Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 1

Zehn Prüfsteine für einen guten Unterricht – eine Alternative zu Spickmich

18. September 2008 · von Miller · 7 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Guten Unterricht gestalten will jeder; eine tägliche, kritische Selbstprüfung für Lehrerinnen und Lehrer. Ein komplexer Bildung- und Erziehungsauftrag, der immer wieder neu öffentlich diskutiert werden muss

Bewerten Sie Ihren Lehrer, sprechen Sie mit Ihren Kindern über den Unterricht, sprechen Sie mit anderen Eltern, gehen Sie in die Schule und suchen Sie das offene Gespräch.

Folgende 10 Prüfsteine dienen als Selbstreflexion und Praxistest für guten Unterricht eines Lehrers:

1. wer seinen Unterricht mehrdimensional plant, aber prinzipiell situativ, problem- und personenbezogen offen ist für NEUES

2. wer die Lernenden (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) an Planung und Strukturierung des Unterrichts beteiligt und regelmäßig Schülerfeedbacks zu konkreten Einzelstunden durchführt und dokumentiert

3. wer Themen und Inhalte seines Unterrichts auf die Erfahrungen und die Interessen der Lernenden zu beziehen vermag

4. wer sich vom Verlauf des Unterrichts überraschen lassen kann und mit unerwarteten Wendungen (viele gute Einfälle von Schülern) erfolgreich umgehen kann

5. wer seine ›Stofffixiertheit‹ reflektiert überwunden hat

6. wer als Lehrender versteht, warum ein Lernender oft nicht verstehen kann

7. wer Lernende motiviert, sich mit den Grenzen ihres Vorwissens und ihrer Wissensinteressen zu beschäftigen

8. wer Lernenden Mittel und Wege aufzeigt, ihr Lernen selbständiger zu strukturieren und ein unterschiedliches Lerntempo in der Gruppe/beim Einzelnen akzeptiert

9. wer Lernende dazu herausfordert, die Ergebnisse ihrer Lernprozesse selbst zu beurteilen

10. wer es vermeidet, ›abstrakte Autoritäten‹ zur Begründung des Unterrichts heranzuziehen (typische Motivationskiller: »Ich will eigentlich ja auch nicht, aber der Lehrplan, die Bildungsstandards,
das Ministerium, die Schulaufsicht … deshalb müssen wir jetzt …«).

Quelle: Michael Miller (2008, S. 56/57): Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft. Alle reden von Schule – was ist zu tun?

PS. 10 Prüfsteine sind eine echte Alternative zu Spickmich.de

Kategorien: Berufsschule · Bildung · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht · Vorbilder

7 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Maria // 19 Sep 2008 um 13:51

    Mit den 10 Kriterien f&#252r guten Unterricht gehts ans Eingemachte. Ich bin gespannt, ob es dazu mal Praxisberichte von Lehrern gibt. Aus Sch&#252lersicht kann ich nur sagen, dass bei den meisten Lehrern die Kriterien 4, 5, 6 und 10 nicht erf&#252llt sind. Beim Kriterium 8 tut sich etwas, Methodentraining uns selbstst&#228ndiges Arbeiten sind bei uns zunehmend gefragt. Kriterium 1 halte ich f&#252r Utopie, wie soll das gehen? Und Spickmich finde ich immer noch gut. Vielleicht passt auch beides zusammen.

  • 2 Frank // 21 Sep 2008 um 22:19

    &#64Maria
    Ich stimme dir zu, dass wir Spichmich weiter brauchen. Trotzdem gefallen mir die 10 Pr&#252fsteine. Hier sollten sich Sch&#252ler und Lehrer gemeinsam abm&#252hen. Beim Pr&#252fstein 6 haben ich jedoch Zweifel, ob sich die Lehrer wirklich daf&#252r interessieren. Mich hat noch keiner tiefer gefragt, warum ich etwas nicht kapiere. Ich bin gespannt, ob ein erfahrener Lehrer antwortet und sich damit ein bi&#223chen outet.

  • 3 Sandra // 23 Sep 2008 um 15:41

    w&#252nschenswert w&#228re die umsetzung dieser 10 pr&#252fsteine, ob sie jedoch realiesierbar sind wei&#223 ich nicht. ich stimme maria zu, dass die punkte 4,5,6 udn 10 meist nicht erf&#252llt werden. bei den punkten 2 bis 4 bin ich der meinung, dass etwas passiert…die lehrer scheinen sich mehr zu bem&#252hen, den unterricht -sei es durch feedbacks oder z.B. gruppenarbeiten der sch&#252ler -mitgestalten zu lassen.Die Stofffixiertheit und eben die „nichtoffenheit f&#252r NEUES“ (punkt 1) ligen wohl daran, dass sich die lehrer an Lehrplan, die Bildungsstandards,
    das Ministerium und die Schulaufsicht halten m&#252ssen:) …meiner meinung nach eine sehr bequeme ausrede, um vor den sch&#252lern den trockenen, durchstrukturierten und langweiligen unterricht zu rechtfertigen. Viele Lehrer machen sich nicht einmal die M&#252he den unterricht von jahr zu jahr etwas zu ver&#228ndern-geschweige denn die klausuren. dass es f&#252r die lehrer nicht selbst langweilig wird- das verstehe ich nicht.

