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Einträge vom Januar 2009

Hessische Bildungspolitik: FDP und Grüne im Interview beim Bildungswirt

16. Januar 2009 · von Miller · 5 Kommentare

Hessische Bildungspolitik: FDP und Grüne im Interview beim Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Hier die Antworten von Dorethea Henzler (FDP) und Mathias Wagner (GRÜNE) .

dorothea-henzler-fdp mathias-wagner-gruene Bildquellen: Die Internetseiten der Kandidaten.
Miller: 1. Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Henzler (FDP) Die FDP will die Qualität des Unterrichts verbessern und die individuelle Förderung jedes Schülers stärken. Dafür wollen wir den Schulen die notwendigen Rahmenbedingungen durch mehr Personal und mehr Finanzmittel sowie durch mehr Eigenverantwortung geben. Wir fordern eine 105%ige Lehrerversorgung an allen Schulen verbunden mit der Möglichkeit für die Schulen, davon 20 % in Geld zu erhalten, damit neben Lehrkräften je nach Bedarf auch Sozialpädagogen, Psychologen und sonstige Kräfte für eine gezielte Förderung und Unterstützung der Schüler eingestellt werden können. Wir setzen uns auch für den zügigen Ausbau von Ganztagsschulen und –angeboten ein, denn diese ermöglichen mehr Bildungschancen unabhängig vom Elternhaus. Für eine bessere Vorbereitung auf die Schule fordert die FDP, das dritte Kindergartenjahr in ein verpflichtendes Vorschuljahr in Landeszuständigkeit für alle Fünfjährigen umzuwandeln. Die Kinder sollen in diesem Jahr durch eine altersgerechte Pädagogik besser als bisher auf die Schulen vorbereitet werden. So erhalten alle Kinder gleiche Chancen am Schulstart.

Wagner (Grüne): Es ist Zeit für einen neuen Aufbruch für Hessens Schulen. Die Schritte, die gegangen werden müssen, um im Schulsystem mehr Qualität zu erreichen, sind bekannt. Gute Schulen werden vor Ort gemacht, daher muss die einzelne Schule in ihrer Arbeit für den einzelnen Schüler und die einzelne Schülerin in den Mittelpunkt gerückt werden. Unsere Schulen brauchen endlich Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten in pädagogischer, personeller, finanzieller und organisatorischer Hinsicht. Konkret bedeutet das unter anderem eine bessere Personal- und Sachausstattung, kleinere Klassen, mehr Zeit zum Lernen und zur individuellen Förderung durch Ganztagsangebote. Wir GRÜNE wollen den Schulen ihren Weg nicht von oben vorschreiben, sondern wir stehen für Schulreformen von unten.
Wir wollen wieder mehr in Bildung investieren, denn die Zukunft unserer Kinder muss uns etwas wert sein. Mit einem Maßnahmenpaket wollen wir für einen neuen Aufbruch an Hessens Schulen sorgen. Erster Baustein ist die Erhöhung der Landesausgaben für die Schulen um 300 Millionen Euro innerhalb der nächsten fünf Jahre. Damit wollen wir mehr individuelle Förderung mit zusätzlichen Lehrerinnen und Lehrern in kleineren Klassen erreichen. Zweiter Baustein ist ein auf zehn Jahre angelegtes drei Milliarden Euro Investitionsprogramm zur Sanierung der Schulgebäude in Hessen. Zurückgehende Schülerzahlen werden wir in allen Schulformen nicht für Einsparungen im Bildungsbereich nutzen, sondern zur Qualitätsverbesserung, u.a. durch eine flexible Schuleingangsphase und kleinere Klassen. Zu einer besseren Schüler-Lehrer-Relation trägt auch die von uns GRÜNEN geplante 105-prozentige Lehrerversorgung bei. Zudem wollen wir es in den kommenden fünf Jahren der Hälfte der weiterführenden Schulen auf freiwilliger Basis ermöglichen, sich zu Neuen Schulen weiterzuentwickeln, die nach dem Vorbild des PISA-Siegerlandes Finnland längeres gemeinsames Lernen bis zum Ende der Mittelstufe ermöglichen.

Miller: 2. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Henzler (FDP) Das staatliche Schulsystem soll jungen Menschen sowohl eine umfassende Bildung zukommen lassen als auch ihre Ausbildungsreife sicherstellen. Schüler müssen deshalb stärker in die Lage versetzt werden, sich selbstständig Wissen zu erarbeiten und eigenständig nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Das Lernen von Fakten kann daher nur noch ein Teil der schulischen Arbeit sein. Genauso wichtig ist das Kennen und Benutzen der Neuen Medien. Auch der Lehrer soll in diesem Zusammenhang seine Rolle vom „Belehrenden“ hin zum Moderator und Lernberater für die Schüler ändern und seine Unterrichtsgestaltung darauf ausrichten. Damit Schule eine umfassende Bildung aller Schüler ermöglichen kann, muss sie zu einem Ganstagsbetrieb ausgebaut werden, denn so bietet sie die Möglichkeit über den reinen Fachunterricht hinaus auch interessante Bildungs- und Freizeitangebote zu unterbreiten.

Wagner (Grüne): Seit Wilhelm von Humboldt ist mit dem Wort Bildung auch das Moment der Selbständigkeit, also des Sich-Bildens der Persönlichkeit verbunden. Während Erziehung eher äußere Steuerungsimpulse der Persönlichkeitsentwicklung meint, bezieht sich Bildung wesentlich auf Prozesse und Ergebnisse der individuellen Verarbeitung und Aneignung. Im Gegensatz zu Ausbildung bzw. Berufsbildung ist Bildung nicht unmittelbar an ökonomische Zwecke gebunden. Häufig jedoch ist der Erwerb allgemein bildender Abschlüsse, insbesondere des Abiturs, Voraussetzung für den Zugang zu gut bezahlten Berufen. Wenn sich Bildung jedoch auf Ausbildung beschränkte, wäre das das Aus für Bildung in einem umfassend verstandenen Sinne.

Miller: 3. Soll Unterricht und Studium für die Lernenden auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Henzler (FDP): Die FDP tritt für ein kostenloses staatliches Schulsystem ein, dessen Qualität sie konsequent ausbauen will. Daneben setzen wir uns auch für eine angemessene Finanzierung des Privatschulwesens in Hessen als qualitative Bereicherung des Schulsystems ein. Da die Diskussion um Studiengebühren eine große Unruhe gebracht hat, hat die FDP beschlossen, dass in der 18. Legislaturperiode keine Studiengebühren für das Erststudium eingeführt werden sollen.

