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Plug & Play

13. März 2009 · von Heinrich Siebziger · 2 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

„Plug & Play“ – Das Zauberwort der Medienwelt im Umgang mit dem multifunktionalen, auch kulturellen Angebot unserer Tage. –
Aber wie ist es mit der zeitraubenden und aufreibenden Unterrichtsvorbereitung der Pädagogen bestellt?
Die dafür vermeintlichen Schlüssel sind Schubladen, gefüllt mit Lernmaterial aus vergangenen referendarischen, studentischen oder schulischen Zeiten, das per se nur dazu geeignet ist, Lernprozesse bei Lernenden und bei Lehrenden auf starre Strecken zu führen oder in einem Verschiebebahnhof enden zu lassen.
Wer auf geraden Strecken fährt, läuft Gefahr die Geschwindigkeit zu steigern, kann vorbeieilende Details nicht definieren und kann sie schon gar nicht verarbeiten oder darauf reagieren.
Was macht der Reisende in diesem Fall? – Er isst und trinkt, holt die Spielkonsole hervor, unterhält sich – vielleicht ungebeten – mit den Mitreisenden oder schläft eine Weile. Im Verschiebebahnhof kommt dann zu den schon genannten Beschäftigungen noch eine große Verunsicherung hinzu.
Eigentlich wollte ich etwas zur Unterrichtsvorbereitung und zum Unterricht ausführen und bin schnurstracks in einer metaphorischen Schublade gelandet.

Schon in den 50er Jahren hat man versucht, verstaubte Schubladen einer unsäglichen Zeit zu entrümpeln. Einige Schubladen hat man dabei übersehen. In den verbleibenden blieben Stoffpläne. Lehrpläne? – Nein, Stoffpläne. In der Sexta obligatorisch dieser Stoff, in der Untertertia jener, in der Oberstufe dann Goethe, Shakesspeare, Ovid. Die inhaltliche Auswahl wurde nicht unwesentlich von Vorkenntnissen des Pädagogen aus seiner Jugendzeit (s.o.), von Vorlieben, Erfahrungen und den besagten Schubladen mitbestimmt. Man fühlte sich an ministeriellen Vorgaben gebunden und führte sie zu seiner Entschuldigung als Berechtigungsnachweis an.
Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost … immer wieder verwenden und nach dem Prinzip „Plug & Play über den Schülerinnen und Schülern ausbreiten. Die Folgen? – siehe Metapher oben.

In den 70er Jahren kam dann ein Professor aus Marburg (Prof. Klafki ), der vom damaligen Kultusminister Ludwig von Friedeburg (SPD) und seiner Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher (FDP)beauftragt, von Emanzipation der Schüler von Zwängen und für Bereitschaft zur Eigenverantwortung und Kreativität in Schule, Beruf, Familie und Freizeit sprach.

Es führt hier zu weit, diese Aufbruchstimmung für Schüler und Lehrer im Detail und fachbezogen zu beschreiben. Aber eines wurde klar: Die Fachdidaktik ging neue Wege, nicht immer auf geraden Strecken, sondern auch mit Weichen, Kreuzungen und Kurven ausgestattet, endete sie jedoch nie im Verschiebebahnhof. Wer ins Schleudern kam, waren Lehrer mit Schubladendenken.
Jetzt hieß es Unterrichtsstrategien entwickeln bzw. von Schülerinnen und Schülern entwickeln zu lassen, kritisch zu hinterfragen, Alternativen zu entwickeln und auf andere Lernbereiche zu übertragen. Das ging natürlich nicht ohne Unterrichtsmaterial, auf das man zurückgreifen konnte oder in neuem Lernmaterial vorfand. Es wurde aber nicht vorgegeben sondern unter didaktischen Gesichtspunkten ausgewählt und zugeordnet. Das förderte Motivation und Lernvermögen sowie Befähigung zu eigenverantwortlichem Handeln bei Lehrern und Schülern.

Dem didaktisch und methodisch Planenden standen damals aber noch nicht die Mittel heutiger Unterrichtstechnologien, wie z.B. PC und Internet zur Verfügung.

In Wiesbaden wurde das HIBS (= Hessisches Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung) ins Leben gerufen, das in enger Kooperation mit dem Kultusministerium arbeitete. Die neuen Rahmenrichtlinien wurden von Fachleuten und solchen, die sich für kompetent hielten wie auch von ausgewiesenen Laien diskutiert. Die RRL wurden zur Erprobung an die Schulen mit viel Papieraufwand geschickt, (punktuell) auch erprobt und auf Veranstaltungen diskutiert. In dieser Vorlaufphase waren noch am wirksamsten Veranstaltungen des HILF (Hessisches Institut für Lehrerfortbildung) und Besuche von „Fachmoderatoren an Hessischen Gesamtschulen“ ( in den 70er Jahren auf 120 integrierten und additiven Gesamtschulen in Hessen angewachsen). Es lässt sich sicher nachvollziehen, wie zeitintensiv, kostenintensiv und wie umständlich diese Vorgehensweise war.
Die Resultate waren recht bescheiden, scheiterte das Vorgehen oft an ideologischen, parteipolitischen Grabenkämpfen und nicht zuletzt an schwerfälligen, uneinsichtigen und wenig lernbereiten Kollegien. Vielerorts fiel man wieder zurück in die „Schubladenpädagogik“ vergangener Tage.

Gegenwärtig sind auf zwei Ebenen neue Denkansätze zu beobachten.
Zum einen wurde durch die Gründung des Instituts für Qualitätsentwicklung
(- verbesserung?, -wahrung?, -kontrolle?)
an den Auftrag des HIBS aus den 70er und 80er Jahren (unbewusst?) angeknüpft und durch die Entwicklung von Bildungsstandards fortgeführt.
Zum anderen sollen die einzelnen Schulen breiteren Entscheidungsfreiraum erhalten.

