Seit vielen Jahren wird über die Selbständige Schule geredet. Frei nach Didi Hallervorden könnte man fragen: Ja, wo ist sie denn, wo laufen sie denn, die Selbständigen? Wo sind die Bordmittel, hat jemand mal ein Fernglas? Bildungspolitiker aller Fraktionen – seid ihr noch da?
Was entscheidend fehlt: Mut, Sachkenntnis und GROOVE. Ohne Begeisterung, ohne Leidenschaft - keine Bildungsreform, die diesen Namen auch verdient.
Kleine, kostenfreie Nachhilfe durch Barbara T.:
Indes, ein neuer Bürokratentypus folgt gerne der erfolgreichen Leitlinie: hohe verbale Offenheit bei gleichzeitig ausgeprägter Handlungsstarre.
Vor der Bildung steht ein Ministerialbeamter. Zu diesem Ministerialbeamten kommt ein Schüler aus einem sozialen Brennpunkt und bittet um Zutritt zur Bildung. Aber der Ministerialbeamte sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Schüler überlegt und fragt dann, ob er also etwas später werde eintreten dürfen. “Es ist möglich”, sagt der Ministerialbeamte, “jetzt aber nicht.” Da das Tor zur Bildung offen steht wie immer und der Ministerialbeamte beiseite tritt, bückt sich der Schüler, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Ministerialbeamte das merkt, lacht er und sagt: “Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meiner Verfügung hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Ministerialbeamte. Von Saal zu Saal stehn aber Referatsleiter und Ministerialdirigenten, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten Ministerialbeamten kann nicht einmal ich mehr ertragen.”
Solche Schwierigkeiten hatte der Schüler aus einem sozialen Brennpunkt nicht erwartet; Bildung soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Ministerialbeamten in seinem Doppelreiher genauer ansieht, seine zackigen Bügelfalten, sein Hoheitszeichen am Revers und seine verbittert nach unten gezogenen Mundwinkel, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Ministerialbeamte gibt ihm ein Schulbänkchen und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Ministerialbeamten durch seine Bitten. Der Ministerialbeamte stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Vornoten aus und über auswendig Gelerntes, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie gelangweilte Bildungsinspektoren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Der Schüler, der sich für seine Bildungsreise mit viel Faktenwissen ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so lehrplangemäß, um den Ministerialbeamten zu bestechen. Dieser hört sich zwar alles an, aber sagt dabei: “Ich höre mir nur alles an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.” Während der vielen Jahre beobachtet der Schüler den Ministerialbeamten fast ununterbrochen, er vergisst die anderen Ministerialen, und dieser erste erscheint ihm das einzige Hindernis für den Zugang zur Bildung. Er verflucht den unglücklichen Stillstand, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er älter wird, döst er nur noch teilnahmslos vor sich hin. Er wird pubertär, und, da er in dem jahrelangen Studium der Verwaltungsvorschriften auch die Ärmelschoner an den Hemdsärmeln des Ministerialbeamten entdeckt hat, bittet er auch die Ärmelschoner, ihm zu helfen und den Ministerialbeamten umzustimmen. Schließlich wird seine Innenbeleuchtung schwach und er weiß nicht, ob sein Geist wirklich trüber wird oder ob ihn nur seine Trägheit täuscht. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der verheißungsvoll aus der Türe zur Bildung bricht.
Nun hat er nicht mehr lange. Vor seinem Abschluss sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Ministerialbeamten noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Geist kaum noch aufrichten kann. Der Ministerialbeamte muss sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu Ungunsten des geduckten Schülers verändert. “Was willst du denn jetzt noch wissen?” fragt der Ministerialbeamte, “bist du noch immer wissbegierig?” “Alle streben nach Bildung”, sagt der Schüler, “wieso kommt es dann, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?” Der Ministerialbeamte erkennt, dass der Schüler schon an seinem Ende ist, und, um sein verlöschendes Gehirn noch zu erreichen, brüllt er ihn an:” Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Zugang war nur für dich und deine Entwicklung bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.”