Wagner (Grüne): Grundsätzlich sprechen wir uns für die Kostenfreiheit aller Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsangebote aus, um Kindern und Jugendlichen unabhängig von den finanziellen Verhältnissen ihres Elternhauses gute Lern- und Bildungschancen zu ermöglichen. Allerdings hat im vorschulischen Bereich die Erfüllung des Rechtsanspruchs auf Betreuung – also die Schaffung zusätzlicher Plätze – für uns Vorrang vor der Ausdehnung der Kostenfreiheit.
Wir unterstützen lebensbegleitendes Lernen. Besonderer Förderung bedürfen Personen, die sonst keine Möglichkeiten haben, sich beruflich oder allgemein weiterzubilden. Dies gilt auch für Rückkehrer in das Berufsleben und für ältere Menschen. Das Nachholen aller Schulabschlüsse muss möglich sein. Dazu bedarf es des Ausbaus entsprechender Strukturen, gerade auch der Schulen für Erwachsene. Die Pluralität der Angebote und die Gebührenfreiheit staatlicher Bildungsabschlüsse sind dabei zu erhalten.
Wir GRÜNE stehen im Hochschulbereich für die Entwicklung guter Studienbedingungen und für eine gerechte Teilhabe an Bildung ohne Rücksicht auf die finanziellen Möglichkeiten des Elternhauses. Wir haben bei der Abschaffung der Studiengebühren eine führende Rolle gespielt. Damit haben wir dazu beigetragen, eine große Zugangshürde zu den Hochschulen zu beseitigen. Die CDU verfolgt wie auch ihr Wunschkoalitionspartner FDP mittelfristig weiter die Einführung von Studiengebühren. Weil Studiengebühren aber sozial ungerecht und bildungspolitisch falsch sind, müssen sie abgeschafft bleiben. Wir GRÜNE garantieren, dass es mit uns weiter keine Studiengebühren geben wird.

Miller: 4. Was halten Sie von den beiden Thesen:
a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und
b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Henzler (FDP): Die FDP will alle drei Bildungsgänge Haupt-, Realschule und Gymnasium und deren Abschlüsse in ihrem Profil stärken und die Anschlussfähigkeit in den jeweils nächst höheren Bildungsgang für Schüler sicherstellen. So wird eine Ausbildung nach Neigung und Begabung erhalten und das Vertrauen in die Qualität aller drei Bildungsgänge gestärkt. Gleiches gilt für das Abitur und den Hochschulzugang. Wir wollen gewährleisten, dass nicht nur der Weg über das Gymnasium hin zum Abitur bzw. zum Studium führt, sondern dass dieser Weg auch über den Bildungsgang Hauptschule offen steht. Schüler sollen nach jedem Bildungsabschluss ermuntert werden, weiter zu lernen und den nächst höheren Abschluss anzustreben. Auch über berufliche Bildungsgänge muss ein Hochschulzugang für bestimmte Fachrichtungen ermöglicht werden. Wir sind der Auffassung, dass durch diese Anschlussfähigkeit in unserem Bildungssystem durch gezielte Aus-, Fort- und Weiterbildung der Fachkräftemangel in einzelnen Branchen besser bekämpft und die Qualifikation der jungen Menschen insgesamt stärker erhöht werden kann, als durch eine allgemeine Erhöhung der Abiturientenquote.

Wagner (Grüne): Sehr viele Eltern – die Tendenz ist weiter steigend – entscheiden sich nach der Grundschulzeit dafür, ihr Kind aufs Gymnasium zu schicken, auch unabhängig davon, ob die Grundschule eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen hat oder nicht. Dies stellt das Gymnasium vor neue Aufgaben, denn es muss der zunehmenden Heterogenität seiner Schülerschaft gerecht werden und ihr Potenzial umfassend entwickeln. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, für die Lehrerinnen und Lehrer geeignete Rahmenbedingungen und ein leistungsfähiges Unterstützungssystem benötigen.
Bislang hängen in Hessen die Bildungschancen immer noch viel zu stark von der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen ab. Das wollen wir ändern. Bildung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Kein Kind darf zurückgelassen werden. Gute Bildung ist für das einzelne Kind und die Entfaltung seiner Persönlichkeit ebenso wichtig wie für die wirtschaftliche und technologische Entwicklung unseres Landes. Nur wenn es uns gelingt, alle Fähigkeiten zu entwickeln, ist unser Land zukunftsfähig. Wir brauchen mehr Abiturientinnen und Abiturienten und wir brauchen ein leistungsfähiges und leistungsförderndes Bildungssystem, das auch nach dem Schulabschluss nicht aufhört, sondern lebensbegleitende Angebote vorhält. Für den gleichzeitigen Erwerb eines Abiturs und einer Berufsausbildung werden wir verbesserte Möglichkeiten schaffen. Zudem wollen wir die Hochschulen in die Lage versetzen, in den kommenden Jahren tatsächlich mehr Studierende aufzunehmen. Nur so können wir die Bildungsbeteiligung und auch die chancengerechte Teilhabe an Bildung erhöhen, einem Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften entgegenwirken und verhindern, dass sich die angespannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt durch Verdrängungseffekte weiter verschärft.

Miller: 5. Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Henzler (FDP): Die Lehrerausbildung muss stärker berufsvorbereitend und praxisorientiert gestaltet werden. Bereits in der ersten Ausbildungsphase, dem Studium, soll der Praxisanteil erhöht werden. Die FDP hat in der vergangenen Legislaturperiode einen Gesetzentwurf zu Veränderungen im Vorbereitungsdienst vorgelegt mit dem Ziel, die Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst zu entlasten, damit sie mehr Zeit für die Unterrichtsvor- und –Nachbereitung haben. Die FDP setzt sich darüber hinaus dafür ein, dass vor der Zulassung zur zweiten Ausbildungsphase, dem Vorbereitungsdienst, der spätere Dienstherr die Eignung der Bewerber für das Lehramt durch eine Eignungsprüfung durch das Amt für Lehrerbildung feststellt. Denn nur die für dien Lehrerberuf am besten geeigneten Kandidaten sollen zum Vorbereitungsdienst zugelassen werden. Nur so kann die Qualität des Lehrerberufs sichergestellt werden.

