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Kultusministerin Henzler – G8/G9 – „ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen“

19. Februar 2009 · von Miller · 2 Kommentare

Kultusministerin Henzler – G8/G9 – „ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen“

In der Frankfurter Rundschau – Printausgabe von heute – hagelt es in Leserbriefen massive Kritik an Frau Henzler. Hintergrund ist das FR-Interview vom 3.2.2009: „An der langen Leine: Hessens künftige Kultusministerin will Schulen über sich selbst entscheiden lassen. Das Turbo-Abitur soll am Gymnasium aber Standard bleiben. Haupt- und Realschulen dürfen Schüler gemeinsam unterrichten.“

Die Gemüter erhitzt folgende Aussage der Ministerin, hier im Zusammenhang des Interviews:

FR: Geht die Eigenständigkeit der Schule so weit, dass auch Gymnasien und nicht nur Kooperative Gesamtschulen wählen können, ob sie das Turbo-Abitur G 8 oder wieder das längere G 9 wollen?

Henzler: Das klassische Gymnasium ist eine Schule für Kinder und Jugendliche, die ihre Schulzeit möglichst schnell durchlaufen und beenden und ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen. Deshalb sollte dort G 8 bleiben.

FR: Könnten Gymnasien nicht beides bieten, das Turbo-Abi und das bisherige G 9?

Henzler: Nein. Gleichzeitig an einer Schule beide Varianten anbieten zu wollen, ist nicht praktikabel. Das wollen die meisten Schulen auch nicht. Es gibt ja die Wahlmöglichkeit für Kooperative Gesamtschulen, und die Integrierten Gesamtschulen führen ohnehin in neun Jahren zum Abitur. Eltern haben also Wahlmöglichkeiten für ihr Kind.

Die Leserkommentare, Befürworter von G9, gehen mit der Ministerin hart ins Gericht:
„Für die Chefin der hessischen Schulen beginnt die Lebenszeit also erst nach der Schulzeit? (…) G6, dann hätten die Schüler noch zwei Jahre mehr Lebenszeit zu erwarten.“
„Mir es ist ein echtes Rätsel, wie jemand allen Ernstes behaupten kann, dass Kinder mit G8 „ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen.“ Welche Lebenszeit wird hier denn gewonnen?“
(…) „schlimm und decouvierend“… „Schlagen Sie nach bei Schiller (…) “Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“

Leider kommt es weder bei der Ministerin noch bei den Diskutanten zum Kern des Problems, man bleibt in einer schrägen G8/G9-Debatte oberflächlich hängen.
Entscheidend ist jedoch:Was läuft tatsächlich offiziell und inoffiziell im Unterricht? Wie hoch ist der Anteil der tatsächlich vergeudeten und demotivierenden Stunden? Wie kommt es substanziell zu einer Verbesserung des Unterrichts hinsichtlich: Lernatmosphäre, Motivation, Qualität der Bildungsgüter, kompetenzorientierte Aufgabentypen, Neugierplänen, Schule als Polis etc.? Dies gilt selbstverständlich als Refelexionsfolie auch für die G9-Verteidiger. Zu den entscheidenden Unterrichtsfragen sind die Hausaufgaben noch nicht gemacht. Dies gilt – wenn ich mich nicht irre – für Teile der Ministerialbeamten wie für eine beachtliche Zahl von Schulen.
Man könnte die Ministerin auch noch anders interpretieren: Bei schlechtem Unterricht gewinnt man aus Schülerperspektive mit G8 tatsächlich ein Jahr Lebenszeit.
Ob Frau Henzler dies so gemeint hatte, müsste man selbst in Wiesbaden nachfragen. Manchmal überblickt der Sprecher Reichweite und Hintersinn seiner Worte selbst nicht. Das gehört zur Eigendynamik einer komplexen Sprache mit vieldeutig eingelassenen semantischen und pragmatischen Netzen. Wer meint, dass er frei davon wäre, werfe den ersten Stein.

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Tags: Abitur · Bildung · Dunkelkammer · Gymnasium · Vorbilder