Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 1

Computerspiele, Lehren und Lernen – Überlegungen zu einem viel diskutierten „neuen“ Medium

5. Mai 2009 · von Tobias Bevc · 9 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Studiert man die aktuelle Forschungsliteratur im Bereich der sogenannten „game studies“, so wird man darauf stoßen, dass Computerspiele für nahezu alle Bereiche des Lernens und ergo des Lehrens furchtbar toll geeignet sind. Wurde früher vor allem die immer wieder wiederholte Selbstverständlichkeit, dass Computerspiele die sensomotorischen Fähigkeiten sowie die Hand-Auge- Koordination ihrer Nutzer schulen, hervorgehoben, so erfährt man heute, dass man mit Computerspielen eigentlich alles lernen kann – und das zumeist besser als durch hergebrachte Mittel der Kompetenzvermittlung.
Nun, häufig ist es ja so, dass, wenn eine Sau mal durchs Dorf gejagt wird, sei es nun im Guten oder Bösen, dass dann alles für oder gegen diese Sau herhalten muss. Es scheint, als ob dies im Fall Computerspiele ebenso zutrifft, nur dass in diesem Fall dieselbe Sau – um im Bild zu bleiben – für das Positive wie Negative zugleich verantwortlich ist:
Werden die Gegner von Computerspielen nicht müde zu betonen, dass diese denkbar schädlich sind in allen Bereichen der kindlichen und jugendlichen Entwicklung (z.B. der Kriminologe Pfeiffer,  und sich selbstverständlich negativ auf die schulischen Leistungen auswirken, so gibt es auf der anderen Seite nicht minder (populärwissenschaftliche) Verfechter von Computerspielen, wie den Amerikaner Steven Johnson, der in seiner Publikation „Neue Intelligenz“ aufzuzeigen zu beweisen versucht – und daran fürchterlich scheitert – dass man durch den Konsum von Computerspielen und Fernsehen automatisch klüger wird.
Der geneigte Leser wird es sich schon denken: Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Sicherlich gibt es positive Aspekte des sogenannten „Game-Based-Learnings“, die durchaus auch genutzt werden sollten.

In einer losen Folge von Gastbeiträgen für diesen Blog sollen positive wie negative und natürlich auch ambivalente Eigenschaften des „neuen“ Mediums Computerspiel – wobei natürlich mit dem Begriff Computerspiel auch Konsolenspiele etc. gemeint sind – diskutiert werden.
Zunächst mal zu einem einleuchtendem Beispiel, warum es sinnvoll sein kann, in gewissen Bereichen Computerspiele zum Lehren (unterstützend) zu verwenden. Als Einschränkung aber vorweg eine Anekdote, auch wenn sie etwas sehr lebensweltlich zu sein scheint. Als ich Schüler war, kam man auf die Idee, Videos im Unterricht einzusetzen. Das war modern und bei den Schülern beliebt – zumindest wurde das immer von den Lehrern behauptet, ich habe sie gehasst. Gelernt habe ich aus 97% aller in der Schule gezeigten Videos nichts, außer, dass schlecht gemachte Lehrvideos noch schlechter sind als der allerschlechteste Unterricht. Daraus kann man schon die erste Lehre ziehen für Computerspiele als Lehrmedium! Computerspiele die dafür gedacht sind, Schülern etwas beizubringen, müssen sehr gut gemacht sein. Sie dürfen nicht hinter den Stand der Unterhaltungsspiele zurückfallen, um von den Schülern akzeptiert zu werden. Sie dürfen auch nicht den „Mief“ der Lehrerzimmer und die Aura von Lernüberprüfung und Lehrplan versprühen – sie müssen zuallererst unterhaltend sein. Das Lernen bei einem guten Lernspiel folgt sozusagen „en passant“.
Gerade hier ist dann der positive Aspekt von Computerspielen und Lernen und Lehren zu verorten. Besondern in den sogenannten „bildungsfernen“ Schichten, in denen Bildung keinen Wert an sich hat, sondern allenfalls einen streng utilitaristischen, sind Computerspiele zum einem besonders angesagt und zum anderen auch eine besonders geeignete Form der Lernens – da sie die Motivationsfrage zumindest teilweise beantworten.

Insofern liegt der Gedanke nahe, wie ihn schon zu meiner Schulzeit einige Lehrer hatten, diese Begeisterung für das „neue“ Medium auch für Inhalte zu nutzen. Natürlich sollte nun keiner auf die Idee kommen, Homer per Computerspiel zu unterrichten (obwohl, warum eigentlich nicht?). Jedoch kann man sich durchaus fruchtbare Anwendungsbereiche vorstellen. Man könnte Schüler mit wenig bis keiner intrinsischen Motivation für das traditionelle Lernen in der Schule mit Hilfe ihrer Vorliebe für Computerspiele (Zahlen dazu: KIM (Kinder und Medien, Computer und Internet) und JIM (Jugend, Internet und (Multi-)Media)-Studien 2008, an den zu lernenden Stoff heranführen. Und, das beste dabei ist, dass viele Dinge, die in der Schule auch vermittelt werden sollen, wie soziales Verhalten, verbale und schriftliche Kommunikation, aktive Verwendung von Fremdsprachen durch sogenannte „Off-the-Shelf-Games“ gelernt werden können, also durch reine Unterhaltungsspiele aus dem Portfolio der Unterhaltungsindustrie, die viele der Schüler ohnehin besitzen.

In Spielen schreiben selbst schreibfaule Schüler eifrig in Foren mit, und es wird durchaus reflektiert und kombiniert. Man kann sich gut vorstellen, dass unter kritischer Begleitung durch eine Lehrperson die Schüler auch bereit sind, sich stilistisch und grammatikalisch zu verbessern, wenn sie bemerken, dass sie dadurch in den Spielen mehr Einfluss bekommen. Und, wie nicht nur Foucault schon bemerkt hat, ist Sprache genau das: Macht.

Die geplanten Themen, die als lose Folge hier erscheinen sollen:

1. Positive Aspekte von Computerspielen
2. Negative Aspekte von Computerspielen
3. Warum überhaupt Computerspiele? Was macht sie attraktiv?
4. Die notorische Gewaltfrage!?
5. Politik in Computerspielen! Atavismen feiern fröhliche Urstände
6. …

Kategorien: Bildung · Unterricht · WEb 2.0

9 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Maria // 5 Mai 2009 um 22:56

    Hört sich gut an, bin gespannt auf die ganze Serie. Kannst du auch noch einige nützliche Links einbauen auf Computerspiele, die du gut findest?
    Bei dem geplanten Artikel Nr.4 zur „notorischen Gewaltfrage“ wird sich die Sache politisch zuspitzen. Was haben damit die jugendlichen „Amokläufer“ zu tun?

  • 2 Hokey // 6 Mai 2009 um 17:53

    Ich freue mich drauf! Es ist wirklich erstaunlich, wie tief Jugendliche in Computerspiele eindringen, selbst wenn es banal scheinende Hack&Slay-Spiele wie Diablo 2 sind. Da werden plötzlich Statistiken geführt, Waffenkombinationen erforscht, Fertigkeiten sinvoll gelevelt, dass es eine wahre Freude wäre, würde derselbe Eifer beim Lesen und Erarbeiten Homers an den Tag gelegt. Von komplexen Strategie-Spielen wie C&C ganz zu schweigen…

  • 3 Tobias Bevc // 8 Mai 2009 um 20:29

    Hallo Maria,

    ich denke, da werde ich Dich enttäuschen müssen… auf die Amokläufer will ich nun wirklich nicht eingehen. Ich denke, es ist zu offensichtlich, dass kein monokausaler Erklärungsansatz die Sache erklären wird, auch wenn dies teilweise suggeriert wird. Aber diskutieren können wir es natürlich 😉

    Gruß
    Tobias

  • 4 fuchs // 9 Mai 2009 um 00:00

    ich persönlich wäre auch brennend interessiert an links bzw. hinweisen zu schon existierenden (gut befundenen!?) lernspielen!!!

  • 5 Tobias Bevc // 9 Mai 2009 um 12:18

    Hallo fuchs,

    in den nachfolgenden Beiträgen werden dann mir bekannte Spiele inkl. links geliefert.
    Aber Achtung. Mir geht es gar nicht in erster Linie um lernspiele. Mir geht es um ganz normale Spiele und die Frage, was man aus ihnen lernen – bzw. nicht lernen – kann.

    Echte Lernspiele, die sich selbst so nennen (um nicht zu sagen „schimpfen“) , sind m.E. meist nicht besonders gelungen. Wobei, es gibt neuere, die durchaus gute Ansätze zeigen, wie die Global Conflicts Reihe:
    http://www.globalconflicts.eu/
    Das Genius Politik ist m.E. auf der halben Strecke zu einem gutem Lernspiel stehen geblieben…, es macht aber trotrzdem Spass und man lernt was über Politik und ihre Strukturen, den Ambivalenzen mit denen sie zu kämpfen aht etc. pp.
    http://www.bpb.de/publikationen/BB1X9Q,0,Genius_Im_Zentrum_der_Macht.html

    Gruß
    Tobias

  • 6 Tobias Bevc // 9 Mai 2009 um 12:20

    ach ja… schnell noch ein m.E. schlechtes Beispiel:
    http://www.food-force.com/de/

  • 7 Maico // 9 Mai 2009 um 13:49

    Lieber Tobias,
    gut, dass du hier einen erweiterten Lernbegriff verwendest und so das informelle Lernen ins Spiel bringst. Bei der Beurteilung der Spiele sollten sich einmal ein paar Schüler/junge Erwachsene in die Diskussion einschalten. In der öffentlichen Meinung werden sie ja immer als „Experten“ (und Langzeitkonsumenten) genannt. Stimmt das überhaupt?
    Bin Gespannt auf deine weiteren Artikel, wann kommt der nächste?
    Gruß Maico

  • 8 Tobias Bevc // 10 Mai 2009 um 20:18

    Lieber Maico,

    der nächste ist für kommende Woche geplant… näher möchte ich mich nicht festlegen, da ich gerade in Elternzeit bin und unterschiedlich intensiv betreuen muss. Das liegt aber nicht in meiner Hand und ist nicht planbar…
    Gruss
    Tobias

  • 9 Frank Mackay // 10 Mai 2009 um 22:22

    @ Tobias: Willkommen in der Elternzeit! Dabei trifft man auch immer wieder Orientierungsuchende Eltern, welche von „Propheten“ (neuerdings sind es besonders Psychologen – s. Winterhoff) eine JA / NEIN Antwort haben wollen, wann ihr Kind nun was machen darf mit dem „PC“ oder dem „Internet“… freue mich auch auf den nächsten Beitrag. Grüße von der Wickelfront 😉

Hinterlasse ein Kommentar