  • 4 Karl-heinz Albers // 24 Sep 2008 um 20:49

    ich finde leider nicht die zeit, mich genau zu informieren, was das hier f&#252r eine website ist. (ich komme &#252ber „nachdenkseiten“) Aber herausgefordert zu kurzkommentaren haben mich(Laufbahn-Coach) die „einseitigen“ 1o Pr&#252fpunkte auf jeden fall:
    Folgende 10 Pr&#252fsteine dienen als Selbstreflexion und Praxistest f&#252r guten Unterricht eines Lehrers:
    1. wer seinen Unterricht mehrdimensional plant, aber prinzipiell situativ, problem- und personenbezogen offen ist f&#252r NEUES
    Sofern „das Neue“ keine bequeme oder eindeutig st&#246rende Ablenkung ist !(Ich wei&#223, „St&#246rungen“ haben Vorrang.)
    2. wer die Lernenden (im Rahmen ihrer M&#246glichkeiten) an Planung und Strukturierung des Unterrichts beteiligt und regelm&#228Vig Sch&#252lerfeedbacks zu konkreten Einzelstunden durchf&#252hrt und dokumentiert
    Wenn man glaubt, dass Transparenz alles ist. Dokumentitis?
    Transparenz hat selektiv zu sein(sonst dient sie nur falschen Kontrollinteressen) und Demokratie setzt bestimmte Kompetenzen voraus: Die Abstimmung am Kiosk durch den Kauf der Bildzeitung ist keine Demokratie, sondern Diktat des Marktes. Das sollte man nie verwechseln.
    3. wer Themen und Inhalte seines Unterrichts auf die Erfahrungen und die Interessen der Lernenden zu beziehen vermag
    Ja, aber es gibt auch Themen, die fern von Interesse und Erfahrung liegen. Sollen die flach fallen?
    4. wer sich vom Verlauf des Unterrichts &#252berraschen lassen kann und mit unerwarteten Wendungen (viele gute Einf&#228lle von Sch&#252lern) erfolgreich umgehen kann
    Auch mit den Fluchtversuchen von demotivierten Sch&#252lern?
    5. wer seine >Stofffixiertheit> reflektiert &#252berwunden hat
    Ja, sch&#246n. Doch wo liegt eigentlich die wirkliche Stofffixiertheit? Haupts&#228chlich bei den Lehrern????
    Wenn nicht, dann bitte dort monieren!
    6. wer als Lehrender versteht, warum ein Lernender oft nicht verstehen kann.
    der mu&#223 als Lehrender offen , ruhig und wenig unter Druck sein. Lehrer unter Druck, ist das nur ein pers&#246nliches Defizit?
    7. wer Lernende motiviert, sich mit den Grenzen ihres Vorwissens und ihrer Wissensinteressen zu besch&#228ftigen
    sch&#246n
    8. wer Lernenden Mittel und Wege aufzeigt, ihr Lernen selbst&#228ndiger zu strukturieren und ein unterschiedliches Lerntempo in der Gruppe/beim Einzelnen akzeptiert
    Anderes, unterschiedliches Tempo kann mensch nur akzeptieren, wenn der angeblich objektive Zeitdruck genommen bzw. hinterfragt werden kann/darf. Wir hinken hinterher a la PISA hilft dabei gar nicht.
    9. wer Lernende dazu herausfordert, die Ergebnisse ihrer Lernprozesse selbst zu beurteilen
    10. wer es vermeidet, abstrakte Autorit&#228ten zur Begr&#252ndung des Unterrichts heranzuziehen (typische Motivationskiller: >Ich will eigentlich ja auch nicht, aber der Lehrplan, die Bildungsstandards,
    das Ministerium, die Schulaufsicht… deshalb m&#252ssen wir jetzt…<). Wie bitte? Diese Wahrheiten m&#252ssen verschwiegen werden? Quelle: Michael Miller (2008, S. 56/57): Lob der p&#228dagogisch-gastronomischen Vernunft. Alle reden von Schule – was ist zu tun? Anmerkungen: Karl-heinz Albers

