Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 4

Einträge vom Dezember 2008

Kreative Pause beim Bildungswirt

23. Dezember 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Kreative Pause beim Bildungswirt

Der Bildungswirt (Michael Miller, Frankmackay und Leo) zieht sich für eine kreative Pause zurück – 24. Dezember bis 04. Januar 2009 — In-die- Sonne-blinzeln, Saxophon spielen, plauschen, wirklich interessante Bücher schmökern, im Liegestuhl faulenzen, neuen Ideen und dem Kaffeegeschmack nachspüren …

Ab dem 05.Januar geht’s mit Elan wieder in die Blogosphäre, Themen im Überfluss!
Wie verhält sich der freundlich unkalkulierbare Hesse am 18. Januar ? Koch gegen Schäfer-Gümbel? Winkt doch noch Jamaika? Gibt es einen Aufbruch in der Bildungspolitik? Der gute Lehrer und gefragte Vorbilder – Dauerthemen? Abitur verkauft, hoffentlich nur ein vorübergehender bildungspolitischer Fehltritt? G8/G9-Debatte im Kompromiss beerdigt? Der nationale Bildungsgipfel als Rohrkrepierer? Bildungsstandards – worin besteht die Crux? Die Geist-Gehirn-Debatten als Konstruktionen im Kopf und Vorfreude im Leib? Und last but not least: die Wirtschaft – Finanzwirtschaft, Realwirtschaft, Gastwirtschaft, dazu die TV-Wirtschaft und die Medienkrise einer freiwilligen Eintönigkeit im mainstream? Themen, soweit das Auge reicht. Um im Meer der unendlichen Phänomene nicht unterzugehen bedarf es einer geschulten Aperspektivität (Jean Gebser). Dazu nächstes Jahr mehr mit zusätzlichen Mitarbeitern/ Autoren/ Kommentatoren/ kritischen Lesern – und alles natürlich auch in der weiblichen Form, der neuen bloggenden Frauenpower.

Macht’s gut, frohe Weihnacht, erholsame Tage, Prosit Neujahr, don’t worry be happy …
Euer Bildungswirt

[Weiter hier... →]

Tags: Bildung · Vorbilder · WEb 2.0

Der Bildungswirt im deutschen Bildungsserver

22. Dezember 2008 · von Miller · 2 Kommentare

Der Bildungswirt im deutschen Bildungsserver

Zum neuen Bildungsbericht 2008 meinte der Bildungswirt auf dem Blog des deutschen Bildungsservers am 15.Juni:

Liebe Allerweltsschläfer,
wie lange wollen wir noch über das Problem der “Bildungsverlierer” akademisch reden? Die Fakten sind bekannt, Analysen nach allen Seiten hin ausgewalzt.
Zur Erinnerung nur eine Sache:
80.000 Jugendliche ohne Schulabschluss jedes Jahr, in den letzten 10 Jahren 800.000(!). Die gleichen Politiker sind zuständig, fast die gleichen sog. Experten schreiben brav ihre Berichte – the show must go on.
Praktischer Vorschlag:
Gegen das Geschwätz der unterschiedlichen Intelligenz und der Notwendigkeit ständiger Selektion setze ich: Ehemalige Hauptschüler schaffen in 2 Jahren das Zentralabitur! Wo ist der Unternehmer, der Freigeist, der diese Idee finanziell und medienwirksam unterstützt? Es geht um neue Lernkulturen und eine radikal veränderte didaktische Praxis. Neue Symposien und “Bildungsberichte” der “Wichtig-wichtig-Leute” sind Zeitverschwendung.

Und was meinst du, lieber Mitblogger?

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Bewusstsein · Bildung · Dunkelkammer · Gymnasium · Vorbilder

Die Crux mit den Bildungsstandards (6) – Innovationen jetzt!

18. Dezember 2008 · von Miller · 4 Kommentare

Die Crux mit den Bildungsstandards (6) – Innovationen jetzt!

