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Friedeburg – jung, leidenschaftlich, wissend – sprach zur Bildungspolitik 2009

13. Januar 2009 · von Miller · 3 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Die IG-Metall lud unter dem Titel: „Gute Bildung für alle. Warum tritt die Bildungspolitik auf der Stelle? Perspektiven für die Zukunft“ zum „gesellschaftspolitischen Salon“ gestern nach Frankfurt ein. Hauptredner war Prof. Ludwig von Friedeburg, hessischer Kultusminister von 1969-1974, Direktor des Instituts für Sozialforschung 1966 – 2001.

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Vor Friedeburg eröffneten Prof. Heinz Sünker (Wuppertal) und Martin Allespach, Vorstandsbereich Gesellschaftspolitik der IG-Metall, die Debatte um „Bildungsarmut in Deutschland“. Sünkers sprach gar von „Bildungsapartheid in Deutschland“, von „Klassenkampf von oben“, und „Kinder von Gewerkschaftsmitgliedern werden um ihre Zukunft betrogen“. Man hörte bei der Beschreibung der aktuellen Zustände durch die linke Brille geradezu die alten bildungspolitischen Schriften der Studentenbewegung heraus: „Wider die Untertanenfabrik“ oder „Unwissen als Ohnmacht“ und „Bildung für alle“. Allespach betonte die Notwendigkeit einer „guten Bildung für alle“, anders formuliert: „Wohlstand könne sich keine Bildungsarmut leisten“. Die Gewerkschaften orientierten sich an einem „freiheitsorientierten Gerechtigkeitsbegriff“, der essenziell mit der Benachteiligung durch soziale Herkunft breche.

Dann kam Friedeburg. Ein alten Mann mit fester Stimme, schlauen Augen, klarer Gestik und spielte sich warm. Zum Einstieg lobte er dezent den amtierenden Kultusminister Banzer, den ehemaligen Landrat mit dem pragmatischen Händchen, „im Vergleich zur abenteuerlichen Politik einer Frau Wolff“. Das ändere aber alles nichts an der „Mittelmäßigkeit unseres Schulsystems“, an den „schönen Reden zur Verschleierung der tatsächlichen Misere“. Er zog das Ockhamsche Rasiermesser und sezierte mit Könnerhand die alte und neue deutsche „Bildungskatastrophe“. Im großen Ritt durch 400 Jahre deutsche Bildungsgeschichte legte er bis heute wirkende Standesinteressen, gymnasiale Abschottungspolitik durch die „Formel der Homogenität“ offen, erläuterte die Aufbruchstimmung für die Gesamtschule, schulformübergreifende Förderstufen, neue Lehrpläne Deutsch / Gesellschaftslehre und für mehr Bildungsgerechtigkeit Anfang der 70er Jahre. Selbst die FDP war mit Hildegard Hamm-Brücher in vorderster Front der Gesamt- und Ganztagsschule, selbst die CDU war für die Förderstufe. Er redete über objektiv schwierige Rahmenbedingungen (Reformtempo, fehlende Lehrer, fehlende Schulgebäude trotz schnell vorangetriebenen Neubauten) und massive politische Widerstände gegen seine Bildungspolitik in der CDU als auch zunehmend in den Reihen der eigenen SPD. Er sprang zurück zu Comenius Bildungsvorstellungen (Große Didaktik – allen alles ganz) mit Gleichheitsgrundsatz für alle Schüler, zitierte aktuell Baumert und Tenorth, dass sie wenigstens das „politische und pädagogische Versagen“ der Ausgrenzungspolitik, „des Skandals, der nicht publiziert werden soll“ offenlegten.
Die ganze angeführte Palette einer Bildungspolitik der Ausgrenzung kann jeder Interessierte zusammenfassend hier aus dem offiziellen Bildungsbericht 2008“ nachlesen.

Friedeburg war energiegeladen, alle 10 Minuten wurde er jünger und jünger, leidenschaftlicher Vordenker und Kämpfer für eine neue gerechte Bildungspolitik, für eine Verantwortungsethik der Lehrerinnen und Lehrer, für individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler. Aus dem äußerlich alten Gesicht leuchtete zunehmend jugendliche Vitalität und Aufbruchstimmung. Fast hätte man meinen können, er wäre der Herausforderer von Koch oder Banzer. Würde er so als NEUER in eine deutsche Schule kommen und Lehrer und Schüler zu pädagogischen Höchstleistungen motivieren, könnten die etwas ergrauten 68er (oder auch die neuen jungen pädagogischen Modulrealisierer) nur staunen. In reflektierender Haltung vielleicht sogar ausrufen: Welch ein Glück, wir haben einen neuen Kollegen, der für Bildungsgerechtigkeit und „Leistung aus Leidenschaft“ eintritt. (Das Motto hat die Deutsche Bank doch bei Pädagogen geklaut oder?).

