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Einträge vom September 2008

Bildungsstandards, Kompetenzen – Crux (3)

15. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Bildungsstandards, Kompetenzen – Crux (3)

In Crux (1) wurden Bildungsstandards als flexible Voodooformeln mit großem Beliebtheitswert im historischen Rückblick erklärt und der Zielkorridor für eine ernsthafte Debatte ausgeleuchtet. Crux (2) diskutierte die Sinnhaftigkeit und Plausibilität des Kompetenz- und Standardbegriffs. Crux (3) und Crux (4) schließen hier an, fragen nach Leistungen von BS, nach unterschiedlichen Wissensarten und Kompetenzbereichen.

Was leisten Bildungsstandards?
„Wenn es gelingt, Bildungsstandards so zu gestalten, dass sich in ihnen eine Vision von Bildungsprozessen abzeichnet, eine moderne ´Philosophie´ der Schulfächer, eine Entwicklungsperspektive für die Fähigkeiten von Schülern, dann können die Standards zu einem Motor für die Steigerung der Bildungsqualität von Schulen werden“, meint der Bildungsforscher E. Klieme. Recht hat er – wenn es gelingt!? Den grundlegenden Trend des lebensbegleitenden Lernens gilt es zu erfassen und sicherzustellen, dass die Betroffenen zu Beteiligten werden (können).

Lebensbegleitendes Lernen wird zum Schlüssel individueller Lebenschancen als auch zum Leitbild einer Wissensgesellschaft. Problemlösung als Grundmotiv immer neuer Wissensproduktion kreiert die Notwendigkeit von Folgewissen (z.B. Folgeabschätzung beim Einsatz von technischen Systemen, experimenteller Verfahren oder politischen Maßnahmen), von vernetztem Wissen bei zukünftig immer größerer Bedeutung von interdisziplinärer Zusammenarbeit und von Meta-Wissen zur Bewältigung der nahezu unendlichen Informations- und Wissensmengen. Hermeneutische Kompetenz und Internetkompetenz erfüllen dabei Schlüsselfunktionen eines kulturellen Kapitals der einzelnen Subjekte.

Aus dieser grundsätzlichen Bestimmung ergeben sich für die gymnasiale Oberstufe ( als auch für die Erwachsenenbildung) fünf fächerübergreifende Kompetenzbereiche mit jeweils zugeordneten fächerübergreifenden Standards, die unterschiedliche Lernausgangslagen und Potenziale der Lernenden berücksichtigen sollen.

Kommunikative Kompetenzen, Personale Kompetenzen, Soziale Kompetenzen, Methodisch-instrumentelle Kompetenzen, Soziale Kompetenzen

Eine kurze Beschreibung der fächerübergreifenden Kompetenzbereiche erfolgt in Crux (4). Innerhalb dieser Bereiche werden einzelne Bildungsstandards im Sinne des Dreiklangs von Wollen , Können, Wissen entwickelt.

Neben diesen überfachlichen Kompetenzen und Standards sind die jeweiligen Fachkompetenzen und Fachstandards für die einzelnen Fächer zu entfalten, z.B. Englisch, Deutsch, Mathematik, Biologie, Politik und Wirtschaft.
In den nächsten Wochen erfolgen dazu im Bildungswirt Vorschläge mit dem Titel: Bildungsstandards konkret. Zur Praktikabilität und Wirksamkeit sollten Fachstandards knapp formuliert werden, d.h. nicht mehr als 3 bis 4 Seiten pro Fach! Das ist die eigentliche Kunst didaktischer Steuerung. So kann gewährleistet werden, dass Lehrer, Schüler und Eltern tatsächlich verstehen können, worum es geht. Die konkrete Ausgestaltung obliegt den selbstverantwortlichen Schulen in sog. Arbeits- und Neugierplänen. Hier können subjektive Lernpräferenzen, situative und historische Besonderheiten effizient eingebracht werden. Staatliche Detail- Vorgaben und Gängelungen sind hier überflüssig, kontraproduktiv für kreative Lernprozesse.

