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Bildungsstandards in der gymnasialen Oberstufe – ein erstes Gesamtkonzept

26. März 2009 · von Miller · 6 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Und manchmal gibt es doch unerwartet Bewegung:

Ein in sich schlüssiger Entwurf von Bildungsstandards in der gymnasialen Oberstufe liegt in Hessen im 2. Bildungsweg vor und könnte als bundesweite Blaupause auch für den 1. Bildungsweg orientierend wirken. Der Entwurf für 14 Fächer (!) und für fächerübergreifende Projekte in einem überschaubaren Heft (98 Seiten) fand im rechtlichen Beteiligungsverfahren die Zustimmung des mitbestimmungspflichtigen Landesstudierendenrats und könnte jetzt in Hessen gelten. Eine dreijährige Entwicklungszeit, unter starker Beteiligung der Praktiker vor Ort, käme so zum Abschluss und Initiativen vielfältiger Ausgestaltung einer verbesserten Unterrichtsqualität könnten richtungsgebend arbeiten. Insgesamt lassen sich die einzelnen Funktionen und Wirkungen von verbindlichen Bildungsstandards folgendermaßen zusammenfassen:

  • Standards als Anstoß für Unterrichtsverbesserung und Schulqualität
  • Standards als Ausgangspunkt fachlicher und fachübergreifender Kommunikation
  • Standards als Motor kollegialer Kooperation und weiterer Professionalisierung
  • Standards als diagnostische Bezugsgröße für individuellen Förderbedarf
  • Standards als Referenzsystem zur Vergleichbarkeit von Leistungen der Schulen, des jeweiligen Lernstandes und der entsprechenden Abschlüsse.

Bisher hatte das Ministerium das Ergebnis unter Verschluss gehalten, jetzt stehen die Bildungsstandards für die Öffentlichkeit im Netz, dazu noch ein Begleitbrief – „Bildungsstandards, Kompetenzen und neue Lernkulturen“ – der die Hintergründe der Debatte und Fragen aus Schulen, Wissenschaft und Verbänden beantwortet. Im Begleitbrief heißt es pointiert:
„Die Lehrenden sind die entscheidenden Träger dieser Bildungsreform insofern, dass sie diesen Transformationsprozess hin zu einer Subjektorientierung/ Lernerzentrierung stützen. „Die Verantwortung für die Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen bis hin zur Ausarbeitung eines Schulcurriculums wird stärker an die Schulen zurückgegeben, aber nicht unbedingt an den einzelnen Lehrer, sondern beispielsweise an Fachteams. (…) Die Lehrkräfte sollten eine klare Vorstellung darüber entwickeln können, welche Chancen auf kürzere und auf lange Sicht mit der Stärkung ihrer professionellen Rolle in der Arbeit mit Bildungsstandards verbunden sind. Vor allem aber müssen ihnen Handlungsgerüste angeboten werden, die Sicherheit vermitteln und eine erfolgreiche Nutzung von Standards gewährleisten.“ („Klieme –Gutachten“, 2003, S.51).
Lernende sind in der Lage, selbständig zu denken.
In dieser Verantwortung eingebettet können Bildungsstandards einen sinnvollen Beitrag zur Qualitätsverbesserung des Unterrichts leisten. Daran misst sich die Alltagstauglichkeit für die Lernenden in besonderem Maße.“

Der Entwurf gliedert sich in drei Teile, besticht in seiner Diktion und Prägnanz:

In Teil I werden fünf fächerübergreifende Kompetenzen und zugeordnete Standards in Korrespondenz mit der klassischen Leitidee einer umfassenden Bildung entwickelt. Tradition und Innovation sind durchaus vereinbar.