Umsetzung und Ausgestaltung von Bildungsstandards vor Ort

Forum Demographischer Wandel

Knapp gefasste Bildungsstandards werden in Arbeits- und Neugierplänen an den Schulen, in den einzelnen Klassen ausgestaltet. Das beginnt mit qualifizierten Minderheiten, die bezahlte Entwicklungsarbeit leisten und wird im Laufe des Arbeits- und Kommunikationszesses zur zentralen Gelenkstelle der didaktischen Community vor Ort. Diese Entwicklungsfinanzierung für eine grundlegende Unterrichtsverbesserung muss in die selbstverantwortlichen Schulen gesteckt werden und nicht in die Schulverwaltung. Mindestens 50% der Stellen im Ministerium und in den Schulämtern sind mittelfristig überflüssig. Selbstverständlich können nicht alle Schulen gleich hohe Qualität entwickeln, deshalb werden herausragend produktive Schulen (Größe, Know-how, Engagement) besonders unterstützt und als Referenzpunkte mit Gütesiegel entwickelt. Die anderen können an den Ergebnissen kostenfrei partizipieren. Entwicklungspartnerschaften werden besonders vergütet. Das reale Geld (und nicht fiktives Spielgeld auf ministerialen SAP –Verrechnungskonten) muss also vorwiegend vor Ort fließen. Rechenschaftspflicht und Dokumentation der Ergebnisse, auch im Internet, versteht sich von selbst.

Die Zeit der Bremser in der Bildungsverwaltung sollte auslaufen. Deutschland braucht Innovation, auch in der Bildungsverwaltung mit mutigen Kultusministern, die – wenn schon auf das Förderalismusprinzip gepocht wird – dieses auch für qualitative und zügige Reformen nutzen. Weitere Zeitverzögerung über wissenschaftliche Gutachten zu den Gutachten der Gutachten gilt es abzuwehren. Es ist fast alles erforscht, um eine grundlegende Richtungsentscheidung für eine veränderte Pädagogik inklusive einer neuen Prüfungsdidaktik zu treffen. Der Rest ist qualitative Begleitforschung.
Noch einmal: Die entscheidende Energieträger sind weniger die Wissenschaft(en) des Elfenbeinturms und deren Heiligtum empirischer Verfahrensfragen, sondern die durchaus wissenschaftlich geschulten Praktiker vor Ort, mit großen didaktischen Werkzeugkisten und situativem Feingespür ausgestattet, die tatsächlich eine qualitative Schulreform täglich im Unterricht gestalten können und sollen. Bildungsstandards sind dabei eine wesentliche Referenzgröße. Das aktive Gestalten-Wollen kann den Lehrern und Schülern niemand abnehmen. Im Zweifel sollte man sich immer wieder an Montaigne und seinen pädagogischen Grundsatz erinnern und an Nietzsche, den großen Skeptiker. Er erklärt ergänzend, „inwiefern auch im Guten das Halbe mehr sein kann als das Ganze.“

[Weiter hier... →]

Tags: Bewusstsein · Bildung · Bildungsstandards · Dunkelkammer · Unterricht · Vorbilder

Gymnasium abschaffen? Das deutsche Gymnasium – ein Fels in der Brandung

17. Dezember 2008 · von Miller · 5 Kommentare

Gymnasium abschaffen? Das deutsche Gymnasium – ein Fels in der Brandung

„Wer das Gymnasium abschaffen will, wird abgewählt“, sagt der Bildungsforscher Wilfried Bos im aktuellen Spiegelinterview.
Bos: (…) Außerdem haben wir in Deutschland eine ständestaatliche Tradition mit einer Schulform, die ziemlich gut funktioniert und die niemand abschaffen können wird: das Gymnasium.
SPIEGEL ONLINE: Und weil das Gymnasium sakrosankt ist, wird sich nie grundlegend etwas ändern?
Bos: Jedenfalls nicht am Gymnasium. Alle Eltern, die etwas zu sagen haben, die kampagnenfähig sind, schicken ihre Kinder aufs Gymnasium – die werden den Teufel tun, diese Schulform abzuschaffen. Die Diskussion ist schlicht müßig.
SPIEGEL ONLINE: Also resignieren Sie?
(…)

Nur wer will in Deutschland die beste Schulform ernsthaft abschaffen? Das Gymnasium ist die moderne Volksschule des 21. Jahrhundert! Bis zum Jahr 2020 brauchen wir eine 75%-Abiturientenquote pro Jahrgang. Das ist möglich, wenn ein ernsthafter neuer bildungspolitischer und pädagogischer Aufbruch nicht behindert sondern gefördert wird. Das ist „Dienst“ am Individuum und seinem Recht auf Bildung. Gleichzeitig ist es „Dienst“ für Deutschland in einer globalisierten Welt. Das Gymnasium ist effizient, wandlungsfähig, potenziell integrationsfähig und zukunftsorientiert. Wer will hier guten Gewissens widersprechen? Frohlocken nicht nur unterm Weihnachtsbaum.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Berufsschule · Bildung · Bildungsgipfel · Gesamtschule · Gymnasium · Vorbilder

