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Landesabitur-Vorbereitung: „Wünsche euch allen dann viel Glück, wenn ihr zentral mit mir leidet“

2. Februar 2010 · von tango · 3 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Oder: Kann man ein schriftliches Landesabitur im Fach Deutsch sinnvoll vorbereiten?

Chaos, Orientierungslosigkeit, Fremdbestimmung sind drei Größen, die bei der bisherigen Vorbereitung auf das Landesabitur in Deutsch eine herausgehobene Rolle spielten. Dies kann man an einem „Hilferuf“ aus dem Netz und den entsprechenden „Ratschlägen“ aus den Niederungen des Schulalltags recht gut nachvollziehen. Die Netz gestützten „Abi-Vorbereitungs-Tipps lassen sich unter www.deutschboard.de/topic,2954,-abivorbereitung-deutsch-gk,-hessen.html im dortigen Forum im Original abrufen. Auch wenn man bei vielem, was dort prüfungsgeplagte Oberstufenschüler schreiben, schmunzeln muss, spiegelt sich darin mangelhaftes Coaching durch ihre Lehrer sowie mangelnde Transparenz und fehlender Support durch Ministerium und Schulverwaltung wider. Im Folgenden möchte ich einige aussagekräftige Beiträge punktuell kommentiert vorstellen und daran exemplarisch verdeutlichen, woran das derzeitige zentrale Prüfungswesen krankt und welche „zentralen“ Alternativen es gäbe.

Aber schauen wir uns in einem Rückblick den durchaus lobenswerten Versuch eines Schülers an, aus den Fachnebeln aufzutauchen und hilfreiche Tipps für eine sinnvolle Vorbereitung auf das zentrale Deutsch-Abitur zu bekommen. Am 08.01.2008 wird der Reigen mit einem Hilferuf von babelfish eröffnet:

Im März stehen ja bei uns in Hessen die schriftlichen Abiklausuren an…
Ich habe Deutsch als drittes Prüfungsfach gewählt und wollte jetzt mal hören, ob es hier noch andere „Leidensgenossen“ gibt!
Wie bereitet ihr euch auf die Prüfung vor?
Was lernt ihr über die einzelnen Werke, die im Unterricht behandelt wurden?
Ich finde eine zentral gestellte Aufgabe im Fach Deutsch irgendwie besonders schwierig, weil ich mir vorstellen kann, das gerade bei den ganzen Büchern, die man ja besprechen soll, sehr unterschiedliche Schwerpunkte gewählt werden. Und der Lehrplan ist dabei ja auch nicht gerade eine besonders große Hilfe…
Ich freu mich über eure Meinungen/Erfahrungen!

Schon in der ersten Antwort wird pädagogische Hilflosigkeit kolportiert, wenn der hilfsbereite Barium bedauernd feststellt:

Unser Deutschlehrer hat den gesamten Deutsch-GK (wird sind ungefähr 25 Leute) dazu überredet, Deutsch mündlich zu machen (ja, es klang am Ende recht bedrohlich, Deutsch schriftlich zu machen!)… Also kann ich dir leider nur sagen, wie ich mich auf mein Mündliches im Juni vorbereite.

Da stellt sich die Frage: Warum raten Lehrer von einer schriftlichen Prüfung ab? Ist sie auch für Lehrer zu wenig transparent und berechenbar? Gibt es zu wenig allgemein akzeptierte Qualitätskriterien, um Leistung (eventuell auch schulübergreifend) nachvollziehbar zu beurteilen? Oder hat man schlichtweg keine Lust zum Korrigieren?
Dann kommt eine sehr strukturierte, aber nicht immer effiziente Methode, um Breitenwirkung zu erzielen – nach dem Motto: Ich schieße breite Salven in die Luft und hoffe, dass der eine oder andere Vogel zu Boden geht:

Ich gehe deduktiv vor:
1.) Epochenwissen auffrischen
2.) Sekundärliteratur zum besprochenen Werk lesen
3.) Schulnotizen in meinem Heft zum Werk lesen (nicht immer empfehlenswert!)
4.) Primärliteratur – das Werk lesen (nochmals oder überhaupt einmal?)
5.) so viel und gleichzeitig so kurz wie möglich das Wichtigste notieren
Wenn ich das mit allen Epochen / Werken gemacht habe, kann ich mich auf Vergleichsaspekte konzentrieren (Epochenumbrüche, Epochenvergleiche, Personen vergleichen…). Dazu hol ich mir dann das rote Starkbuch „Abitur 2008 Deutsch“ und schau mir einige Beispielaufgaben und Prüfungen an.