In Teil II werden im Rahmen der vierzehn angebotenen Fächer vor allem fachbezogene Kompetenzen und Standards formuliert. Diese tragen den besonderen Anforderungen der jeweiligen Fachgebiete Rechnung und zeigen zusätzlich fächer- bzw. fachbereichsübergreifende Vernetzungsmöglichkeiten auf, z. B. argumentativ-kommunikative Kompetenzen, interkulturelle bzw. interdisziplinäre Kompetenzen.
Die unterschiedliche Tiefe in der stofflich-inhaltlichen Darlegung innerhalb der Kompetenzbereiche berücksichtigt die jeweilige Spezifik eines Fachs. So sind klare inhaltliche Festlegungen auch im Rahmen eines Kompetenzkonzepts unverzichtbar: in den Gesellschaftswissenschaften im Sinne gesellschaftlich weit gehend konsensualer Hintergrundannahmen, in den Naturwissenschaften bzw. Mathematik im Sinne eines gesicherten Forschungsstandes. Hingegen kann im Bereich der Sprachen stärker auf inhaltliche Festlegungen verzichtet werden, da der kompetente Spracherwerb und Sprachgebrauch selbst Inhalt und Medium zugleich darstellt. Im Rahmen des Kompetenzkonzepts gilt als Richtschnur für alle Fächer exemplarisches Arbeiten.

In Teil III werden Aufgabentypen, Operatoren und Beurteilungsmodule als Ausdruck von Bildungsstandards im Unterricht festgelegt, um für die Studierenden /Oberstufenschüler mehr Unterrichtstransparenz und Orientierung zu garantieren. Die Bildungsstandards ersetzen in ihrer Leitfunktion die bisher existierenden Rahmenpläne/ Lehrpläne. Die Alltagstauglichkeit für Studierende/ Lernende zeigt sich vor allem im souveränen Umgang mit unterschiedlichen Aufgabentypen und deren Wandlung in konkrete Aufgaben. Die Lernenden sind Mitgestalter des Unterrichts und können mithilfe des Operatorenrads selbständig sinnvolle Aufgaben generieren. Selbstverständlich sollen erwachsene Studierende (und im Prinzip auch jeder Oberstufenschüler im Gymnasium) Bildungsstandards lesen; sie sind nicht so geheimnisvoll, dass Schüler sie nicht verstehen könnten.
3 bis 4 Seiten pro Fach genügen zur Orientierung. Hieraus entwickeln sich Neugier- und Arbeitspläne, die an den Schulen, im konkreten Unterricht unter allen Beteiligten diskutiert und ausgehandelt werden. Die Freiheit des forschenden Geistes, auch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die notwendige Arbeitshaltung und Selbstdisziplin sind eben nicht durch „Zwangsbeglückungen“ in Form kleinkarierter Detailvorschriften bzw. verordneter Leselisten zu erreichen. Der Mensch ist ein emotionales und lachendes Wesen und kein kognitiver Maschinenkrüppel.

Kategorien: Abitur · Bildung · Bildungsstandards · Dunkelkammer · Gymnasium · Unterricht

6 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 swift // 27 Mrz 2009 um 18:27

    Hier waren ganz offensichtlich einmal ein paar (oder viele?) Pädagogen richtig mutig und haben sich vom Klein-Klein der Stoffpläne verabschiedet.
    Trotzdem bieten diese Bildungsstandards m. E. inhaltliche Orientierung und die Möglichkeit, neue Entwicklungen bzw. Erkenntnisse zu integrieren.
    Für die betroffenen Lehrer und Schüler bedeutet dies eine Menge an pädagogischer Freiheit, Kreativität und Flexibilität. Wer nicht lieber haargenau gesagt bekommen will, was er zu lehren oder zu lernen hat (damit er/sie sich darüber dann beschweren kann), müsste sich doch eigentlich über diese Freiheit freuen.
    Gibt es dazu schon Reaktionen?

  • 2 Norbert // 13 Apr 2009 um 09:18

    Das liest sich schön –
    die Frage ist, wie es umgesetzt wird. Ich habe vor zwei Jahren versucht, Klarheit in die NRW-Operatoren Deutsch zu bringen; ich habe vergeblich auf eine Antwort aus Düsseldorf gehofft. Auch von Kollegen kamen kaum Reaktionen.
    Ich finde es jedenfalls gut, dass hier über die Hessische Aktion berichtet wird!