Inwiefern auch im Guten das Halbe mehr sein kann als das Ganze – auf Friedrich Nietzsches Spuren

17. Dezember 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Inwiefern auch im Guten das Halbe mehr sein kann als das Ganze – auf Friedrich Nietzsches Spuren

strandlektüre

„Bei allen Dingen, die auf Bestand eingerichtet werden und immer den Dienst vieler Personen erfordern, muss manches weniger Gute zur Regel gemacht werden, obschon der Organisator das Bessere und Schwerere sehr gut kennt: aber er wird darauf rechnen, dass es nie an Personen fehle, welche der Regel entsprechen können, – und er weiß, dass das Mittelgut der Kräfte die Regel ist. – Dies sieht ein Jüngling selten ein und glaubt dann, als Neuerer, Wunder wie sehr er im Rechte, und wie seltsam die Blindheit der anderen sei.“

Anmerkung: Diese pragmatische Erkenntnis gilt selbstverständlich auf im Bereich von Bildung und Wirtschaft. Die Frage der Blindheit ist allerdings keine Frage des Alters.

[Weiter hier... →]

Tags: Bildung · Dunkelkammer · Gymnasium · Uni · Vorbilder

Bildungsstandards, Kompetenzen – Crux (5)

15. Dezember 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Bildungsstandards, Kompetenzen – Crux (5)

In Crux (1) wurden Bildungsstandards als flexible Voodooformeln mit großem Beliebtheitswert im historischen Rückblick erklärt und der Zielkorridor für eine ernsthafte Debatte ausgeleuchtet. Crux (2) diskutierte die Sinnhaftigkeit und Plausibilität des Kompetenz- und Standardbegriffs.
In Crux (3) und Crux (4) fragten wir nach Leistungen von Bildungsstandards, nach unterschiedlichen Wissensarten und fächerübergreifenden Kompetenzbereichen.

In Crux (5) werden – in einer grafischer Darstellung – die drei Felder von fachspezifische Standards durch alle drei Fachbereiche, z.B. der gymnasialen Oberstufe angeboten.

A) Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch ,…)

B) Mathematik und Naturwissenschaften (Mathe, Biologie, Chemie, Physik, Informatik)

C) Gesellschaftswissenschaften (Politik und Wirtschaft, Geschichte, Ethik, Philosophie, …)


Instrumentelle und sprach-kommunikative Kompetenzen werden in allen drei Fachbereichen, d.h. auch in allen Einzelfächern zentrale Orientierung sein. Sie sind jeweils vernetzt mit den spezifisch inhaltlichen Dömanen (Content).
Im Vorgriff auf die in ab Januar 2009 veröffentlichten knappen Fachstandards (ausgewiesene Kompetenzen, die errreicht werden sollen) einige Beispiele zur Illustration:

sprachlich-kommunikative Kompetenzen:
– Differenz von Gesagtem und Gemeintem beschreiben und an kurzen Texten herausarbeiten
– einen bewussten Wechsel der Sprachebenen in fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten analysieren (z.B. Witz, Polemik)
– eigene Texte sprachlich optimieren und Wirkungsabsichten prüfen

literarisch-kulturelle Kompetenzen:
– einen Text kreativ umgestalten
– Symbolik in der Bild- und Filmsprache zur Deutung heranziehen
– literarische Text seit der Aufklärung im Hinblick auf Ich-Bild, Ich-Identität und Krise des Ich analysieren.

Strukturprägend sind diese Standards mit den reflektierten Aufgabentypen und dem Operatorenrad verknüpft. Desweiteren soll innerhalb der Fächer selbstverständlich auch der Aufbau von überfachliche Kompetenzen bei Schülern gefördert werden.(vgl.  Crux 3 und 4).
Fachstandards sollten nicht länger als 3-4 Seiten pro Fach sein. In der Kürze und Prägnanz liegen ihre steuernde Funktion. 40 – 50 Seiten pro Fach (im Duktus von KMK-Vorgaben unter Berücksichtigungen der vorvorgestrigen Papiere) sind zum Scheitern verurteilt, d.h. weitgehend wirkungslos wie die alten Lehrpläne. Auch gut organisierte Jubelveranstaltungen werden diese Praxislücken nicht wegreden können. Illusionsblasen werden einfach ganz unspektakulär platzen und die Karawanen ziehen weiter – auf zum nächsten Irrtum.

