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Wünschelruten in der Bildungspolitik

21. Januar 2009 · von Miller · 4 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

In Hessen sind die politischen Würfel gefallen, in einigen Tagen liegt sicher ein „zukunftsweisender Koalitionsvertrag CDU/FDP“ vor, am neuen Regierungstisch nehmen neue und alte Köpfe Platz. Auch in den Ministerien werden einige Stühle gerückt; nicht unerheblich, wer die Ministerialdirigenten-Riege stellt. Die bildungspolitische Programmatik der Regierungspartner scheint kompatibel, die Schlüsselbegriffe wie Schulvielfalt (viergliedriges Schulsystem) erhalten, G8/G9 flexibel gestalten, mehr Lehrer einstellen, Ganztagsschulen ausbauen, selbstverantwortliche Schule entwickeln, fördern und fordern, Schulsanierungen voranbringen etc. sind mehrheitsfähig ausgependelt. Nur zwischen den Wünschen, Träumen, Absichten einerseits und den tatsächlich praktischen Umsetzungen, den konkreten Ausgestaltungen vor Ort andererseits klafft ein tiefer Spalt, auf dem bildungspolitisch verminten hessischen Gelände allemal. Ohne differenziertes Know-how und spürbare Begeisterung für eine neue Schulpolitik, ohne „Bürger-Engagement vor Ort“ läuft fast gar nichts. Dann ist Wiesbaden bisweilen so weit weg wie Wladiwostok. Selbst ein großer Geldregen und mehr Lehrer an den Schulen werden dann einfach unverbindlich, emotionslos und effektlos hingenommen.

Die neue Regierung wird wohl noch längere Zeit mit der zauberkräftigen Wünschelrute herumlaufen und z.B. die Anziehungskräfte und Ausstrahlungen der Hauptschule suchen. Ihr partieller Irrglaube verhindert den realistischen Blick: Längst sind viele Hauptschüler fortgelaufen, haben die Eltern mit den Füßen abgestimmt: Hauptschule ade. Der Aufbruch in ein zweigliedriges allgemeinbildendes Schulsystem – Gymnasium und Neue Schule (Gesamtschulen und Verbundschulen mit Varianten) – wird sich mittelfristig als historischer Kompromiss in Deutschland durchsetzen.

Aber auch die Opposition läuft ordentlich mit der Wünschelrute durchs Land. Zitternd schlägt der verborgene Goldschatz – „Eine Schule für alle“ – aus und wenn man gräbt bleibt Sand, auf den es sich nur sehr begrenzt bauen lässt. Bei der kleinen, sich noch selbst suchenden Linkspartei schlagen die Quellenspürer um in „Einheitsschule“ und Zwangsbeglückung für alle. Da helfen auch keine Dementis. Das politische Gespür und die Differenzierungsleistung des Volkes sind meist feiner als Politiker vermuten. Auch SPD und Grüne, gleichwohl sie im Grunde die Zweigliedrigkeit akzeptieren, erreichen mit ihrer Wünschelrute des gemeinsamen Lernens bis Klasse 10 nur die eigenen Anhänger. Nach 40-jährigem Kampf ist die Gesamtschule/ Gemeinschaftsschule in Hessen (wie auch immer die Wortakrobatik aussehen mag) nicht gescheitert, aber doch auf sehr begrenzter Reichweite vermessen. Der Platzhirsch, der Liebling ist das Gymnasium; auch hier hat die Bevölkerung längst mit den Füßen abgestimmt. Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts, das erfolgreiche Gymnasium garantiert am besten einen zukünftig angenehmen Status in der Gesellschaft und legt wesentliche Netze einer Bildung als angestrebte Selbstverwirklichung. Das Faktum der systematischen Ausgrenzung und Aussonderung vieler Kinder und Jugendlichen bleibt als Stigma (Tenorth-Interview) trotz alledem. Eine neue, erfolgreiche und heitere Unterwanderungsstrategie der aktuellen Schulpolitik ist jedoch noch nicht gefunden worden. Mit der Wünschelrute wird es nicht funktionieren, schon eher mit einer innovativen Internetpolitik, die die Zeichen und neuartigen Pfade einer komplexen Wissensgesellschaft verstanden hat. Bis dahin halten wir uns an Eichendorffs traditionsmächtige Wünschelrute von 1835:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Was könnte eine neue Dingpolitik sein? Das Dichterwort allein wird’s nicht richten können.

Kategorien: Abitur · Allgemein · Bewusstsein · Bildung · Gesamtschule · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht · WEb 2.0

4 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Horst // 25 Jan 2009 um 11:44

    Politik und Wünschelrute, ein wunderbares Bild. Hauptsache, sie finden zwischendurch etwas Vernünftiges.
    Die Anspielung auf die Dingpolitik ist mir nicht ganz klar. Sind die Dinge selbst Subjekte, wie schon im Eichendorff-Gedicht angelegt?