  • 3 Bildungswirt // 13 Apr 2009 um 12:42

    @swift @ Norbert
    Die vorgelegten Bildungsstandards sind m.E. ein guter Kompromiss aus Festlegungen und Freiheiten, dazu übersichtlich und knapp formuliert. Auch SchülerInnen können so endlich von Betroffenen zu Beteiligten werden. Sie können das Bildungsangebot über 3 Jahre nachvollziehen und so potenziell mitgestalten. Bremser sitzen allerdings nicht nur im Ministerium, sondern auch in Schulleitungen. Man behauptet dann einfach mal, dass die Sache „nicht ausgereift“ sei, „nicht zielführend“, „nicht präzise genug“, „zuwenig konkret“ etc. Ausreden über Ausreden, nur den alten Trott nicht stören, sicher bis zur Rente – eben Beamtenmikado – wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Schön ist auch immer der Hinweis auf das IQB Berlin, warten auf nationale Vorgaben, Bildungsstandards vielleicht 2011 oder doch erst 2013?? Hauptsache: Zeit gewinnen.
    Die neue Ministerin Dorothea Henzler (FDP) hat es in der Hand, esliegt alles unterschriftsreif vor. Ob sie sich getraut gegen die „Verharrungskräfte“? Entscheidend sind in der Umsetzung die flexiblen Arbeits- und Neugierpläne mit Netzunterstützung und Transparenz der schulischen Praxen vor Ort. Mit den unterschiedlichen Aufgabentypen und Operatoren ist ein erstes Unterrichtsnetz angelegt. (vgl. dazu auch verschiedene Artikel im Bildungswirt zu guter Unterricht)

  • 4 Norbert // 18 Apr 2009 um 20:54

    Wie du sicher gesehen hast, bin ich ebenfalls vor der Endrunde beim „Lehrerfreund“ rausgeflogen.
    Schade finde ich, dass der Bildungswirt rausgeflogen ist – bei mir verstehe ich das, ich mache ja nur indirekt (oder nicht) ein Blog für Lehrer; aber der Bildungswirt ist ein Agent, ein Handelnder, während die meisten Lehrerblogs referieren, erzählen oder diskutieren und theoretisieren. Und das wird offensichtlich geschätzt.
    Ich würde mir wünschen, du schafftest es, die Kollegen zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen – und das nicht nur in so luftigen Themen wie web 2.0, sondern ganz handfesten Fragen, die den realen Unterricht betreffen.

  • 5 Rainer Jung // 21 Apr 2009 um 21:31

    Schön, dass es doch noch ein paar Reaktionen auf den im Bereich Schulen für Erwachsene bundesweit ersten Entwurf für Bildungsstandards für die Oberstufe und das Abitur gibt.
    Schön, dass es doch noch ein paar Reaktionen auf den im Bereich Schulen für Erwachsene bundesweit ersten Entwurf von Bildungsstandards für die Oberstufe und das Abitur gibt.
    Hier wurde ein durchaus innovativer und mutiger Schritt getan, der auch eine moderne zentrale Prüfungsdidaktik ermöglicht, in der statt uniform abfragbarem Unterrichtsstoff individuell erworbenes Wissen, eigene Stärken bzw. Schwerpunktsetzungen und kompetent begründete Wahlentscheidungen im Vordergrund stehen können.

  • 6 Miller // 28 Apr 2009 um 18:18

    @ Norbert
    a)Die „Blogparade“ ist für uns nicht so wichtig, trotzdem meine ich , dass das Engagement vom Lehrerfreund in der Sache gut ist (für meinen Geschmack nur etwas lang gezogen). Aber vielleicht ergeben sich ja noch inhaltlich gemeinsame Aktionen!?
    b) Du hast Recht: noch ist Web 2.0, zumindest an Schulen und Unis, ein „luftiges Thema“. Das könnte sich aber noch ändern. Es fehlt vielen Blogs und Web 2.0 Engagierten / Initiativen handfest an Organisations- und Kampagnenerfahrung im öffentlichen Raum; Resonanz kann aber nicht durch Wunschdenken erzeugt werden.
    c) „Handfest“ stehen neue Lernkulturen im Unterricht an. „Hilfsmittel“ u.a. können dafür neue Ansätze in der Prüfungsdidaktik als auch knappe und klar Bildungsstandards sein.
    @ Rainer Jung
    Schauen wir mal (wie Franz Beckenbauer gern kommentierte), was die neue Kultusministerin D. Henzler zur Unterrichtsqualität bewegen will? Die 100 Tage Schonfrist sind bald vorbei. Die Bildungsstandards im Bereich SfE können sich jedenfalls bundesweit sehen lassen.

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