Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 1

Hessische Bildungspolitik: SPD im Interview beim Bildungswirt

12. Januar 2009 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Der Bildungswirt stellt hessischen Bildungspolitikern sieben Fragen vor der Landtagswahl am 18.01.2009. Als erste antwortet Heike Habermann (SPD)

heike_habermann_spd_logo-hp
Foto: Homepage von H. Habermann

Miller: Was hat für Ihre Partei oberste bildungspolitische Priorität?

Habermann: Oberste Priorität hat die Herstellung von Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung – von der Kita bis zum lebenslangen Lernen. In Hessen ist der Bildungserfolg durch verstärkte Selektion weiterhin abhängig von der Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern. Mit Investitionen in frühkindliche Bildung, einer Lehrerzuweisung, die an einem Sozialindex orientiert ist, durch die Einrichtung von Ganztagsschulen und durch die Förderung längeren gemeinsamen Lernens in kleineren Klassen wollen wir dieses Ziel erreichen.

Miller: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Habermann: Ausbildung umfasst die Vorbereitung auf einen Beruf und/oder eine berufliche Perspektive. Jeder junge Mensch muss nicht nur die Chance auf einen möglichst guten Bildungsabschluss sondern auch das Recht auf eine Ausbildung erhalten. Neben dem dualen System muss deshalb ein System von Ausbildungsmöglichkeiten vom Land ausgebaut und finanziert werden – auch unter Beteiligung der Arbeitgeber.

Miller: Soll Unterricht und Studium für die Lernende auch in Zukunft kostenfrei sein, d.h. durch Steuermittel finanziert werden?

Habermann: Ja, auf jeden Fall. Die Hessische SPD hat die Studiengebühren abgeschafft und wird daran festhalten. Unser Ziel ist eine höhere Quote von Hochschulabsolventen, da wir qualifizierte Kräfte für die Zukunft brauchen. Niemand darf durch Gebühren von Bildungsabschlüssen oder Studium abgehalten werden.

Miller: Was halten Sie von den beiden Thesen: a) Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21.Jahrhunderts und b) Wir brauchen in Zukunft eine signifikant höhere Abiturientenquote.

Habermann: Das Gymnasium entwickelt sich bei von den Eltern gewünschten Übergangsquoten zwischen 40 und 70 Prozent schon heute zur Gesamtschule. Deshalb muss auch das Gymnasium seiner Aufgabe gerecht werden, möglichst viele junge Menschen zu dem gewünschten Bildungsabschluss zu führen und die Verantwortung für ihren Bildungsweg zu übernehmen. Deutschland hat im internationalen Vergleich eine geringere Abiturientenquote. Zu frühe Selektion verhindert zuverlässige Bildungsprognosen für das einzelne Kind und verschenkt wertvolle Begabungen und Potenziale. Wir brauchen definitiv mehr Abiturienten und müssen alle Schulen in die Lage versetzen, jedes Kind so weit als möglich auf seinem individuellen Bildungsweg zu fördern.

Miller: Zahlreiche Analysen und Gutachten zur unzureichenden Lehrerbildung (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung) sind seit Jahren bekannt. Was soll in den nächsten Jahren geändert werden?

Habermann: Neben kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung des bestehenden Lehrerbildungsgesetzes, insbesondere in der zweiten Ausbildungsphase, will die Hessische SPD eine Reform der Lehrerbildung, die die Gleichwertigkeit der Lehrämter herstellt. In der ersten Ausbildungsphase sollten alle zukünftigen Lehrkräfte auf ihre eigentliche Aufgabe – die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern – vorbereitet werden. Höhere Praxisanteile, Pädagogik, Diagnostik und Didaktik stehen im Vordergrund. Der Lehrer der Zukunft moderiert Lernprozesse und ist nicht in erster Linie Fachwissenschaftler. Das Fort- und Weiterbildungssystem muss in der Bildungsregion und an den einzelnen Schulen verankert werden, um Lernprozesse im gesamten Kollegium anzustoßen.

Miller: Das Konzept der „Selbstverantwortlichen Schule“ – eigene Rechtsfähigkeit,
Budget- und Personalhoheit, pädagogische Gestaltungsspielräume – wird in Hessen seit Jahren diskutiert. Besonders große Berufsschulen und Gymnasien sind daran interessiert.
a) Soll dieses Konzept zeitnah in der Fläche umgesetzt werden?
b) Erfolgt eine Vollfinanzierung durch den Staat?

Habermann: Unser Ziel ist die eigenverantwortliche Schule, die weitgehend über inhaltliche und organisatorische Fragen selbst entscheidet. Gemeinsam mit dem Schulträger muss ein Gesamtbudget festgelegt werden, das die Schulen unter Mitwirkung von Eltern, Schulträger, Kollegium und Schülerschaft verwalten. Die eigenverantwortliche Schule soll in die Fläche umgesetzt, demokratisch verfasst und voll durch den Staat finanziert sein.

Miller: Das Landesabitur wird jährlich mit ca. zwei Millionen Entwicklungskosten (öffentliche Steuergelder) von Lehrerkommissionen erstellt. Die verbrauchten Prüfungsaufgaben wurden 2007 und 2008 an private Verlage verkauft und ca. zehntausend Euro Einnahmen erzielt. Soll diese Regelung beibehalten werden oder besteht Aussicht darauf, dass die verbrauchten Prüfungsaufgaben mit Lösungen für jedermann kostenfrei im Internet 2009 einsehbar sind?

Habermann: Das Landesabitur muss evaluiert und in seiner zukünftigen Struktur hinterfragt werden. Prüfungsaufgaben vergangener Jahre müssen auf jeden Fall frei zugänglich sein.

Bildungswirt: Frau Habermann, besten Dank für das Interview.

Kategorien: Abitur · Abitur verkauft · Allgemein · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Interviews · Uni · Unterricht · Vorbilder

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar