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Selbstreflexionen eines Lehrers (1)

25. Januar 2009 · von Miller · 1 Kommentar Artikel drucken Artikel drucken

Kein Lehrer kann angesichts der deutschen Bildungskrise seine Hände in Unschuld waschen und behaupten, er habe damit nichts zu tun. Eine ausführliche biografische Selbstreflexion des Lehrers – von der bewussten Berufswahl bis zur täglichen Unterrichtsgestaltung – steht deshalb unabweisbar auf der Tagesordnung. Im Rahmen einer professionellen Selbstreflexion sollten mindestens die folgenden 16 Fragen zur Diskussion stehen:

1. Warum bin ich überhaupt Lehrer geworden?
2. Wie bereite ich Unterricht vor?
3. Wie gehe ich mit sogenannten Planungsfehlern im Unterricht um?
4. Von welchen Alltagstheorien und wissenschaftlichen Konzepten bin ich beeinflusst?
5. Wie gehe ich mit sogenannten schwierigen Schülern um?
6. Welche Fragetechniken und Methoden bevorzuge ich?
7. Wie lange halte ich Stille im Unterricht aus?
8. Welche Reaktionsmuster bis hin zu leiblichen Lust- und Unlust- oder auch Bedrohungsgefühlen spüre ich bei mir selbst?
9. Vor was schrecke ich zurück?
10. Wie komme ich mit chaotischen Zuständen zurecht?
11. Von wem fühle ich mich wann provoziert?
12. Wo liegen bei mir tiefe, vielleicht auch diffuse Ängste?
13. Wie gehe ich mit Spontaneität im Unterricht um?
14. Leide ich unter Konkurrenzangst im Kollegium?
15. Habe ich Angst, den Lehrplan, die Bildungsstandards nicht zu erfüllen?
16. Schotte ich mich ab gegenüber Fremdem und Neuem (z.B. »alles alte Hüte, soll wieder das Rad neu erfunden werden?«)

Nehmen wir uns z.B. Frage Nr. 6 vor: »Welche Fragetechniken und Methoden bevorzuge ich?« Wie könnte vertiefend eine biografische Selbstreflexion des Lehrers (und zum Selbsttest der Eltern in modifizierter Form) aussehen? Zuerst: Welche Art von W-Fragen (wer, was, wann, warum, wozu, wie) stelle ich den Schülern in bestimmten Situationen, vor welchem Hintergrund? Handelt es sich um eine bewusste/ unbewusste (?) Fragetechnik oder um eine grundsätzliche geistige Haltung zu unbekannten Sachverhalten und Annahmen? Bin ich selbst mitlernendes Wesen in komplexen Problemstellungen, oder stelle ich im Wesentlichen Schein-Fragen und will wissen, ob es noch jemand weiß? Dafür gibt es dann Belohnungen – Noten, Gummibärchen, Fleißbildchen, Fassadenlächeln, die richtige
Antwort vorausgesetzt! Der Lehrer weiß natürlich wie immer die richtige Antwort. Es wird nicht wirklich gefragt, sondern abgefragt! Nur, brauchen Schüler diese weitverbreitete schultypische Fragerei? Ich will eine kurze Antwort wagen: Schüler brauchen grundsätzlich keine pädagogisch kleingehackte Kost, sie brauchen keinen vorgekauten Brei für Minderbemittelte. So ist Schule oft genug systematische Unterforderung, pädagogische Weichspülung von real sperrigen Bildungsgütern. Dies gilt für die ›Kleinen‹ der Grundschule genauso wie für die ›Großen‹ des Gymnasiums. Lernende brauchen die tatsächliche Herausforderung, das sperrige Gut, den Aufbruch ins Ungewisse. Sie entscheiden, wohin die Reise geht; kein Kapitän des Lernens kann ihnen diese Entscheidung inklusive der Irrungen und Wirrungen abnehmen. Schon Herr Keuner (der Denkende), die berühmte Kunstfigur bei Brecht, antwortet auf die Frage: »An was arbeiten Sie?« – »Ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.« Und doch gibt es immer wieder die berechtigte Hoffnung, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen. Ein guter Lehrer stellt sich diese Fragen der Selbstreflexion – ohne narzisstische Kränkungen – und fragt weiter und weiter. Er versucht im Unterricht intelligent und kreativ zu handeln. Er ist Profi in Sachen Bildung.

Kategorien: Abitur · Berufsschule · Bewusstsein · Bildung · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht · Vorbilder

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Martin // 28 Jan 2009 um 21:54

    Sehr gut, nur das Referendariat (glücklicherweise habe ich es seit 2 Jahren hinter mir) spricht eine andere Sprache. Hilbert Meyer als Didaktiker ist da schon progressiv, aber weit weg von den 16 Fragen.

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