[Weiter hier... →]

Tags: Abitur · Berufsschule · Bildung · Bildungsstandards · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Unterricht · Vorbilder · Wirtschaft

Hessen:Ministerpräsidentenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel aktuell

13. Dezember 2008 · von Miller · 2 Kommentare

Hessen:Ministerpräsidentenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel aktuell

Der Bildungswirt hat sich schon mehrmals mit dem liebenswürdigen, aber unkalkulierbaren Hessen beschäftigt. Diesmal fassen wir die ganze Sache mal in drei Videos zusammen.
Der Blick wird in der SPD nach vorn gerichtet, man stellt sich dem Wähler bis zum 18.Januar 2009 – wem sonst? Nach der Wahl ist nicht unbedingt vor der Wahl – das gilt für alle Parteien seit vielen Jahren. Die bekannten Themen schwirren weiter durch die Lüfte und suchen nach Konkretion: Bildungsgerechtigkeit, Studiengebühren, Landesabitur, G8/G9-Debatte, Energiewende, starke/schwache Wirtschaft, Mindestlöhne, starker/schwacher Staat …Anregungen und Kritik erwünscht sich: www.schaefer-guembel.de.

Alternativ kann man sich auch den  Schäfer-Gümbel-Song im Stil des angetrunkenen  Udo Lindenberg (mal nicht ganz so gut drauf, durchzechte Nacht) anhören

Und noch einmal aktuell: Thorsten Schäfer-Gümbel will ernsthaft ins Gespräch kommen. Der Wähler, der Blogger hat die Qual der Wahl.

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bildung · Dunkelkammer · Uni · Wirtschaft

Lernen: Konstruktionen im Kopf (2) und Vorfreude im Leib

13. Dezember 2008 · von Miller · 1 Kommentar

Lernen: Konstruktionen im Kopf (2) und Vorfreude im Leib

Wer das Lernen verstehen will, muss auch unser Gehirn verstehen. Wie arbeitet es, auf was kommt es an? Die Hirnforschung (u.a. Roth, Singer, Spitzer, Ramachandran, Gazzaniga, Mecacci) hat in den letzten Jahren hier enorme Fortschritte zu verzeichnen, gleichwohl steckt sie immer noch in den Kinderschuhen. Interdisziplinäre Forschungsfelder (Gehirn, Bewusstsein, Wahrnehmung, Erkenntnis, Programmierung) werden von Medizinern zusammen mit Philosophen, Biologen, Kognitionswissenschaftlern, Psychologen und Sprachforschern verstärkt bearbeitet. Pädagogen sind in der Regel nicht dabei, obwohl dies dringend geboten wäre. Die zentrale Frage lautet: Was kann die Schule aus diesen Forschungen lernen? Wo liegen die Grenzen der Neurowissenschaften? Wo bläst sich die Hirnforschung unnötig auf, verstrickt sich in Allmachtsphantasien?

Es lernt der Mensch als Ganzheit. Ohne subjektiven Sinn, ohne individuelle Lernmotivation, ohne diese gewisse Vorfreude im Leib gibt es kein Lernen. Der Kopf ist eben nicht allein. Die „Vernunft“ kann  sowohl Ratio als Emotio sein. Die Bauchentscheidung als Zustimmung oder Ablehnung kann sehr vernünftig sein, rationale Summe tieferliegender Erfahrungen. Die rationale Abwägung von Argumenten ist wichtig, aber eben nicht alles. Der kulturelle und situative Kontext beeinflusst (uns) mehr, als wir wahrhaben wollen.

Fassen wir im Folgenden vereinfacht – und immer noch kompliziert genug – die wichtigsten Befunde der heutigen Hirnforschung zusammen:

1. Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes System aus ca. 500 bis 1000 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), ein permanent schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, dazu ›geschmiert‹, geschützt und tempobeschleunigt von 10.000 Milliarden sogenannter Gliazellen. Das Gehirn steuert, kontrolliert, organisiert, integriert, löscht, lernt neu, »kommuniziert« im Dauerbetrieb. Höchstwahrscheinlich laufen mehr als 99% der Gehirnprozesse im Unbewussten ab. »Bewusstsein« ist also die Sonderform, uns bestens vertraut und doch im Einzelnen rätselhaft. Die beiden Gehirnhälften (Hemisphären) arbeiten weitgehend arbeitsteilig, können aber bei Bedarf auch andere Funktionen übernehmen, überlappende Kommunikationen herstellen. Die Brücke (Corpus Callosum) sorgt für den »Datenfluss«. Trotz aller biologischen Gemeinsamkeiten ist jedes Gehirn einzigartig. Vorstellungen vom biologischen »Welt-Durchschnittsgehirn«, von Normierungen und Standardisierungen sind fehl am Platz. Hinzu kommt, dass Lernen auch als »kulturelle Variable« zu verstehen ist mit unterschiedlichen Ausprägungen der Hirnorganisationen.