Bildungsreform auf gut hessisch: “Ein Eingang – zwei Ausgänge” (Roland Koch)
Der schleichende Tod der Hauptschule soll gestoppt und an der Viergliedrigkeit des Schulwesens festgehalten werden. Ganz einfach, man erfindet eine neues Etikette: Mittelstufenschule in der Sekundarstufe - volle Fahrt voraus, das ist man den Eltern schuldig. Ministerpräsident Koch: ” Grundüberzeugung unserer Vision für die Schule von morgen ist der Erhalt von Schulvielfalt und Schulfreiheit.” Das ist eine bahnbrechende Erkenntnis und Förderung pur – jedem das Seine. Demnächst werden zukunftsweisend wahrscheinlich wieder die alten eindeutigen Begriffe eingeführt und die Ausgänge streng bewacht: Sonderschule, Volksschule, Mittelschule, Oberschule, damit es auch keine Verwechslungen geben kann.
Der Frankfurter Theoretiker Ulrich Oevermann ist 70 – Glückwunsch!
Ulrich Oevermann, der Frankfurter Gesellschaftstheoretiker, Soziologe, Sozialpsychologe und professionelle Hochschullehrer alter Schule ist heute 70 Jahre geworden. Er ist einer der wenigen mit eigenständigem Gedanken und großem Forschungsgebiet: Objektive Hermeneutik.
Vereinfacht formuliert: Jede menschliche Handlung läßt sich als TEXT formulieren und in der Tiefe analysieren. Offensichtliche Sinnkonstruktionen mit oft unübersehbaren Folgen, verborgener Sinn können entschlüsselt werden. Welt ist Text/Zeichen/Spur und dadurch zugänglich.
Oevermann engagiert sich auch für das bedingungslose Grundeinkommen und die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Er ist Gegner der “neuen” Hochschulreform als eine Ausdrucksform verbetriebswirtschaftlicher Lehre und Forschung.
Im Bildungswirt wurde der Verkauf des Landesabiturs immer wieder aufgegriffen.
Man wird sehen, inwieweit die Landesregierung lernfähig ist und die Zeichen der Zeit versteht. Das Internet mit entsprechender Computertechnologie ist die bedeutendste Revolution der Neuzeit. Warum will man diese Potenziale nicht auf allen Ebenen ausnutzen? Eine großzügige Veröffentlichung von Lernmaterialien – selbstverständlich auch von allen verbrauchten Prüfungen – gehört zum Mindesstandard der Unterstützung von Bildungsanstrengungen.
Im Kulturpolitischen Ausschuss werden die Positionen der fünf Lantagsparteien deutlich werden.
Übrigens: Was sagen eigentlich die Lehrerverbände und Elternvereine in der Sache?
Bildung – quo vadis? Verirrt, vernebelt, verquatscht in der verblödeten Republik. Die Wehklagen wandern von den Politikseiten ins Feuilleton, werden dann leiser und verhallen in unwirtlichen Räumen. Man arrangiert sich mit der Bildungskatastrophe, ergötzt sich an Kompetenzenkatalogen, weltet und fachtagt mit TÜV geprüften Qualifikationen zu allem und jedem durch Hauptstadt und Provinz. Gefragt ist das wandelnde qualifikationsgeschwängerte Kompetenzbündel (männlich, weiblich, androgyn), allzeit bereit, auf permanenten Konsum und Infotainment abgerichtet.
Sapere aude ist der Wahlspruch der Vorgestrigen. Heute gilt es, den Megatrend ahnen, Witterung aufnehmen und im politisch korrekten Neusprech die geedelte Mitte flach durch die Mitte zu verkünden und zugleich, eben nicht der Gegenwart verhaftet, schon wieder abzutauchen, um den neuen Blindflug vorzubereiten. Themen und marktgängige Settings, soweit das Auge reicht.
Indes die Klagen über Bildungsverfall und die Wirkung des faulen Bettes des Gehorsams sind nicht neu. Schon vor 2000 Jahren klagte Seneca: …weiterlesen im FREITAG
Seit 15 Jahren wird über die Großbaustelle “Selbstständige Schule” oder auch “Eigenverantwortliche Schule” in Deutschland diskutiert. Richtig vorangekommen ist man selten, (von ein paar Vorzeige-Modellversuchen abgesehen) zu Unterschiedliches wird darunter verstanden. Da zeigen sich technokratisch-autoritäre Modelle wie demokratische unter dem gleichen Label. Was man in Hessen wirklich will, steht noch in den Sternen. Wohl offizielles Regierungsprogramm von CDU/FDP – aber was heißt das schon praktisch gewendet?
