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Abitur 2009 – 2011 in Deutschland (2)

16. Februar 2009 · von Miller · 13 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

In Abitur in Deutschland (1) formulierte ich einleitend am 26. Oktober 2008: Von einem der auszog, professionelle Suchmaschinen bediente, Abiture (Abiturkonzeptionen, Abituraufgaben und Abiturlösungen) suchte, Vergleiche anstellte und 2008 das Fürchten lernte.
Nehmen wir an, dass ein junger unerschrockener Abiturient ins Netz tief eindringt und sich richtig schlau machen will. Sein Ziel: angemessene Abiturvorbereitung, bundesweite Transparenz und Überblick zu den gestellten Erwartungen. Was ist sein Ergebnis? Welcher Service wird ihm geboten? Was ist los in der Bildungsrepublik Deutschland?

Die ministerial geschaffene Unübersichtlichkeit und die sehr unterscheidlich ausgeprägte Regelungswut (oder Sehnsucht) erschweren den Durchblick. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Was hat sich 2009 geändert und wie sieht der Ausblick „Abitur 2011″ aus?

Von München bis Flensburg und Berlin wird das hohe Lied auf Bildungsstandards, Kompetenzorientierung und selbstgesteuertes Lernen  gesungen; korrespondierend setzen die bildungspolitisch Verantwortlichen auf die gepriesene ‚ Selbstverantwortliche Schule‘,  auf das Engagement der Schulgemeinde – Schüler, Lehrer, Eltern. Das Abitur – inzwischen in 15 Bundesländern zentral gestellt – gilt immer noch als Aushängeschild, als Gipfel des deutschen Schulwesens. Gerade deshalb bedarf es dringender Korrekturen beim Zentralabitur, wenn man auf der Höhe der pädagogisch-didaktischen Diskussion sein will.
Machen wir uns das am SchlüsselFach Deutsch näher klar, schauen wir uns etwas in Hessen, NRW und Niedersachsen 2008 bis 2011 um.
Die verordneten Pflichtlektüren, Willkürlisten der Vor-Vorgestrigen, die für neue Lehrer von Altlehrern und deren Altlehrern gemacht wurden, lassen für subjektive Präferenzen der Lernenden kaum eine Option offen. In Hessen z.B. schrieb das Kultusministerium für das Landesabitur 2007 und 2008 (Unterricht der gymnasialen Oberstufe) folgende Lektüre zwingend vor: Lyrik der Klassik und Romantik; Schiller: Don Carlos; Hoffmann: Der Sandmann; Büchner: Woyzeck und Briefe; Fontane: Effi Briest, Kafka: Kurze Prosa; Gedichte des Expressionismus; Dürrenmatt: Die Physiker; Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen (nur im Leistungskurs); Kafka: Die Verwandlung (nur im Leistungskurs); Frisch: Homo faber (nur Leistungskurs). Zusätzlich wird für die im »Abschlussprofil des Leistungskurses geforderte größere literarische Belesenheit« erwartet: Brecht: Leben des Galilei; Eichendorff: Das Marmorbild; Th. Mann: Buddenbrooks. Nach zahlreichen Protesten von Lehrern und Eltern wird Dürrenmatt: Die Physiker und Eichendorff: Das Marmorbild wieder gestrichen und gleichzeitig das Abschlussprofil des verbindlichen Unterrichtsinhalts »Reflexion über Sprache« gesetzt. Dazu gehört dann unter anderem – »Das Zusammenwirken von psychischen, sprachlichen, ästhetischen, situativen und normativen Faktoren beim Austausch von Sachverhalten und Informationen erkennen und analysieren, Formen sprachlicher Beeinflussung und manipulativen Sprachgebrauchs erkennen«, aber auch »schriftlich orthographisch und grammatikalisch normgerecht formulieren«.