2. Dieses Erregungsnetz aus genetischen Anlagen und erlernten differenzierten Funktionen und Arbeitsweisen ist in tausend verschiedene Areale segmentiert, braucht Koppelungen, Stimuli, Aktivierungen, Assoziationen. In der gesamten Großhirnrinde (Cortex) lassen sich unter anderem folgende Zuordnungen vornehmen: Im sogenannten »Assoziationscortex« (Bereiche im Scheitel-, Schläfen- und Frontallappen des Gehirns) finden z.B. visuelle Wahrnehmungen, räumliche Strukturierungen und sprachliche Verarbeitungen von Signalen statt, Objektwissen im temporalen Cortex, mathematisches Wissen im hinteren parietalen Cortex. Der präfrontale Cortex simuliert und bewertet Handlungssituationen, erfasst die Motivationslage und setzt Handlungsplanungen um. Die sogenannten Spiegelneuronen sind beim Lernen durch Nachahmung (beim Säugling wie beim Greis), beim Lernen von Bewegungsmustern, beim Wahrnehmen von Emotionen, beim vorausschauenden ›Gedankenlesen‹ der anderen besonders aktiviert. Während die Rhythmuserkennung eher der linken Hemisphäre zugeordnet wird, ist für die Melodie als Ganzes eher die rechte zuständig. Das limbische Assoziationssystem verarbeitet emotionale Aktivierungen, angeborene und gesellschaftlich bedingte. Komplexe Neuronen-Netzwerke arbeiten modular, sind aber grundsätzlich interaktiv geschaltet. Jedes Wahrnehmen ist ein aktives Konstruieren.

3. Das Gehirn ist, allgemein gesprochen, gleichzeitig Überlebensorgan, Handlungsorgan, Bewusstseinsorgan und der ›große Interpret‹; es kann gar nicht anders. Die gesamte Erlebniswelt ist das Konstrukt der internen, interaktiven Hirnkommunikation. Der Zustand des Selbsterlebens ist aus naturwissenschaftlicher Sicht ein physischer Zustand. Jedes Lernen ist kognitive, motorische und emotionale Aktivierung, d.h. auch Neuentwicklung und Umbau von Milliarden von Synapsenverbindungen, Einspielung und Stabilisierung des Netzwerkaufbaus. Gedanken sind codiert in räumlichen Aktivierungsmustern mit erhöhtem Sauerstoffverbrauch. Im Gehirn entwickeln sich topologische Landkarten der Aktivierung mit ständigen Such-, Wahl- und Entscheidungsprozessen. Handeln, Denken, Fühlen sind im Lebensvollzug in ständiger Kommunikation. Phänomene wie z.B. Lampenfieber, Prüfungsangst oder spontane Jubelausbrüche – scheinbar körperliche Aktionen/Reaktionen ohne aktive Hirnsteuerung – erklären sich aus dieser vielschichtigen organischen Einheit. Gefühle sind immer im Gepäck. Jeder (Lern)Gegenstand ist mehr oder weniger affektiv besetzt. Im Cortex als der »Sitz des Bewusstseins« finden ständig komplexe »Selbstbeschreibungen« statt, die das »Ich« als Bewusstsein, Meinung, Wunsch, Gefühl empfindet und manchmal auch für Außenstehende zum Ausdruck bringt. Der tatsächliche Gedanke und der emotionale Zustand können von außen nicht gesehen werden. So kann sich ein Ich durch Training ›gut beherrschen‹, über den wahren Zustand hinwegtäuschen oder auch in seinem Gefühlspanzer ›eingesperrt‹ sein. Unsere Interpretationen sind dann auf wahrnehmbare Zeichen beschränkt.

