im Gegenteil. Im praktischen Vollzug heißt die gängige Frage: Wie meinst du das? Ach so – ja, so leuchtet das mir ein – jeder kennt das in unzähligen Situationen, vorausgesetzt die Teilnehmer wollen verständigungsorientiert kommunizieren. Wer verstehen und praktisch wirken will, hängt sich nicht verbissen an Definitionsfragen auf, er gibt sich mit vorläufigen Arbeitsdefinitionen zufrieden. Die Bedeutung eines Begriffs, einer Begriffskette, zeigt sich im situativen Gebrauch und nicht in starren Vorab-Reglementierungen.

Wir wissen als sprachfähige Teilnehmer und Organisatoren von und in schulischen Lernprozessen durchaus, was Kompetenzen sind. Wir wissen um den Unterschied von Wissen, Können und Wollen. Wir wissen um unterschiedliche Wissensarten, Könnerstufen und Haltungen. Wir wissen um die Orientierungsformel: Jeder, der etwas kann, weiß (implizit oder explizit) etwas. Aber nicht jeder, der etwas weiß, kann etwas. In diesem Fall sprechen wir von trägem Wissen oder manchmal auch von totem Wissen, das blockiert.

Als Kurzformel ist Kompetenz der Dreiklang aus Wollen, Können und Wissen. Sie gilt für Schüler wie für Lehrer oder Ministerialbeamte. Schiefe Dreiklänge gibt es überall. Da gibt es z.B. Schüler, die wollen, auch etwas wissen, aber noch nicht richtig können. Da gibt es z.B. Ministerialbeamte, die durchaus etwas wissen und können, aber nicht richtig wollen. Da gibt es z.B. Lehrer, die durchaus etwas wollen und etwas können, aber noch zu wenig wissen (u.a. über tiefsitzende Lernblockaden bei Schülern). Manchmal wäre vielleicht dann doch ein Vierklang, eine andere Färbung angemessener. Da müssen die Beteiligten mit offenen Karten spielen und ein offenes Ohr anstreben – sonst gibt es keinen Harmonie-Fortschritt, keinen wirklich neuen vollen Sound.

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht

Vorbilder:Beamtentätigkeit und grandioser Erfolg

29. Juli 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Vorbilder:Beamtentätigkeit und grandioser Erfolg

„Schüler brauchen Vorbilder“ – schallt es ständig durch die deutsche Pädagogik und die bildungsinteressierten Medien. „Ja, wo laufen sie denn?“ könnte man in deutscher Komiker-Tradition fragen. Flick, Ackermann, Esser – offensichtlich weniger geeignet; Merkel, Beckstein / Steinmeier, Beck – vier Fragezeichen; Pop-Stars, TV-Moderatoren, Spitzensportler – schon eher, aber mit doch sehr begrenzter Reichweite, Philosophen von Rang – wer, zu sperrig oder unbekannnt; ja was bleibt da noch?
Oder wollen wir es doch, ganz allgemein, mit den „Intellektuellen“ versuchen? „Der Intellektuelle muss sich aufregen können – und soll doch so viel politische Urteilskraft haben, dass er nicht überreagiert. Was ihm seine Kritiker – von Max Weber und Schumpeter bis Gehlen und Schelsky – entgegenhalten, ist immer wieder der Vorwurf der ,sterilen Aufgeregtheit‘ und des ,Alarmismus‘. Von diesem Vorwurf darf er sich nicht einschüchtern lassen.“ – meinte jüngst Habermas, sich seine kritischen Rolle in der Vergangenheit besinnend. Sind viele Intellektuelle nicht doch im Laufe der Jahre zu TUIs (im Brechtschen Sinne) mutiert? Vielleicht versuchen wir es doch – wider erwarten – mit einem guten Beamten?

Da befördert einer Aktengold aus dem Dunkeln ins Helle , beobachtet, forscht, seziert und kombiniert – und das mit grandiosem Erfolg. Die Rede ist von einem Vorzeigebeamten mit ausgewiesenem Berufsethos und hoher Selbstverpflichtung: „Für mich hat sie immer darin bestanden, mehr zu tun, als verlangt wird. Meine Leute waren auch so. Da hat keiner auf die Uhr geschaut.“ Seine Bilanz: Korruptionssysteme aufgedeckt, gegen Untreue, illegale Absprachen und Bestechung erfolgreich vorgegangen, Dutzende von Managern verhaftet. Geldstrafen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro wurden durch seine Initiative verhängt, ganz zu schweigen von zusätzlichen Einnahmen durch die Finanzämter. Der Beamten-Held heißt Hans Bredel , jetzt Kommissar außer Dienst. „Wirtschaft, Bauämter, Stadtparlamente – eine Ausgeburt der Korruption?“ (Die Zeit, 29.Mai 2008). Warum hat der Mann noch nicht das Bundesverdienstkreuz der Extraklasse?