Wagner (Grüne): Wir wollen die Fortbildung und das Unterstützungssystem für Lehrerinnen und Lehrer verbessern. Die Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer und die an sie gestellten Erwartungen sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Wir werden daher ein leistungsfähiges Unterstützungssystem für unsere Schulen schaffen, um durch Qualifizierung der Lehrerinnen und Lehrer sowie Einbeziehung anderer Professionen den Anforderungen an Schule gerecht werden zu können. Konkret werden wir
• die Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung ausbauen und stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen orientieren. Das unsinnige, bürokratische und auf tiefem Misstrauen basierende Sammeln von Fortbildungspunkten schaffen wir ab;
• die bisherigen Unterstützungsleistungen der Staatlichen Schulämter und kommunalen Schulträger in regionalen Bildungsbüros zusammenfassen und ausbauen (z.B. im Bereich der Schulsozialarbeit und des schulpsychologischen Dienstes) und so den Schulen Unterstützung aus einer Hand liefern. So kommt die Vernetzung zwischen Jugendhilfe und Schule einen entscheidenden Schritt voran;
• Derzeit vorhandene Reibungsverluste und unklare Zuständigkeiten zwischen den staatlichen Schulämtern, dem Institut für Qualitätsentwicklung und dem Amt für Lehrerbildung abbauen.
Auch die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wollen wir verbessern. Das Berufsbild von Lehrerinnen und Lehrern hat sich erheblich gewandelt. Sie sind nicht nur mit anspruchsvollen pädagogischen Aufgaben, sondern auch mit gestiegenen gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert. Daher kommt ihrer Ausbildung großes Gewicht zu, denn sie legt den Grundstein
für gute Schulen. Die Landesregierung hat in der Lehrerbildung mit ihrer „Reform“ in den Schulen, Universitäten und Studienseminaren Chaos angerichtet. In einem ersten Schritt werden wir hier die notwendigen Korrekturen vornehmen. Dazu gehören für uns eine Entschlackung der Ausbildungsmodule, die Reduzierung der Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst (LiV) sowie ihrer Ausbilderinnen und Ausbilder und die Stärkung der Rolle der Mentorinnen und Mentoren. In einem zweiten Schritt werden wir im Dialog mit allen Beteiligten über die künftige Struktur der Lehrerbildung beraten. Dabei sind insbesondere die Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse, die Rolle der Staatsexamina und die schulformbezogene Ausbildung zu diskutieren.

Miller: 6. Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit, Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

Henzler (FDP): Die FDP hat als einzige Partei ein ausführliches Konzept für die eigenverantwortliche Schule vorgelegt. Wir fordern, dass die Schulen zukünftig ein Budget führen und selbstständig Personal einstellen dürfen und ihre Schulorganisation und den Unterrichtsbetrieb eigenverantwortlich gestalten. In einem ersten Schritt fordern wir dafür eine 105 %ige Lehrerversorgung in Form eines Budgets für alle Schulen mit der Möglichkeit, dass die Schulen davon bis zu 20 % in Geldmitteln zur eigenverantwortlichen Verfügung erhalten können. Den Modellversuch „Selbstverantwortung Plus“ für mehr Eigenverantwortung der beruflichen Schulen hat die FDP maßgeblich vorangetrieben. Grundsätzlich fordern wir, dass dieser Modellversuch zügig fortgesetzt wird und darüber hinaus auch weitere Schulen aller Bildungsgänge, die sich dies zutrauen, in die Eigenverantwortung entlassen werden sollen. Wir wollen die eigenverantwortliche Schule nicht von oben verordnen, sondern sie soll sich von unten an den einzelnen Schulen entwickeln. Über die unverändert hohe finanzielle Ausstattung mit staatlichen Mitteln hinaus sollen eigenverantwortliche Schulen zusätzlich eigene Einnahmen machen dürfen und selbstständig Ausgaben tätigen.

Wagner (Grüne): Das Modellprojekt „Selbstverantwortung plus“ wollen wir fortführen und weiterentwickeln. Die Ergebnisse und Möglichkeiten des Modells an derzeit 17 beruflichen Schulen in Hessen werden wir als Gestaltungsoption allen Schulen zur Verfügung stellen. Diejenigen Schulen, die sich zu diesen Schritten hin zu mehr Selbstverantwortung entschließen, erhalten die dafür notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen und die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen.
Gute Schulen werden vor Ort gemacht. Wir wollen den einzelnen Schulen vertrauen und ihnen etwas zutrauen. Eine Verbesserung der Qualität, des Lernumfelds für die Schülerinnen und Schüler und des Arbeitsplatzes Schule braucht mehr Freiheit und Eigenständigkeit und weniger Bürokratie und Gängelung. Wir wollen in enger Zusammenarbeit mit den Schulen diese von unnötigen Vorgaben der Kultusbürokratie befreien.
Voraussetzung für Selbstständigkeit von Schule ist die Verlässlichkeit der Politik hinsichtlich der pädagogischen Zielsetzungen, der Unterstützung für die Schulen und der Bereitstellung personeller und finanzieller Ressourcen, denn die Gesamtverantwortung für Schule und Bildung verbleibt beim Staat. Wir werden die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Schulen im Rahmen der erhöhten Selbstständigkeit ihre Aufgaben erfüllen können. Auch werden die Schulen mehr Budgetverantwortung erhalten. Die Schulen sollen über den Einsatz der Sachmittel und über die Verwendung der Personalmittel stärker selbst entscheiden können. Die scharfe Trennung zwischen Sach- und Personalmitteln wird überwunden.
Wir werden in einen Dialogprozess mit den an Schule Beteiligten darüber eintreten, welche pädagogischen, personellen und organisatorischen Freiheiten sie zur weiteren Qualitätsverbesserung ihrer Schule brauchen. Unser Grundsatz dabei lautet: Klarheit über die zu erreichenden Ziele, größtmögliche Freiheit bei dem Weg dorthin, Überprüfung der Ergebnisse. Die Schulen entscheiden in eigener Verantwortung auf der Basis ihres Schulprogramms über Unterrichtsorganisation und Unterrichtsgestaltung. Keine Schule
wird gezwungen, diesen Weg zu gehen, aber die Schulen, die es wollen, erhalten die Möglichkeit dazu.

Miller: 7. Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

Henzler (FDP): Für die FDP muss in erster Linie gewährleistet sein, dass alle Schüler an ihrer Schule kostenfreien Zugang zu den Prüfungsaufgaben für das Landesabitur der Vorjahre haben. Dafür werden wir uns einsetzen. Darüber hinaus halten wir den Verkauf der Abituraufgaben für Schulbuchverlage für vertretbar, wenn die Einnahmen daraus zur Verbesserung des hessischen Schulsystems verwendet werden.

Wagner (Grüne): Wir halten die Praxis der CDU-Landesregierung, die bereits verwendeten Prüfungsaufgaben an private Verlage zu verkaufen und den Schülerinnen und Schülern nur noch einen sehr begrenzten kostenfreien Zugriff darauf zu gewähren, für fragwürdig. Die Antworten der Landesregierung auf unsere diesbezügliche parlamentarische Anfrage haben uns nicht überzeugt. Wir setzen uns dafür ein, dass die Prüfungsaufgaben kostenfrei im Internet zugänglich gemacht werden.

Vielen Dank für die Interviews.

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Hessische Bildungspolitik: DIE LINKE antwortet dem Bildungswirt

15. Januar 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Hessische Bildungspolitik: DIE LINKE antwortet dem Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Hier die Antworten von der Partei Die Linke.

