Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 1

Was macht Computerspiele attraktiv?

14. September 2009 · von Tobias Bevc · 4 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Nicht, dass nicht noch mehr negative Aspekte hätten aufgezählt werden können. Aber wie der geneigte Leser ja schon gemerkt hat, gibt es bisher nicht einmal eindeutigen Belege dafür, wie „schädlich“ Computerspiele wirklich sind.  Wer es eindeutig mag, sei auf folgendes, leider recht dummes Buch über Computerspiele- und TV Gewalt  und ihre Wirkung hingewiesen: Da spiel ich nicht mit, herausgegeben von Rolf und Renate Hänsel.

Nun zur eigentlichen Frage: Was macht Computerspiele attraktiv?

Dieses Thema ist recht kurz abzuhandeln:

  1. Die (meisten) Computerspiele lassen sich den Fähigkeiten des Spielers anpassen. D.h. jeder kann die Spiele mit einem solchen Schwierigkeitsgrad spielen, dass weder eine Über- noch Unterforderung auftritt. Auf diese Weise läßt sich Frust beim Spielen vermeiden, der entweder darin besteht, dass das Spiel keine Herausforderung ist und ergo langweilig wird bzw. dass es nicht zu schwierig ist und daher frustrierend. Beide Fälle führen i.d.R. zum Spielabbruch.
    Nur jedoch bei der richtigen Mischung zwischen Spielfluss und ausreichend Herausforderung kann es zum sog. „Flow“-Erlebnis kommen (Mihaly Csikszentmihalyi, Das flow – Erlebnis: Jenseits von Angst und Langeweile im Tun aufgehen).
  2. Die drei Komponenten Macht, Kontrolle und Herrschaft (Fritz, Warum eigentlich spielt jemand Computerspiele?),  die der Spieler in Computerspielen ausleben kann, sind die Elemente, die diese Spiele für viele attraktiv machen (vgl. dazu allgemein für das Spiel: Oerter, Psychologie des Spiels). Gerade Kinder und Jugendliche können diese Elemente im echten Leben eher selten in vollen Zügen auskosten.
  3. Drei weitere Elemente, die das Computerspielen attraktiv machen, sind die von Klimmt beschriebenen Faktoren des Unterhaltungserlebens:
    1. Selbstwirksamkeitserleben,
    2. das Prinzip der Spannung und Lösung und
    3. die simulierte Lebenserfahrung.
    Das erste meint, dass der Spieler beim Spielen erfährt, dass seine Handlungen den entscheidenden Unterschied ausmachen; das zweite bedeutet, dass das Spielerleben ein beständiger Prozess des Spannungsaufbaus durch das Spielgeschehen ist. Der Spieler ist gezwungen, eine Problemlösungsstrategie zu entwerfen und durch sie eine Lösung des Problems zu erreichen. Damit kommt es auch zur Lösung der Spannung durch die erfolgreiche Umsetzung der Lösungsstrategie des Spielers durch den Spieler. Das dritte Moment des Unterhaltungserlebens, die simulierte Lebenserfahrung, bietet den Spielern die Möglichkeit der Übernahme einer interaktiven Handlungsrolle. (Christoph Klimmt (2006), Computerspielen als Handlung,  Köln, 95-102.)
  4. Last but not least sind die sozialen Aspekte des Computerspielens nicht zu vernachlässigen, gerade im Fall von Mehrspielerspielen. Neben den Freundschaften die via Computerspiele geknüpft und gepflegt werden, sind Computerspiele heutzutage auch eines der Leitmedien der jungen Generation.  Wer Computerspiele spielt und sich mit ihnen auskennt, kann davon dadurch bei seinen Altersgenossen Anerkennung  finden.In vielen der  MMORPGs (Massively Multiplayer Online Role-Playing Games) kommt es zu Gemeinschaftsbildung und starker Gruppenzugehörigkeit. Die Spiele, die meist in Fantasiesettings spielen, bieten vieles, was die heutige Gesellschaft nicht mehr bietet: Die Gemeinschaft ist dem Anderen und Fremden sowie dem Verschiedenen gegenüber ablehnend eingestellt, sie beruht auf Homogenität und (Ab-)Geschlossenheit der Gedankenwelt. Die Gemeinschaft stellt sich uns als eine Welt dar, die klar umrissene und kontrollierte Grenzen hat. In ihr hat jedes Mitglied einen bestimmten Platz, der dem jeweiligen Individuum Sicherheit und eine klare Verortung in der gemeinschaftlichen Hierarchie gibt. Richtig und falsch, gut und böse sind eindeutig zu erkennen (vgl. dazu ausführlich meinen Aufsatz in Tobias Bevc und Holger Zapf (Hg.) (2009), Wie wir spielen, was wir werden. Computerspiele in unserer Gesellschaft, Konstanz, 141-160). (http://www.spiele-politik.de/)
  5. Viele Computerspiele machen einfach Spaß!

Kategorien: Allgemein · Bewusstsein · Bildung · WEb 2.0

4 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Miller // 21 Sep 2009 um 17:24

    Hallo Tobias,
    Danke für deine sehr informativen Beitrag, dazu die zahlreichen Links.
    Das „dumme Buch:“Da spiel ich nicht mit!: Auswirkungen von „Unterhaltungsgewalt“ in Fernsehen, Video- und Computerspielen – und was man dagegen tun kann. Eine Handreichung für Eltern und Lehrer“.
    Kannst du dazu doch noch mehr sagen als „dumm“? Hier soll im Blog argumentiert werden, wie du das ja sonst tust.
    Gruß Maico

  • 2 Tobias // 21 Sep 2009 um 21:21

    Hallo Maico,

    Du hast recht, „dumm“ verlangt nach etwas Erklärung.

    Mit dumm meine ich, dass das Buch so tut, als seien die dort geäußerten Ansichten „Wahrheiten“.
    Abgesehen von der Tatsache, dass es eigentlich keine Wahrheiten gibt, übergeht dieses Buch völlig, dass es eine ziemlich seriöse und breite Forschungsmeinung gibt, die den Ansichten des Buches diametral entgegengesetzt ist. Diese Ansichten werden nicht einmal ansatzweise erwähnt.
    Aber auch computerspielkritische Forschungsliteratur kommt seltenst zu so eindeutigen Schlüssen, wie dieses von mir als „dumm“ titulierte Buch.

    Da dieses Buch also komplett einseitig ist und so tut, als gäbe es sichere Erkenntnisse darüber, was Computerspiele bewirken, bekam das Buch von mir das Prädikat „dumm“.

    Beste Grüße
    Tobias

  • 3 Maico // 23 Sep 2009 um 21:09

    Hallo Tobias,
    danke für die Klarstellung.

    Frage anläßlich der bevorstehenden Bundestagswahl: Gibt es ein Piraten-Computerspiel?
    Beste Grüße Maico

  • 4 Tobias // 23 Sep 2009 um 22:30

    Hm, wenn es was mit der Piratenpartei zu tun haben muss, dann keine Ahnung.
    ANsonsten:
    http://www.amazon.de/s/ref=nb_ss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Dvideogames&field-keywords=Piraten&x=0&y=0

    Oder aber natürlich Monkey Island.

    Schöne Grüße
    Tobias

Hinterlasse ein Kommentar