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ZDF-Dokumentation 37 Grad: Lehrer – immer am Limit (??)

11. Oktober 2008 · von Miller · 3 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Der angebliche Alltag der Lehrer war am 07. Oktober 22.15 filmerischer Gegenstand der ZDF- „37 Grad“-Dokumentation „Immer am Limit – Lehrer und ihr harter Job“. (Link zur ZDF-Mediathek)


Die Filmemacher Katharina Gugel und Ulf Eberle montieren eine Realität aus der Perspektive der Lehrer. (In der Sendung davor ging es unter dem Titel „Schwere Last auf schmalen Schultern“ um die Schülerperspektive an einem G8-Gymnasium.) Der Lehrer-Film wurde im Vorfeld breit in den Medien angekündigt, zum Teil empfohlen, bevor er tatsächlich gesehen wurde. Und nach der Sendung? Was haben wir gesehen? Wo sind die Rezensionen, die Lobeshymnen oder auch Verrisse? – weitgehend ein großes Schweigen im Medienwald. Der Bildungswirt will einige Facetten näher beleuchten.

Zuerst gebührt dem ZDF und den Filmemachern sicher Dank, dass sie das Thema „Schule und Lehrerarbeit“ zurzeit verstärkt in die öffentliche Debatte bringen. Allerdings werden dabei immer wieder Eulen nach Athen getragen: Wer glaubt eigentlich noch, dass Lehrer einen Halbtagsjob haben und nachmittags auf dem Tennisplatz stehen? Selbst der Kioskbesitzer an der Ecke weiß, dass Lehrer einen anstrengenden Beruf mit hoher Stressbelastung haben. Das ist auch der Grund, warum die große Mehrheit der Bevölkerung selbst nicht diesen Beruf ausüben wollte.

Die Hauptkritik am „Lebensort Schule“ formulieren in der Reportage die Gesamtschullehrerin Charlotte Hornbostel aus Bad Hersfeld und ihr Kollege Jürgen Liefke aus Duisburg Neumühl in weitgehender Übereinstimmung mit den längst bekannten Urteilen / Vorurteilen in der Bevölkerung:
zu große Klassen, verhaltensauffällige und unmotivierte Kinder, Dauerhektik, Überlastung, Burn-out-Gefährdung, Zunahme der bürokratischen Verwaltungsarbeiten, kaum individuelle Förderung von Schülern möglich. Bei vielen Zuschauern könnten dadurch eher Sehnsüchte nach der verlorenen Disziplin und der Ruf nach Härte hervorgerufen werden. (Im ZDF-Forum zeigen sich erste Spuren). Verunsicherung bei Lehrern und Eltern produzieren schnell den Wunsch nach klarer Orientierung durch Führung.

Filmisch kommen O-Töne zur Unterrichtsmisere:
„Ich bin jetzt echt frustriert“, sagt Charlotte Hornbostel. Ein Satz, den die Lehrerin häufig sagt. Und Jürgen Liefke korrigiert bis Mitternacht Klassenarbeiten, bereitet sich vor (so der Film), kommt mit dem Lehrplan (wie die Kollegin) nicht durch und „muss wieder Schüler bändigen oder unmotivierte ermutigen.“ Sie sind beide überzeugte Lehrer – von den Filmemachern betitelt als „Lehrer aus Leidenschaft“. Liefke meint auch: „Das ist es doch, warum wir an diesem Beruf hängen: Dass wir etwas bei den Kindern bewirken können.“ Hornbostel bestätigt ansonsten bekannten Alltags-Geschichten: „Ganz schlimm ist es nach dem Wochenende“. „Dann sprechen die nur noch in ihrer Computersprache und haben jede Menge Aggressionen angestaut.“ (Wirklich? Eine eigene Computersprache?)

