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Weltweite Finanzkrise und metapherngeschwängerte Sprachakrobaten

3. Oktober 2008 · von Miller · 1 Kommentar Artikel drucken Artikel drucken

Die Welt steht Kopf, Herkules-Weltbilder der Wall-Street schmieren ab, unvorstellbare Summen schwirren durch die Lüfte:
700.000.000.000.- Dollar-Rettungspakete dort und 500.000.000.000. Euro Stützstangenkorsette hier, von zusätzlich nervös gewordenen Asiaten mit XXX- Milliarden wollen wir gar nicht reden. Marathonkrisen-Sitzungen all around the world mit fintenreichen Sprachreglungstechniken und Sprachneuerfindungen überschwemmen die Medien und werden gleichzeitig von ihnen angeheizt. Aus diesem Hamsterrad ist derzeit kein Ausstieg möglich. Völlig neue Töne und Wortkombinationen sind inzwischen aus politisch offiziellen Sprechermündern zu hören, so dass kurzfristig der markerschütternde Eindruck entsteht:
Fast alle Redaktionsstuben der Republik sind von linksradikalen Maulwürfen unterwandert und selbst christliche Parteibüros und Arbeitgeber-Chefetagen brechen aufklärerisch mit ihren liebgewordenen Interpretationen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. (Alle sind offensichtlich vor allem mit schnell angelernten MEW-Kapital-Schulungsheften Band 1, 2 und der neuen Fassung Wallstreet 1929/2001 vorbereitet worden).

Was ist hier los, fragt sich der aus dem politischen Schlaf geweckte Bürger? „Abgebrühte gierige Zocker“, „gemeingefährliche Kriminelle“, „höhnisch grinsende Fratzengesichter“ ruinieren mit „waghalsigen Kreditgeschäften“ und „angezündelten Dominoeffekten“ die Welt. Reihenweise fallen die Menschen ab vom „heiligen Glauben an die freie Marktwirtschaft“.
„Wie viel Wut verträgt das System? Wie viele Fäuste, die sich in Hosentaschen ballen?“, fragt z.B. der Tagesspiegel. Die Frankfurter Rundschau ruft ins Land: „Verstaatlicht alle Banken“. Die FAZ analysiert historisch gewendet: „Gier, die über Leichen geht“. Noch vor ein paar Wochen hätte man die Sanitäter gerufen und die „Patienten“ zur Beobachtung in die Psychiatrie eingewiesen. Diagnose: vorübergehende geistige Verwirrung mit sprachlichen Ausfällen.

Die Metaphernproduktion wird geradezu beflügelt und täglich neu angeheizt: Da soll endlich die „Freiheit der Märkte“ gezügelt und in die Schranken gewiesen werden. Dem „Raubtier-Kapitalismus“ soll der Zahn durch den „starken Staat“ gezogen werden. Da werden „Budget-Löcher“ aufgerissen und riesige Summen den „gierigen Zockern“ oder „fetten Katzen“ in den „Rachen geschmissen“.
In aufgeregten Talkshows entdeckt man, fast von Tränen gerührt, die ursprünglich ethisch-moralischen Wurzeln der „dienenden Ökonomie“ und beschwört das Soziale der Marktwirtschaft. Selbstverständlich ruft dies die ganz „besonnen Geister“ auf die Bühne, die mit offenen Armen sofort rufen: „Lasst uns in der schwere Stunde zusammenstehen“, seien wir solidarisch (mit wem eigentlich?), reden wir den Märkten gut zu und drohen wir ein bisschen mit internationalen Regelungen, die in Kommissionen zur Regelung von Regelungen erarbeitet werden müssen. Die Sprachakrobaten verfügen selbstredend über wirtschaftspolitische Kompetenz und, noch viel wichtiger, über die harmonisierende Regelungs- Deregulierung-Sprachdreschmaschinen-Kompetenzkompetenz. Alle sind beim genialen Bayern Edmund Stoiber in die Schule gegangen und können dieses Wissen auch international anwenden: „Dann hätte man für Deutschland eine Regelung, hätte keine regellose Regelung, und die Länder, die die das nicht regeln wollen, die ha haben dann die Bundesregelung, und die Länder, die das äh regeln wollen, können dann das für sich regeln.“ Alles paletti, am Tag der DEUTSCHEN EINHEIT?

PS. a) Warum nicht gleich 700 Milliarden Dollar direkt den notleidenden Häuslebauern zur Verfügung stellen, damit sie ihren Kreditverpflichtungen nachkommen können? Wäre mal eine andere Art öffentlicher Krisensanierung – the great american dream – yes, we can!

b) Das Vermögen der 100 reichsten Amerikaner könnte die Finanzkrise weitgehend schultern. Keine „kalte Enteignung“ (welch garstig Wort!), sondern eine langfristige solidarische Leihgabe an Millionen Zeitgenossen, pathetisch: an die Menschheit. Ruhm, Ehre und Unsterblichkeit wären ihnen gewiss.

Kategorien: Abitur · Allgemein · Berufsschule · Bildung · Dunkelkammer · Unterricht · Wirtschaft

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Andreas Meier // 5 Okt 2008 um 21:32

    Die Zocker treiben ganze Nationalstaaten in die Krise. Die deutsche Bundesregierung fällt von einer Krisensitzung in die nächste. Jede Bank misstraut der anderen (und schreit wendehalsmäßig nach dem „starken Staat“ mit dem großen Geldsack). Jahrelang die Extraprofite privat einstreichen und jetzt die gigantischen Verluste vergesellschaften. Die „Sprachakrobaten“, wie gelungen im Artikel zusammengestellt, treiben ihr Blüten.
    Die verlinkten Videos mit Stoiber sind absolute Spitze. Die beiden unter PS. vorgestellten Vorschläge sollte man mal näher diskutieren. Warum nicht so die Krise meistern?

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