Schon ganz clever; doch stellt sich dann die Frage: Warum nicht gleich mit dem „Starkbuch Abitur 2008 Deutsch“ beginnen und sich den Rest schenken?
Aber hören wir gleich, was babelfish auf die Nachfrage, wie er sich vorbereite, antwortet:

Jaaa, wenn ich das so genau wüsste…
Im Moment arbeite ich meine Ordner von vorne bis hinten, bzw. die Zusammenfassungen, die ich mir für die Klausuren geschrieben hatte, durch und versuche eine Zusammenfassung zu schreiben. Nebenbei lese ich nochmal „Don Carlos“ und danach „Der Sandmann“ (weil das schon so lange her ist, als wir es behandelt haben und ich den Sandmann, glaub ich, auch nie ganz gelesen habe… ). Außerdem habe ich mir von Klett Abi-Wissen kompakt „Deutsch Literaturgeschichte/Epochen“ gekauft, wo ich dann immer parallel etwas zu den Epochen nachlese.

Also auch hier: Orientierungslosigkeit im Prüfungsuniversum. Immerhin ereilt ihn dank prüfungsdidaktischer Unklarheit sein schlechtes Gewissen, denn er hat offensichtlich den „Sandmann“ nicht gelesen – oder kann sich wenigstens nicht dran erinnern. Das spricht nicht gerade für Nachhaltigkeit. Da scheint es offensichtlich keine Brücke zwischen dieser düsteren spätromantischen Erzählung und der Lebenswirklichkeit heutiger junger Menschen mehr zu geben, obwohl doch Illusion, Verblendung, Fremd- und Selbsttäuschung in ihrem Erfahrungsbereich eine Rolle spielen dürften. Aber es gibt vor dieser schaurigen Deutschprüfung offenbar kein Entrinnen:

Ich würde Deutsch auch lieber mündlich machen, aber da ich Chemie/Mathe als LKs gewählt habe, darf ich nicht mein Wunschfach Physik schriftlich machen, sondern musste mich zwischen Deutsch und Geschi entscheiden – Da war dann Deutsch das geringere Übel, was die schriftliche Prüfung angeht…

Welch schreckliches Licht wirft dies auf Deutsch – oder gar Geschichte. Da wird die scheinbare Berechenbarkeit der Naturwissenschaften (klare Themenabgrenzung, kleinschrittige Vorgehensweise, scheinobjektive Fachlogik ohne viel Bewertungsspielraum) sprach- und problemorientierter Mehrdeutigkeit vorgezogen. Hierzu passt auch die Dämonisierung der Deutschprüfung durch den Lehrer:

Was hat euch euer Lehrer denn Schauriges über die schriftliche Prüfung erzählt?

Darauf Barium, dessen Lehrer schon leidlich desillusioniert erscheint:

Unser Lehrer meinte, dass wir mündlich ein doch recht starker Kurs seien und blöd wären, schriftlich zu machen, da es überaus schwierig sei, ins Zweistellige zu kommen. Das hat er mit einem Beispiel untermalt: eine Klausur kam mit 14 Punkten in den Ringtausch und wurde nach Ringkorrektur mit 8 Punkten bewertet – tja!

Wie kann das sein? Hatte da einer die falsche Brille auf? Gab es keine verbindlichen und allgemein akzeptierten Qualitätskriterien? Oder wollte man nur einmal dem Kollegen zeigen, wo der Hammer hängt?
Statt auf eine individuell motivierte, zukunftsorientierte Aneignung von Tradition und Kultur zu setzen herrscht offenbar aller Orten Fremdbestimmung und Lehrplanzwang.

