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Von der kindlichen Neugier – was die Schule verstehen sollte (2)

21. Februar 2009 · von Miller · 2 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Der erste Schultag, endlich ein Schulkind, die Schultüte, der Schulranzen, viele Geschenke, es geht los, die Eltern sind dabei. Mit den großen Kindern über den Schulhof laufen, springen, hüpfen, staunend mit offenem Mund und großen Augen schauen, was alles so passiert. Und die neue Klassenlehrerin ist auch ganz nett. Ja, die ganz große Mehrheit der Kinder ist neugierig und freut sich auf die Schule. Das eine Kind ist etwas forscher, kann auch schon ein bisschen schreiben und zählen bis 100, das andere, etwas zurückhaltender, ist überrascht über den Lärmpegel, muss sich erst orientieren. Rechnen, lesen, schreiben, reden, malen, spielen, ab und zu toben stehen kurzweilig auf dem Programm.
Jedes Kind soll individuell gefördert werden. Sogar Lernen mit allen Sinnen ist nichts Exotisches; Sachkundeunterricht zum Anfassen, Riechen, Schmecken, Experimentieren und Querbeet-Kommunizieren, und dazwischen immer wieder: soziale Regeln und Umgangsformen lernen und praktizieren, den anderen ausreden
lassen, Beschimpfungen und ›böse Wörter‹ meiden; hauen, treten und spucken – verboten! Die ›Großen‹ arbeiten mit eigenen Wochenplänen, entscheiden selbst, wann sie welche Arbeit erledigen. Ein unterschiedliches Lerntempo wird akzeptiert. Auch bei einer internationalen Grundschule-Lese-Untersuchung (IGLU, 2003) können die deutschen Grundschulen im Schnitt mit guten Ergebnissen aufwarten. Das Sinn verstehende Lesen, das Erfassen und Interpretieren von Texten, das Selbstschreiben von pfiffigen Aufsätzen – all das lässt sich vorzeigen. 90% aller
Schüler haben Lust auf Lesestoff, die Lernmotivation ist noch ungebrochen.

Machen wir’s kurz: Der überwiegende Teil der Grundschullehrerinnen hat in den letzten 20 bis 30 Jahren aktiv an einer Reform der Grundschule teilgenommen und die Hauptlektionen selbst gelernt. Es gäbe – wie immer – noch viel zu tun: Professionelles Englisch ab der 1. Klasse, Spanisch ab der 3. Klasse, zusätzliche Deutschstunden für Migrantenkinder, der Computer als universales Werkzeug für alle, jeden Tag eine Sportstunde, musikalisch- künstlerische Erziehung und gezielte Förderung etc., etc.
Würden die einzelnen Grundschullehrerinnen statt der derzeitig 30 Stunden Unterrichtsverpflichtung pro Woche nur 25 (!) unterrichten und würde gleichzeitig mehr Personal eingesetzt werden, könnten sicher noch mehr Kinder individuell gefördert und das gesamte Schulleben attraktiver gestaltet werden. Bei allen berechtigten Einzelkritiken, die Richtung des eingeschlagenen Reformweges stimmt.

Nach der vierten Klasse beginnt die große Selektion, die Lebenschancen werden vorprogrammiert, die ›Lernbehinderten‹ abgeschoben, jetzt soll keiner mehr mitgeschleppt werden! Die Sonderschule – im Volksmund das Brettergymnasium – wird mit der neuen Bezeichnung »Förderschule« als besondere pädagogische Errungenschaft für ›Verhaltensauffällige‹ verkauft, die objektiv gesellschaftliche Stigmatisierung gleichzeitig tabuisiert. Noch
aber darf die überwiegende Mehrheit der Schüler auf Gesamtschulen und Gymnasien.
Immerhin: In den Großstädten besuchen zu Anfang noch ca. 40 bis 50% der Schüler das Gymnasium, doch in dieser Schulform ist Schluss mit lustig, jetzt wird richtig gelernt: voller Stundenplan, schwerer Schulranzen, große Gebäude und zeitaufwendige Hausaufgaben von Anfang an. Die ›Spielwiesen‹ und Wochenpläne der Grundschule sind fast überall abgeschafft, jetzt schlägt ein anderer Takt. Die angeblich ineffektive »Kuschelpädagogik« (ehrlich gesagt, ich habe nie verstanden, was die vielen Gymnasiallehrer und besonders leistungsbetonten Eltern gegen kuscheln haben, einer der elementarsten Bedürfnisse und zärtlichen Tätigkeiten des Menschen) wird ersetzt durch die angeblich effektive »Instruktionspädagogik«. Hauptsache der Lehrer weiß, wo es langgeht und redet und redet und redet.
»Alle sitzen, einer steht und spricht, das nennt man in Deutschland Unterricht!« – so könnte man die Situation zugespitzt zusammenfassen. Der Taktgeber steht vorn, alle anderen im Raum folgen im geistig verordneten Gänsemarsch. Erste Orientierungsschwächen von Kindern und Versuche, gegen den vorgegebenen Rhythmus zu schlagen, werden anfangs noch milde hingenommen, doch dann geht schnell die Geduld zur Neige. Schule als systematisch organisierte Dauerbeschallungsmaschine, Tag für Tag, Woche für Woche, 1200 Stunden das Jahr, hält keiner so leicht aus. Sollte das Kind nicht mitkommen, das Stoffpensum nicht bewältigen, so ist es eben nur bedingt geeignet und braucht bezahlte Nachhilfe oder muss doch in eine niedrigere Schulform wechseln. Über 50% der Gymnasiasten bekommen mehr oder minder regelmäßig bezahlte Nachhilfe – für private Anbieter ein lukratives Geschäft, ein umkämpfter Milliardenmarkt. Das Gymnasium ist davon überzeugt, dass man nur leistungshomogene Lerngruppen effektiv unterrichten kann. Der gleiche Stoff, die gleichen Rituale, das gleiche Lerntempo, zur selben Zeit für alle, so lautet die Spielregel. Alle gehen freiwillig oder gezwungen ins »Prokrustesbett «, das vorgegebene Standardmaß. Wer zu kurz ist, wird lang gezogen, wer zu lang ist, abgeschnitten. Wer gar nicht passt, hat eben Pech gehabt und muss gehen. Für die anderen gilt: Friss dich durch die Berge toten Wissens, sie enden nie, immer neue Stoffmengen kommen hinzu.

