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SPD-Abweichler und Abitur 2009?

9. Februar 2009 · von Miller · 3 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Seit letzter Woche hat Hessen wieder eine gewählte Landesregierung mit einer  stabilen CDU/FDP-Parlamentsmehrheit. Wer denkt da noch an gestern, an den grauen November, an die SPD? Die hessischen Gemüter haben sich anscheinend wieder beruhigt. Wirklich?

Die Operation Walter hatte augenscheinlich Erfolg – zumindest für die politischen Kontrahenten.

Ab 20. März 2009 schreiben die Abiturientenklassen "ihr" Abi als zentrales Landesabitur. Politisch immer am Puls der Zeit. Warum im Fach "Politik und Wirtschaft" nicht gleich zum Spektakulum 11/2008 vordringen und die Wurzeln im englischen Unterhaus des 18.Jahrhunderts suchen?

Hier einige Auszüge aus der Rede an die Wähler von Bristol (1774):

"Gewiss, meine Herren, es sollte das Glück und der Ruhm eines Volksvertreters sein, in engster Verbindung, völliger Übereinstimmung und rückhaltlosem Gedankenaustausch mit seinen Wählern zu leben. Ihre Wünsche sollten für ihn großes Gewicht besitzen, ihre Meinung seine hohe Achtung, ihre Interessen seine unablässige Aufmerksamkeit. […]

Eine Meinung zu äußern, ist das Recht aller Menschen; diejenigen der Wähler ist eine gewichtige und achtenswerte Meinung, die zu hören ein Volksvertreter sich stets freuen sollte und die er immer auf das ernsthafteste erwägen müsste. Doch verbindliche Anweisungen, erteilte Aufträge, die das Parlamentsmitglied blindlings und ausdrücklich befolgen muss, für die es seine Stimme abgeben und für die es eintreten soll, obgleich diese Instruktionen im Gegensatz zur klarsten Überzeugung seines Urteils und Gewissens stehen mögen, sind Dinge, die den Gesetzen unseres Landes völlig unbekannt sind und die aus einem fundamentalen Missverständnis der gesamten Ordnung und des Inhalts unserer Verfassung entspringen. Das Parlament ist kein Kongress von Botschaftern im Dienste verschiedener und feindlicher Interessen, die jeder als Vertreter und Befürworter gegen andere Vertreter und Befürworter verfechten müsste, sondern das Parlament ist die beratende Versammlung einer Nation, mit einem Interesse, dem des Ganzen, wo nicht lokale Zwecke, nicht lokale Vorurteile bestimmend sein sollten, sondern das allgemeine Wohl, das aus der allgemeinen Vernunft des Ganzen hervorgeht
(…) Ein gutes Mitglied des Parlaments zu sein ist keine leichte Aufgabe; besonders in dieser Zeit, in der eine starke Neigung besteht, sich in einen gefährlichen Grad von sklavischer Willfährigkeit oder zügelloser Popularität zu stürzen. Umsicht mit Energie zu vereinen, ist absolut notwendig, aber äußerst schwierig.(…)"
Quelle: Edmund Burke (1729-1797): Englischer Publizist, Politiker und Philosoph, lange Zeit Abgeordneter im britischen Unterhaus.

Das Spannungsverhältnis zwischen der Freiheit des Gewissens und einer Fraktionsdisziplin der Abgeordneten war Gegenstand des hessischen Landesabiturs 2007 , Fach: Politik und Wirtschaft. Textgrundlage: Edmund Burkes Rede. Die Lehrerkommission hatte offensichtlich 2007 schon den 7. Sinn für die dramatischen Ereignisse 2008. Im Landesabitur 2009 könnte der Arbeitsauftrag ergänzend lauten:
A) Interpretieren Sie das beigefügte Plakat "Operation Walküre". Diskutieren Sie Plausibilität und Angemessenheit der Darstellung.
Alternativ B) Vier Landtagsabgeordnete (Walter, Everts, Metzger, Tesch) verweigerten Ypsilanti die Gefolgschaft. Sie wurden anschließend bezeichnet als: Vierer-Bande, Abweichler, Abtrünnige, Schweine, Verräter, die vier Aufrechten etc. Erörtern Sie die Angemessenheit der Wortwahl und die mitschwingenden Konnotationen. Diskutieren Sie Chancen einer Re-Integration der vier Personen in die SPD in den nächsten 2 Jahren.

Edmund Burke lässt schön grüßen.

Edmund Burke

Kategorien: Abitur · Allgemein · Bildung · Gymnasium

3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Martin // 12 Feb 2009 um 21:06

    Wauuuh, dickes Pfund, Text und Plakat treffen voll ins Mark der SPD und das mit erzkonservativer Schützenhilfe aus England.
    Re-Integration der Abweichler und Abtrünnigen? Die SPD wird wohl nicht anders können. Schweine sind es jedenfalls nicht.

  • 2 Sven // 13 Feb 2009 um 14:47

    Das sehe ich auch so. Die SPD hat ein mehrfaches Integrationsproblem. Sie hat ihre Glaubwürdigkeit bei den Linken und bei den Rechten zugleich verspielt. Integriert sie Walter & Co. lähmt sie umgekehrt viele SPDler Hessen Süd, die aktiv für Ypsilanti eingetreten sind. Die Reorganisation der Partei wird nicht in 2 Jahren, sondern frühestens in 5 Jahren Erfolge zeigen. Vielleicht braucht sie eine ganze Gruppe von Quereinsteigern mit hoher Fachkompetenz und Glaubwürdigkeit.

  • 3 Harald // 16 Feb 2009 um 12:27

    Die SPD wird noch lange an ihrer Selbstzerlegung deuteln und nach Lösungen suchen. Jetzt klagt erstmal Carmen Everts wg. des deplatzierten und beleidigenden Vergleichs – „ihr sollten die Beine abfaulen“ – dann gibt es wieder Ehrenerklärungen und Gegendarstellungen etc. V ielleicht kümmern sich die SPD-Aufrechten bald wieder um Politik? Eine Oppositionsarbeit kann nicht nur von den Grünen und der Linken geleistet werden. Und Thorsten Schäfer-Gümbel? Er ist sicher eine Integrationsfigur, aber eher für den Hintergrund. Kein Medienmann und mit dem Charme eines Versicherungsvertreters ist Roland Koch nicht aus dem Sattel zu werfen. Zuerst müßte die SPD Hessen klären, wohin sie eigentlich will, für was sie politisch steht.

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