Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 1

Der 2008er – ein Innovativer Qualitätswein ?

14. April 2009 · von Heinrich Siebziger · 3 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

In einem Kommentar des Bildungswirts vom 16.03.2009 zu meinem Artikel Plug & Play vom 13.03.2009 wurde ich gebeten „ knackig und pointiert nachzulegen“. Dies will ich gerne tun. Ob „knackig und pointiert“ möchte ich dem Leser überlassen. Ich hingegen will versuchen, mich informativ wie auch provokativ zu äußern.

Worin liegt der Unterschied im Hinblick auf Auftrag und Inhalt zwischen dem Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung (HIBS) des vergangenen Jahrhunderts und dem Institut für Qualitätsentwicklung (IQ) des neuen Jahrhunderts?
Vordergründig erkenne ich im IQ lediglich eine Neuauflage des HIBS, eine sinnvolle, weil aktualisierende Weiterführung einer vor 40 Jahren begonnenen Bildungsplanung. Man muss allerdings feststellen, dass der ursprünglich positive Ansatz einer didaktischen Neuorientierung in den vergangenen Jahrzehnten etwas ermüdete, vielleicht auch verdrängt wurde und der sog. „Schubladenpädagogik“ (siehe mein Beitrag „Plug & Play) wieder mehr Raum bot, nicht zuletzt durch die immer stärker zunehmenden physischen und psychischen Belastungen der Pädagogen.

Was unterscheidet Qualitätsentwicklung von Bildungsplanung?
Ich meine, Qualitätsentwicklung kann nur auf der Basis standardisierter Unterrichtsziele, wie sie der Rahmen pädagogischer Planung in den RRL bereits beschrieben hat und vorgibt, angesiedelt sein und auf dieser Grundlage zielorientiert und effizient arbeiten.
Da die Bildungsstandards die Grundlage für Unterrichtsplanung und Lernerfolgskontrolle werden sollen, lohnt es sich, die Neuorientierung hessischer Bildungspolitik der 70er Jahre vergleichend heranzuziehen, um Übereinstimmendes, Ähnliches, Unterschiedliches oder gar Gegensätzliches aufzuzeigen, um Damaliges und Heutiges in Frage zu stellen, zu variieren, zu bestätigen oder gar verzichtbar zu machen.

Maxime hessischer Bildungsplanung der 70er Jahre waren Allgemeine und Fachdidaktische Lernzielbeschreibungen mit nachrangiger inhaltlicher, stoffbezogener Unterrichtsplanung.

Allgemeine Lernziele ließen sich definieren durch
– den Erwerb von Kenntnissen
– die Aneignung von Fertigkeiten
– die Ausbildung von Fähigkeiten
– den Nachweis einer Befähigung
– die Qualifizierung zu Transferleistungen unter fächerübergreifenden Aspekten.
Die Lernprozesse wurden begünstigt durch Förderung von Kreativität, Spontaneität und Offenheit im Rahmen der sich entwickelnden Emanzipation wie auch durch Schaffung bzw. Nutzung und Steigerung von Motivation.

Fachbezogene Lernzielbeschreibungen finden sich in den RRL der jeweiligen Unterrichtsfächer und bilden dort zugleich die Grundlagen für die jeweiligen Lernerfolgskontrollen.
An dieser Stelle will ich versuchen, drei Ziele, die für mehrere Fächer Geltungsanspruch erheben, exemplarisch darzustellen und sie fachübergreifend zu formulieren. Fachbezogene Lernzielbeschreibungen lassen sich jeweils von dort ableiten.

Lernziele waren zum Beispiel:
– das Bewusstsein für kommerzielle Angebote schärfen und Fertigkeiten zur konstruktiven Kritik entwickeln können (Bezugsfächer u.a.: GL, D, Ku, Mu,).
– Verfahren zum analytischen Umgang mit sprachlich-literarischen bzw.
künstlerisch-literarischen Angebote entwickeln und qualifiziert damit umgehen
können. (Bezugsfächer: D, Fremdsprachen, Mu, Ku,).
– Fachspezifische Qualifikationen erwerben, um sich mit Problemen der technisierten Welt auseinandersetzen zu können. (Bezugsfächer u.a.: Ph, M, Mu,).

Nach einer Vorlaufphase gingen die RRL–Entwürfe der Sekundarstufe I zur Erprobung an die Schulen. Die Rahmenrichtlinien wurden auf Fachkonferenzen, auf Lehrgängen diskutiert und den verschiedenen Gremien, wie Landeselternbeirat, den Verbänden und den politischen Parteien, vorgestellt.
In öffentlichen Diskussionen, Podiumsdiskussionen, TV-Sendungen und Talkshows ging es zum Teil heftig zur Sache. Besonders die Fächer Deutsch und Gesellschaftslehre gerieten in den Focus der Öffentlichkeit.
Selbst exotische Fächer wie Musik blieben in den oft ideologisch geführten Diskussionen und Stellungnahmen nicht verschont. So tauchte überraschenderweise eines Tages im Leitartikel der FAZ der Titel „Mut zum Singen“ auf. Darin wurde behauptet, dass Singen im Musikunterricht nach den RRL Musik – Sekundarstufe I nicht mehr vorgesehen sei. Der Chefredakteur der FAZ musste allerdings in einer Diskussionsrunde gestehen, dass er die RRL Musik nicht gelesen habe und einer Fehlinformation aufgesessen war. Der Leitartikel wurde in einer späteren Ausgabe der FAZ relativiert. Der kritischen Einlassung des Hessischen Sängerbundes konnte vom HKM dadurch begegnet werden, dass der Vorsitzende der Fachgruppe Musik für die Erstellung der Rahmenrichtlinien Musik – Sekundarstufe I ein langjähriger Chorleiter und Träger der Silbernen Ehrennadel des Hessischen Sängerbundes sei. Jeder musste inzwischen erkannt haben, dass aus dem Fach „Singen“ im „Singsaal“ bereits in den 20er Jahren das Fach „Musik“ entstand und seither im „Musikraum“ stattfindet.
Der Umgang mit Musik wird auf den drei Ebenen „Instrumentale, Vokale und Mediale Musikausübung“ sowohl produktiv-kreativ als auch reproduktiv praktiziert. Die Auseinandersetzung mit allen Erscheinungsformen und Wirkungsweisen von Musik vollzieht sich durch Rezeption wie durch Reflexion.

Zur Umsetzung fachspezifischer Lernziele wurden vom HIBS für die konkrete Unterrichtsvorbereitung Unterrichtsmaterialien entwickelt und zur Verfügung gestellt, die exemplarisch zu verstehen und austauschbar waren. Die Materialien waren schüler- und handlungsorientiert angelegt und zogen den Unterrichtenden selbst in den Lernprozess ein. Fachdidaktische und methodische Entscheidungen mussten somit situationsbedingt und fachkompetent getroffen werden, Entscheidungen, die über das in den Unterrichtmaterialen exemplarisch Angebotene hinausgehen konnten oder auch mussten.

Die heutigen Mitarbeiter in Gremien ministerieller Auftraggeber zur Entwicklung von Bildungsstandards sollten prüfen,
– ob sich Bildungsstandards und Rahmenrichtlinien überhaupt vergleichen lassen,
– ob sich Bildungsstandards und RRL durchgehend oder punktuell vergleichen lassen oder sich doch in entscheidenden Punkten von einander absetzen
– ob beide Ansätze deckungsgleich sind
– ob Bildungsstandards aus den RRL Nutzen ziehen können

Hier die Frage des Heinrich Siebziger:
Bringen die Bildungsstandards etwas Neues, oder sind sie
„Alter Wein in neuen Schläuchen“ und werden als
Innovativer Qualitätswein
angeboten?

Ich muss bekennen:
Die Frage des „Heinrich 70er“ impliziert die Absicht, aus der Sicht der Siebzigergeneration die Diskussion unter den „2009ern“ über die Bildungsstandard zu beleben, die heutige Generation zu motivieren, sachbezogen und konstruktiv kritisch, aber auch ideologiefrei zu diskutieren, die Bildungsstandards voranzubringen und für die Schulen umsetzbar zu machen.

