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Brüchige Gewißheiten, banale Nachhaltigkeit und afrikanische Wahrheiten

5. Januar 2009 · von Miller · 1 Kommentar Artikel drucken Artikel drucken

Nachgereichte Weihnachtsbotschaften und Auftakt ins neue Jahr:
Die Betlehem-Stallgeschichte, die Wunder, Wunden und Inspirationen des Heilands sind fest geglaubte Gewißheiten, mit Nichten brüchig für die Gläubigen, bedeutungslos für die „Ungläubigen“ oder auch Andersgläubigen. Süßer die Kassen die klingen – nicht nur zur Weihnachtszeit – wird vom Einzelhandel statistisch bewiesen und damit zur festen allgemeinen Gewißheit, auch wenn die Sterne und Zeichen für 2009 schlechter stehen sollen. Die Angst vor der Zukunft steckt dem wohlhabenden Westen tief in den Knochen; Miesepeter-Mienen, bleiche Gesichter sind unverkennbar. Nichts bleibt, wie es ist, alles fließt – nur wohin?
Ismen, Dogmen und bullenartige Aktienkurse purzeln, Marktradikale, Geldscheinanbeter und Wettkönige laufen voll gegen die Wand und landen auf der Freudschen Couch. Kirchenvertreter mutieren zu eifrigen Kapitalismuskritiker der ersten Reihe, geißeln Macht und Gier und verlangen „neue Einsicht in das Verhältnis von Gott und Geld“ (z.B. EKD-Vorsitzender Bischof Wolfgang Huber). Unfreiwillige Begleitmelodien gibt es ausgerechnet vom iranischen Präsidenten Ahmadineschad im britischen Fernsehen, Channel 4, in seiner Weihnachtsrede: „Wenn Christus heute auf der Welt wäre, würde er zweifellos gegen Tyrannei der vorherrschenden wirtschaftlichen und politischen Systeme kämpfen, wie er es auch zu seinen Lebzeiten auch tat.“ Wen er da wohl meint?
Das grundlose Lachen verbleibt mehr den Bewohnern der südlichen Halbkugel, hier gibt es nur noch wenig zu verlieren, die Zukunft kann nur besser werden, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Weihnachtsbotschaft der FAZ mit Frank Schirrmachers „Erwartung und Entwertung“ findet zuerst klare Worte: „Es genügt, festzustellen, dass das Milliardenspiel um unverstandene Produkte und wohlverstandene Boni eine objektive Erniedrigung für die Mehrzahl der arbeitenden Menschen darstellt.“ (…) „Dieses Jahr der gigantischen Zahlen ist die Erfahrung der Wertlosigkeit für die Menschen.“ Und was folgt daraus? Schirrmacher: „Zuversicht“ als Weihnachtsbotschaft reicht nicht. Es gibt einen Rettungsschirm, der wunderbarerweise alle zusammen und jeden Einzelnen rettet; einer, der immer funktioniert und die neue Maßstäbe zwischen den großen und den kleinen Zahlen setzt: Bildung und Realismus.“
Ende der Wörter, Schluss der FAZ-Botschaft. „Bildung und Realismus“ soll der Rettungsschirm sein? Ein alten Schlapphut mit Humboldt-Goethe-Schiller-Gelächter aus dem Off´? Wie bitte? Welche Bildung? Welcher Realismus? Konstruierte Wirklichkeiten und Bildungs-Mutationen – im Dutzend billiger, Dissens eingebaut! Gebildete Einzelne als globalisierungsgehärtete, kompetenzgeschwängerte Qualifikationsbündel? Ist das der neue Rettungsschirm? Oder der links blinkende FAZ- Feuilletonleser, der dann doch rechts als realistischer Ökonom abbiegt? Zum Schluss retten sich die neuen Biedermeier des 21.Jahrhunderts doch noch zu den 2008 verfilmten „Buddenbrooks“; sie kann man noch verstehen, alles noch überschaubar, nebenbei simple Häppchen für die gute alte Schule.