Miller: 1. Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Die Linke: Für DIE LINKE hat absolute Priorität, die soziale Ausgrenzung im Bildungssystem in Deutschland zu beenden und gute Bildung für alle zu gewährleisten. In keinem anderen Industrieland bestimmt der Geldbeutel der Eltern so sehr die Bildungschancen eines Kindes. Arbeiterkinder kommen derzeit meist auf die Hauptschule, Akademikerkinder aufs Gymnasium. DIE LINKE tritt für ein Recht auf Bildung für alle ein.
DIE LINKE macht sich deshalb stark für die Gemeinschaftsschule, d.h. „eine Schule für alle“. In gut ausgestatteten Gemeinschaftsschulen könnten alle Kinder und Jugendlichen besser gefördert werden. Das geht nur mit viel mehr Geld im Bildungssystem: mit viel kleineren Klassen, mit mehr Lehrerinnen und Lehrern, mit mehr Erzieherinnen und Erziehern in den Kindertagesstätten und mehr Dozentinnen und Dozenten und Professorinnen und Professoren an den Hochschulen.

Miller: 2. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Die Linke: Bildung ist ein Menschenrecht. Bildung ist mehr als die Ausbildung für einen bestimmten Beruf. Bildung wird immer mehr auf für die Unternehmen am Arbeitsmarkt verwertbare Ausbildung reduziert.
DIE LINKE tritt deshalb für Bildung jenseits von wirtschaftlichen Verwertungskriterien ein. Jede und jeder muss sich umfassend bilden können, um sich individuell entwickeln und an der Gesellschaft teilhaben zu können.
Aber auch eine gute Berufsausbildung ist wichtig. Zehntausende von Jugendlichen bekommen jedes Jahr keinen Ausbildungsplatz. DIE LINKE setzt sich deshalb für ein Recht auf Ausbildung für alle ein.

Miller: 3. Soll Unterricht und Studium für die Lernenden auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Die Linke tritt ein für gebührenfreie Bildung für alle – von der Kindertagesstätte über die Schule und Hochschule bis zur Weiterbildung. DIE LINKE ist gegen Bildungsgebühren, z. B. gegen die Abschaffung der Lernmittelfreiheit für Bücher und gegen Kita- und Studiengebühren. Gebühren verschärfen die soziale Auslese und machen Bildung zur Ware. Bildung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie muss öffentlich durch gerechte Steuern finanziert werden und durch ungerechte Gebühren von den Lernenden.

Miller: 4. Was halten Sie von den beiden Thesen:
a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und
b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Die Linke: a) Das Gymnasium ist nicht die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts. Nur 40 Prozent eines Jahrgangs machen derzeit Abitur. Das mehrgliedrige Schulsystem grenzt behinderte Kinder, Migrantenkinder und Arbeiterkinder, systematisch aus. DIE LINKE tritt für eine Gemeinschaftsschule ein und gegen die soziale Auslese in Förderschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Die Schule des 21. Jahrhunderts ist eine allgemeinbildende Schule, in der das polytechnische Prinzip einen modernen praxisnahen Unterricht ermöglicht. Die Gemeinschaftsschule gewährleistet eine umfassende Allgemeinbildung für alle Schülerinnen und Schüler. Allgemeinbildung in der Gemeinschaftsschule wie wir sie verstehen, umfasst deshalb alle Bereiche des menschlichen Lebens – Natur, Arbeitswelt, Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Wissenschaft und Kunst, soziale und ethische Beziehungen, Freizeit und Familie. Die Gemeinschaftsschule ist im besten Sinne eine Schule gemeinschaftlicher Bildungsarbeit. Hier wollen wir an positive Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern anknüpfen. Unterricht, weiterführende Angebote im Wahlpflichtbereich und in zusätzlichen attraktiven Arbeitsgemeinschaften, Schulsozialarbeit und schulpsychologische Angebote sollen den Rahmen für erfolgreiches Lernen schaffen. Die Gemeinschaftsschule ist eine sozial engagierte Schule. Sie schaut nicht weg, wenn Schülerinnen und Schüler in ihrem persönlichen und häuslichen Umfeld Probleme haben. Sie entwickelt Solidarität untereinander und bietet sozialpädagogische und sozialpsychologische Hilfen. In der Gemeinschaftsschule soll ein vollwertiges kostenloses Mittagessen für alle Kinder angeboten werden. Ein Abschieben von Lernenden in andere Schulformen soll es in Hessen ebenso wenig geben, wie das „Sitzenbleiben“.

b) DIE LINKE meint: Mit funktionierenden Gemeinschaftsschulen könnten mehr Menschen Abitur machen und studieren. Das wäre gut. Gleichzeitig müssen wir dringend verhindern, dass jeder zehnte Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlässt. Wir brauchen also eine höhere Abiturientenquote und eine niedrigere Schulabbrecherquote. DIE LINKE ist zudem dafür, dass Menschen ohne Abitur und mit Berufsausbildung studieren dürfen.

Miller: 5. Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Die Linke: Dringend müssen mehr Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden. Jahrelang haben die Bundesländer an Studienplätzen und Hochschulen gespart, um sich nun gegenseitig studierte Lehrkräfte abzuwerben. DIE LINKE setzt sich für mehr Studienplätze und für eine bessere Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer ein.

DIE LINKE hält es für erforderlich, die pädagogische Ausbildung zu reformieren. Es kann nicht länger sein, dass angehende Lehrerinnen und Lehrer während ihres Studiums kaum Praxiskontakte haben. Die Aufteilung in Fachausbildung auf der einen Seite und pädagogischer Praxis auf der anderen Seite, die zudem noch hauptsächlich in die zweite Phase der Lehrerausbildung verschoben wird, wird dem Anspruch an den Lehrerinnen- und Lehrerberuf nicht gerecht. Wir fordern eine Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung, von Fachwissenschaft und Pädagogik, Didaktik und Methodik über die gesamte Dauer der Ausbildung. Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer brauchen ebenso solide psychologische und sozialpädagogische Kenntnisse wie diagnostische Fähigkeiten und Grundkenntnisse über sonderpädagogische Arbeit. Eine Gemeinschaftsschule benötigt keine »Zwei-Klassengesellschaft« im Lehrerinnen- und Lehrerberuf, sondern eine gemeinsame Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern mit einer Spezialisierung für unterschiedliche Schulstufen, für die Primar- und die Sekundarstufen. Wer die erste Staatsprüfung erfolgreich absolviert hat, muss einen Rechtsanspruch auf die zweite Phase der Lehrerausbildung haben. Diese soll sich zeitnah an das Studium anschließen. DIE LINKE fordert, dass das Land Hessen wieder in die Tarifgemeinschaft der Länder eintritt und das Tarifdumping in Hessen aufhört. Außerdem muss die Arbeitszeitverlängerung für Lehrkräfte zurückgenommen werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen ein Recht auf Fort- und Weiterbildung haben. Dafür muss genug Personal zur Verfügung stehen.