Allerdings: Standards im Umfang von 40 bis 50 Seiten pro Fach (die jetzigen vorherrschend verschrobenen und unreflektierten KMK-Vorgaben) werden das gleiche Schicksal erleiden wie die alten Lehrpläne. Sie werden in der Unterrichtspraxis weitgehend ignoriert, entfalten kaum Wirksamkeit und dümpeln in verstaubten Ecken. Als banale Rettungsanker werden dann sog. Kerncurricula nachgeschoben (hört sich immer gut an: Curriculum und Kern) und Settings von Aufgabentypen, die die eigentliche Steuerungsfunktion übernehmen werden. Bildungsstandards werden so als Seifenblasen momenthaft aufscheinen.

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Bildungswirt liest pädagogisch-gastronomische Vernunft

12. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Bildungswirt liest pädagogisch-gastronomische Vernunft

Öffentliche Lesung im Odyssee Kult

Der Bildungswirt alias Dr. Michael Miller liest aus seinem neuen Buch „Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft – Alle reden von Schule – was ist zu tun?“

Er beschäftigt sich mit den »heißen Eisen« der Bildungspolitik und unterzieht sie einem ständigen Szenenwechsel. Wichtigen Bildungsfragen nachspüren heißt auch, das Ohr am Puls der Kneipenkommunikation zu haben. Die Kneipe als eine der bedeutendsten sozialen und kulturellen Institutionen des gesellschaftlichen Lebens wird präsentiert als Ort, von dem die Schule und der nationale Bildungsgipfel lernen können.

Wo? Odyssee Kult, Weberstr.77 Frankfurt-Nordend
Reservierungen:Tel. 069- 90500995

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Bernhard Bueb – Allmachtsphantasien aus der Mottenkiste

8. September 2008 · von Miller · 6 Kommentare

Bernhard Bueb – Allmachtsphantasien aus der Mottenkiste

Die Republik diskutiert ernsthaft über Bildung; Bund und Länder bereiten sich auf den nationalen Bildungsgipfel vor, die Bundeskanzlerin reist bildungsbeflissen durchs Land (reisen soll bekanntlich bilden) und Massenblätter lancieren ihre Positionen und pädagogischen Lieblinge. Die FAZ – wie könnte es anders sein – puscht den Disziplinmatador und ehemaligen Internatsleiter Bernhard Bueb. „Deutschlands strengster Lehrer“ (die Bildzeitung über Bueb) wiederholt, was er seit Jahren vertritt in neuem Gewand. Aus der Buebschen Mottenkiste wird im Jahr 2006 zuerst Lob der Disziplin hervorgeholt und jetzt, im September 2008, mit dem neuen Buch Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung nachgeladen.

Warum nicht gleich 10 Gebote, in Stein gemeißelt, vom Bueb-Moses-Internat zur erzieherischen Heilung der deutschen Jugend? In L.d.D. waren noch Entgleisungen zu lesen wie „Die Menschen klären, die Sachen stärken“ (Bueb, 10. Aufl., S. 164). Korrekt heißt es selbstverständlich bei Hartmut v. Hentig: „Die Menschen stärken, die Sachen klären“. Der Freudsche Versprecher (von Autor und Lektor!) läßt tief blicken. Besonders peinlich ist diese Entgleisung auch deshalb, weil Bueb zuvor explizit von Hentig hervorhebt. „Der große Unruhestifter in Sachen Bildung und Erziehung der Nachkriegszeit und Nestor pädagogischer Theorie und nachdenkender Praxis, Hartmut von Hentig, hat es verdient, schon wegen seiner genialen Formel zur Beschreibung der Tätigkeit aller Lehrer und Erzieher in den pädagogischen Olymp aufzusteigen.“(S.164). Dann diese fundamentale Patzer! Von dort ist es nicht weit zur neuen Verpackung: Alle Macht den Schulleitern! , so der FAZ-Vorabdruck aus den neun Geboten.