Fang endlich an, du hast eh keine Chance. Neue Fächer, neue Lehrer, neue Berge. Frag nicht nach dem Sinn, andere haben festgestellt, dass es gut für dich ist. Die Leselust der Schüler fällt rapide, die meisten »Pflichtlektüren« leisten noch Vorschub, erhöhen die Passivitätsspirale nach unten. Mit den gleichen Pflichtlektüren wurden schon die Lehrer als Schüler selbst drangsaliert, damit die Banausen endlich lernen, was die traditionsreichen Lichtgestalten abendländischer Bildung sind. Die Hausaufgaben werden immer länger, jeder Lehrer hält sein Fach selbstverständlich für das wichtigste. Zur Überlebensstrategie der Schüler gehört: Schreib ab, wo es nur geht, lass dich aber nicht erwischen, Hauptsache, du erfüllst das geforderte Pensum. Die Mehrheit der Schüler hat Angst vor schlechten Noten, im schlimmsten Fall vor dem »Sitzenbleiben«. Sie verspüren am eigenen Leib den Leistungsdruck mit vielfältigen nervösen Störungen. Langsam, ganz langsam, aber todsicher breitet sich das schulische Krebsgeschwür aus: Demotivation, mangelndes Interesse an der Sache, gähnende Langeweile!

Der Lehrer will den Schüler aufs Leben zielgerichtet vorbereiten, ihn qualifizieren (deshalb der ganze Aufwand und Stress für alle Beteiligten), er will natürlich selbstredend nur das Beste, das Allerbeste. Nur genau das bekommt der Lehrer nicht! Das Beste wird mit den Freunden geteilt oder für sich behalten; in der Schule will der Schüler die Langeweile überstehen, die eigene Anstrengung wird dabei auf ein kalkuliertes Minimum herabgekühlt. Man ist erfinderisch, man wird zum Aufspüren immer neuer Nischen der Arbeitsentlastung geradezu gezwungen. Je nach Lehrer wechselt das Interesse, das Engagement, die Fassade, die Art des Mitspielens, das geistige Ausklinken bei einigermaßen regelmäßiger körperlicher Anwesenheit. Mindestens 40% der Stunden werden sinnlos abgesessen, auf die lange Dauer der Schulzeit wird man als Schüler wie ein Profiboxer »hart im Nehmen«. (Sollten Sie Zweifel an der angegebenen Prozentzahl haben, fragen Sie zuerst Ihre Kinder! Dann fragen Sie Lehrer in entspannter Atmosphäre, z.B. in der Kneipe, nach der Zahl der fehlgeschlagenen Unterrichtsstunden! Sollten Sie immer noch Zweifel haben, so besorgen Sie sich neueste wissenschaftliche Studien zur Unwirksamkeit des Unterrichts, z.B. im Fach Mathematik.
Bedenken Sie zusätzlich, dass sich empirisch forschende Wissenschaftler ungern festlegen, alles immer hochkomplex sei, heterogen, unübersichtlich, nicht nach allen Seiten abgesichert und deshalb unbedingt weiter geforscht werden müsste. Auf die dann doch veröffentlichten Ergebnisse können Sie in aller Ruhe und Gelassenheit noch mal 10% draufschlagen!).

Was viele Lehrer als Überforderung der Kinder durch hochqualifizierten Unterricht deuten und entsprechend bei Versagen mit schlechten Noten quittieren, ist in Wahrheit strukturelle Unterforderung durch verordnete Passivität des Gehirns. Unser Gehirn ist dafür nicht geschaffen, die Schüler schalten auf Sparflamme.
Die lineare Verkündungspädagogik schafft in besonderem Maße die geistige Unterforderung und affektive Unterkühlung und steht im offenen Widerspruch zur Evolutionsgeschichte des Menschen als hocheffizientes, aktives, spielendes und emotionsgeladenes Wesen.

Kategorien: Bewusstsein · Bildung · Grundschule/Kindergarten · Unterricht · Vorbilder

2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Marion // 22 Feb 2009 um 04:43

    Der Artikel spricht mir aus der Seele…“das schulische Krebsgeschwür aus: Demotivation, mangelndes Interesse an der Sache, gähnende Langeweile!“ Radikale Bildungsreform mit einer neuen Pädagogik ist längst überfällig.

  • 2 Christopher // 24 Feb 2009 um 18:13

    Ich denke, dass das Hauptproblem des Bildungssystems ist: dass die meisten Lehrer ihren Beruf nicht aus Leidenschaft und mit Begeisterung ausüben.
    Immerhin gibt es Menschen die ihre Arbeit garnicht als Arbeit bezeichnen sonden als Vergnügen.
    Die Lehrer erfüllen noch eine weitere äußerst wichtige Rolle in der Gesellschaft: häufig weden sie zum Vorbild und dadurch beeinglussen sie unbewusst die jungen Menschen. Wessen Vorbild keine Lust auf seinen Job hat, der wird auch sein eigenes Beruf nur bedingt leidenschaftlich ausüben.

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