Sind wirklich neue Lernkulturen, demokratische Beteiligung der Schüler und Eltern gemeint? Gibt es eine grundlegende Reform des Prüfungswesens, weg vom Bulimielernen, hin zur Lernnachhaltigkeit? Ist der Schulleiter Teil des Kollegiums und vornehmlich pädagogischer Motor? Wie gestalten sich die Reformspielräume für ein Kollegium, wie wird das finanziert? Lernerrollen für Lehrer – systematische und zeitintensive Lehrerfortbildung? Fragen über Fragen – was kommt 2010 aus Wiesbaden?
oder Schule, Mütter und Evaluationsagenturen
Wenn irgendein anscheinend vom Leben unbeleckter Knirps mit vollgestopfter Schultasche in der staatlich verordneten Gehirnerweiterungsmanege von nahezu unermüdlichen, nur das Beste wollenden pädagogischen Vorturnern monatelang ohne Unterbrechung systematisch belehrt würde, unentrinnbar begleitet von gierigen aalglatten Evaluationsagenturen mit immer neuen Aufgabensettings, Testreihen und auf jedes Detail fixierten Videoaufzeichnungen seiner mühevollen, aber erfolgsgetäfelten Genese, er, der Knirps, geschmacksneutrale Antidepressiva jeden Morgen schluckend , Zähne zusammenbeißend zu immer noch größeren, fast unglaublichen Leistungssteigerungen sich antreiben lassend, ständig begleitet vom immer wieder neu anschwellendem Beifallsklatschen der Professoren mit den grünen Gläsern und den extensiven Bildungsstandards in alleswissenden gestempelten Dokumenten verpackt, er, der Candide, unter heftigen Leibschmerzen sich krümmend, sich den schon völlig verwirrten Kopf haltend — ja, vielleicht eilte dann eine junge Mutter, begleitet von vielen anderen, in die angsteinflößende Anstalt des öffentlichen Rechts, risse alle Türen des pädagogischen Grauens auf und riefe das: Halt! unbeeindruckt von vordergründig trüben Blicken einer nicht genau zu identifizierenden Schulmasse.
Da es aber nicht so ist; ein freudestrahlender Götterfunken-Jüngling wie naturgegeben die frische freie Luft des Lernangebots einatmet, selbst in tiefere Gefilde mit seinem ganz eigenen Rhythmus eintauchend; hingebungsvoll unterstützt von an der Sache und dem Jüngling gleichermaßen interessierten weitblickenden Pädagogen; die großzügig angelegte, in animierende Farbenspiele getauchte bahnbrechende Architektur des Gebäudes geradezu zu Lernexperimenten, Dialogen und vielfältigen Kooperationen einlädt, gleichzeitig Rückzugsbereiche für Schüler und Lehrer mit individuellen Gestaltungsmöglichkeiten ausweist; die vorbildliche Teamarbeit schon beim Betreten dieses wunderbaren Gebäudes jedem Beobachter buchstäblich ins Auge springt; der Direktor sich in fast schon übermenschlicher Aufopferung um die bestmöglichen Rahmenbedingungen des Lernens, um „Geschichte und Eigensinn“, um Tradition und Innovation kümmert; Wissenschaftler nicht nur ihre geschliffenen Gläser auf eine breite Palette unterschiedlicher Farbfilter hin prüfen, sondern in einer weltoffenen und wertsensiblen Haltung ständig auf Interdisziplinarität und west-östliche Perspektivwechsel bedacht sind, auch nicht zu schade, in brenzligen Situationen, die Ärmel aufkrempelnd, selbst in die Schülermanege zu steigen und, falls notwendig, auch Hausmeister zu peinlichster Achtsamkeit für Schülerbelange zu ermahnen; der Schüler, der Jüngling, der Knirps geradezu wertgeschätzt wird, dass professionelle Pädagogen jedes Jahr von neuem, durch diesen von der Gesellschaft finanzierten Traumberuf, mit der nachwachsenden Generation zusammen arbeiten und lernen dürfen — da dies so ist, liegen viele junge Mütter in wattebepolsterten Hängematten, ihr ganz eigenes Mantra murmelnd, in einem rätselhaften Traum versinkend, das Gesicht vornüber gebeugt, mit schweren Tränen in ihren Augenwinkeln, die sie nicht wirklich bemerken.