Erziehung ist für Bueb wesentlich Führung und Gefolgschaft, immer mit den besten Absichten, versteht sich von selbst. Ansonsten tischt Bueb Binsenweisheiten und oberflächlichen bildungspolitischen Konsens auf. „Kinder und Jugendliche brauchen gestaltete Gemeinschaften.“ Dissens bricht bei klugen Pädagogen jedoch sofort auf, wenn er ständig betont „unter Führung von Erwachsenen.“ Bueb fordert die Ganztagsschule – wer inzwischen eigentlich nicht? Dann kommt die spezielle Buebsche Variante: „Als wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der Ganztagsschule gilt, dass dieselben Erwachsenen, die morgens unterrichten, nachmittags als Partner im Spiel auftreten – nämlich die Lehrer.“ Fürchterlich. Dann gäbe es für Schüler kein Entrinnen mehr: die durchgeplante Lehrerschule als überwachendes Erziehungs-Gesamtprogramm. Der eingepasste Lehrer als 7.00 bis 17.00-Arbeitnehmer für die Erziehungsanstalt der Zukunft?
Und das soll der Ausweg aus der „Erziehungs- und Bildungskrise“ sein? Mit Bueb zurück in die Führungszukunft?

Wir brauchen stattdessen starke selbstverantwortliche Schulen (sprich: Schulgemeinden aus Lehrer, Schüler, Eltern und Schulleiter mit demokratischer Schul- und Lernkultur) mit Personal- Budget- und Programmhoheit. Wir brauchen die Auflösung bürokratisch-ministerialer Gängelungen (da hat Bueb im Grundsatz recht), die schnelle Beseitigung der Überregulierungen im Schulalltag. Muss deshalb das Berufsbeamtentum für Lehrer abgeschafft werden? Ein alter Vorschlag, den Bueb erneut aufwärmt und glaubt, dass sich die Lehrer dafür selbst einsetzen müssten. Wo lebt der Mann?
Nehmen wir einmal an, dass die Lehrer tatsächlich sagen würden: Warum nicht? – so schlage ich vor: Als Pilotprojekte sollten zuerst die Kultusministerien und Schulämter dienen; denn Führung heißt Vorbild sein für mehr Flexibilität, Kreativität und Zivilcourage. Das wäre der Praxistest der Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit zur beamtenrechtlichen Reform. Gut, dass wir uns noch unseres eigenen Verstandes bedienen und diesen nicht beim Pförtner, pardon „Führer“, abgeben. Von dem einstigen Reformpädagogen Bernhard Bueb ist nicht mehr viel geblieben.

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FAZ blubbert bildungspolitisch durchs Land

4. September 2008 · von Miller · 1 Kommentar

FAZ blubbert bildungspolitisch durchs Land

Auf der Titelseite der Print-FAZ von heute ist groß zu lesen : „Bildungspolitik braucht ehrgeizige Ziele“. Wohl wahr! Nur welche ehrgeizigen Ziele sind das? Mit welchen Inhalten und Ausgestaltungen? Durch welches Personal umgesetzt? Wie finanziert? Welcher Zeitplan liegt vor? Der Leser erfährt nichts. Stattdessen fließt ein großes Geblubber durch den deutschen Wald der Binsenwahreiten. Die Kanzlerin „rückt das Bildungsthema ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit“, setzt sich für den nationalen Bildungsgipfel am 22.10. in Szene. „Das ärgert die Ministerpräsidenten“, es gibt eine „zusätzliche Verstimmung“ wegen der Merkelschen Bildungsreise. „Das Vorpreschen der Bundesregierung stärkt nicht die Solidarität unter den CDU-Ministerpräsidenten“ und „die Ministerpräsidenten haben zur Bildungspolitik fast immer ein ambivalentes Verhältnis“. Die unionsgeführten Länder „verspielen leichtfertig ihren bildungspolitischen Kompetenzvorsprung“ und so weiter, bla und blubb. Im ersten Fazit versteigt sich die Chefkommentatorin zur verwegenen These, dass die Ministerpräsidenten „aber mit ihren Kultusministern auf Kriegsfuß stehen.“ Prüfen wir das einmal am Beispiel Hessens. Roland Koch und Jürgen Banzer auf Kriegsfuß? Was würde da der gemeine Hesse antworten, z.B. der klar denkenden Bauer aus der Wetterau? „Ei, was en Geschwätz, die sind doch en Kopp un en Arsch.“ Koch und Banzer verfolgen selbstverständlich, Schulter an Schulter, die gleichen Ziele, was sonst?