Schüler und Lehrer geraten unter unnötigen Dauerstress durch diese reglementierenden Erlasse. Das Leseprogramm wird im Stakkato durchgenommen und in die sogenannte Freizeit der Schüler abgedrängt. Von Lehrerseite heißt es dann: »Im Unterricht haben wir dazu nur begrenzt Zeit, wir Lehrer können nichts dafür, das wird vom Ministerium vorgegeben« – Paradebeispiele für Motivationskiller durch abstrakte Autoritäten. Verschärfend kommt noch hinzu:

Literatur nach 1960? Fehlanzeige! 50 Jahre literarische Blackbox: junge deutsche und internationale Autoren sind de facto in der Schule exkommuniziert. Für 2009 und 2010 muss es dann eine neue ministerielle Willkürliste geben, da fast alles in den Schulen und spezifischen Internetseiten schon durchgekaut wurde und die gähnende Langeweile kaum zu unterdrücken sein wird. Im alten Schema verstrickt, würde das dann beispielsweise bedeuten, dass man Fontanes Effi Briest eben durch Irrungen, Wirrungen ersetzt und Schillers Don Carlos durch Die Räuber etc.pp.
In der Tat, es ist für jedermann im Internet nachzulesen: Für das Landesabitur 2009 gelten neu: Lyrik der Klassik gestrichen; Gedichte des Expressionismus durch Lyrik des Expressionismus ersetzt; statt Schillers Don Carlos nicht, wie ich vermutete, Die Räuber, sondern Maria Stuart; statt Fontanes Effi Briest nun Irrungen und Wirrungen; Dürrenmatts: Die Physiker ersatzlos gestrichen; ebenso Frischs: Homo faber und Schillers: Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Der große Rest von 2007 bleibt weiter verpflichtend vorgeschrieben. Wer soll diese Willkür begreifen? Warum verschwindet die hochgeschätzte »Effi« jetzt in der Mottenkiste? Noch zwei Jahre zuvor meinte man in weitblickender »abendländischer Tradition« diese Lektüre den Schülern aufs Auge drücken zu müssen. Warum werden Dürrenmatt und Frisch gleich mit erledigt? Fragen über Fragen. Die Verantwortlichen im Ministerium schwimmen in dürren Begründungen, ahnen um den brüchigen Grund, wollen aber an der Pflichtlektüre festhalten, komme, was da wolle. In ihrer Verzweiflung klammern sie sich an ihre beschwörenden Rechts-Voodoo-Sätze wie: »Verpflichtung der Lehrkraft: Jede prüfende Lehrkraft ist verpflichtet, sich gründlich mit dem Inhalt der fachspezifischen Lehrpläne auseinanderzusetzen (§27 (2) VOGO/BG)« und »Grundlage sind die verpflichtend zu behandelnden Inhalte des Lehrplans«.

In anderen Bundesländern sieht es kaum besser aus: In NRW z.B. war für das Abitur 2008 gesetzt: Lessing: Emilia Galotti; Fontane: Irrungen und Wirrungen; Gegenwartsliteratur bis 1960: Lyrik der Nachkriegszeit 1945-1960 (nur für Grundkurs) und Bernhard Schlink: Der Vorleser. Für den Leistungskurs: Lyrik des Barock. Für das Abitur 2009 und 2010 Schiller: Don Carlos, dann mal wieder Fontane: Effi Briest; Büchners Dantons Tod. Gegenwartsliteratur: Lyrik der Nachkriegszeit 1945-1960, aber Schlink: Der Vorleser wird gestrichen und dafür mal Christa Wolf: Kassandra unter Einbeziehung der Frankfurter Poetik-Vorlesungen gesetzt. Für das Abitur 2011 bleibt Schillers Don Carlos, bei Büchner wird zu Woyzeck gewechselt und mit Schnitzlers Traumnovelle garniert. Als „Gegenwartsliteratur“ wird Wolfgang Koeppens Tauben im Gras hervorgeholt und Kassandra wieder abgesetzt. Dazu wird  progressiv „Liebesgedichte in Romantik und Gegenwart (1980-2010)“ verordnet. Für den Leistungskurs wird aber auf die Liebeslyrik mit „Schwerpunkten in den Epochen Barock, Romantik (unter Einbezug von Heine) und in der zweiten Hälfte des 20.Jhs.“ bestanden. Welch fortgesetzte Willkür von Bürokraten, Zwangsbeglückungsprogramm für die deutsche Jugend!