Miller: 6. Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit, Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

DIE LINKE ist a) für mehr pädagogische Gestaltungsspielräume der Schulen. Allerdings befürchten wir Bildungskürzungen und Privatisierung unter dem Deckmantel der „Selbstverantwortlichen Schule“.
Modellversuche wie z.B. die Eigenverantwortliche Schule nach dem Modell der Bertelsmannstiftung in NRW begünstigen eine Art von Selbstständigkeit in Schulen, die von wirtschaftlichen Interessen geleitet werden. Sie verschärft die Konkurrenz zwischen den Schulen und schiebt die Verantwortung für die desolate finanzielle Situation auf die Schulen selbst ab. Durch den Anpassungsdruck werden Schulen gegeneinander ausgespielt und die Unabhängigkeit staatlicher Schulen wird ausgehebelt: Diese scheinbaren Reformprojekte bedienen sich der Schlagworte wie Leistungsfähigkeit und Qualitätssicherung, um die Schulen miteinander in Konkurrenz zu setzen. Deshalb lehnen wir das Konzept ab. Eine wirkliche Autonomie im Schulbereich erfordert ausreichendes und qualifiziertes Personal für die Unterrichtsversorgung, für die Sozialarbeit, für den Ganztagsbetrieb und für erfolgreiches Lernen. Eine nachhaltige Unterstützung für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und Schulleitungen muss durch den Staat gewährleistet werden. Die Rechte der Lehrkräfte-, Eltern- und Schülervertretungen sind sehr eingeschränkt. In einer wirklich eigenverantwortlichen Schule aber treffen sie alle wesentlichen schulischen Entscheidungen.

b) DIE LINKE befürchtet, dass das Land Hessen das Konzept nicht ausfinanziert, sondern für Kürzungen benutzt. Die Schulen müssten bei Budgethoheit Kürzungen des Landes selbst umsetzen. Sie werden immer weiter in die Enge getrieben, so dass sie auch privatwirtschaftliche Gelder einholen, um bestehen zu können. Dies sind die schlechten Erfahrungen von der „Autonomie der Hochschulen“. Bildung ist eine öffentliche Aufgabe und liegt in der Verantwortung des Landes. Sie darf nicht von Sponsoren abhängig sein.Schulen dürfen keine betriebswirtschaftlich handelnden Unternehmen werden! Lehrerinnen und Lehrer und weitere Beschäftigte der Schulen wären nicht mehr Beschäftigte des öffentlichen Dienstes des Landes Hessen, sondern der einzelnen Schule. Die Schulen könnten die Arbeitsbedingungen verschlechtern und die Kürzungen auf dem Rücken der Beschäftigten austragen. Diese hätten weniger Möglichkeiten, sich gemeinsam dagegen zu wehren.

Miller: 7. Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

DIE LINKE ist gegen die Privatisierung von Bildung, also auch gegen das Verkaufen von Abitursaufgaben an private Verlage. Schülerinnen und Schüler könnten sich besser auf das Abitur vorbereiten, wenn die Aufgaben im Internet oder anderweitig veröffentlicht wären.

Vielen Dank für das Interview.

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Bildungstrommeln auf dem Römerberg

14. Januar 2009 · von frankmackay · Keine Kommentare

Bildungstrommeln auf dem Römerberg

4000 Demonstranten – Schüler, Studenten, Eltern, Lehrer und einige Parteiprominenz – versammelten sich heute Nachmittag auf dem Frankfurter Römerberg und redeten, klatschten, trommelten, schwenkten Fahnen für eine bessere Bildungspolitik in Hessen. Die bekannten Forderungen: Bildung für alle, Gemeinschaftsschule, Ganztagsschule, gegen G8-Schulstress, gegen Ausgrenzung. Bekannte unerledigte Hausaufgaben.

Hier eine Bildercollage:

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Ob die Trommeln in Wiesbaden wahrgenommen werden?

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Friedeburg – jung, leidenschaftlich, wissend – sprach zur Bildungspolitik 2009

13. Januar 2009 · von Miller · 3 Kommentare

Friedeburg – jung, leidenschaftlich, wissend – sprach zur Bildungspolitik 2009

Die IG-Metall lud unter dem Titel: „Gute Bildung für alle. Warum tritt die Bildungspolitik auf der Stelle? Perspektiven für die Zukunft“ zum „gesellschaftspolitischen Salon“ gestern nach Frankfurt ein. Hauptredner war Prof. Ludwig von Friedeburg, hessischer Kultusminister von 1969-1974, Direktor des Instituts für Sozialforschung 1966 – 2001.

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Vor Friedeburg eröffneten Prof. Heinz Sünker (Wuppertal) und Martin Allespach, Vorstandsbereich Gesellschaftspolitik der IG-Metall, die Debatte um „Bildungsarmut in Deutschland“. Sünkers sprach gar von „Bildungsapartheid in Deutschland“, von „Klassenkampf von oben“, und „Kinder von Gewerkschaftsmitgliedern werden um ihre Zukunft betrogen“. Man hörte bei der Beschreibung der aktuellen Zustände durch die linke Brille geradezu die alten bildungspolitischen Schriften der Studentenbewegung heraus: „Wider die Untertanenfabrik“ oder „Unwissen als Ohnmacht“ und „Bildung für alle“. Allespach betonte die Notwendigkeit einer „guten Bildung für alle“, anders formuliert: „Wohlstand könne sich keine Bildungsarmut leisten“. Die Gewerkschaften orientierten sich an einem „freiheitsorientierten Gerechtigkeitsbegriff“, der essenziell mit der Benachteiligung durch soziale Herkunft breche.

Dann kam Friedeburg. Ein alten Mann mit fester Stimme, schlauen Augen, klarer Gestik und spielte sich warm. Zum Einstieg lobte er dezent den amtierenden Kultusminister Banzer, den ehemaligen Landrat mit dem pragmatischen Händchen, „im Vergleich zur abenteuerlichen Politik einer Frau Wolff“. Das ändere aber alles nichts an der „Mittelmäßigkeit unseres Schulsystems“, an den „schönen Reden zur Verschleierung der tatsächlichen Misere“. Er zog das Ockhamsche Rasiermesser und sezierte mit Könnerhand die alte und neue deutsche „Bildungskatastrophe“. Im großen Ritt durch 400 Jahre deutsche Bildungsgeschichte legte er bis heute wirkende Standesinteressen, gymnasiale Abschottungspolitik durch die „Formel der Homogenität“ offen, erläuterte die Aufbruchstimmung für die Gesamtschule, schulformübergreifende Förderstufen, neue Lehrpläne Deutsch / Gesellschaftslehre und für mehr Bildungsgerechtigkeit Anfang der 70er Jahre. Selbst die FDP war mit Hildegard Hamm-Brücher in vorderster Front der Gesamt- und Ganztagsschule, selbst die CDU war für die Förderstufe. Er redete über objektiv schwierige Rahmenbedingungen (Reformtempo, fehlende Lehrer, fehlende Schulgebäude trotz schnell vorangetriebenen Neubauten) und massive politische Widerstände gegen seine Bildungspolitik in der CDU als auch zunehmend in den Reihen der eigenen SPD. Er sprang zurück zu Comenius Bildungsvorstellungen (Große Didaktik – allen alles ganz) mit Gleichheitsgrundsatz für alle Schüler, zitierte aktuell Baumert und Tenorth, dass sie wenigstens das „politische und pädagogische Versagen“ der Ausgrenzungspolitik, „des Skandals, der nicht publiziert werden soll“ offenlegten.
Die ganze angeführte Palette einer Bildungspolitik der Ausgrenzung kann jeder Interessierte zusammenfassend hier aus dem offiziellen Bildungsbericht 2008“ nachlesen.