Was sehen wir als Zuschauer noch?
Einen biederen, hausbackenen Unterricht, gelangweilte Schüler! Wie könnte es anders sein? Wir bekommen allerlei Symptome von „Konflikt und Störung“ vorgeführt und gleichzeitig wenig Reflexionsfähigkeit und innovative Unterrichtsansätze der Lehrer gezeigt. Im Gegenteil: Der instruktionspädagogische Häppchenunterricht wird von den Schülern durch weitgehendes Desinteresse und erhöhten Lärmpegel kommentiert. Liefke meint, dass man den Lärmpegel aushalten müsse, man gewöhne sich dran. Mit einer sinnvollen Lernatmosphäre hat das jedenfalls nichts zu tun. Prüfsteine für einen guten Unterricht werden weitgehend (unbewusst?) ignoriert bzw. nicht gewusst.
Die Schüler finden Liefke haben trotzdem sehr nett, da „er ein offenes Ohr auch für private Probleme hat, man mit ihm reden klann“. Erst beim „Überstundenprogramm“ – dem zusätzlichen Theaterspiel gelingt im Ansatz eine Mischung aus Ernsthaftigkeit, Spaß und unterrichtlicher Substanz. Leider viel zu kurz. Über das pädagogisch- didaktische Kunsthandwerk, die notwendige professionelle Handlungskompetenz des Lehrers, erfahren wir fast nichts.

Was sehen wir noch?
Schulleiter Ulrich Stockem, selbst Burn-out-erfahren, macht sich Sorgen um den Gesundheitszustand von Liefke und monologisiert über die Gefahren. Wenn Liefke nichts an seinem Arbeitsstil ändere, dann prophezeit ihm der Rektor spätestens in fünf Jahren einen Herzinfarkt oder ähnliche Katastrophen. Begleitendes zartes Kopfnicken und Händeschütteln, das war’s. Mit einem Gespräch, im wahrsten Sinne des Wortes, hatte das nichts zu tun! Auch dem Kameramann fällt da nichts mehr ein.
Dann eine unsägliche Gesamtkonferenz der Lehrer: Man bestätigt gegenseitig, dass man den Kanal voll habe und das Ende der Fahnenstange erreicht sei. Der Schuleiter versteht sich als tonangebendes Sprachrohr und fordert zum Meinungsbild/ zur Abstimmung auf, wobei er zuerst die Hand hebt, damit auch jeder wisse, welches Zeichen für die anwesende Kamera zu geben sei. Peinlich!

Szenenwechsel: Hornbostel liegt beim Arzt auf der Untersuchungspritsche: Seit einem Jahr spürt die junge Lehrerin die Daueranspannung auch körperlich: „Manchmal hat sie Ohrensausen, Herzrasen, oft kann sie nicht schlafen, und der Bauch drückt. „Beginnendes Burn-out-Syndrom“, diagnostiziert ihr Arzt und mahnt dringend zu mehr Auszeiten. (Liebe Filmemacher, so platt geht dieses Thema nicht in den Kasten)

Hornbostel, Liefke und Stockem sind subjektiv engagiert, nur das allein garantiert keinen qualitativen Sprung zur Lösung der Schulmisere. Auch den ebenso engagierten Filmemachern gelingt nur bedingt ein wirklich sensibles filmerisches Röntgenauge auf Schulwirklichkeiten. Man beteiligt sich an der Verdoppelung der schlechten Realitätsausschnitte und leistet unfreiwillig Vorschub zu deren Zementierung.

PS:Burn-out-Bekämpfung: „Die Erfolge sind am besten, wenn die Hilfestellung im Frühstadium erfolgt, etwa in einer Supervisionsgruppe, also einer Kollegengruppe unter Leitung eines Psychotherapeuten, die sich beispielsweise einmal wöchentlich trifft. Reicht dies nicht aus, sollte eine Einzel-Psychotherapie in Erwägung gezogen werden. Leider werden psychotherapeutische Hilfen aus Scham oder Stolz oft nicht oder viel zu spät aufgesucht. Eine fachgerechte Psychotherapie wird von den Kassen bezahlt,“ so die Filmemacher. Da stimme ich überein.
Professionelles Handlungswissen für den erfolgreichen Unterricht sollte allerdings im Zentrum der individuellen und kollektiven Anstrengung in der Schule stehen und nicht der „Methoden-Schnellkurs“ oder die „Antistress-Nachmittagsschulung“. Für Lehramts-Studierende sollte frühzeitig als grundsätzliche biografische Selbstreflexion gelten: Ist das wirklich meine erste Berufswahl? Denn es gibt auch andere attraktive Berufe. Und für weit blickende Schulleiter gilt: Die bewusste Personalauswahl ist die beste Garantie für die Wirksamkeit von sog. Maßnahmen zur Personalentwicklung. Die Schülerinnen und Schüler hätten das verdient.