Am schwierigsten fällt mir irgendwie, zu entscheiden, was ich mir zu den Büchern aufschreibe… Da gibt es schließlich so viele Aspekte, die man behandeln könnte – welche sind die für’s Kultusministerium wichtigen?!

Dieser Satz ist verräterisch! Es ging und geht eben nicht darum, was für den Lerner wichtig – also „behaltenswert“ – ist, sondern eher herauszubekommen, was Deutschlehrer, Prüfer, Kultusministerium und andere Bildungskontrolleure in tiefgefrorenen Pädagogenmänteln von einem hören wollen.

Unsere Deutschwerke:
– Don Carlos, Der Sandmann, Woyzeck, Effi Briest, Faust I
Lass mich raten – bei dir auch?

Da braucht man wirklich nicht lange zu raten! Außer in der hessischen Erwachsenenbildung kommt bundesweit keine zentrale Deutschprüfung ohne eine verbindliche Leseliste aus, auf der sich die üblichen Verdächtigen finden, mal ausgetauscht, mal neu gemischt, mal von anderen Bundesländern abgekupfert.
Aber weiter geht’s, denn jetzt wird’s wieder konkret:

Ich arbeite aus den Büchern heraus:
– den Inhalt
– die Personen (+ Gefüge) und wofür sie stehen (Epochen, Tugenden etc.)
– Motive im Werk und wie sie verarbeitet sind (z. B. Wahnsinnsstationen im Sandmann oder wo überall das Augenmotiv vorkommt)
– Epochenmerkmale: wieso das Werk typisch für diese Epoche ist
– Schmückungswissen (!) zum Werk, zur Epoche und zum Autor (kommt laut Lehrer immer gut in der Prüfung ), z. B. wie das Werk aufgenommen wurde und heute wird.

Also, kurz, all das, was im kompakten Abi-Wissen bei einschlägigen Schulbuchverlagen zu den in Frage kommenden Werken schon gut aufbereitet und vorverdaut zur Verfügung steht – und keine selbständige Auseinandersetzung mit dem Werk mehr erfordert. Sehr gelungen ist auch der Ausdruck „Schmückungswissen“; klingt wie „unbedeutende, aber effektvolle Schaumschlägerei“. Egal wie das Produkt schmeckt, Hauptsache die Verpackung ist bunt und gefällt!

Vielleicht hilft aber auch ein bisschen Zocken: Z.B. alles auf die „Lyrik-Karte“ setzen!

Puuuuh, vielleicht spezialisier ich mich auch einfach auf Gedichte und hoffe darauf, dass auf jeden Fall Lyrik drankommt, bei der man kein Wissen über die Bücher braucht!
Aber im Ernst… Ich lese ja wirklich gerne, die meisten Bücher find ich auch wirklich interessant, ich mag sogar Don Carlos, aber Klausuren darüber zu schreiben finde ich trotzdem schrecklich.

… oder die „mathematische Vorbereitungsvariante“: Angewandte Wahrscheinlichkeitsrechnung, wie sie verdo empfiehlt:

Also mein Lehrer hat was gesagt, dass ein Teil der Bücher von den nächsten 13ern nicht mehr gelesen werden muss. Hab grad mal nachgeschaut und dabei das hier gefunden: http://lernarchiv.bildung.hessen.de/sek_ii/deutsch/abiturpruefung/index.html. D.h. Wir sind die letzten, die über Don Karlos und Effi Briest schreiben können. Und da die beiden letztes Jahr nicht dran waren, könnte ich mir gut vorstellen, dass etwas davon dran kommt. (Würd mich freuen, weil das die 2 Bücher sind, die mir noch am besten gefallen haben und ich noch halbwegs logisch find). Außerdem sieht man da auch, dass fürs nächste Jahr die Lyrik der Klassik wegfällt, womit auch das gut bei uns noch dran kommen könnte. Da bin ich mir aber net so sicher. Unser Lehrer meinte auch, wenn Gedichtvergleich dann Klassik – Expressionismus oder Romantik – Expressionismus, aber nicht Klassik – Romantik. Is aber nur ne Vermutung.