In  Niedersachsen ticken die Uhren wiederum ganz anders. Im Abitur 2009 werden verbindlich drei thematische Schwerpunkte gesetzt: „1. Literaturkritik, 2. Natur und Transzendenz in der Romantik, 3. Soziales Drama.“ Dann erfolgt eine extrem kleinschrittige Festlegung der verbindlichen Lektüre. Beim Schwerpunkt „Literaturkritik“ müssen alle „Die Besten 2004, Klagenfurter Texte“ lesen, dazu werden die Seitenzahlen, z.B. S. 232-237 oder 255-258 bestimmt. Im 2. Schwerpunkt werden gar einzelne Gedichte festgelegt, z.B. Eichendorffs ‚Wünschelrute‘. Für den LK selbstverständlich (?) Karoline von Gründerode und Heinrich von Kleist. Im Schwerpunkt 3: Hauptmann: Die Ratten und Horvath: Geschichten aus dem Wiener Wald. Für das Abitur 2011 sieht man das aber alles wieder anders. Die thematischen Schwerpunkte heißen dann: „1. Deutsche Sprache der Gegenwart, 2. Heinrich von Kleist, 3. Wissen und Verantwortung.“ Im 3. Schwerpunkt wird als verbindliche Lektüre festgelegt: Dürrenmatt: Die Physiker, Ibsen: Ein Volksfeind, Helmut Schmitt – einer seiner vielen „Zeit“-Artikel und als Krönung J.W. Goethe: Der Zauberlehrling. Mit dem „Zauberlehrling“ und dem Nicht-abstellen-Können der Breimaschine werden zu einem Ministerium ungeahnte paralelle Spuren erkennbar, zum Glück nicht interpretativ abiturrelevant. Bertolt Brecht – Lob des Lernens, Lob des Zweifels – wird abschließend für den Leistungskurs zur verbindlichen Lektüre erklärt; der Grundkurs wird davon „befreit“, wer braucht da schon Brecht? „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von B.B. sollte man deshalb für alle auf die Internetseiten des deutschen Bildungsservers stellen.

Tiefer nachdenken könnten alle Bildungsinteressierten auch mal über die obligatorische ministeriale Setzung für das Abitur 2009: »Über das Verhältnis von Sprechen, Denken und Wirklichkeit nachdenken: Sprachkritik, Sprachskepsis, Sprachnot (Grund- und Leistungskurs)«. Diese Prüfung sollte auch für Ministerialbeamte und die untere Schulaufsicht eingeführt werden mit Veröffentlichung der Ergebnisse im Internet! Des Weiteren kann niemand mit guten Argumenten erklären, warum im Abitur 2008 »Strukturen der Sprache als System und Funktion ihres Gebrauchs in Texten und Kommunikationssituationen: Rhetorik – öffentliche Rede« noch verpflichtend gesetzt, aber in Hessen für 2009 und 2010 gestrichen wird. Sind öffentliche Kommunikationssituationen nicht mehr von Bedeutung? Warum werden grundlegende Themen wie »Spracherwerb und Sprachentwicklung« nur für den Leistungskurs gesetzt? Ministeriale Willkür, so weit das Auge reicht.

Für Abiturregelungen und Abituraufgaben in Deutschland habe ich eine spezielle Blogroll (rechte Spalte im Bildungswirt) zusammengestellt. Viel Spaß beim Abi-Surfen.

Kategorien: Abitur · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht · Vorbilder

13 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 NachDenkSeiten - Die kritische Website » Hinweise des Tages // 17 Feb 2009 um 09:13