Kategorien: Bildung · Dunkelkammer · Gesamtschule · Gymnasium · Literatur / Film · Unterricht · Vorbilder

3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Norbert // 11 Okt 2008 um 22:11

    Danke für die kritische Analyse. Im Netz habe ich nur Filmankündigungen, aber keine Besprechungen gefunden. Hab ich was übersehen?Kennt ihr Filme zur Schule, die nicht nur „biederen, hausbackenen Unterricht mit demotivierten Schülern“ zeigen? Der ultimative Schulfilm ist wahrscheinlich noch nicht gedreht oder sollen wieder fiktionale Klassiker wie „Club der toten Dichter“ ausgegraben werden?

  • 2 Otto R. // 14 Okt 2008 um 00:06

    @Norbert
    Ja, gute Filmanalyse im Bildungswirt. Über besseren Unterricht sollte viel mehr medial gezeigt werden. Die Allerweltsstunden kennen wir genug. Alternativen müssen her. Filme von Reinhard Kahl zeigen in die richtige Richtung.

  • 3 Rainer Jung // 14 Okt 2008 um 12:08

    Wirklich erschreckend erscheint mir die mangelnde (Selbst)Reflexion der gestressten Lehrer.
    Statt in einer Gesamtkonferenz darüber abstimmen zu lassen, wer sich für überfordert und dem Burnout nah fühlt (wie peinlich!), wäre die Zeit sicherlich sinnvoller damit verbracht worden zu überlegen, wie dem Bewegungsdrang bewegungsgehemmter und mediendauerberieselter Schüler Rechnung getragen und so auch der einzelne Lehrer entlastet werden könnte. Sicher nicht durch 45 bzw. 90 Minuten ungebremster Stoffeintrichterung und Verhaltensdressur. Vielleicht aber durch eine andere Stundenaufteilung, in der kognitive Lernphasen immer wieder mit sportlichen, musischen, produktiven Phasen abwechseln.
    Auch müsste doch auffallen, dass die Ergebnisse von Projektwochen oder Methodentagen, die leider noch viel zu wenig in den Unterrichtsalltag integriert werden, oft deshalb gerade so positiv ausfallen und von den Schülern engagiert präsentiert werden, weil sie die Ergebnisse ihrer Arbeit oder ihrer Organisation als ihre eigenen wahrnehmen, sich mit ihnen identifizieren, auf sich und ihr Team stolz sind, weil sie schulisches Lernen ganz anders als sonst wahrnehmen konnten und das Gefühl haten, etwas für sich (und andere) erreicht zu haben.
    Dem gegenüber fällt dann der Alltag oft wieder ab. Dort bekommen die Schüler eine auch von vielen Lehrern als fremd und überfordernd erlebte Stofffülle eingetrichtert – legimiert von einer Lehrplan-Autorität, die nicht hinterfragt werden darf.
    Statt selbstbestimmt und effektiv zu arbeiten werden die als fremdbestimmt, langweilig und sinnlos empfundenen (Haus)Aufgaben entweder abgeschrieben, hingehudelt oder gar nicht gemacht. Beim „Lehrerfreund“ finden sich dann allerlei Ratschläge, wie ein solches Verhalten sanktioniert werden kann. Schule wird so immer mehr zur Strafanstalt!
    Wie soll bei einer solchen Zwangsarbeit nachhaltiges Lernen stattfinden?
    Wie soll da Unterrichten noch Spaß machen?

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