Hierin liegt die große Chance aber auch die Verpflichtung einer Neuorientierung.
Der Hebel muss dabei m.E. in der Lehrerausbildung und in der Schule angesetzt werden.
Die Lehrerausbildung müsste grundsätzlich an den Hochschulen und Universitäten positioniert und dort neben der Fachausbildung frühzeitig in die Arbeitswelt eingeführt werden. Bereits dort lassen sich berufliche Fehleinschätzungen und Fehlentwicklungen vermeiden, dagegen pädagogische Begabungen fördern sowie Motivation und Offenheit für Neues nutzen. In Ansätzen ist dies auf dem Gebiet der Musiklehrerausbildung bereits seit 1986 an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst Praxis mit von Mentoren begleitenden Unterrichtssequenzen und einer Lehrprobe als Teil des 1. Staatsexamens.
Exkurs:
In einer Pressemitteilung von heute, dem 13.03.2009, wird vom Beginn einer grundlegenden Reform der Lehrerausbildung berichtet, die solchen Notwendigkeiten Rechnung tragen soll.
Wenn dabei, wie vorgesehen, die Lehramtsstudiengänge auf 6 Semester (Bachelor) bzw.
4 Semester (Master) angelegt werden, sollte überprüft werden, ob die Eingangsvoraussetzungen hierfür vergleichbar sind und den fachlichen Anforderungen genügen. Nur so kann m.E. einem „circulus vituosus“ begegnet werden, der kaum dazu geeignet wäre, die fachlichen Qualitäten angehender Pädagogen mit deren didaktisch-methodischer Qualifizierung in Einklang zu bringen und zu optimieren.

Schulen sollten bei der Entwicklung von Schulprofilen im Bereich der Unterrichtsplanung nicht alleine gelassen werden und Unterstützung durch das IQ erwarten sowie sich der Errungenschaft unserer technisierten Welt bedienen können.
Hierzu bietet das Internet mit der Vielfalt von Vernetzung eine nicht zu unterschätzende Chance, aus dem Schubladendenken herauszuführen, die lange unterschätzen Fähigkeiten unserer Schülerinnen und Schüler und auch der Lehrerinnen und Lehrer zu nutzen und neue Zugangsmöglichkeiten zu motivierenden Lernprozessen bei Schülern und Lehrern in Gang zu setzen.
Dies kann ganz besonders durch begleitende Maßnahmen, z.B. durch Einbeziehen des Internet geschehen, in dem beispielhaft Materialien und Informationen abgerufen werden können. Hier wird eine Plattform für Schulbuchverlage geschaffen. Hier können Vertreter aus Wirtschaft, Kultur oder Geistes- bzw. Naturwissenschaften über Beraterverträge Beiträge einbringen. Darüber hinaus lassen sich zusätzlich unzählige weitgreifende und erweiternde Informationen aus dem Internet beschaffen, wobei die Initiative primär von den Schülerinnen und Schülern ausgehen kann und sich die Tätigkeit des Pädagogen auf handwerkliche Hilfestellung bei jüngeren Jahrgängen und auf Beratung beschränken sollte.

Die Nutzung dieser Chancen und eine flächendeckende Einrichtung von Ganztagsschulen können zu einer Effizienzoptimierung beitragen. Es wäre sogar denkenswert, nach Interessenlage in Arbeitsgruppen jahrgangs- und schulformübergreifend, was ja bereits schon lange in Schulorchestern, Schulchören und anderen AGs praktiziert wird, vorzugehen und dort den „Chatroom“ und ganz allgemein das Internet als Informationsquelle zu nutzen und auszuwerten.
Warum sollte sich dies alles nicht positiv auf eine neue Pisa-Studie auswirken?

Aus dem eingangs erwähnten, scheinbar alles vereinfachenden „Plug&Play“- Begriff kann mit pädagogischem Anspruch nach dem Motto „Pluggen Sie noch oder playen Sie schon“ eine segensreiche Einrichtung mit ungeahnten Perspektiven werden.

Die EZB (=Europäische Zentralbank) hat jetzt, als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war, einen „Ethikberater“ berufen, der die Banken beraten und sie auf ethische Prinzipien und Notwendigkeiten hinweisen soll.
Im Prinzip ist diese Einrichtung, wenn auch auf einer anderen Ebene, mit der schulischen Situation vergleichbar.
Für einen neuen didaktischen und methodischen Ansatz für die Schulen ist es noch nicht zu spät, aber höchste Zeit!

Kategorien: Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Unterricht

2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Miller // 16 Mrz 2009 um 22:08

    Lieber Heinrich Siebziger,
    danke für Ihren ausführlichen ersten Artikel im Blog. Sie schreiben u.a.
    „Es führt hier zu weit, diese Aufbruchstimmung für Schüler und Lehrer im Detail und fachbezogen zu beschreiben. Aber eines wurde klar: Die Fachdidaktik ging neue Wege, nicht immer auf geraden Strecken, sondern auch mit Weichen, Kreuzungen und Kurven ausgestattet, endete sie jedoch nie im Verschiebebahnhof. Wer ins Schleudern kam, waren Lehrer mit Schubladendenken.“
    Genau das würde mich aber im Detail interessieren. Könnten Sie nicht nochmal knackig, poiniert nachlegen?
    Ihr Bildungswirt

  • 2 fuchs // 19 Mrz 2009 um 00:17

    ist es vielleicht nicht so wie (oft) in der musik:

    unplugged trifft ins herz!!!

    also:
    come on and play with me!!!

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