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Von der kindlichen Neugier – was die Schule verstehen sollte (1)

18. Februar 2009 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Kinder sind geballte Kreativitätsbündel, fast immer zur Aktion bereit. Nichts ist vor ihnen sicher – das gilt für die elegante Tischdecke, die teure Blumenvase, Papas Lieblings-CDs, die geordneten Bücher in den untersten Regalbrettern genauso wie für spontane Ideen, alltägliche Handlungen, eingefleischte Gewohnheiten von Erwachsenen – ihr Entdeckergeist kennt erst mal keine Grenzen. Wenn das ›erwachsene Nein‹ sparsam eingesetzt wird, sprudelt die Quelle ›Originalität und Phantasie‹ unerschöpflich.

Kinder sind Sprachschöpfer, Wortspieler, ja Wortakrobaten, schwingen sich auf zu neuen Wahrnehmungsfähigkeiten, wechseln die Rollen, schreiben sich selbständig neue Rollen nach Belieben zu, sprengen ihre Welt und fragen schon frühzeitig nach dem, »was die Welt im Innersten zusammenhält.« Ihr faustscher Drang will hoch hinaus, will erforschen, ergründen, wissen. Die Warum-Frage will selbst kurz vor dem Schlafengehen nicht enden. Erst wenn die Augen buchstäblich zufallen, erholt sich kurzfristig das Kind (und die Eltern). Und am nächsten Morgen geht es weiter.
Die Kreativität meiner Kinder, ihre Ideen und unkonventionellen Illustrationen haben aktiv dazu beigetragen, dass ich Ausdehnung und Tiefe des Sprachuniversums einigermaßen verstanden habe und nicht nur »sprachphilosophischen Untersuchungen« (Wittgenstein) gefolgt bin. Dieses Sowohl-als-auch, die zahlreichen Variationen, Modulationen, Metamorphosen, dieses Nichts-bleibt-wie-es-ist, haben Kinder intuitiv begriffen. Erst die ständige Ja-Nein-Konstellation von Erwachsenen zwingt ihren Geist in spanische Stiefel – meist viel zu früh. Nicht aus Unkenntnis, sondern aus Lust und Tollerei kann der rote Elefant fliegen, schleudert die schlaue Maus das böse Krokodil durch die Luft, ist die liebe Emma die einzige Lokomotive, die fast alle Hindernisse auch ohne Schienen überwinden kann. Natürlich ist der rote Elefant im wirklichen Leben grün, kann sich ganz klein machen, wenn er denn will, fährt Auto, träumt sich nach Afrika, kennt auch die grauen ›Ganz Großen‹ mit den ganz ganz großen Ohren und natürlich die Arbeitselefanten in Indien und Colonel Hathi, den Chef der Elefantenkompanie aus dem Dschungelbuch. Mühelos kann das Kind hin und her switchen, mannigfaltige Wirklichkeiten existieren nebeneinander, mal so, mal anders. Es kann sich auch nach dem Elefantenspiel in einen Flugdinosaurier verwandeln, der als lachender Delphin wieder auftaucht und sprechen kann. Sprechen können dann fast alle Tiere, und lustig, traurig, böse, gut können sie sein. Wenn das Kind will, kann es sehr treffsicher unterscheiden, kann die Szene und die Sprache wechseln. Wenn der Faden des Spiels mal reißen sollte, wird irgendwann später wieder problemlos angeknüpft. Sollte die Lust in Frust umschlagen – manchmal reichen eben die Fähigkeiten noch nicht aus – so ist das ein vorübergehendes Phänomen. Frust muss dann leidvoll ertragen werden, Tränen und vielfältige Gefühlsausbrüche gehören kurzfristig dazu. Handeln, Fühlen, Denken sind eine untrennbare Einheit, die Erlebnisfähigkeit eine Ganzheit. Diese kleinen Subjekte sind in den ersten Jahren ihrer Persönlichkeitsentwicklung (bis weit in die Grundschule hinein) im Prinzip quirlige Musiker, sie haben den Jazz im Blut – vorausgesetzt, man lässt ihnen große Spielräume und unterbreitet gleichzeitig gezielte Angebote.

Was heißt hier ›den Jazz im Blut‹? Im Kern ist es die hohe Kunst der Improvisation, die gelungene Art, Geschichten zu erzählen, Bilder, Figuren, Farben, Empfindungen in vielfältigen Formen und Formationen zur Welt zu bringen. Der Trompeter Chet Baker (oder Miles Davis) kann uns mit seinen Ton-Geschichten zu Tränen rühren, emotionale Gerüste erschüttern oder auf Wolke sieben schweben lassen. Der Kopf, die Ohren, das Herz müssen aber bewusst geöffnet werden, eben keine Berieselungsmusik im Hintergrund.

Das quirlige Kind lässt, wie bereits erwähnt, den roten Elefanten fliegen, ist in Stimmung (»in the mood«) und wechselt abrupt den Erzählkurs, wechselt die Tonart, modelliert, variiert, bringt neue rhythmische Ideen, Phrasen, Verzierungen, Akzentuierungen … und plötzlich trifft der rote Elefant den lieben Gott und fragt nach dem Sinn des Todes: »Warum müssen wir alle sterben?« »Sehe ich Opa im Himmel wieder?« … und kommt dann doch zum Ende seiner Improvisation, kommt vielleicht zurück zum Grundthema: Der Elefant in Afrika oder im Zoo. Erwachsene (Lehrer und Eltern) sollten den Kindern mehr zuhören, sie in ihren Improvisationen und Interpretationen der Welt
fördern und sie weniger belehren wollen.

Wie geht z.B. ein Jazzer vor? Er hört ein brillantes, aber schwieriges Solo auf einer CD und will es transkribieren – also abhören, notieren, analysieren. Er springt hin und her, notiert Anfang und Endpunkt einer Phrase, vielleicht die Töne auf dem beat und sucht nach wiedererkennbaren Skalen oder Arpeggien. Vielleicht beginnt er auch mit dem, was ihm persönlich leicht von der Hand geht, er lässt sich vom groove tragen, er zerlegt das Stück (eine längere Phrase, einen Melodiebogen) in abgegrenzte Einheiten, erfasst die vorgezogenen Noten, die off-beats; erst anschließend beschäftigt er sich mit den exakten Tönen und Tonhöhen. Der Musiker beginnt die Melodiebögen und die grooves zu singen, zu summen, zu klatschen – greift sich sein Instrument und spielt, trifft bewusst das Original oder variiert, geht seinen eigenen Weg. Der Musiker imitiert, assimiliert, experimentiert mit dem gegebenen Material und schafft möglicherweise bahnbrechende Innovationen. Ähnlich gehen im Prinzip Kinder vor. Die Begeisterung für Geschichten, für spannende Bücher schlägt schnell um in Selbstwollen, selbst lesen, selbst ausprobieren, selbst schreiben, selbst rechnen. Symbolische Darstellungen wie Noten, Buchstaben, Zahlen, Grafiken, Bilder werden von den Kindern schnell begriffen, wenn begeisternd der Funke, der Nutzen, der Zusammenhang ersichtlich bleiben.

Kategorien: Abitur · Bewusstsein · Bildung · Dunkelkammer · Grundschule/Kindergarten · Unterricht · Vorbilder

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