  • 2 Anne // 26 Jan 2009 um 22:44

    In Wünschelrute steckt auch Wunsch und Zauber. Es wäre doch schön, wenn davon wieder mehr in die Politik zurückkehren würde. Mit Eichendorff hab ich so meine Schwierigkeiten, Schlaf in den Dingen? Im Snap wird Bruno Latour, Von der Realpolitik zur Dingpolitik“ angezeigt ??? Irgendwie unverständlich.

  • 3 sevenup // 1 Feb 2009 um 22:33

    Ich verstehe das so: Viele „Dinge“ sind uns einfach selbstverständlich geworden. Z.B. erwarten wir, wenn wir in der Schule Klassiker „durchnehmen“, dass wir im Unterricht all das abgefragt werden, was uns die Lektürehilfen als wichtige Problemstellungen oder gültige Deutung anbieten; dass wir Lücken in englischen Sätzen nur deshalb ergänzen, damit wir zeigen, dass wir drei verschiedene If-Sätze gelernt haben; dass wir mathematische Formeln anwenden, damit das vom Lehrer vorher berechnete „einfache“ Ergebnis gefunden wird und nicht 7 verschiedene Ziffern nach dem Komma signalisieren, dass das nie und nimmer etwas werden kann. Wenn man aber als Schüler oder Lehrer einmal aus der Alltagsroutine, dem Gewohnten, austreten darf und einen eigenen, offenen und neugierigen Blick auf die „Dinge“ wagt, kann man sie zum „Klingen“ bringen – und zuvor totes oder träges Wissen verwandelt sich in einen Schatz.

  • 4 Bildungswirt // 4 Feb 2009 um 20:58

    @ Horst, Anne und sevenup
    Die Wünschelrute hat bei den neuen Regierungspartnern CDU/FDP in den letzten Wochen ordentlich ausgeschlagen, politische Stühle wurden gerückt, das Regierungsprogramm beschlossen. In der Bildungspolitik werden wird mit Frau Henzler sehen, wohin die Reise geht, z.B. bei der selbstverantwortlichen Schule und der 105%igen Lehrerzuweisung. Nach 100 Tagen gibt es von vielen Seiten her die erste Zwischenbilanz. Fairness und nüchterner analytischer Blick gehören hier zusammen.

    Nun zum wichtigeren Thema „Dingpolitik“. Der Begriff geht auf den französischen Wissenschaftssoziologen Bruno Latour zurück. Einführungslektüre wäre hier „Von der Realpolitik zur Dingpolitik“, ausführlicher seine Bücher: Parlament der Dinge, Hoffnung der Pandora oder Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Insgesamt sehr erkenntnisreiche, aber sperrige Kost. Vertraute Wahrnehmungen und Begriffe werden stark gegen den Strich gebürstet oder neu gefasst. Das ‚Ding‘ kommt ursprünglich vom Englischen ‚thing‘ und ‚alting‘ und meint nicht nur Sache, Streitsache, sondern auch archaische Versammlung. Deshalb auch Versammlung/Parlament der Dinge. Das Ding bringt die Leute zusammen. Es geht um einen erweiterten Politikbegriff, eine erweiterte Betrachtungsweise öffentlicher Dinge/ Angelegenheiten. Die Objekte sind in einem ständigen Wirkungszusammenhang mit uns als Subjekte, erhalten einen Quasi-Subjekt-Status, bedürfen einer Stimme in der Versammlung. Das gilt z.B. für Technik, Computernetze, Schulorganisation, Internetforen, Finanzplätze, wissenschaftliche Laboratorien, Kirchen, Vereine, Krieg genauso wie z.B. für Ökosysteme und einzelne Tierarten. „Zurück zu den Dingen“ (und nicht nur der Streit der Meinungen, Dogmen, Ismen) würde sich gerade von einer naiven, jetzt vorherrschenden Realpolitik verabschieden und das Parlament der Ansammlungen vervielfachen. Der Zentralbegriff der „Globalisierung“ und das Leben in Netzwerken müßte neu gefasst, neu wahrgenommen werden.
    (Sobald ich etwas mehr Zeit habe, werde ich dazu einen längeren Artikel im Blog schreiben. Latour vertritt als Folie die sog. ANT – Akteur-Netzwerk-Theorie).
    Zum Abschluss noch kurz zu Eichendorff. Der weitblickende Romantiker – ja, die Dinge träumen als Subjekte, aber sie liegen noch im Schlaf… gute Interpretationsangebote findet ihr auch bei Wikipedia. Das Weiterspinnen im Textgewebe ist dann eure Sache, euer Ding.

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