    […] Abitur 2009 – 2011 in Deutschland Von München bis Flensburg und Berlin wird das hohe Lied auf Bildungsstandards, Kompetenzorientierung und selbstgesteuertes Lernen  gesungen; korrespondierend setzen die bildungspolitisch Verantwortlichen auf die gepriesene ‘ Selbstverantwortliche Schule’,  auf das Engagement der Schulgemeinde – Schüler, Lehrer, Eltern. Das Abitur – inzwischen in 15 Bundesländern zentral gestellt – gilt immer noch als Aushängeschild, als Gipfel des deutschen Schulwesens. Gerade deshalb bedarf es dringender Korrekturen beim Zentralabitur, wenn man auf der Höhe der pädagogisch-didaktischen Diskussion sein will. Machen wir uns das am Schlüssel-Fach Deutsch näher klar, schauen wir uns etwas in Hessen, NRW und Niedersachsen 2008 bis 2011 um. Die verordneten Pflichtlektüren, Willkürlisten der Vor-Vorgestrigen, die für neue Lehrer von Altlehrern und deren Altlehrern gemacht wurden, lassen für subjektive Präferenzen der Lernenden kaum eine Option offen. Quelle: Bildungswirt […]

  • 2 swift // 17 Feb 2009 um 19:21

    Gibt es kein Bundesland, das einmal den Mut aufbringt, statt einer nie hergeleiteten „Traditionswillkürleseliste“ gar keine Leseliste zu setzen und dafür Kriterien aufzustellen, die zu einem sinnvollen, zeitgemäßen Umgang mit Literatur und kulturellen Traditionen anregen? Dann könnten Schüler in – wegen mir zentralen – Prüfungen zeigen, dass sie unterschiedlichste literarische und nicht-literarische Texte, Bilder, Filme etc. kompetent verstehen, sich aneignen, verdauen, beurteilen sowie analytisch, produktiv, kreativ, spielerisch-intelligent weiterverarbeiten können.

  • 3 Battmer // 17 Feb 2009 um 19:22

    Dank an den Bildungswirt für diese hervorragende Zusammenstellung von anschaulichen Beispielen dafür, wie es gelungen ist, innerhalb weniger Jahre Schule völlig gegen die Wand zu fahren.

  • 4 Edgar // 17 Feb 2009 um 23:50

    Eine sehr gute Detailanalyse zum jämmerlichen Zustand des Abiturs und das gilt nicht nur für das Fach Deutsch. Das kann man aus keinem Ministerium lesen; was sind das für Beamte, die so wenig vom Lernen und den jungen Leuten verstehen, offensichtlich Zauberlehrlinge. Ich empfehle den Kultusministern öfter mal Bildungswirt lesen. Weiter so.
    @swift
    Solch ein Aufbruch wäre eine gute Sache, nur wer setzt das durch?

  • 5 Maria // 18 Feb 2009 um 07:38

    Es wird Zeit, dass sich in den Köpfen der Schulministerien etwas bewegt. Kompetenzorientierte Prüfungen ohne Zwangslektüre und mit viel Gestaltungsspielraum wären sinnvoll. Ich bin allerdings nicht ganz sicher, wie das ohne Leseliste gehen soll.
    @ swift
    “ …Kriterien aufzustellen, die zu einem sinnvollen, zeitgemäßen Umgang mit Literatur und kulturellen Traditionen anregen?“ Was meinst du da konkret?

  • 6 Ulli // 18 Feb 2009 um 17:42

    Glücklicherweise habe ich mein Abi längst hinter mir. Nur wie soll ein Oberstufenschüler aus dieser Zwangsjacke raus? Organisiert protestieren, sich verweigern, Alternativen vorlegen. Woher die Zeit und Energie nehmen? Swifts Vorschlag scheint mir in die richtige Richtung zu gehen. Zusätzlich werden Schulaufsichtsbeamte in effiziente Lernkurse geschickt: wie bilde ich mich selbst und wie baue ich Lernbehinderung bei anderen ab?

