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Lernen: Konstruktionen im Kopf (2) und Vorfreude im Leib

13. Dezember 2008 · von Miller · 1 Kommentar Artikel drucken Artikel drucken

Wer das Lernen verstehen will, muss auch unser Gehirn verstehen. Wie arbeitet es, auf was kommt es an? Die Hirnforschung (u.a. Roth, Singer, Spitzer, Ramachandran, Gazzaniga, Mecacci) hat in den letzten Jahren hier enorme Fortschritte zu verzeichnen, gleichwohl steckt sie immer noch in den Kinderschuhen. Interdisziplinäre Forschungsfelder (Gehirn, Bewusstsein, Wahrnehmung, Erkenntnis, Programmierung) werden von Medizinern zusammen mit Philosophen, Biologen, Kognitionswissenschaftlern, Psychologen und Sprachforschern verstärkt bearbeitet. Pädagogen sind in der Regel nicht dabei, obwohl dies dringend geboten wäre. Die zentrale Frage lautet: Was kann die Schule aus diesen Forschungen lernen? Wo liegen die Grenzen der Neurowissenschaften? Wo bläst sich die Hirnforschung unnötig auf, verstrickt sich in Allmachtsphantasien?

Es lernt der Mensch als Ganzheit. Ohne subjektiven Sinn, ohne individuelle Lernmotivation, ohne diese gewisse Vorfreude im Leib gibt es kein Lernen. Der Kopf ist eben nicht allein. Die „Vernunft“ kann  sowohl Ratio als Emotio sein. Die Bauchentscheidung als Zustimmung oder Ablehnung kann sehr vernünftig sein, rationale Summe tieferliegender Erfahrungen. Die rationale Abwägung von Argumenten ist wichtig, aber eben nicht alles. Der kulturelle und situative Kontext beeinflusst (uns) mehr, als wir wahrhaben wollen.

Fassen wir im Folgenden vereinfacht – und immer noch kompliziert genug – die wichtigsten Befunde der heutigen Hirnforschung zusammen:

1. Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes System aus ca. 500 bis 1000 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), ein permanent schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, dazu ›geschmiert‹, geschützt und tempobeschleunigt von 10.000 Milliarden sogenannter Gliazellen. Das Gehirn steuert, kontrolliert, organisiert, integriert, löscht, lernt neu, »kommuniziert« im Dauerbetrieb. Höchstwahrscheinlich laufen mehr als 99% der Gehirnprozesse im Unbewussten ab. »Bewusstsein« ist also die Sonderform, uns bestens vertraut und doch im Einzelnen rätselhaft. Die beiden Gehirnhälften (Hemisphären) arbeiten weitgehend arbeitsteilig, können aber bei Bedarf auch andere Funktionen übernehmen, überlappende Kommunikationen herstellen. Die Brücke (Corpus Callosum) sorgt für den »Datenfluss«. Trotz aller biologischen Gemeinsamkeiten ist jedes Gehirn einzigartig. Vorstellungen vom biologischen »Welt-Durchschnittsgehirn«, von Normierungen und Standardisierungen sind fehl am Platz. Hinzu kommt, dass Lernen auch als »kulturelle Variable« zu verstehen ist mit unterschiedlichen Ausprägungen der Hirnorganisationen.

2. Dieses Erregungsnetz aus genetischen Anlagen und erlernten differenzierten Funktionen und Arbeitsweisen ist in tausend verschiedene Areale segmentiert, braucht Koppelungen, Stimuli, Aktivierungen, Assoziationen. In der gesamten Großhirnrinde (Cortex) lassen sich unter anderem folgende Zuordnungen vornehmen: Im sogenannten »Assoziationscortex« (Bereiche im Scheitel-, Schläfen- und Frontallappen des Gehirns) finden z.B. visuelle Wahrnehmungen, räumliche Strukturierungen und sprachliche Verarbeitungen von Signalen statt, Objektwissen im temporalen Cortex, mathematisches Wissen im hinteren parietalen Cortex. Der präfrontale Cortex simuliert und bewertet Handlungssituationen, erfasst die Motivationslage und setzt Handlungsplanungen um. Die sogenannten Spiegelneuronen sind beim Lernen durch Nachahmung (beim Säugling wie beim Greis), beim Lernen von Bewegungsmustern, beim Wahrnehmen von Emotionen, beim vorausschauenden ›Gedankenlesen‹ der anderen besonders aktiviert. Während die Rhythmuserkennung eher der linken Hemisphäre zugeordnet wird, ist für die Melodie als Ganzes eher die rechte zuständig. Das limbische Assoziationssystem verarbeitet emotionale Aktivierungen, angeborene und gesellschaftlich bedingte. Komplexe Neuronen-Netzwerke arbeiten modular, sind aber grundsätzlich interaktiv geschaltet. Jedes Wahrnehmen ist ein aktives Konstruieren.