Friedeburg war energiegeladen, alle 10 Minuten wurde er jünger und jünger, leidenschaftlicher Vordenker und Kämpfer für eine neue gerechte Bildungspolitik, für eine Verantwortungsethik der Lehrerinnen und Lehrer, für individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler. Aus dem äußerlich alten Gesicht leuchtete zunehmend jugendliche Vitalität und Aufbruchstimmung. Fast hätte man meinen können, er wäre der Herausforderer von Koch oder Banzer. Würde er so als NEUER in eine deutsche Schule kommen und Lehrer und Schüler zu pädagogischen Höchstleistungen motivieren, könnten die etwas ergrauten 68er (oder auch die neuen jungen pädagogischen Modulrealisierer) nur staunen. In reflektierender Haltung vielleicht sogar ausrufen: Welch ein Glück, wir haben einen neuen Kollegen, der für Bildungsgerechtigkeit und „Leistung aus Leidenschaft“ eintritt. (Das Motto hat die Deutsche Bank doch bei Pädagogen geklaut oder?).

PS. Kleine Anregung für die IG-Metall: Sollen solche Veranstaltungen wirklich ernsthaft „gesellschaftspolitischer Salon“ heißen? Klingt eher etwas spießig und adelsantiquiert. Eine Traditionsanbindung an sog. Salons des 18. und 19.Jahrhunderts scheint mir für eine Gewerkschaft neben der Sache; dann lieber Kneipen-Forum. Es gibt bestimmt einen pfiffigeren Titel.

Nachtrag, 14.Jan: In der Frankfurter Rundschau von heute schreibt Peter Hanack zur Veranstaltung: „Ludwig von Friedeburg: Abschied von der Gesamtschule für alle.“ Ja, das stimmt, das hat Friedeburg in einem Nebensatz auch gesagt und gleichzeitig die Idee der Gesamtschule ausführlich verteidigt. Aufgrund der erheblichen politischen Langzeitwiderstände hält er es jedoch für unrealistisch, dass es in den nächsten Jahren dazu kommen kann. Deshalb plädiert er für das Gymnasium und eine weitere Schulform für alle (nennen wir sie mal ‚Neue Schule‘ B.W.) Oder was der Bildungswirt auf der Veranstaltung meinte: Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts. Die Gewerkschaften sollten ernsthaft über einen Kurswechsel nachdenken.

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Hessische Bildungspolitik: SPD im Interview beim Bildungswirt

12. Januar 2009 · von Miller · Keine Kommentare

Hessische Bildungspolitik: SPD im Interview beim Bildungswirt

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Als erste antwortet Heike Habermann (SPD)

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Foto: Homepage von H. Habermann

Miller: Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Habermann: Oberste Priorität hat die Herstellung von Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung – von der Kita bis zum lebenslangen Lernen. In Hessen ist der Bildungserfolg durch verstärkte Selektion weiterhin abhängig von der Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern. Mit Investitionen in frühkindliche Bildung, einer Lehrerzuweisung, die an einem Sozialindex orientiert ist, durch die Einrichtung von Ganztagsschulen und durch die Förderung längeren gemeinsamen Lernens in kleineren Klassen wollen wir dieses Ziel erreichen.

Miller: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Habermann: Ausbildung umfasst die Vorbereitung auf einen Beruf und/oder eine berufliche Perspektive. Jeder junge Mensch muss nicht nur die Chance auf einen möglichst guten Bildungsabschluss sondern auch das Recht auf eine Ausbildung erhalten. Neben dem dualen System muss deshalb ein System von Ausbildungsmöglichkeiten vom Land ausgebaut und finanziert werden – auch unter Beteiligung der Arbeitgeber.

Miller: Soll Unterricht und Studium für die Lernende auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Habermann: Ja, auf jeden Fall. Die Hessische SPD hat die Studiengebühren abgeschafft und wird daran festhalten. Unser Ziel ist eine höhere Quote von Hochschulabsolventen, da wir qualifizierte Kräfte für die Zukunft brauchen. Niemand darf durch Gebühren von Bildungsabschlüssen oder Studium abgehalten werden.

Miller: Was halten Sie von den beiden Thesen: a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Habermann: Das Gymnasium entwickelt sich bei von den Eltern gewünschten Übergangsquoten zwischen 40 und 70 Prozent schon heute zur Gesamtschule. Deshalb muss auch das Gymnasium seiner Aufgabe gerecht werden, möglichst viele junge Menschen zu dem gewünschten Bildungsabschluss zu führen und die Verantwortung für ihren Bildungsweg zu übernehmen. Deutschland hat im internationalen Vergleich eine geringere Abiturientenquote. Zu frühe Selektion verhindert zuverlässige Bildungsprognosen für das einzelne Kind und verschenkt wertvolle Begabungen und Potenziale. Wir brauchen definitiv mehr Abiturienten und müssen alle Schulen in die Lage versetzen, jedes Kind so weit als möglich auf seinem individuellen Bildungsweg zu fördern.

Miller: Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Habermann: Neben kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung des bestehenden Lehrerbildungsgesetzes, insbesondere in der zweiten Ausbildungsphase, will die Hessische SPD eine Reform der Lehrerbildung, die die Gleichwertigkeit der Lehrämter herstellt. In der ersten Ausbildungsphase sollten alle zukünftigen Lehrkräfte auf ihre eigentliche Aufgabe – die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern – vorbereitet werden. Höhere Praxisanteile, Pädagogik, Diagnostik und Didaktik stehen im Vordergrund. Der Lehrer der Zukunft moderiert Lernprozesse und ist nicht in erster Linie Fachwissenschaftler. Das Fort- und Weiterbildungssystem muss in der Bildungsregion und an den einzelnen Schulen verankert werden, um Lernprozesse im gesamten Kollegium anzustoßen.

