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Hessische Bildungspolitik: DIE LINKE antwortet dem Bildungswirt

15. Januar 2009 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Hier die Antworten von der Partei Die Linke.

Miller: 1. Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Die Linke: Für DIE LINKE hat absolute Priorität, die soziale Ausgrenzung im Bildungssystem in Deutschland zu beenden und gute Bildung für alle zu gewährleisten. In keinem anderen Industrieland bestimmt der Geldbeutel der Eltern so sehr die Bildungschancen eines Kindes. Arbeiterkinder kommen derzeit meist auf die Hauptschule, Akademikerkinder aufs Gymnasium. DIE LINKE tritt für ein Recht auf Bildung für alle ein.
DIE LINKE macht sich deshalb stark für die Gemeinschaftsschule, d.h. „eine Schule für alle“. In gut ausgestatteten Gemeinschaftsschulen könnten alle Kinder und Jugendlichen besser gefördert werden. Das geht nur mit viel mehr Geld im Bildungssystem: mit viel kleineren Klassen, mit mehr Lehrerinnen und Lehrern, mit mehr Erzieherinnen und Erziehern in den Kindertagesstätten und mehr Dozentinnen und Dozenten und Professorinnen und Professoren an den Hochschulen.

Miller: 2. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Die Linke: Bildung ist ein Menschenrecht. Bildung ist mehr als die Ausbildung für einen bestimmten Beruf. Bildung wird immer mehr auf für die Unternehmen am Arbeitsmarkt verwertbare Ausbildung reduziert.
DIE LINKE tritt deshalb für Bildung jenseits von wirtschaftlichen Verwertungskriterien ein. Jede und jeder muss sich umfassend bilden können, um sich individuell entwickeln und an der Gesellschaft teilhaben zu können.
Aber auch eine gute Berufsausbildung ist wichtig. Zehntausende von Jugendlichen bekommen jedes Jahr keinen Ausbildungsplatz. DIE LINKE setzt sich deshalb für ein Recht auf Ausbildung für alle ein.

Miller: 3. Soll Unterricht und Studium für die Lernenden auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Die Linke tritt ein für gebührenfreie Bildung für alle – von der Kindertagesstätte über die Schule und Hochschule bis zur Weiterbildung. DIE LINKE ist gegen Bildungsgebühren, z. B. gegen die Abschaffung der Lernmittelfreiheit für Bücher und gegen Kita- und Studiengebühren. Gebühren verschärfen die soziale Auslese und machen Bildung zur Ware. Bildung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie muss öffentlich durch gerechte Steuern finanziert werden und durch ungerechte Gebühren von den Lernenden.

Miller: 4. Was halten Sie von den beiden Thesen:
a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und
b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Die Linke: a) Das Gymnasium ist nicht die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts. Nur 40 Prozent eines Jahrgangs machen derzeit Abitur. Das mehrgliedrige Schulsystem grenzt behinderte Kinder, Migrantenkinder und Arbeiterkinder, systematisch aus. DIE LINKE tritt für eine Gemeinschaftsschule ein und gegen die soziale Auslese in Förderschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Die Schule des 21. Jahrhunderts ist eine allgemeinbildende Schule, in der das polytechnische Prinzip einen modernen praxisnahen Unterricht ermöglicht. Die Gemeinschaftsschule gewährleistet eine umfassende Allgemeinbildung für alle Schülerinnen und Schüler. Allgemeinbildung in der Gemeinschaftsschule wie wir sie verstehen, umfasst deshalb alle Bereiche des menschlichen Lebens – Natur, Arbeitswelt, Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Wissenschaft und Kunst, soziale und ethische Beziehungen, Freizeit und Familie. Die Gemeinschaftsschule ist im besten Sinne eine Schule gemeinschaftlicher Bildungsarbeit. Hier wollen wir an positive Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern anknüpfen. Unterricht, weiterführende Angebote im Wahlpflichtbereich und in zusätzlichen attraktiven Arbeitsgemeinschaften, Schulsozialarbeit und schulpsychologische Angebote sollen den Rahmen für erfolgreiches Lernen schaffen. Die Gemeinschaftsschule ist eine sozial engagierte Schule. Sie schaut nicht weg, wenn Schülerinnen und Schüler in ihrem persönlichen und häuslichen Umfeld Probleme haben. Sie entwickelt Solidarität untereinander und bietet sozialpädagogische und sozialpsychologische Hilfen. In der Gemeinschaftsschule soll ein vollwertiges kostenloses Mittagessen für alle Kinder angeboten werden. Ein Abschieben von Lernenden in andere Schulformen soll es in Hessen ebenso wenig geben, wie das „Sitzenbleiben“.

b) DIE LINKE meint: Mit funktionierenden Gemeinschaftsschulen könnten mehr Menschen Abitur machen und studieren. Das wäre gut. Gleichzeitig müssen wir dringend verhindern, dass jeder zehnte Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlässt. Wir brauchen also eine höhere Abiturientenquote und eine niedrigere Schulabbrecherquote. DIE LINKE ist zudem dafür, dass Menschen ohne Abitur und mit Berufsausbildung studieren dürfen.