3. Das Gehirn ist, allgemein gesprochen, gleichzeitig Überlebensorgan, Handlungsorgan, Bewusstseinsorgan und der ›große Interpret‹; es kann gar nicht anders. Die gesamte Erlebniswelt ist das Konstrukt der internen, interaktiven Hirnkommunikation. Der Zustand des Selbsterlebens ist aus naturwissenschaftlicher Sicht ein physischer Zustand. Jedes Lernen ist kognitive, motorische und emotionale Aktivierung, d.h. auch Neuentwicklung und Umbau von Milliarden von Synapsenverbindungen, Einspielung und Stabilisierung des Netzwerkaufbaus. Gedanken sind codiert in räumlichen Aktivierungsmustern mit erhöhtem Sauerstoffverbrauch. Im Gehirn entwickeln sich topologische Landkarten der Aktivierung mit ständigen Such-, Wahl- und Entscheidungsprozessen. Handeln, Denken, Fühlen sind im Lebensvollzug in ständiger Kommunikation. Phänomene wie z.B. Lampenfieber, Prüfungsangst oder spontane Jubelausbrüche – scheinbar körperliche Aktionen/Reaktionen ohne aktive Hirnsteuerung – erklären sich aus dieser vielschichtigen organischen Einheit. Gefühle sind immer im Gepäck. Jeder (Lern)Gegenstand ist mehr oder weniger affektiv besetzt. Im Cortex als der »Sitz des Bewusstseins« finden ständig komplexe »Selbstbeschreibungen« statt, die das »Ich« als Bewusstsein, Meinung, Wunsch, Gefühl empfindet und manchmal auch für Außenstehende zum Ausdruck bringt. Der tatsächliche Gedanke und der emotionale Zustand können von außen nicht gesehen werden. So kann sich ein Ich durch Training ›gut beherrschen‹, über den wahren Zustand hinwegtäuschen oder auch in seinem Gefühlspanzer ›eingesperrt‹ sein. Unsere Interpretationen sind dann auf wahrnehmbare Zeichen beschränkt.