Miller: Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit,
Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

Habermann: Unser Ziel ist die eigenverantwortliche Schule, die weitgehend über inhaltliche und organisatorische Fragen selbst entscheidet. Gemeinsam mit dem Schulträger muss ein Gesamtbudget festgelegt werden, das die Schulen unter Mitwirkung von Eltern, Schulträger, Kollegium und Schülerschaft verwalten. Die eigenverantwortliche Schule soll in die Fläche umgesetzt, demokratisch verfasst und voll durch den Staat finanziert sein.

Miller: Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

Habermann: Das Landesabitur muss evaluiert und in seiner zukünftigen Struktur hinterfragt werden. Prüfungsaufgaben vergangener Jahre müssen auf jeden Fall frei zugänglich sein.

Bildungswirt: Frau Habermann, besten Dank für das Interview.

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Das Banzer-Wagner-Duell der hessischen Bildungspolitik

10. Januar 2009 · von Miller · 4 Kommentare

Das Banzer-Wagner-Duell der hessischen Bildungspolitik

Wer hat die besseren Konzepte für die Schule von Morgen? – so das Veranstaltungsthema.

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von links: Mathias Wagner (Grüne), Marcus Bocklet (Grüne, Moderation), Jürgen Banzer (CDU) Foto: Bildungswirt

Was hatten die Duellanten – Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) und Mathias Wagner (Grüne, bildungspolitischer Sprecher) – gestern vor 100 Zuhörern in Frankfurt, in der grünen Hochburg, mitten im hessischen Wahlkampf zu bieten?
Zunächst bescheinigten sie sich wechselseitig, dass man einen „neuen Politikstil der Offenheit“ wolle und sich für „dialogfähig“ halte. Banzer löste dies insofern vorab ein, dass er den Grünen-Moderator Bocklet ohne Vorbehalte akzeptierte und sich der grün dominierten Zuhörerschaft stellte. Man war auf dem Podium höflich, man kennt sich seit vielen Jahren, mischte Anekdotisches bei.
Im Eingangsstatement betonte Banzer drei Punkte zukünftiger Schulpolitik: mehr Selbständigkeit der Schulen (1), mehr Qualität und Unterrichtsverbesserung (2), mehr Ressourcen (3). Er will Schulen auf freiwilliger Basis in „Körperschaften des Öffentliche Rechts“ verwandeln, ihnen Budget- und Personalhoheit geben. Pädagogische Selbständigkeit wird den Schulen gewährleistet, damit sie sich optimal um die Kompetenzen jedes einzelnen Schülers kümmern können. Zentrale Landesprüfungen und Bildungsstandards genügen weitgehend als staatliche Vorgaben.

Wagner betonte in seinem Eingangsstatement folgende drei Punkte: mehr Zeit (1), mehr Freiheit (2), mehr Unterstützung/Förderung (3). Zuerst müsse „Stress und Hektik aus der Schule weg“ und eine „bessere Lehrerversorgung – 105% Zuweisung her“; des weiteren eine Ausweitung der Ganztagsschulen auf freiwilliger Basis. Er setze auf „pädagogische und organisatorische Freiheiten“, eine „andere Lehreraus- und Lehrerfortbildung“ und will mehr Integration von Behinderten in der Regelklasse. Grundsätzlich stehe man zur G8 –Verkürzung im Gymnasium, wolle aber die Beibehaltung der 6-jährigen Mittelstufe und dafür die 2-jährigen Oberstufe. Wagner und Banzer waren sich einig, dass G9 für die kooperative Gesamtschulen gilt und dass es bei G8 noch enormen Diskussionsbedarf (Organisationsoptimierungen, Stoffentfrachtungen) unter Einbeziehung der Schulen gebe. Auch bei der Ganztagsschule gab es Annäherung (im Grundsatz sind alle dafür), lediglich bei der konkreten Ausgestaltung und beim Tempo der Realisierung waren Differenzen erkennbar.

Plakat zur Veranstaltung

Plakat zur Veranstaltung

Zwischendurch fragte sich der geneigte Zuhörer, worin überhaupt die wirkliche Differenz bestehe? Im Grundsatz meinte man Ähnliches und schmückte dies mit geschmäcklerisch, aufgebauschten Varianten einer Klientel-Rhetorik. Ein Duell der Pistolen war das sicher nicht, eher eines der weichen Gummi-Schwerter unter Verwandten zweiten Grades. Sollte es ganz knapp doch nicht für Schwarz-Gelb am 18. Januar reichen– und beim freundlich unkalkulierbaren Hessen weiß man nie – so war der Geruch von Jamaika (Schwarz-Gelb-Grün) förmlich in der Luft. Es soll auf jeden Fall 1000 Lehrerstellen mehr geben und 1,2 Milliarden Euro aus dem Konjunkturprogramm des Bundes. Die Investitionen sollen vor allem in die Schulgebäudesanierung fließen. Der ernsthafte Dialog, der „runde Tisch“ mit den Schulträgern sei zwingend nötig, so Wagner und Banzer unisono. Beide Duellanten begaben sich auch in der kurzen Publikumsdiskussion nirgends aufs Glatteis; Banzer hatte offensichtlich noch einmal seinen John Stuart Mill gelesen, argumentierte flexibel, immer auf individuelle Freiheit und „Freiwilligkeit“ bedacht. Schulen wolle man nichts „überstülpen“ und könne Schulreform nur mit den Beteiligten auf freiwilliger Basis erreichen, so auch Wagner.

Die beiden Duellanten, besser Feldspieler im politischen Raum, trennten sich 3:3 unentschieden, trotz grünem Platzvorteil.

PS. Es war ein bisschen wie bei der Frankfurter Eintracht im Waldstadion. Super vorbereitet, hoch motiviert, eigenes Publikum, Schiri wohlgesonnen und doch reichte es mal wieder nur zu einem zittrigen Unentschieden. Es fehlte doch einiges an Neuerungen und Leidenschaft a la Klinsmann. Auf das politische Feld übertragen: Es fehlt den Grünen etwas von einer guten Tugend: kritische Metareflexion und kreative Phantasie, die sich direkt, situativ, im Strategiespiel zeigt. Die CDU hat jedenfalls mit der Führungsfigur Banzer, nach der letzten hessischen Wahlschlappe, erheblich strategisch und taktisch dazu gelernt.