PS. Kleine Anregung für die IG-Metall: Sollen solche Veranstaltungen wirklich ernsthaft „gesellschaftspolitischer Salon“ heißen? Klingt eher etwas spießig und adelsantiquiert. Eine Traditionsanbindung an sog. Salons des 18. und 19.Jahrhunderts scheint mir für eine Gewerkschaft neben der Sache; dann lieber Kneipen-Forum. Es gibt bestimmt einen pfiffigeren Titel.

Nachtrag, 14.Jan: In der Frankfurter Rundschau von heute schreibt Peter Hanack zur Veranstaltung: „Ludwig von Friedeburg: Abschied von der Gesamtschule für alle.“ Ja, das stimmt, das hat Friedeburg in einem Nebensatz auch gesagt und gleichzeitig die Idee der Gesamtschule ausführlich verteidigt. Aufgrund der erheblichen politischen Langzeitwiderstände hält er es jedoch für unrealistisch, dass es in den nächsten Jahren dazu kommen kann. Deshalb plädiert er für das Gymnasium und eine weitere Schulform für alle (nennen wir sie mal ‚Neue Schule‘ B.W.) Oder was der Bildungswirt auf der Veranstaltung meinte: Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhunderts. Die Gewerkschaften sollten ernsthaft über einen Kurswechsel nachdenken.

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3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 F. J. Oderbruch // 14 Jan 2009 um 20:16

    Habe bisher sehr wenig von Friedeburg gehört oder gelesen, aber bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_von_Friedeburg wird er als sehr polarisierend dargestellt und das Koch ihn als Stimmen- und Mitgliedsfänger für die CDU sieht, macht ihn mir nun auch nicht sympathischer. Nur was lief schief in den Jahren nach seiner Amtszeit, als die SPD noch lange an der Macht war? Aber der Beitrag zeigt doch, es ist nicht die pädagogische Mottenkiste welche aufgemacht wird um Antworten auf Bulimielernen & Nürnberg Trichter zu finden.

  • 2 Heinrich Siebziger // 12 Mrz 2009 um 09:52

    Der Beitrag von M.Miller vom 13.01.2009 über eine Veranstaltung mit L.v.Friedeburg hat mich an eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs und einer adäquat reagierenden Kultusadministration vor ca 40 Jahren erinnert.
    In einer verkrusteten Kultushierarchie wäre es undenkbar gewesen, Pädagogen an der Basis nach ihren Vorstellungen zu fragen und ggf. um Mitarbeit zu bitten. Vom damaligen „Ministerialbeauftragten für die Entwicklung von Gesamtschulen in Hessen“ wurde ich bereits 1968 – damals existierten zunächst nur 4 Integrierte Gesamtschulen in Hessen – um meine Vorstellungen über eine fachbezogene Bildungsplanung für diese neue Schulform gefragt. Daraus entwickelte sich für mich eine positiv-kritische Mitarbeit in verschiedenen Gremien des HKM.
    Wo und wie ist heute bei der Entwicklung von Bildungsstandards eine Chance für die Entscheidungsgremien gegeben, auf positiv-kritisch eingestellte Kolleginnen und Kollegen, natürlich sowohl mit entsprechendem fachlichen und pädagogischen Hintergrund als auch mit der unabdingbaren Motivation zuzugehen und sie für diese, sich jetzt neu stellenden Fragen und Aufgaben zu gewinnen?
    Die Vorstellungen des „Bildungswirtes“ scheinen mit hierfür eine viel versprechende Grund-und Ausgangslage zu schaffen.

  • 3 Miller // 12 Mrz 2009 um 20:37

    Lieber Heinrich Siebziger,
    das klingt ja spannend – 40 Jahre Rückblick. Können Sie nicht einmal dazu einen Atrikel für den Blog schreiben? Einschätzungen, Stimmungen, Hintergründe. Einfach als Autor anmelden. Vielleicht gelingt es auch, Bezugslinien zu heute zu entwickeln.
    Ihr Michael Miller /Bildungswirt

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