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Das Banzer-Wagner-Duell der hessischen Bildungspolitik

10. Januar 2009 · von Miller · 4 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Wer hat die besseren Konzepte für die Schule von Morgen? – so das Veranstaltungsthema.

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von links: Mathias Wagner (Grüne), Marcus Bocklet (Grüne, Moderation), Jürgen Banzer (CDU) Foto: Bildungswirt

Was hatten die Duellanten – Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) und Mathias Wagner (Grüne, bildungspolitischer Sprecher) – gestern vor 100 Zuhörern in Frankfurt, in der grünen Hochburg, mitten im hessischen Wahlkampf zu bieten?
Zunächst bescheinigten sie sich wechselseitig, dass man einen „neuen Politikstil der Offenheit“ wolle und sich für „dialogfähig“ halte. Banzer löste dies insofern vorab ein, dass er den Grünen-Moderator Bocklet ohne Vorbehalte akzeptierte und sich der grün dominierten Zuhörerschaft stellte. Man war auf dem Podium höflich, man kennt sich seit vielen Jahren, mischte Anekdotisches bei.
Im Eingangsstatement betonte Banzer drei Punkte zukünftiger Schulpolitik: mehr Selbständigkeit der Schulen (1), mehr Qualität und Unterrichtsverbesserung (2), mehr Ressourcen (3). Er will Schulen auf freiwilliger Basis in „Körperschaften des Öffentliche Rechts“ verwandeln, ihnen Budget- und Personalhoheit geben. Pädagogische Selbständigkeit wird den Schulen gewährleistet, damit sie sich optimal um die Kompetenzen jedes einzelnen Schülers kümmern können. Zentrale Landesprüfungen und Bildungsstandards genügen weitgehend als staatliche Vorgaben.

Wagner betonte in seinem Eingangsstatement folgende drei Punkte: mehr Zeit (1), mehr Freiheit (2), mehr Unterstützung/Förderung (3). Zuerst müsse „Stress und Hektik aus der Schule weg“ und eine „bessere Lehrerversorgung – 105% Zuweisung her“; des weiteren eine Ausweitung der Ganztagsschulen auf freiwilliger Basis. Er setze auf „pädagogische und organisatorische Freiheiten“, eine „andere Lehreraus- und Lehrerfortbildung“ und will mehr Integration von Behinderten in der Regelklasse. Grundsätzlich stehe man zur G8 –Verkürzung im Gymnasium, wolle aber die Beibehaltung der 6-jährigen Mittelstufe und dafür die 2-jährigen Oberstufe. Wagner und Banzer waren sich einig, dass G9 für die kooperative Gesamtschulen gilt und dass es bei G8 noch enormen Diskussionsbedarf (Organisationsoptimierungen, Stoffentfrachtungen) unter Einbeziehung der Schulen gebe. Auch bei der Ganztagsschule gab es Annäherung (im Grundsatz sind alle dafür), lediglich bei der konkreten Ausgestaltung und beim Tempo der Realisierung waren Differenzen erkennbar.

Plakat zur Veranstaltung

Plakat zur Veranstaltung

Zwischendurch fragte sich der geneigte Zuhörer, worin überhaupt die wirkliche Differenz bestehe? Im Grundsatz meinte man Ähnliches und schmückte dies mit geschmäcklerisch, aufgebauschten Varianten einer Klientel-Rhetorik. Ein Duell der Pistolen war das sicher nicht, eher eines der weichen Gummi-Schwerter unter Verwandten zweiten Grades. Sollte es ganz knapp doch nicht für Schwarz-Gelb am 18. Januar reichen– und beim freundlich unkalkulierbaren Hessen weiß man nie – so war der Geruch von Jamaika (Schwarz-Gelb-Grün) förmlich in der Luft. Es soll auf jeden Fall 1000 Lehrerstellen mehr geben und 1,2 Milliarden Euro aus dem Konjunkturprogramm des Bundes. Die Investitionen sollen vor allem in die Schulgebäudesanierung fließen. Der ernsthafte Dialog, der „runde Tisch“ mit den Schulträgern sei zwingend nötig, so Wagner und Banzer unisono. Beide Duellanten begaben sich auch in der kurzen Publikumsdiskussion nirgends aufs Glatteis; Banzer hatte offensichtlich noch einmal seinen John Stuart Mill gelesen, argumentierte flexibel, immer auf individuelle Freiheit und „Freiwilligkeit“ bedacht. Schulen wolle man nichts „überstülpen“ und könne Schulreform nur mit den Beteiligten auf freiwilliger Basis erreichen, so auch Wagner.

