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Schulverweigerer: Unser allerbestes Jahr

6. April 2009 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

No school. No work. No responsibilities. Just three films a week.
Die Schule als Albtraum wird vom 16-jährigen Sohn Jesse abrupt beendet und in einem außergewöhnlichen Deal mit Vater David besiegelt: „Ich will, dass du jede Woche mit mir drei Filme anschaust. Ich suche sie aus. Das ist die einzige Form von Ausbildung, die du bekommst“.
Der kanadische Filmkritiker und Journalist David Gilmour hat mit “The Film Club“ 2007 (in der seltsamen deutschen Übersetzung: „Unser allerbestes Jahr“ 2009, das drei Jahre dauerte) einen Bestseller über seine „Vater-Sohn-Beziehung“ vorgelegt. Es ist ein unterhaltsamer, witzig und locker geschriebener „Bildungsroman“, der 60 Jahre Filmgeschichte als Projektionsfolie für intensive Vater-Sohn-Gespräche nutzt, eine „Biografie“ der ganz besonderen Art. Ob Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn oder Psycho, Der Exorzist, Rosemarys Baby, Der letzte Tango von Paris, Der Pate, Rocky, Für eine Handvoll Dollars, Dirty Harry, Internal Affairs, Das Gesetz bin ich, Out of Sight, Calahan, Chungking Express und 100 andere mehr, es geht um eine wundervolle Vater-Sohn-Zeit und nebenbei um die allmähliche Verfertigung des eigenen ästhetischen Urteils beim Sehen. „Wir redeten über die sechziger Jahre, über die Beatles (zu oft, aber Jesse war geduldig), über schlechtes Trinken und gutes Trinken, dann wieder über Rebecca („Meinst du, sie macht Schluss mit mir?“), über Hitler, Dachau, Richard Nixon, Untreue, Truman Capote, die Mojave-Wüste, Suge Knight, Lesben, Kokain, Heroin Chic, die Backstreet Boys (meine Idee), Tattoos, Johnny Carson, Tupac (seine Idee), Sarkasmus, Hanteltraining, Penisgröße, französische Schauspieler und e.e.cummings. Was für eine Zeit (…). Das Leben war da, gleich neben mir auf dem Sofa.“ (S.118)
Väter, lest dieses brillante Buch und ihr habt einen besseren Zugang zu euren Söhnen. Ministerialbeamte, seht mehr bedeutsame Filme und überlegt intensiv, was wirklich in der Schule noch verordnet werden sollte.

Das Buch: David Gilmour, Unser allerbestes Jahr. Roman. Deutsch von Adelheid Zöfel. Frankfurt: S. Fischer Verlag 2009. 256 S., 18,95 € www.fischerverlage.de  Weitere Infos unter:
http://www.ndrkultur.de/feuilleton/buecher/nbunser100.html
http://blog.literaturwelt.de/archiv/david-gilmour-unser-allerbestes-jahr/

Welch dürftige Kost ist dagegen in deutschen Schulen 2009 zu finden. Verordnete vergreiste Leselisten als Zwangsbeglückungsprogramme für die gymnasiale Oberstufe. Gute Filme sind weitgehend exkommuniziert, zu Niederungen und zur Privatsache erklärt. Es wundert geradezu, dass es nicht mehr Schulverweigerer gibt. Vielleicht zählen wir nur falsch: Massenhaft geistige Verweigerung bei körperlicher Anwesenheit?

PS. Öfter mal Deutsche Bahn fahren rentiert sich. In Mobil 03/2009 gab es den exklusiven Vorabdruck des 1. Kapitels und ein Interview mit dem Autor.

Kategorien: Bewusstsein · Bildung · Kunst/ Kultur · Literatur / Film · Vorbilder

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