4. Es gibt nicht das oberste Zentrum, sozusagen die Kommandozentrale aller Hirnaktivitäten, sondern viele Zentralen und Gedächtnisse mit -zigfachen Unternetzen. Begriffe wie Schaltzentralen, Verdrahtungen, Koppelungen, Arbeitsspeicher, Impulsgeber, Aufzeichnungen, Flussbahnen, Programmierungen etc. sind dabei nur bedingt geeignete Begriffe/Metaphern, um sich ein ungefähres Bild zu machen – wir stoßen an die Grenzen exakter sprachlicher Repräsentation, Gehirne ›sprechen‹ über Gehirne im unendlichen Regress. Der Hypothalamus regelt weitgehend unbemerkt unseren Biorhythmus, organisiert die Schlaf-, Wach- und Aktivitätszustände, veranlasst die Hormonausschüttung in die Blutgefäße usw., usw. Hätten wir davon ein Bewusstsein, würden wir buchstäblich verrückt werden. Der schnelle ›Gedächtnisspeicher/Arbeitsspeicher‹ ist vor allem im Hippocampus zu verorten; es erfolgt eine schnelle Aufnahme des Gelernten und langsamere Transformation in die Gehirnrinde in-nerhalb von Tagen, Wochen und Monaten. (Soweit das Gelernte nicht inzwischen wieder gelöscht wurde, es nicht genügend tiefe Spuren hinterlassen hat). Der Fremdsprachenerwerb sollte früh beginnen, umso besser die Erfolgsaussichten. Englisch in der Vor-Schule zu beginnen ist ratsam. Hirnphysiologisch gesehen ist zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr die beste Zeit für den tiefen, einprägenden Erwerb von Fremdsprachen.
Im Mandelkern (Amygdala) ist wiederum ›assoziatives Material‹ gespeichert, dass wir intuitiv bei Bedrohungs-, Kampf- oder Fluchtsituation brauchen. Körper und Geist werden sekundenschnell programmiert, der Blutdruck steigt, der Puls rast, die Muskeln spannen sich zum Körperpanzer. Die eingelagerte Evolutionsgeschichte meldet sich unverkennbar zu Wort. Wer in der Schule Angst hat (die berühmte Prüfungsangst ist dabei nur eine mögliche Form), der blockiert, kann nicht frei denken – erhält einen herben Gruß seines Mandelkerns. Sind wir entspannt, bewegen wir uns im offenen Denkraum und in angenehmer Atmosphäre, so schweigt der Mandelkern und die Großhirnrinde schwingt sich zu kognitiven Höhenflügen auf. Lernerfolg führt zur weiteren Lernverstärkung – das Gehirn ›belohnt‹ sich selbst durch Ausschüttung so genannter Botenstoffe, vor allem Dopamin. Mehr Dopamin, mehr Erfolg, mehr Glücksgefühl und umgekehrt!

Der kurze Ausflug in die Hirnforschung möge genügen, um sich vor allem eins klarzumachen: Die weitgehende Ausrichtung der Schule als kognitive Lernmaschine und ausdifferenziertes Disziplinierungssystem ist ein fataler Irrweg. Sie ist modernen demokratischen Dienstleistungsgesellschaften nicht angemessen und kann das Grundrecht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht einlösen. Während sich innerhalb der pädagogischen Domäne die »Status-quo-Verteidiger« und »Reformer« seit mehr als 100 Jahren über den richtigen Weg der Pädagogik streiten, in ideologischen Kämpfen verstricken, kommt mit neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung mehr Sachlichkeit in die Diskussion. Die Naturwissenschaften bestätigen mehr und mehr viele Ansätze der Reformer, dass der Mensch zugleich ein leibliches, geistiges, emotionales, kommunikatives, spirituelles, freiheitsliebendes Wesen ist, das allumfassend auch in der Schule gefördert werden sollte. Das System Schule als Anstalt ist nicht lebensfähig, muss sich ändern und sich den Potenzialen der Schüler annehmen, sie anregen und neugierig forschen lassen. In der ursprünglichen Bedeutung von Schule, der schola, schwingen immer schon mit: freie Zeit(einteilung), Müßiggang, schöpferische Muße, Studium, Selbstbestimmung. An dieses Netz der Tradition kann hier angeknüpft werden. Schule wäre so – dem Gehirn nachgebildet – ein schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, ein Erlebnis- und Gestaltungsraum täglicher Demokratie, ein guter Ort von Wissensfeldern, Wissensarten, Wissenslogiken und Kreativität, ausgefüllte Praxis der pädagogischen Leitlinie: »Die Menschen stärken, die Sachen klären« (H. v. Hentig).

(Die Zusammenfassung der Ergebnisse der Hirnforschung ist meinem Buch: Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft entnommen)

Kategorien: Allgemein · Bewusstsein · Bildung · Dunkelkammer · Uni · Unterricht

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Heinz Georg Schuster // 14 Dez 2008 um 13:42

    Ein guter Artikel!
    Schon Michel de Montaigne hat im 16. Jahrhundert erkannt:
    „Ein Kind ist kein Fass das gefüllt werden muss, sondern eine Kerze die angezündet werden sollte.“
    Schöner kann man es kaum sagen, und die Hirnforschung hat oft vieles bestätigt was schon vorher durch Erfahrung mit lernenden Kindern bekannt war.

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