… aber auch RexV’s Vertrauen auf die Wiederkehr des Immergleichen könnte vor der Macht pädagogischer Verharrungskräfte durchaus erfolgreich sein:

Ich habe mich in Deutsch lediglich auf den Aufgabenvorschlag mit den Epochen (also Romantik – Expressionismus) konzentriert…
Wird schon klappen… ich hab mir auch auf www.stern.de die Übungsaufgaben für letztes Jahr runtergeladen und da kam immer nur Vergleich Romantik und Expressionismus dran. So wird es zu 99% auch dieses Jahr wieder sein
Wenn ich mir vom Stark Verlag die Aufgaben ansehe, dann gibt es keinen einzigen anderen Vergleich

Immerhin ist Zauberwürfel mit seinem Prüfer auf der richtigen Spur:

Mein Examensprüfer stand auch immer voll darauf, wenn man Bücher kennt, die ähnliche Themen beinhalten.
(…) Es reicht ja, wenn man Autor und Werk sowie groben Inhalt bzw. halt gleiche, wiederkehrende Motive nennen kann á la „Das Motiv xyz kommt bei Faust I vor, Parallelen lassen sich im Hiob- Buch in der Bibel oder im Werk von Schulzemeiermüller „ABCD“ finden. ….“
Stichpunkt Transferwissen und breites Wissensspektrum anderer Werke. Viel Glück!!

Leider aber auch hier nur als Vorbereitungs-Tipp: Fertiggerichte aus der Dose ohne nachhaltige Sättigung:

ich hab mir, als wir die lektüren gelesen haben, schon jeweils lektüreschlüssel geholt und die nochmal ordentlich durchgearbeitet;
genauso halt epochenwissen und „theorie“wissen zu textanalysen
viel hab ich für deutsch aber nicht gemacht, und es ist auch schon fast fünf jahre her

Traurig ist auch babelfishs Angst vor Kreativaufgaben, die eigentlich etwas Auflockerung ins ewig gleiche, knochentrockene Deutsch-Prüfungsformat bringen könnten:

Was mir ja auch ein bisschen Angst macht, ist diese Kreativaufgabe, die bei Deutsch jetzt immer dabei ist… So ein Schwachsinn!

Oh Schreck, oh Graus! Diesem Aufgabentyp liegt eigentlich ein guter Gedanke zugrunde: Durch eine „Gestaltende Interpretation“ oder eine „rollengebundene Perspektive“, durch Neu- oder Umgestaltungen von Texten, kurz: durch einen selbständigen Schaffensprozess, könnte nicht nur eine rein kognitive, sondern auch eine empathische Form von Text- oder Problemverständnis zum Ausdruck gebracht werden. Wenn aber unkreative Lehrer in einem immer gleichen Unterrichtsablauf so etwas nicht vermitteln, kann sich auch kein Schüler für solche Aufgaben begeistern.
Doch hier kann Barium babelfishs Ängste schnell zerstreuen:

Kreativaufgaben sind ja Mono- und Dialoge, Briefe oder eine Stellungnahme. Ich finde also nicht, dass man sich da soooo einen Kopf zu machen braucht, wenn man sich im Vorfeld eine Meinung bildet und die Personen gut kennt.

Deutschunterricht wäre nicht Deutschunterricht, wenn man nicht auch den kreativen Teil zur langweiligen Routine verkommen lassen könnte.