  • 7 Bildungswirt // 18 Feb 2009 um 18:29

    @swift –„Gibt es kein Bundesland, das einmal den Mut aufbringt,…“ Tja, leider ist es zurzeit so in Deutschland. Die sog. Vielfalt ist nicht bewusste Freiheit, sondern Willkür und Konzeptionslosigkeit / Einfallslosigkeit bei den Verantwortlichen. Zwischendurch gibt es immer wieder gute Ideen und „Ausbruchversuche“ aus dem starren Korsett, doch nichts Bleibendes, Flickschusterei. Eine moderne Prüfungsdidaktik und knappe Bildungsstandards (3-4 Seiten pro Fach) sind überfällig. Dazu habe ich im Blog schon mehrere Artikel geschrieben. Die KMK bekommt jedenfalls nach 6 Jahren Debatte nichts Gescheites gebacken; sie tappt von einer Fußfessel ( lassen wir mal die Fettnäpfchen weg) in die nächste. Ob es in Hessen mit der neuen Kultusministerin Henzler einen pädagogischen Aufbruch in Richtung ‚Selbstverantwortliche Schule‘ und selbständiges Lernen wirklich gibt, das werden wir in den nächsten Wochen sehen. 16 % Wählerstimmen sind eine ordentliche Steilvorlage, das Tor muss man jedoch selbst treffen.
    @Maria
    Es geht wohl ohne verordnete Leseliste. Die Bedenkenträger befinden sich aber unter einem Teil der Lehrer,nicht bei den Schülern. Kein Deutsch-Didaktiker von Rang vertritt im übrigen solch eine zufällige Zwangsliste. Sie produziert vor allem Scheinsicherheit und verhindert tausend blühende Blumen im Deutschunterricht.

  • 8 Rainer Jung // 19 Feb 2009 um 23:19

    Die Situation an der pädagogischen Front ist gar nicht so trübe, wie sie hier erscheint. Es gibt, lieber @Edgar, schon Ansätze für einen „Aufbruch“ zu einem fortschrittlichen Prüfungswesen – und das sogar im oft gescholtenen Hessen: Die landesweiten Prüfungen im Zweiten Bildungsweg, an den Schulen für Erwachsene, kommen im Fach Deutsch tatsächlich ganz ohne Leseliste aus und schaffen es trotzdem (oder gerade deshalb), dass die von @swift geforderten Kriterien für einen „sinnvollen, zeitgemäßen Umgang mit Literatur und kulturellen Traditionen“ im Unterricht angepackt und trotz einiger notwendiger Kompromisse an Lehrpläne und Verordnungen in kompetenzorientierten Prüfungen unter Beweis gestellt werden können.

  • 9 Edgar // 20 Feb 2009 um 20:39

    @ Rainer Jung
    Im 2. Bildungsweg scheint einiges möglich. Wie funktionieren die Aufgabenstellungen in Deutsch ohne verordnete Leseliste? Wie können sich die Schüler vorbereiten? Wo können diese Abi-Aufgaben eingesehen werden? Im Internet habe ich in Hessen nichts gefunden.
    Was ist in Hessen mit dem 1. Bildungsweg? Tut sich da etwas in der trüben Suppe? Was ich beim Bildungswirt gelesen habe ist das genauso daneben wie in NRW oder Niedersachsen. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?
    Ich wäre dir dankbar, wenn du da einige Antworten hättest. Die Fragen gehen auch @bildungswirt