Weiter faselt der Kommentar im Neusprech von der „demographischen Rendite“, hört sich einfach schick an. Gemeint sind die Finanzmittel, die durch den starken Rückgang der Schülerzahlen eingespart werden können (weniger Personalkosten, weniger Lehr- und Lernmittel, weniger Schulträgerkosten). Keine konkreten Zahlen des Schülerrückgangs, keine Bezifferung des Sparpotenzials und alternativer Verwendungsmöglichkeiten. Armselig! Angedeutet werden „verabredete Forderungen wie verpflichtende Sprachstandsfeststellungen und Förderunterricht vor Schulbeginn oder Aufstiegsstipendien für Nichtabituriennten“.

Nebulös geht’s weiter mit: „Viele knüpfen an vorhandene Projekt an und sollen sie strategisch verbinden, weitere sollen neu hinzukommen.“ Nicht fehlen darf der Hinweis auf die „Initiative Abschluss und Anschluss“, der gebetsmühlenartige Verweis auf den Fachkräftemangel bei den Ingenieurberufen und die Senkung der Quote der Schulabbrecher. Mit Verlaub, alles alte Kamellen, seit vielen Jahren bekannt, zig-fach angemahnt und bildungspolitisch durchgewunken: Schön, dass wir wieder einmal darüber reden konnten. Doch bei Bildungslaien, auch bei Journalisten, die gerne Pressemitteilungen abschreiben, immer noch gut genug für wichtigtuerische Zeilen. (Als Gegengift empfehle ich heute den Bildungsbericht 2008). Zum Schluss wird dann noch die obligatorische „tiefe Vertrauenskrise, in der das Bildungssystem steckt,“ konstatiert, die „halbherzigen Schritte“ kritisiert und – den Blick nach vorn gerichtet – „die Chance einer gemeinsamen Initiative von Bund und Ländern“ naiv beschworen. Was ein Finale, die Sprechblasen-Dreschmaschinen ziehen ihre medialen Kreise. In der FAZ hatte ich schon Besseres gelesen.

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Kinderkrippen, Kindergärten:Erhellendes nebenbei gefunden (7)

4. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Kinderkrippen, Kindergärten:Erhellendes nebenbei gefunden (7)

Kindergrippen, Kindergärten, Schulen:

Der hessische Landkreistag meint, u.a.:

„Gemessen am neuesten Stand der Lernforschung sind viele deutsche Krippen, Kindergärten und Schulen wie Garderoben, an denen man sein Kind abgibt und zufrieden ist, wenn man es unzerknautscht zurückbekommt.“

„Paradox ist, dass viele deutsche Schulen immer noch wie Lehr-Anstalten arbeiten, und sich dabei auf das reine „Abfüllen“ der Schüler mit Fachinformationen beschränken. – Leere herrscht bei der Förderung von Einzelbegabungen, der Entwicklung der Perönlichkeit, der Vermittlung von Fertigkeiten und der Aus-„Bildung“ von Lebenstüchtigkeit.“

(aus: Strategiepapier des Hessischen Landkreistages zur Fortentwicklung des Schulwesens in Hessen für die 17.Wahlperiode des Hessischen Landtages 2008-2013 . Vorlage für den kulturpolitischen Ausschuss des Landtags – Anhörung am 16.Juni 2008. Es geht insgesamt um die Reform des Hessischen Schulgesetzes und weitere bildungspolitischen Weichenstellungen – dazu eine öffentliche Anhörung aller gesellschaftlich relevanten Gruppen. Die Debatte wird in den nächsten Monaten fortgesetzt.)