Fazit: Gegen diese stofffixierte Orientierungslosigkeit und Fremdbestimmung, die bestenfalls in „Bulimielernen“ endet, hilft nur, sich bei „gelaufenen“ Abituren aus anderen Bundesländern schlau zu machen. Denn oft werden nicht nur die Leselisten, sondern auch die Prüfungsideen zeitlich versetzt „ausgetauscht“ oder variiert. Dazu hilft es, den Service des Bildungswirt in seiner rechten Spalte unter der Rubrik „Abituraufgaben“ zu nutzen. Ansonsten gibt es – wie schon im zitierten Forum richtig erkannt – die einschlägigen Abihilfen der Schulbuchverlage, die auch auf die jeweiligen Landes-Leselisten abgestimmt sind.
Hilfreich zur Prüfungsvorbereitung wäre es, wenn schon verbrauchte Prüfungen für Nachfolgegenerationen (z.B. im Netz) frei zugänglich gemacht und an Schulen zu Übungszwecken eingesetzt würden. Einstweilen befinden sich einige „verbrauchten“ Prüfungen CDs an Schulen – was auch nicht jedem bekannt ist.

Eine moderne kompetenzorientierte Prüfungsdidaktik im Fach Deutsch sähe allerdings anders aus: Sie müsste z.B. zulassen, dass Schüler individuell Erarbeitetes mit zentralen Vorgaben vernetzen können.

Wie aber könnten kompetenzorientierte Prüfungen in Deutsch künftig aussehen? Hier ein paar Kriterien, die individuellem Arbeiten und einer konsequenten Subjektorientierung Rechnung tragen:

a) selbst gewählte Vergleichsmöglichkeiten zur vorgegebenen Problematik / Thematik

b) Um- und Neugestaltung von Texten nach bestimmten Kriterien

c) Herausarbeitung von Bezügen zwischen unterschiedlichen Materialsorten

d) selbständige Wahl einer passenden Bearbeitungsmethode oder eines Untersuchungsschwerpunkts

e) reflektierte Wahl einer wirkungsorientierten und adressatenbezogenen Darstellungsform

f) Beurteilung eines Problems/ Sachverhalts nach hergeleiteten Prüfkriterien

g) Herausarbeitung von Strukturen und Prinzipien – punktuell nötiges Spezial- und Sonderwissen kann dabei als Entlastung zur Verfügung gestellt werden

h) Konzentration auf Prozesse und Lösungsstrategien

i) selbständige/ begründete Komplexitätserweiterung bzw. –reduktion bei der Suche nach Lösungswegen

j) Gegenwartsbezüge und Zukunftsfähigkeit.

Entschließt man sich dazu, eher Strukturen, Zusammenhänge und die jeweilige Fachlogik in den Vordergrund einer Prüfung zu rücken und damit den Abfrageduktus zu überwinden, werden Leselisten und detaillierte Stoffkataloge überflüssig. Geeignete Aufgabentypen und Beispielaufgaben könnten schließlich diese Kriterien konkretisieren und in Form neuer Lernkulturen den Unterrichtsalltag verändern. Schüler und Lehrer müssten für solche Ansätze gewonnen und bei diesen Umstellungsprozessen begleitet werden.
Zentrale Prüfungen wären dann erst wirklich sinnvoll, transparent und akzeptabel.

Kategorien: Abitur

3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Tine Schmidt // 9 Feb 2010 um 21:21

    Unsinnige Panikmache

    Es nützt weder Schülern noch Lehrern, die wirren Äußerungen aus dem Jahr 2008 zu wiederholen! Seitdem haben nämlich alle gelernt und können jetzt die Einführungserlasse verstehen UND umsetzen. Die Aufgaben der letzten Jahre waren absolut fair und für alle machbar, die in der Lage sind, deutsche Texte zu lesen und zu verfassen.

    Ich möchte alle, die hier rumjammern, dass sie nicht wissen, wie sie sich inhaltlich vorbereiten sollen, an Folgendes erinnern: Grundsätzlich sind Aufgabe 1 und 3 ohne detaillierte Zugriffe auf Gelerntes zu lösen – das sind nämlich Zusammenfassungen (in 1) und Kommentare bzw. kreative Fortschreibungen in Aufgabe 3. Punkte macht, wer lesen und schreiben kann!
    Oder, wie im letzten Absatz gefordert wird, wer „Strukturen und Zusammenhänge erkennt“.
    Leider, leider hapert es damit bei vielen Schülern – ganz häufig können sie außerdem nicht angemessen und normgerecht formulieren, was ihnen so als Gedanke durchs Hirn schwirrt. Und wer bei Hausaufgaben immer nur Stichwörter schreibt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er im Abitur Formulierungsschwierigkeiten hat.