Klar bestimmbare Wirtschaftssektoren und Korruptionssysteme sind neugierig machender Stoff aus dem prallen Leben, ausgezeichnetes Anschauungsmaterial für die Schule, z.B. im Fach Politik und Wirtschaft. Angestrebte Bildungsstandards bzw. Kompetenzstandards:
„Der Schüler kann sozioökonomische Zusammenhänge in verschiedenen Aktionsfeldern analysieren und beurteilen“:
Ableitung (1): „Geldgier und Lust an der Macht beschreiben und erörtern können“
Ableitung (2): „ Visionen und konkrete Vorschläge zur Auflösung ‚systemischer Sachzwänge’ und personale Habitusstrukturen in der Wirtschaft entwickeln können“.

Obama: „Yes, we can!“ – schallt’s über den Teich.

PS. Da sage mir keiner mehr etwas gegen Beamte. Und demnächst gibt es den Vorbild-Lehrer als deutschen Berufsbeamten. Wodurch wird er sich wohl auszeichnen?

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bildung · Bildungsstandards · Dunkelkammer · Unterricht · Vorbilder · Wirtschaft

„Glück“ im Bildungsland Nr.1 ?

28. Juli 2008 · von Miller · 1 Kommentar

„Glück“ im Bildungsland Nr.1 ?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Hessen als Trendsetter für Bildungsfragen ? Moderne hessische Berufsschulen – transformiert in Kompetenzzentren des lebenslangen Lernens – als „Speerspitze der Bewegung“? Glück gehabt – Schüler in Hessen zu sein?

Noch ist es nicht so weit.
Die Leuchtturm-Schule steht in Baden-Württemberg, heißt Willy-Hellpach-Schule – eine moderne Berufsschule mit Wirtschaftsgymnasium- und ist wirklicher Trendsetter im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst das Fach „Glück“ wird ins offizielle Schulcurriculum aufgenommen und das mit großem Zuspruch.

„Mit dem Unterrichtsfach `Glück` wird der Versuch unternommen, den Schülern Bildung im ursprünglichen Sinn zu vermitteln. Ziel ist die Förderung von persönlicher Zufriedenheit, Selbstsicherheit, Selbstverantwortung und sozialer Verantwortung“, sagt Direktor Ernst Fritz-Schubert. Dabei geht es in dem Pilotprojekt nicht darum, das Negative auszumerzen, sondern das Positive zu verstärken. Die Jugendlichen sollen empfänglich für Glücksmomente sein und sich Wege für ihr eigenes dauerhaftes Glück suchen können. Glücklich sein ist ein psychologisches Bedürfnis wie Essen ein körperliches.
Das gilt für Schüler und Lehrer gleichermaßen. Längst hat die Wissenschaft bewiesen, dass Gesellschaften mit wachsendem Reichtum nicht unbedingt glücklicher werden. Dazu gehört wesentlich mehr. Etwa Selbstachtung, Einfühlungsvermögen, Freundschaft, Liebe, Spiritualität, Humor und Optimismus. Diese Ingredienzien des Glücks kann man lernen.

Die Willy-Hellpach-Schule ist bisher die einzige Schule in Deutschland, die sich mit dem „Lernziel glücklich sein“ in dieser Form auseinandersetzt. Sie bietet das Fach „Glück“ sowohl an der zweijährigen Berufsfachschule Wirtschaft (dort erwerben Hauptschüler die mittlere Reife) als auch am dreijährigen Wirtschaftsgymnasium (hier ist der Abschluss das Abitur) an.“ (Homepage der Schule, Juli 2008)

Wer will, kann an dieser Schule auch einen stark leistungsorientierten Weg der besonderen Fach-Ausbildung gehen.
„Seit dem Schuljahr 2003/2004 geht die Willy-Hellpach-Schule einen ungewöhnlichen Weg. Sie ermöglicht durch die Kooperation mit der Young-Business-School besonders leistungsstarken und leistungswilligen Schülerinnen und Schülern neben dem Besuch des Wirtschaftsgymnasiums das Studium der Wirtschaftswissenschaften. Nach dem Prinzip „Lust an der Leistung“ nehmen zur Zeit 5 Schülerinnen bzw. Schüler neben dem normalen Unterrichtspensum die Herausforderung an, weitere 12 – 15 Stunden wöchentlich den Vordiplomstoff der Fernuniversität Hagen zu bearbeiten. Trotz heftiger Kritik – wegen der vermeintlichen Überforderung – hält die Schule an diesem Konzept fest. Der Erfolg bestätigt den eingeschlagenen Weg. Im Schuljahr 2004/05 konnten wir mit der Ausgabe des Abiturzeugnisses einem Schüler und einer Schülerin das Vordiplomzeugnis überreichen.“(Homepage der Schule, Juli 2008)

Die Frage bleibt: Wann gibt es Unterrichtsfächer wie „Glück“ und „Lebenskunst“ als Perspektive an hessischen Berufsschulen oder Gymnasien? Wann werden wirklich neue „Bildungsstandards“ gesetzt? Die von allen hessischen Landtagsfraktionen begrüßten Reformprojekte SV-plus Berufsschulen und Initiative Hessencampus könnten hier sicher noch einiges dazu lernen. Die Zeit ist reif, „Schule neu denken“ (v. Hentig) offensichtlich erst am Anfang.

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Kunst/ Kultur · Unterricht · Vorbilder