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Lohnspirale abwärts – wirtschaftspolitische Argumentationen

1. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Lohnspirale abwärts – wirtschaftspolitische Argumentationen

Mit der sozio-ökonomischen Grundbildung ist es in Deutschland nicht weit her. Das gilt nicht nur für den sog. Otto-Normalverbraucher, sondern auch für die Mehrheit der Oberstufenschüler des Gymnasiums – auch für einen Großteil der Lehrer. Der oft schwer genießbare Cocktail aus betriebs- und volkswirtschaftlichen Fachbegriffen (Konjunktur, Export-Import, Binnennachfrage, Kapitalkosten, Arbeitskosten, Produktivität, Lohnquote, Gewinnquote, Volkseinkommen, Leistungsbilanz, Bruttoinlandsprodukt etc.) und kleineren, kompliziert erscheinenden Argumentationsketten führen zu Desinteresse und dem Gefühl „Ökonomie ist nichts für mich“, ein Buch mit „sieben Siegeln“.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die vorherrschenden Theoriebildungen – angebotsorientierte Wirtschaftspolitik versus nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik – eher als Scheinriesen fungieren. Je näher man hinschaut, desto kleiner sind sie. Die Argumentationen wiederholen sich in einer unendlichen Schleife, die mit entsprechend aufbereitetem statistischen Material gestützt werden.

Hat man das Spiel einmal verstanden, erkennt man, dass hunderte von anscheinend neu publizierten Artikeln und Büchern, allein in den letzten zwei Jahren, eben nicht wirklich neu sind. Sie bleiben in den vorher schon bekannten Argumentationsketten. Entwickeln wir ein Beispiel zur Anwendung:

Die Binnennachfrage, der private Konsum, ist mit ca. 60% der gesamtwirtschaftliche Leistung (das in einem Jahr erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt; Waren und Dienstleistungen in Euro bewertet) der Hautpfeiler der Konjunktur. Der zweite Pfeiler ist der Export. Löhne sind wesentlich, volkswirtschaftlich gesehen, „Kaufkraft“. Steigen sie, wird i.d.R. mehr konsumiert und dadurch die Konjunktur gestützt. Folglich wären Lohnsenkungen bzw. Lohnstillstand Gift für die Konjunktur. Das subjektive Interesse jedes Arbeitnehmers ist mehr Lohn für mehr Konsummasse (in unsicheren Zeiten mehr „Vorsorge mit Spareffekten“, was ebenso Gift für die Konjunktur ist, da dem Konsum entzogen). Das subjektive Interesse des Arbeitgebers ist es, wenig Lohn zuzahlen (auch im Gewand von Lohnverzicht für den Erhalt des Arbeitsplatzes oder der Forderung nach „moderaten Lohnsteigerungen“), denn Löhne sind Arbeitskosten, die Unternehmen tief halten wollen. Ein völlig rationales Verhalten, das betriebswirtschaftlich stimmig ist. Die betriebswirtschaftlichen Rationalitäten der vielen unkoordinierten Unternehmer (die unsichtbare Hand des Marktes soll die Koordination richten, Preisermittlung durch Angebot und Nachfrage, z.B. in Form von Niedriglöhnern am sog. Arbeitsmarkt) schlagen jedoch volkswirtschaftlich in ihr Gegenteil um, da die Nachfrage (Kaufkraft) sinkt. Zum Teil kann dies durch verstärkten Export aufgefangen werden (Deutschland als Exportweltmeister). Deshalb die Forderung der Arbeitgeber, mit einer psychologischen Angstfärbung für die Mehrheit der Bevölkerung vorgetragen, „deutsche Wettbewerbsfähigkeit nicht gefährden“, Drohung mit „Arbeitsplatzverlagerung“ falls die Arbeitskosten zu hoch sind. Grundkonzept: Gürtel enger schnallen! An jeder beliebigen Stelle der Argumentationen kann eine weitere Verzweigung angedockt werden, z.B. das Problem der Produktivitätsentwicklung und der Investitionstätigkeit.

Ökonomisch unterschiedliche Interessen(und ihre personalen Vertreter) sind deshalb meist schwerhörig gegenüber (auch gut gemeinten) moralischen Appellen. Die übergeordnete „Vernunft“ beanspruchen alle; meist mutiert diese und kommt als im Plural gewandelte „Vernünfte“ dahergehinkt.
Probiert selbst solche Argumentationsketten aus. Als Material kann der heute erschienene Artikel Spirale abwärts genutzt werden. Jederzeit findet ihr im Netz unzählige weitere Beispiele.

Ausführliche Darlegung zur angebots- und nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik hier.

PS. Und wie würden dazu knapp gefasste Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe aussehen? Auch für Schüler und Eltern verständlich?

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