    Wir wollen auch nicht vergessen, dass der Fehlerindex in Deutsch recht hart ist – von meinen 20 Schülern schafft es oft keiner ohne Abzug, und einigen muss ich tatsächlich drei oder vier Punkte abziehen. Die auf den ersten Blick unverständlich erscheinenden Notendifferenzen zum Zweitkorrektor entstehen auch dadurch, dass nicht alle Erstkorrektoren bei „ihren“ Schülern alle anzustreichenden Fehler auch tatsächlich markieren. Wenn der Zweitkorrektor wirklich, wie in der VO vorgeschrieben, auch die Ausdrucksfehler markiert, geht die Note dann ganz schnell runter.

    Fazit: Die schriftliche Prüfung bietet allen eine gute Chance, weil sie drei Texte/Aufgaben zur Auswahl stellt. Die mündliche Prüfung ist für alle die günstiger, die viele Fehler machen und dazu neigen, beim Schreiben den roten Faden zu verlieren bzw. Schwierigkeiten haben, sich auf das Thema zu konzentrieren. Wer die Lektüren nicht gelesen hat und nur Stummeldeutsch spricht, wird in beiden Prüfungsformen scheitern. Das war auch schon vor dem Landesabitur so.

  • 2 tango // 10 Feb 2010 um 11:31

    Liebe Tine,
    ich freue mich, dass du mit deinem Beitrag eine Diskussion über eine fortschrittliche und angemessene Prüfungsdidaktik eröffnest, die sich hoffentlich fortsetzt. Natürlich sind nicht alle Abituraufgaben in Deutsch schlecht, aber man darf sich schon über ein paar Ungereimtheiten Gedanken machen. Zu einer kompetenzorientierten Unterrichtsanlage, wie sie ja Bildungsstandards anstreben, gehört m.E. keine für alle verbindliche Leseliste als zentrale Prüfungsvorgabe, sondern angemessene inhaltliche Kriterien, deren konkrete Ausgestaltung sich an den in meinem Beitrag am Schluss vorgestellten Punkten orientieren könnte.
    Außerdem halte ich die gesonderte „Bestrafung“ formaler Fehler durch Punktabzug nach Fehlerindex für eine scheinobjektive Augenwischerei. Nach meiner Auffassung gehört zu einer kompetenzorientierten Prüfung – übrigens auch in den Fremdsprachen – ein holistisches oder kriteriengestütztes Korrekturverfahren, wie dies z.B. Baden-Württemberg schon praktiziert. Ausdrucksfehler auch formal anzustreichen halte ich für völlig daneben, denn hier wird implizit unterstellt, eine Äußerungsabsicht ließe sich nur mit einer einzigen treffenden Formulierung realisieren. Da darf es eigentlich nicht verwundern, wenn sich Schüler verunsichert fragen, was ihre Lehrer oder Prüfungsbeurteiler von ihnen genau hören wollen!
    Leider habe ich über mehrere Jahre (und Abiture) hinweg bei meine fünf Kindern erfahren müssen, dass es offenbar trotz teilweise enger verbindlicher Festlegungen wenig Transparenz und schon gar kein erkennbar kriteriengestütztes Prüfungskonzept gibt.

  • 3 Bildungswirt // 18 Feb 2010 um 21:25

    @tango
    Danke für deinen kritischen Beitrag als Gastblogger.
    Ob sich kompetenzorientierte Aufgabentypen wirklich im Abitur auf Dauer durchsetzen werden, kann sicher schon am nächsten Abitur im März 2010 geprüft werden.

    @tine schmidt
    Panikmache? Das scheinen alles authentische Schüleräußerungen gewesen zu sein; dazu produktive Weiterentwicklungen von tango wie eine neue Prüfungsdidaktik aussehen könnte.
    Vielleicht redet ihr etwas aneinander vorbei. Könnte das noch geklärt werden?
    Gruß BW

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