4. Es gibt nicht das oberste Zentrum, sozusagen die Kommandozentrale aller Hirnaktivitäten, sondern viele Zentralen und Gedächtnisse mit -zigfachen Unternetzen. Begriffe wie Schaltzentralen, Verdrahtungen, Koppelungen, Arbeitsspeicher, Impulsgeber, Aufzeichnungen, Flussbahnen, Programmierungen etc. sind dabei nur bedingt geeignete Begriffe/Metaphern, um sich ein ungefähres Bild zu machen – wir stoßen an die Grenzen exakter sprachlicher Repräsentation, Gehirne ›sprechen‹ über Gehirne im unendlichen Regress. Der Hypothalamus regelt weitgehend unbemerkt unseren Biorhythmus, organisiert die Schlaf-, Wach- und Aktivitätszustände, veranlasst die Hormonausschüttung in die Blutgefäße usw., usw. Hätten wir davon ein Bewusstsein, würden wir buchstäblich verrückt werden. Der schnelle ›Gedächtnisspeicher/Arbeitsspeicher‹ ist vor allem im Hippocampus zu verorten; es erfolgt eine schnelle Aufnahme des Gelernten und langsamere Transformation in die Gehirnrinde in-nerhalb von Tagen, Wochen und Monaten. (Soweit das Gelernte nicht inzwischen wieder gelöscht wurde, es nicht genügend tiefe Spuren hinterlassen hat). Der Fremdsprachenerwerb sollte früh beginnen, umso besser die Erfolgsaussichten. Englisch in der Vor-Schule zu beginnen ist ratsam. Hirnphysiologisch gesehen ist zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr die beste Zeit für den tiefen, einprägenden Erwerb von Fremdsprachen.
Im Mandelkern (Amygdala) ist wiederum ›assoziatives Material‹ gespeichert, dass wir intuitiv bei Bedrohungs-, Kampf- oder Fluchtsituation brauchen. Körper und Geist werden sekundenschnell programmiert, der Blutdruck steigt, der Puls rast, die Muskeln spannen sich zum Körperpanzer. Die eingelagerte Evolutionsgeschichte meldet sich unverkennbar zu Wort. Wer in der Schule Angst hat (die berühmte Prüfungsangst ist dabei nur eine mögliche Form), der blockiert, kann nicht frei denken – erhält einen herben Gruß seines Mandelkerns. Sind wir entspannt, bewegen wir uns im offenen Denkraum und in angenehmer Atmosphäre, so schweigt der Mandelkern und die Großhirnrinde schwingt sich zu kognitiven Höhenflügen auf. Lernerfolg führt zur weiteren Lernverstärkung – das Gehirn ›belohnt‹ sich selbst durch Ausschüttung so genannter Botenstoffe, vor allem Dopamin. Mehr Dopamin, mehr Erfolg, mehr Glücksgefühl und umgekehrt!

Der kurze Ausflug in die Hirnforschung möge genügen, um sich vor allem eins klarzumachen: Die weitgehende Ausrichtung der Schule als kognitive Lernmaschine und ausdifferenziertes Disziplinierungssystem ist ein fataler Irrweg. Sie ist modernen demokratischen Dienstleistungsgesellschaften nicht angemessen und kann das Grundrecht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht einlösen. Während sich innerhalb der pädagogischen Domäne die »Status-quo-Verteidiger« und »Reformer« seit mehr als 100 Jahren über den richtigen Weg der Pädagogik streiten, in ideologischen Kämpfen verstricken, kommt mit neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung mehr Sachlichkeit in die Diskussion. Die Naturwissenschaften bestätigen mehr und mehr viele Ansätze der Reformer, dass der Mensch zugleich ein leibliches, geistiges, emotionales, kommunikatives, spirituelles, freiheitsliebendes Wesen ist, das allumfassend auch in der Schule gefördert werden sollte. Das System Schule als Anstalt ist nicht lebensfähig, muss sich ändern und sich den Potenzialen der Schüler annehmen, sie anregen und neugierig forschen lassen. In der ursprünglichen Bedeutung von Schule, der schola, schwingen immer schon mit: freie Zeit(einteilung), Müßiggang, schöpferische Muße, Studium, Selbstbestimmung. An dieses Netz der Tradition kann hier angeknüpft werden. Schule wäre so – dem Gehirn nachgebildet – ein schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, ein Erlebnis- und Gestaltungsraum täglicher Demokratie, ein guter Ort von Wissensfeldern, Wissensarten, Wissenslogiken und Kreativität, ausgefüllte Praxis der pädagogischen Leitlinie: »Die Menschen stärken, die Sachen klären« (H. v. Hentig).

(Die Zusammenfassung der Ergebnisse der Hirnforschung ist meinem Buch: Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft entnommen)

[Weiter hier... →]

Tags: Allgemein · Bewusstsein · Bildung · Dunkelkammer · Uni · Unterricht