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Das Zeitalter des Rhizom

5. März 2009 · von Miller · 1 Kommentar Artikel drucken Artikel drucken

Wer über das Rhizom – das dynamisch pulsierende Wurzel-Denkgeflecht ohne Hauptader – systematisch und strukturiert schreiben will, steckt schon in der Falle traditioneller Logik. Die geordnete Darstellungsform zwingt zum Baum, zur Hierarchie, zur Klassifikation, zum Entweder-Oder, zur „0 -1 – Entscheidung“. Sie verfehlt ihren schwer fassbaren „Gegenstand“, verbirgt mehr als sie enthüllt.

Das Rhizom selber kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von der verästelten Ausbreitung in alle Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen, Knoten, Denkschleifen und Neuschöpfungen. Es kann im Plural auch der unendlich tiefe und ausgedehnte Kaninchenbau des WWW sein. Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder anderen Linien weiter.
Jede Vielheit, die mit anderen durch an der Oberfläche verlaufende unterirdische Stängel verbunden werden kann, so dass sich ein Rhizom bildet und ausbreitet, nennen wir Plateau. Gilles Deleuze und Felix Guattari – die Rhizomatiker par exzellence – setzten solche, ähnliche und verfremdete Sätze schon vor 30 Jahren in die Welt. Ihr Denken sprengt alle gewohnten Zuordnungen, irritiert, fordert vom Leser selbst „Rhizom machen“, was ich hiermit tue und nach Belieben zitiere, montiere, konnektiere, erweitere. Schöpfe oder stirb! (Oder heb’ das oder auf.)

1000 Plateaus – wie geschmeidiger, nicht mehr eindämmbarer Bambus – sind wahrscheinlich die Horrorvision des Kleingärtners mit den abgezirkelten Beeten. Von Deleuze/Guattari dauerte es noch einmal einen Wimpernschlag der jüngeren Weltgeschichte, bis Google und Wikipedia, um im Zeitalter des Rhizom mit voller Wucht anzukommen
Mehr dazu im FREITAG

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Kategorien: Allgemein · Dunkelkammer · Feuchtgebiete · Vorbilder

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Rainer Jung // 6 Mrz 2009 um 22:04

    Die Leitmetapher „Rhizom“ lässt sich m.E. recht gut auf Schule und (Fort)Bildung übertragen:
    Dabei gehe ich von folgenden Voraussetzungen aus, die fast durchweg unstrittig sind:
    1. Kein Kind soll zurückgelassen werden
    2. Individuelle Talente, Stärken, Vorerfahrungen sollen optimal genutzt und ausgebaut werden
    3. Selbstbewusste Lerner lernen schneller und leichter
    4. Interesse geleitetes und selbst bestimmtes Lernen gewährleisten optimale Lernbereitschaft und sichern Nachhaltigkeit
    Wenn man dies akzeptieren will, kommt man nicht umhin, sich von einem „Kompetenzmodell“ zu verabschieden, das Lernerfolg ausschließlich als Aufstieg vom Einfachen zum Komplexen definiert, denn Lerner bringen in der Regel eine Mischung aus oft recht komplexem Vorwissen bzw. Können (z.B. in bestimmten Teilbereichen) mit, verfügen gleichzeitig aber über Vorurteile, bruchstückhaftes Wissen in anderen Bereichen oder zeigen sogar angstbesetzte Widerstände gegen bestimmte Lerninhalte.
    Hier hilft oft weder ein demotivierender Kompensationsdrill noch alte „Trichterpädagogik“ und schon gar nicht ein auf Abschlüsse hin getrimmtes Bulimielernen oder der Hinweis auf Stoff überfrachtete Lehrplanverpflichtungen.
    Hilfreich dagegen sind flexible Lehrer, die zusammen mit ihren Schülern Lernen sinnvoll organisieren können, indem Sie an deren schon bestehenden „Wurzeln“ ansetzen, um Begabungen zu fördern, Zugänge zu erweitern und neue Verzweigungen zu ermöglichen, sodass Erkenntnisprozesse auch gelingen.

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