  • 10 Rainer Jung // 21 Feb 2009 um 21:03

    Um @Edgar diese Fragen konkret zu beantworten, muss man ein wenig ausholen:
    Zentralen bzw. landesweit einheitlichen Prüfungen liegen zurzeit noch die jeweiligen Rahmenpläne eines Faches zugrunde. Da werden aber so viele Inhalte eingefordert, dass ein „Einführungserlass“ zu einem zentralen Abitur diese inhaltliche Vielfalt einschränken muss, damit die Prüflinge gezielt auf ihre Prüfungen vorbereitet werden können.
    Am Beispiel des Faches Deutsch: Schlecht, wenn dann Schriftsteller im Lehrplan behandelt werden müssen, denn nun muss man leider festlegen, welches Werk Bezugspunkt für die Prüfung sein wird, daraus folgt die problematische Leseliste. Besser, man beschränkt sich auf inhaltliche Korridore und überlässt den Lehrern in Absprache mit ihren Schülern die inhaltliche Ausgestaltung. Dann kann man z.B. in Deutsch anhand eines existenziellen Themas, wie z.B. „Das Ich in der Literatur zwischen Aufbruch, Emanzipation und Krise“ oder „Romantische Liebe und ihre Wirkung bis heute“, exemplarische Schnittstellen unserer kulturellen Entwicklung diskutieren, d.h. auch strukturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede an vielfältigen, von Lehrern und Schülern gewünschten literarischen und nicht-literarischen Texten untersuchen.
    Entscheidend sind nun aber Aufgabenstellungen in zentralen Prüfungen, die es erlauben, das individuell Erarbeitete an zentralen Vorgaben vernünftig anzudocken. Hierzu hat der Bildungswirt ja in seinem Beitrag „Guter Unterricht und reflektierte Aufgabentypen“ Kriterien für ein zukunftsweisendes Prüfungswesen dargelegt. Dies ist tatsächlich zum Teil schon in Landesprüfungen an den Schulen für Erwachsene in Hessen umgesetzt.
    Für Deutsch heißt das konkret, dass Aufgaben so gestellt sein müssen, dass man z. B. anhand einer selbst gewählten Figur aus der jeweiligen Unterrichtsarbeit oder dem eigenen Studium Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zu einer Figur in einem vorgegebenen Prüfungstext herstellen können muss. Dabei sind Begründung und Erläuterungen für die Wahlentscheidung beurteilungsrelevant, nicht das Abfragen und die reine Wiedergabe des vorher Gelernten.
    Schön wäre es, wenn man dies an vergangenen Prüfungen noch genauer illustrieren könnte. Dazu müssten sie aber kostenfrei und für jeden zugänglich ins Netz gestellt werden.
    Dies wiederum ist Sache des Kultusministeriums.

  • 11 Sven // 22 Feb 2009 um 13:25

    Was ist mit anderen Fächern und Abiturvorgaben; das gleiche Chaos? Literaturlisten auch in Politik und Wirtschaft oder in Englisch? Wie sind die Forschritte im 2. Bildungsweg einzuschätzen? Gibt es da in Hesen wirklich mehr Chancen als in anderen Bundesländern?

  • 12 Bildungswirt // 23 Feb 2009 um 21:58

    @Rainer Jung
    Du hast die freundliche rosa Brille auf: Im 2.Bildungsweg in Hessen gibt es sicher einige Fortschritte, auch im 1.Bildungsweg gibt’s in dem ein oder anderen Fach kleine Lichtblicke. Insgesamt kann man jedoch noch nicht von einer konsequent neuen Prüfungsdidaktik auf der Höhe der Zeit reden. Die Lese-Zwangsliste abzuschaffen war sicher ein berechtigtes Moment, ein Schritt in die richtige Richtung (so heißt das doch immer im Politikerjargon).Zuviele faule Kompromissen müsen jedoch noch mit der EPA/FAPA und fragwürdigen Praxen im alltäglichen Unterricht gemacht werden, z.B. der sog. semesterübergreifende Bezug, ein Relikt aus der dezentralen Prüfungspraxis durch den einzelnen Lehrer vor Ort oder die favorisierte Stoffhuberei, vor allem in den Naturwisenschaften. Mit kompetenzorientierten Aufgaben und einer neuen Kalibirierung hat das wenig zu tun. Dazu kommen noch die Schäume der KMK-Einheit.
    @Sven
    Hessen könnte im 2.Bildungsweg prüfungsdidaktisch in den nächsten 2 Jahren vorankommen. Auch im 1. Bildungsweg stehen Debatten an.
    „Chaos“ (besser Ideenlosigkeit, Konzeptionssigkeit) in anderen Fächern? Leider ja. Demnächst mehr in einem Blogbeitrag.

  • 13 Norbert Tholen // 29 Nov 2012 um 20:06

    Der ganze Abi-Unsinn hängt (auch) an der Idee des Zentralabiturs mit der Frage, wie man im Zentralabitur Schülerleistungen bewerten kann. Das führt zwangsläufig zu Reglementierung und kleinschrittigen Aufgabenstellungen, zudem auch zu anspruchslosen – die Kultusminister wollen ja gute Noten (nicht Leistungen) als „Erfolg“ ihrer Politik verkaufen.

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