Miller: 5. Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Die Linke: Dringend müssen mehr Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden. Jahrelang haben die Bundesländer an Studienplätzen und Hochschulen gespart, um sich nun gegenseitig studierte Lehrkräfte abzuwerben. DIE LINKE setzt sich für mehr Studienplätze und für eine bessere Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer ein.

DIE LINKE hält es für erforderlich, die pädagogische Ausbildung zu reformieren. Es kann nicht länger sein, dass angehende Lehrerinnen und Lehrer während ihres Studiums kaum Praxiskontakte haben. Die Aufteilung in Fachausbildung auf der einen Seite und pädagogischer Praxis auf der anderen Seite, die zudem noch hauptsächlich in die zweite Phase der Lehrerausbildung verschoben wird, wird dem Anspruch an den Lehrerinnen- und Lehrerberuf nicht gerecht. Wir fordern eine Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung, von Fachwissenschaft und Pädagogik, Didaktik und Methodik über die gesamte Dauer der Ausbildung. Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer brauchen ebenso solide psychologische und sozialpädagogische Kenntnisse wie diagnostische Fähigkeiten und Grundkenntnisse über sonderpädagogische Arbeit. Eine Gemeinschaftsschule benötigt keine »Zwei-Klassengesellschaft« im Lehrerinnen- und Lehrerberuf, sondern eine gemeinsame Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern mit einer Spezialisierung für unterschiedliche Schulstufen, für die Primar- und die Sekundarstufen. Wer die erste Staatsprüfung erfolgreich absolviert hat, muss einen Rechtsanspruch auf die zweite Phase der Lehrerausbildung haben. Diese soll sich zeitnah an das Studium anschließen. DIE LINKE fordert, dass das Land Hessen wieder in die Tarifgemeinschaft der Länder eintritt und das Tarifdumping in Hessen aufhört. Außerdem muss die Arbeitszeitverlängerung für Lehrkräfte zurückgenommen werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen ein Recht auf Fort- und Weiterbildung haben. Dafür muss genug Personal zur Verfügung stehen.

Miller: 6. Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit, Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

DIE LINKE ist a) für mehr pädagogische Gestaltungsspielräume der Schulen. Allerdings befürchten wir Bildungskürzungen und Privatisierung unter dem Deckmantel der „Selbstverantwortlichen Schule“.
Modellversuche wie z.B. die Eigenverantwortliche Schule nach dem Modell der Bertelsmannstiftung in NRW begünstigen eine Art von Selbstständigkeit in Schulen, die von wirtschaftlichen Interessen geleitet werden. Sie verschärft die Konkurrenz zwischen den Schulen und schiebt die Verantwortung für die desolate finanzielle Situation auf die Schulen selbst ab. Durch den Anpassungsdruck werden Schulen gegeneinander ausgespielt und die Unabhängigkeit staatlicher Schulen wird ausgehebelt: Diese scheinbaren Reformprojekte bedienen sich der Schlagworte wie Leistungsfähigkeit und Qualitätssicherung, um die Schulen miteinander in Konkurrenz zu setzen. Deshalb lehnen wir das Konzept ab. Eine wirkliche Autonomie im Schulbereich erfordert ausreichendes und qualifiziertes Personal für die Unterrichtsversorgung, für die Sozialarbeit, für den Ganztagsbetrieb und für erfolgreiches Lernen. Eine nachhaltige Unterstützung für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und Schulleitungen muss durch den Staat gewährleistet werden. Die Rechte der Lehrkräfte-, Eltern- und Schülervertretungen sind sehr eingeschränkt. In einer wirklich eigenverantwortlichen Schule aber treffen sie alle wesentlichen schulischen Entscheidungen.

b) DIE LINKE befürchtet, dass das Land Hessen das Konzept nicht ausfinanziert, sondern für Kürzungen benutzt. Die Schulen müssten bei Budgethoheit Kürzungen des Landes selbst umsetzen. Sie werden immer weiter in die Enge getrieben, so dass sie auch privatwirtschaftliche Gelder einholen, um bestehen zu können. Dies sind die schlechten Erfahrungen von der „Autonomie der Hochschulen“. Bildung ist eine öffentliche Aufgabe und liegt in der Verantwortung des Landes. Sie darf nicht von Sponsoren abhängig sein.Schulen dürfen keine betriebswirtschaftlich handelnden Unternehmen werden! Lehrerinnen und Lehrer und weitere Beschäftigte der Schulen wären nicht mehr Beschäftigte des öffentlichen Dienstes des Landes Hessen, sondern der einzelnen Schule. Die Schulen könnten die Arbeitsbedingungen verschlechtern und die Kürzungen auf dem Rücken der Beschäftigten austragen. Diese hätten weniger Möglichkeiten, sich gemeinsam dagegen zu wehren.

Miller: 7. Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

DIE LINKE ist gegen die Privatisierung von Bildung, also auch gegen das Verkaufen von Abitursaufgaben an private Verlage. Schülerinnen und Schüler könnten sich besser auf das Abitur vorbereiten, wenn die Aufgaben im Internet oder anderweitig veröffentlicht wären.

Vielen Dank für das Interview.

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