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Finanzkrise, Fake-Lyrik und Blogs – mal etwas anderes im Deutschunterricht

14. November 2008 · von Miller · 2 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Was haben internationale Finanzkrise und Deutschunterricht miteinander zu tun? Antwort erst einmal gar nichts. Und doch lassen sich historische und brandaktuelle Assoziationsketten herstellen, die durchaus Heiterkeit und Erkenntnis in den Unterricht bringen können.

Einige Anregungen (ich verzichte hier bewusst auf die klassischen Fragen zur Gedichtanalyse):

1. Lesen Sie das folgende Gedicht im Computerraum laut vor:

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
Tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Wellt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
Hat der kleine Mann zu blechen
Und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

(Kurt Tucholsky, 1930, veröffentlicht in „Die Weltbühne“.
Zu schön, um wahr zu sein. Selbstverständlich ein Fake aus dem Jahr 2008, der augenzwinkernd unterhält, bewusst irrlichtert und Debatten in Blogs und Tageszeitungen auslöste. Dies sollte von den Schülern selbst herausgefunden werden. Was wäre ein stichhaltiges Argument für die „Fälschung“?)

2. Welche Erwartungshaltung der Leser lassen das Gedicht gern auch 1930 erscheinen? Welche Assoziationsketten werden von außen an den Text herangetragen?

3. Untersuchen Sie im Internet arbeitsteilig ausgewählte Blogs; wie wird zum Thema kommuniziert? Als Zusatzmaterial kommt z.B. in Frage:

http://www.sudelblog.de/?p=37

http://www.spd-rerik.de/wenn-die-boersenkurse-fallen.htm

http://www.rnz-blog.de/html/rnzblog/00_20081027191800_Wenn_die_Boersenkurse_fallen.html

http://finanzblog.kaywa.com/p1041.html

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Tucholskys-Lyrik-zur-Finanzkrise–ein-fauler-Zauber/story/30138400

4. Vergleichen Sie das „Fakegedicht“ mit dem Gedicht von Tucholsky „Hoch verehrtes Publikum“; hier gesprochen von Lutz Görner.

http://www.rezitator.de/gdt/525/

Kategorien: Abitur · Berufsschule · Bildung · Gesamtschule · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht · WEb 2.0

2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 swift // 14 Nov 2008 um 19:09

    Das ist einmal eine interessante Aufgabe, wie man sie wohl eher selten im täglichen Deutschunterricht findet. Will der bildungswirt nun beginnen, mit konkreten Beispielen Anregungen zum „E-Learning“ zu geben?

  • 2 Miller // 16 Nov 2008 um 12:24

    Ja, warum nicht? Immer wieder sollen auch praktische Beispiele und theoretische Hintergründe für eine moderne Unterrichtsarchitektur Thema im Blog sein. Die Serie „Crux der Bildungsstandards“ oder „10 Prüfsteine für einen guten Unterricht“ sind solche Linien zur Verbesserung der Unterrichtsqualität. Die Mitarbeit von engagierten Lehrerinnen und Lehrern wäre wünschenswert. Veröffentlichte „Schatzkästlein“ und Selbstreflexionen der Lehrer sind das Gebot der Stunde.

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