  • 5 Bildungswirt // 7 Okt 2008 um 18:43

    @Sandra, Maria, Frank und Karl-Heinz Albers
    Vorweg: Eure Kommentare konnten „gerettet“ werden, das ist uns nach der technischen Großpanne doch noch gelungen. Nochmals pardon!
    Inhaltlich: @ Sandra, Maria und Frank.
    Ihr legt mit euren Statements den Finger in die Wunde. Ich denke, dass fast jeder Schüler ab 14 Jahren sehr realistische Wahrnehmungen zum tatsächlichen Unterrichtsgeschehen hat. Empirische Bildungsforschungen bestätigen dies, entgegen der weit verbreiteten Lehrermeinung – „Schüler hätten dazu noch keinen richtigen Überblick“. Tja, und konkrete Lehrereinschätzungen zu den 10 Prüfsteinen würden mich hier auch interessieren. Ich weiß, dass viele Lehrer in der gymnasialen Oberstufe und in der Berufsschule den Blog lesen, leider sich aber nicht äußern. Geduld, vielleicht kommt es noch.
    @Karlheinz Albers
    Den Vorwurf der „Einseitigkeit“ kann ich nicht nachvollziehen, da ich mit den 10 Prüfsteinen gerade auf Vielfalt und Pluralität in komplexen Unterrichtsprozessen setze.
    Zu 1: Um Bequemlichkeit geht es nicht. Allerdings muss das „Neue“ wahrgenommen und entdeckt werden. Das gilt für L und S. Hierin zeigt sich professionelles Handlungswissen des L..
    Zu 2: „Transparenz hat selektiv zu sein“, ja, da bin ich im Grundsatz mit dir einig; also keine „Dokumentitis“. Hatte ich auch nicht als Prüfstein formuliert, sondern von „konkreten Einzelstunden“ gesprochen. Was „regelmäßig“ heißt, entscheidet die Lerngruppe.
    Zu 3: Schwierig im Einzelnen zu entscheiden.Das pädagogische Geschick des Lehrers wird in besonderen Maße gefordert. Der vermeintlich notwendige „Kanon“ steht oft genug den Lerninteressen entgegen und ist Aberglaube von KMK-Jasagern.(Ich habe dazu am Beispiel der Fächer Deutsch und Geschichte ausführlich in meinem Buch „Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft“ Stellung bezogen.)
    Zu 4: Rein rhetorische Frage von dir. Da müsstest du schon konkreter werden.
    Zu 5: Ja, die Stofffixiertheit liegt hauptsächlich bei den Lehrern, flankiert durch „abstrakte Autoritäten“, vgl. 10. Prüfstein. Die Freiheit des Lehrers ist bedeutend größer, als die meisten meinen.
    Zu 6: Stimmt, mehr Ruhe und weniger Druck muss ins Klassenzimmer. Man kann als Lehrer auch mal „Druck von außen“ schlicht ignorieren.
    Zu 7: Der Lehrer ist idealtypisch Motivationskünstler. Der Punkt ist in enger Korrespondenz zu Prüfstein 3 zu lesen.
    Zu 8: Verstehe als Pointe nicht ganz genau, was du meinst. Dieser Prüfstein erscheint mir aber in der Pädagogikdiskussion als eher unstrittig.
    Zu 9: Ist mir wichtig, da Selbstreflexion zu stärken als Daueraufgabe auf ganz verschiedenen Ebenen praktiziert werden soll.
    Zu 10: Dies sind keine „Wahrheiten“, sondern oft genug fragwürdige Setzungen (mit denen man sich beschäftigen muss, also nicht „verschweigen“). Aber bedenke: Lehrpläne sind in der Regel wenig unterrichtswirksam. Warum wohl? Und: Bildung ist lockendes Angebot, Erziehung oft genug peinliche Zumutung.

  • 6 Anna Jablonski // 15 Jun 2013 um 11:43

    Leider sind viele der Punkte in unseren Schulen Visionen. Besonders der 5. Punkt der Stofffixiertheit zeigt sich vor allem immer wieder bei den Konferenzen. Es werden tolle Ideen vorgestellt, die mit dem Satz „Aber der Inhalt XY kommt da doch viel zu kurz“ abgewiesen.
    Solange die Generation 50 Plus noch an unseren Schulen unterrichtet (Ausnahmen gibt es da immer wieder), wird es schwierig sein, als Junglehrer oder -Lehrerin Ideen flächendeckend durchzusetzen. ABER!! Wenn man mit der Generation 50 Plus mitschwimmt ist es nicht besser! Vorallem nicht für unsere Schüler.

    Ein sehr interessanter Artikel und eine gute Idee!

  • 7 Bildungswirt // 15 Jun 2013 um 13:04

    @ Anna Anna Jablonski
    Die Verbesserung des Unterrichts bleibt eine Daueraufgabe, die 10 Prüfsteine haben nichts an Aktualität eingebüßt. Vieles steht und fällt mit der Professionalität und Empathie des Lehrers.
    Leider ist die unreflektierte Stoffixiertheit und das dadurch indizierte Bulimielernen immer noch ein dickes Problem, genau wie du das auch beobachtet hast…
    Auch die Lehrer brauchen vielfältiges Coaching….einen Beitrag leiste ich dazu hiermit:
    http://www.derwissenschaftscoach.de

    Mein Mitschreiber beim Bildungswirt ist und bleibt ein sehr engagierter Junglehrer mit pädagogischen Visionen…

    LG Bildungswirt, Michael Miller

Hinterlasse ein Kommentar