Links: M. Wagner bei Kandidatenwatch; J. Banzer bei Kandidatenwatch;

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Brüchige Gewißheiten, banale Nachhaltigkeit und afrikanische Wahrheiten

5. Januar 2009 · von Miller · 1 Kommentar

Brüchige Gewißheiten, banale Nachhaltigkeit und afrikanische Wahrheiten

Nachgereichte Weihnachtsbotschaften und Auftakt ins neue Jahr:
Die Betlehem-Stallgeschichte, die Wunder, Wunden und Inspirationen des Heilands sind fest geglaubte Gewißheiten, mit Nichten brüchig für die Gläubigen, bedeutungslos für die „Ungläubigen“ oder auch Andersgläubigen. Süßer die Kassen die klingen – nicht nur zur Weihnachtszeit – wird vom Einzelhandel statistisch bewiesen und damit zur festen allgemeinen Gewißheit, auch wenn die Sterne und Zeichen für 2009 schlechter stehen sollen. Die Angst vor der Zukunft steckt dem wohlhabenden Westen tief in den Knochen; Miesepeter-Mienen, bleiche Gesichter sind unverkennbar. Nichts bleibt, wie es ist, alles fließt – nur wohin?
Ismen, Dogmen und bullenartige Aktienkurse purzeln, Marktradikale, Geldscheinanbeter und Wettkönige laufen voll gegen die Wand und landen auf der Freudschen Couch. Kirchenvertreter mutieren zu eifrigen Kapitalismuskritiker der ersten Reihe, geißeln Macht und Gier und verlangen „neue Einsicht in das Verhältnis von Gott und Geld“ (z.B. EKD-Vorsitzender Bischof Wolfgang Huber). Unfreiwillige Begleitmelodien gibt es ausgerechnet vom iranischen Präsidenten Ahmadineschad im britischen Fernsehen, Channel 4, in seiner Weihnachtsrede: „Wenn Christus heute auf der Welt wäre, würde er zweifellos gegen Tyrannei der vorherrschenden wirtschaftlichen und politischen Systeme kämpfen, wie er es auch zu seinen Lebzeiten auch tat.“ Wen er da wohl meint?
Das grundlose Lachen verbleibt mehr den Bewohnern der südlichen Halbkugel, hier gibt es nur noch wenig zu verlieren, die Zukunft kann nur besser werden, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Weihnachtsbotschaft der FAZ mit Frank Schirrmachers „Erwartung und Entwertung“ findet zuerst klare Worte: „Es genügt, festzustellen, dass das Milliardenspiel um unverstandene Produkte und wohlverstandene Boni eine objektive Erniedrigung für die Mehrzahl der arbeitenden Menschen darstellt.“ (…) „Dieses Jahr der gigantischen Zahlen ist die Erfahrung der Wertlosigkeit für die Menschen.“ Und was folgt daraus? Schirrmacher: „Zuversicht“ als Weihnachtsbotschaft reicht nicht. Es gibt einen Rettungsschirm, der wunderbarerweise alle zusammen und jeden Einzelnen rettet; einer, der immer funktioniert und die neue Maßstäbe zwischen den großen und den kleinen Zahlen setzt: Bildung und Realismus.“
Ende der Wörter, Schluss der FAZ-Botschaft. „Bildung und Realismus“ soll der Rettungsschirm sein? Ein alten Schlapphut mit Humboldt-Goethe-Schiller-Gelächter aus dem Off´? Wie bitte? Welche Bildung? Welcher Realismus? Konstruierte Wirklichkeiten und Bildungs-Mutationen – im Dutzend billiger, Dissens eingebaut! Gebildete Einzelne als globalisierungsgehärtete, kompetenzgeschwängerte Qualifikationsbündel? Ist das der neue Rettungsschirm? Oder der links blinkende FAZ- Feuilletonleser, der dann doch rechts als realistischer Ökonom abbiegt? Zum Schluss retten sich die neuen Biedermeier des 21.Jahrhunderts doch noch zu den 2008 verfilmten „Buddenbrooks“; sie kann man noch verstehen, alles noch überschaubar, nebenbei simple Häppchen für die gute alte Schule.

Und wie halten wir es in der „besinnlichen Zeit“ mit der nachhaltigen Überprüfung unserer „nachhaltigen Entwicklungen“? Spätestens seit Rio de Janeiro 1992 wird offiziell das Konzept der Nachhaltigkeit (sustainable development) international gepriesen. Papier ist auch bei uns geduldig und um lokale/regionale Gleichgewichte und Nachhaltigkeit zu stabilisieren, schaffen wir internationale größere Ungleichgewichte. „Macht euch die Erde untertan“ (mit und ohne Bibel), beutet aus, wo immer es geht, kümmert euch um eure eigene Brut, Glück den Besitzenden, Selbstblendung für alle. Ungleichgewichte treiben an, was soll da noch bewahrt werden? Das Bessere ist der Feind des Guten, nur was ist der Rahmen, der Maßstab? Die deutsche Bevölkerung wird schrumpfen, gerät ins Ungleichgewicht. Wollen wir der Nachhaltigkeit wegen für Gleichgewicht sorgen und systematisch Einwanderung zulassen? Schlauchboot-Afrikaner, willkommen im Paradies Europa? Ein Moped zur Begrüßung des 1 Millionsten Nigerianers oder Ghanesen in Deutschland? Der eiserne Vorhang mitten in Deutschland ist gefallen, die große Völkerverständigung eingeläutet, die Machtblöcke des Schreckens-Gleichgewichts aufgelöst, damit neue Ungleichgewichte entstehen können? Der neue „eiserne Vorhang“ in Ceuta und Melilla melilla (Europas Vorposten auf dem afrikanischen Kontinent mit großer Unterstützung Deutschlands), der systematische Ausbau der Festung Europa gegen die schwarzen Eindringlinge, die täglich angeschwemmten schwarzen Leichen an der Küste Andalusiens – das sind afrikanische Wahrheiten, die sehr selten auf die Titelseite kommen, zu Weihnachten schon gar nicht. Den Aufbruch zu Hunderttausenden ins gelobte Land versuchen die jungen und starken Afrikaner, die noch einen „Traum vom Leben“ haben, eine gefährliche Odyssee, eine mächtige, immer größer werdende Völkerwanderung. „Europa – ist der Kontinent der lächelnden Menschen, der satten Menschen, der träumenden Menschen, der arbeitenden und liebenden, der klugen und glücklichen Menschen.“ (Klaus Brinkbäumer, Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee. Empfohlene Weihnachts-Osterlektüre 2008-2009 vom BW). Und jeder der Asylsuchenden in einer neuen Heimat kennt mindestens einen, der es geschafft hat oder es geschafft haben soll. „Die, die es nicht schaffen, landen in Gefängnissen oder Lagern, werden krank und sterben, scheitern, weil sie kein Geld mehr haben oder verraten werden, weil sie Pech haben oder weil sich die politische Lage geändert hat, ohne dass sie es mitbekommen konnten, da sie sich gerade durch die Wüste schleppten. Oder sie sind schon beinahe angekommen, müssen nach rund 5000 Kilometern über Land nur noch diese 14 Kilometer durchs Mittelmeer überwinden, und dann sinkt ihr Schlauboot (…).“ (Brinkbäumer). Ja, wo bleibt die Weihnachtsbotschaft, zumindest an die 400 Millionen Christen in Afrika?
Mauern werden fallen, real und im Kopf, alles fließt, Ungleichgewichte verändern sich, produzieren Neues, nichts bleibt, wie es ist – wenigstens eine Gewißheit in den nächsten Jahren.

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