Und wie halten wir es in der „besinnlichen Zeit“ mit der nachhaltigen Überprüfung unserer „nachhaltigen Entwicklungen“? Spätestens seit Rio de Janeiro 1992 wird offiziell das Konzept der Nachhaltigkeit (sustainable development) international gepriesen. Papier ist auch bei uns geduldig und um lokale/regionale Gleichgewichte und Nachhaltigkeit zu stabilisieren, schaffen wir internationale größere Ungleichgewichte. „Macht euch die Erde untertan“ (mit und ohne Bibel), beutet aus, wo immer es geht, kümmert euch um eure eigene Brut, Glück den Besitzenden, Selbstblendung für alle. Ungleichgewichte treiben an, was soll da noch bewahrt werden? Das Bessere ist der Feind des Guten, nur was ist der Rahmen, der Maßstab? Die deutsche Bevölkerung wird schrumpfen, gerät ins Ungleichgewicht. Wollen wir der Nachhaltigkeit wegen für Gleichgewicht sorgen und systematisch Einwanderung zulassen? Schlauchboot-Afrikaner, willkommen im Paradies Europa? Ein Moped zur Begrüßung des 1 Millionsten Nigerianers oder Ghanesen in Deutschland? Der eiserne Vorhang mitten in Deutschland ist gefallen, die große Völkerverständigung eingeläutet, die Machtblöcke des Schreckens-Gleichgewichts aufgelöst, damit neue Ungleichgewichte entstehen können? Der neue „eiserne Vorhang“ in Ceuta und Melilla melilla (Europas Vorposten auf dem afrikanischen Kontinent mit großer Unterstützung Deutschlands), der systematische Ausbau der Festung Europa gegen die schwarzen Eindringlinge, die täglich angeschwemmten schwarzen Leichen an der Küste Andalusiens – das sind afrikanische Wahrheiten, die sehr selten auf die Titelseite kommen, zu Weihnachten schon gar nicht. Den Aufbruch zu Hunderttausenden ins gelobte Land versuchen die jungen und starken Afrikaner, die noch einen „Traum vom Leben“ haben, eine gefährliche Odyssee, eine mächtige, immer größer werdende Völkerwanderung. „Europa – ist der Kontinent der lächelnden Menschen, der satten Menschen, der träumenden Menschen, der arbeitenden und liebenden, der klugen und glücklichen Menschen.“ (Klaus Brinkbäumer, Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee. Empfohlene Weihnachts-Osterlektüre 2008-2009 vom BW). Und jeder der Asylsuchenden in einer neuen Heimat kennt mindestens einen, der es geschafft hat oder es geschafft haben soll. „Die, die es nicht schaffen, landen in Gefängnissen oder Lagern, werden krank und sterben, scheitern, weil sie kein Geld mehr haben oder verraten werden, weil sie Pech haben oder weil sich die politische Lage geändert hat, ohne dass sie es mitbekommen konnten, da sie sich gerade durch die Wüste schleppten. Oder sie sind schon beinahe angekommen, müssen nach rund 5000 Kilometern über Land nur noch diese 14 Kilometer durchs Mittelmeer überwinden, und dann sinkt ihr Schlauboot (…).“ (Brinkbäumer). Ja, wo bleibt die Weihnachtsbotschaft, zumindest an die 400 Millionen Christen in Afrika?
Mauern werden fallen, real und im Kopf, alles fließt, Ungleichgewichte verändern sich, produzieren Neues, nichts bleibt, wie es ist – wenigstens eine Gewißheit in den nächsten Jahren.

Kategorien: Bewusstsein · Bildung · Dunkelkammer · Gymnasium · Literatur / Film · Vorbilder

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Hubert // 7 Jan 2009 um 18:22

    So brüchig die Gewissheiten auf vielen Ebenen auch sein mögen, real sind die aufgezeigten „afrikanischen Wahrheiten“. In den Medien ist das kein großes Thema, höchstens mal Sensationsgeilheit, wenn mal wieder ein überfülltes Schiff untergeht und Leichen angeschwemmt werden. Der Spiegel-Autor hat mit seinem Buch großartige Arbeit geleistet. Wenn jetzt Blogs in organisierter Vernetzung an das Thema rangehen, wäre das sehr begrüßenswert.
    Ansonsten schöne nachgereichte Weihnachtsbotschaften vom Bildungswirt.

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