Die beiden Duellanten, besser Feldspieler im politischen Raum, trennten sich 3:3 unentschieden, trotz grünem Platzvorteil.

PS. Es war ein bisschen wie bei der Frankfurter Eintracht im Waldstadion. Super vorbereitet, hoch motiviert, eigenes Publikum, Schiri wohlgesonnen und doch reichte es mal wieder nur zu einem zittrigen Unentschieden. Es fehlte doch einiges an Neuerungen und Leidenschaft a la Klinsmann. Auf das politische Feld übertragen: Es fehlt den Grünen etwas von einer guten Tugend: kritische Metareflexion und kreative Phantasie, die sich direkt, situativ, im Strategiespiel zeigt. Die CDU hat jedenfalls mit der Führungsfigur Banzer, nach der letzten hessischen Wahlschlappe, erheblich strategisch und taktisch dazu gelernt.

Links: M. Wagner bei Kandidatenwatch; J. Banzer bei Kandidatenwatch;

Kategorien: Allgemein · Bewusstsein · Bildung · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht

4 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Maria // 10 Jan 2009 um 15:23

    Die Grünen sind in der Mitte angekommen, durch und durch salonfähig, höflich, pragmatisch. Die „freiwillige Basis“ wird gar zum goldenen Kalb. Als ob der Hauptschüler oder die Eltern eine freie Wahl träfen und als ob des souveräne Bürger die komplexen Strukturen durchblicke. Von kritischer Gesellschaftsanalyse ist wenig geblieben. Sind Grüne inzwischen Liberale mit ökologischem Mäntelchen, die mit allen Parteien können?

  • 2 hilde82 // 10 Jan 2009 um 21:27

    Ein wehmütiger nachruf auf die einstige vermeintlich kritische gesellschaftsanalyse verkennt deren tatsächliche realisierbarkeit außerhalb von pseudo-oppositionsgetue. Dass CDU und Grüne entfernte verwandte sind, zeigt schon ein blick ins grüne familienstammbuch.
    Wer „anders“ salonfähig sein will, wird sich wohl außerhalb des landtags einen neuen grünen (?) salon suchen müssen …

  • 3 Frank Mackay // 11 Jan 2009 um 01:33

    Hier:
    „Schwarz-grüne Anbanzerung“ (http://www.pflasterstrand.net/blog/wp-trackback.php?p=3922 ) oder die Suche nach der Differenz ohne Inhalte.

  • 4 Maria // 11 Jan 2009 um 18:09

    @hilde82
    Ein paar Fragen hätte ich doch an dich: Was heißt bei dir „vermeintlich kritische Gesellschaftsanalyse“? War das nur Schein? Schau dir mal u.a. die grünen Programme und Aktionen der 80er Jahre an. Was soll die Polemik mit dem Begriff „Pseudo-Oppositionsgetue“? Kannst du mir bei deinem Blick ins „grüne Familienbuch“ – Personen, Namen – helfen?
    @Frank Mackay
    „Schwarz-grüne Anbanzerung“ ist wirklich eine tolle Formulierung. Oder schwarz-grünes Oberflächen-Surfen 2009. Banzer macht’s möglich.

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