Kategorien: Bewusstsein · Bildung · Bildungsgipfel · Bildungsstandards · Unterricht

3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Miller // 14 Apr 2009 um 18:54

    Lieber H.S.,
    vielen Dank für Ihren großen Beitrag (hätte man für den Blog in zwei Teilen präsentieren können? – pointiert, knackig? Zweitrangig – jeder Autor entscheidet selbst!)
    Viele Parallelen zeigen sich und wie fast immer ist der tatsächliche Fortschritt kleiner als der eingebildete. Zumindest die Lehrerfortbildung (3 bis 5 Tage am Stück) hatte i.d.R. mehr Qualität als heute. Sie fragen:
    „Was unterscheidet Qualitätsentwicklung von Bildungsplanung?
    Ich meine, Qualitätsentwicklung kann nur auf der Basis standardisierter Unterrichtsziele, wie sie der Rahmen pädagogischer Planung in den RRL bereits beschrieben hat und vorgibt, angesiedelt sein und auf dieser Grundlage zielorientiert und effizient arbeiten.“
    Dem kann ich so nicht zustimmen, klingt mir ziemlich technokratisch und schief standardisiert. Es überwiegt die eingebildete Zielorientierung als Dompteurnummer des Lehrers. Sollten wir im genauer diskutieren.
    (Ich fahre jetzt aber erst mal in Urlaub, andere können sich ins Gespräch einschalten. In einigen Tagen bin ich dann wieder an Bord.)

  • 2 Heinrich Siebziger // 21 Apr 2009 um 09:42

    Lieber M. Miller,
    leicht können Statements als „schief standardisiert“ interpretiert werden, wenn komprimierte Formulierungen die gewollte Aussage verstellen.
    Gemeint ist: Entgegen geometrischer Definition von „Parallelen“ könnten die Autoren der Bildungsstandards „Schnittmengen“ zwischen den RRL und den BS aufspüren, um damals neue Denkansätze für die eigene Arbeit zu nutzen, sie zu überdenken, zu variieren, Fehlentwicklungen vorzubeugen sowie Fehlentscheidungen zu vermeiden.
    Die „Dompteurnummer“ des Lehrers sollte bereits in den RRL vom selbst-herrlichen didaktischen Diktator im Frontalunterricht zum Impulsgeber mit fachlicher Kompetenz und Lernpartner gewandelt worden sein, zugegebenermaßen mit „kleineren tatsächlichen Fortschritten als den eingebildeten“ (siehe hierzu mein Bericht und meine Vorstellungen in den Beiträgen „Plug&Play“ sowie „Der 2008er – ein „I“nnovativer „Q“ualitätswein?“ vom 13.03.09 und 13.04.09).

  • 3 swift // 21 Apr 2009 um 21:18

    Innovativer Qualitätswein (IQ)?
    Oder doch nur alter Wein in neuen Schläuchen?
    Alle sind für „Qualität“ und deren „Entwicklung“ oder wenigstens „Sicherung“. Wer wollte auch „Qualitätsabnahme“ oder gar „Qualitätsverlust“?!
    Was aber ist Qualität in Bildungsprozessen?
    Da war Heinrich Siebziger in den nach ihm benannten Jahren (kleiner Scherz!) mit den damaligen Rahmenrichtlinien durchaus schon auf dem richtigen Weg. Auch wurde damals bereits kritisiert, dass man ja gar nicht mehr wisse, welchen „Stoff“ man jetzt im Unterricht verbindlich in die Schülerköpfe trichtern müsse.
    Auch heute wird noch (oder wieder?) Qualität verwechselt mit Stofffülle, trägem Wissen und Trichterpädagogik, statt auf Neugier, Kompetenz, Flexibilität und Anschlussfähigkeit, kurz: auf intelligentes Wissen, zu setzen.
    So kann man nur hoffen, dass sich auch in der aktuellen Bildungsdebatte die Reformer letztlich gegen die ewigen Verharrungskräfte durchsetzen werden.

Hinterlasse ein Kommentar